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Beilage zur Nr. 43 des Kreisblatts.

Hersfeld, den 10. April 1897.

Der Mulatte.

Eine luftige Geschichte. Von A. v. Winterseld.

Der arme Buchhalter Spillerman wohnte dem reichen Kaufmann Kohl gegenüber. Besagter Kohl war früher Engrossist in Baumwolle gewesen, hatte sich aber seit dem Tode seiner Frau vom Geschäft zurückgezogen, und lebte nun mit feiner einzigen, dafür aber desto hübscheren Tochter Paula ein ziemlich einsames und trostloses Leben. Wenn der Mensch nichts zu thun hat, kommt er oft auf wunderliche Gedanken und so wurde auch Kohl von Ge­wissensbissen und zwar deshalb gequält, weil er durch den Baumwollenhandel reich geworden, an dessen goldenen Blättern so viele blutige Schweißtropfen der armen, unglücklichen Neger klebten. Der Vorwurf machte ihn zuletzt ganz schwermüthig, und zwar in der Weise, daß ihm die verliebten Blicke, die der junge Buchhalter von drüben seiner Tochter übersandte, ganz unbekannt blieben, und daß er, um das Unglück Paula's voll zu machen, sie durchaus an einen häßlichen und unausstehlichen Menschen, Namens Ziegenpeter, verheirathen wollte. Das Mädchen mochte dagegen einwenden, was es wollte . . . alles vergebens ... je mehr sie sich wiedersetzte, desto eigensinniger wurde der Papa, bis sich eines Tages plötzlich bessere Laune zeigte. Doch ich will dem Gange der Ereignisse nicht vorgreisen.

Während der Zeit der düsteren Stimmung also hatte der junge Buchhalter Spillermann immer verliebte Blicke hinübergeworfen, die von Paula durch verschämten Augen- niederschlag beantwortet wurden. Als ihr jedoch schließ­lich der abscheuliche Ziegenpeter immer näher rückte, ließ sie etwas mehr Ermunterung in ihren lieblichen Zügen lesen, die den leicht entzündlichen Spillermann zu solcher Dreistigkeit verleiteten, daß er sich eines schö­nen Morgens ein Herz faßte und hinüberging.

Als er oben anlangte, fand er die Thür offen.

Das ist allerdings ein gutes Zeichen," dachte er, und trat ein. Da er auf dem Flur keine Menschen­seele fand, öffnete er aufs Geratewohl eine Thür, und kam in ein leeres Zimmer. Das ist eine fatale Situ­ation; wenn man schon den Mut gehabt, den Feind an- zugreifen und findet das Schlachtfeld leer, so tritt eine Enttäuschung ein, die leicht in Furcht Umschlägen kann. So auch hier.

Spillermann sah sich um und horchte.

Nebenan wird gesprochen," reflektirte er . . .alle Wetter, eine männliche Stimme . . . wahrscheinlich der Papa . . . dem dürfte ich doch wohl nicht zuerst in die Hände fallen ... das könnte Alles verderben ... ob ich da einen Augenblick eintrete?"

Mit diesem Entschluß öffnete er die Thür gegenüber und prallte aber gleich wieder zurück.

Da ist auch Jemand! . . . Aber wo denn nun hin? ... Die männliche Stimme kommt näher ... mit einer weiblichen . . ."

Eine schwindelnde Angst erfaßte ihn; er drehte sich mehrere Male im Kreise, und als er die Thür aufgehen hörte, kroch er, einer instinktiven Eingebung folgend, in den Kamin.

Kaum war er in demselben verschwunden, als der kleine, runde Kohl mit seinem lieblichen Töchterchen in's Zimmer trat. Er schwenkte einen Zettel in der Hand und schien in der rosenfarbensten Laune.

In einer Viertelstunde muß er hier sein!" frohlockte er;da steht's in der Depesche, die ich eben bekommen ... es muß sogleich ein Zimmer für ihn zurecht gemacht werden . . . o! was ich mich freue, ihn bald in meine Arme schließen zu können!"

Aber, Papa, wirst Du mir nun endlich erklären?" drängte Paula; . . .Du machst mir ja ganz bange mit Deiner Geheimniskrämerei."

Soll ich Dir denn ewig wieder die alte Geschichte erzählen?" entgegnete der Kaufmann;Du weißt doch, daß ich durch den Baumwollenhandel reich geworden; aber jeden Ballen, den ich verkauft, liegt mir wie ein Zentner aus der Seele, wenn ich an die unglücklichen Schwarzen denke, die ihn geerntet. Indem ich meine Fakturen schrieb, hörte ich die armen Neger in den Plantagen keuchen, und jede Rolle Goldes wurde ein Gewissensbiß für mich. Ich sackte jährlich für zwanzig- tausend Thaler Gewissensbiffe ein. Zuletzt konnte ich es nicht mehr aushalten und gab das Geschäft anf; aber diese Buße war noch nicht hinlänglich für meine Neue. Ich leistetet« im Stillen einen feierlichen Eid, den ersten Schwarzen, der mir in meinen Bereich kommen würde, für alle Unbill zu entschädigen, die ich seinen Brüdern zugesügt, ohne es doch eigentlich gewollt zu haben. Der Zufall ist nun diesem, meinem sehnlichsten Wunsch, zu Hilfe gekommen. Du wirst Dich aus den Zeitungen erinnern, daß es einem Mulatten gelungen ist, seinem Pflanzer zu entfliehen, und nach unerhörten Drangsalen auf einem Dampfer nach London zu ent­kommen. Ich telegraphierte sofort eine Einladung dorthin, und eben kam die Depesche zurück, daß mein geliebter Schwarzer noch Henke hier in Hamburg eintreffen wird. Er soll es ausgezeichnet bei mir haben ... ich wollte mir so einen neuen Diener anschaffen, und jetzt, wo

Herr Ziegenpeter so gut wie Dein Bräutigam ist, können wir schon ein wenig mehr Aufwand machen."

Aber, Papa! Ich liebe doch Herrn Ziegenpeter nicht!" opponirte Paula.

Der Alte machte eine beschwichtigende Handbewegung.

Die Liebe kommt, ehe man es denkt," sagte er; denke also so wenig wie möglich daran; dann wird sich die Sache schon finden."

Er ist so häßlich Papa!" wandle das Mädchen ein.

Die Schönheit ist von kurzer Dauer, mein Kind; die Häßlichkeit dagegen ist bedeutend konservativer."

Aber, Papa!"

Still! Du nimmst ihn, und damit basta!"

Paula richtete einen wehmüthigen Blick auf das Fenster gegenüber; aber es zeigte ihr nicht das ersehnte Bild.

Einen Moment darauf klopfte es, und Ziegenpeter trat ein.

Bitte tausenmal um Entschuldigung, daß ich so spät komme . . ." sagte er mit süßlichem Ton und mit unan­genehmen Wackeln seines rothen Zwickelbarts.

Hat gar nichts zu sagen," entgegnete das Mädchen kühl . . .mir sogar sehr angenehm."

Damit wandte sie ihm den Rücken und verließ schnell das Gemach.

Sehr verliebt scheint sie nicht in mich zu sein," wandte sich der künftige Schwiegersohn an den künftigen Papa. Doch dieser zog ihn mit sich fort in sein Zim­mer, um noch ein wenig über die Ehepakten mit ihm zu reden.

Als es einige Minuten still geblieben war, kam lang­sam ein pechschwarzer Kopf aus dem Kamin und blickte sich vorsichtig um.

»Jetzt scheint die Luft rein zu sein," dachte er:ich glaube eigentlich, es ist besser, wenn ich mich wieder aus dem Staube mache." Mit diesem Entschluß kam er vollends zum Vorschein, richtete sich empor und wollte eben hinaus, als ihm durch die Flurthür Herr Kohl entgegentrat.

Schon wieder Jemand!" schoß es Spillermann durch den Kopf . . .wenn er mich nur nicht für einen Dieb hält."

Dann wandte er sich schnell um und kehrte dem Kaufmann den Rücken zu.

Ein Fremder!" reflektierte dieser . . .weshalb sieht er mich denn aber gar nicht an?" . . .

Damit begann er einen kleinen Bogen um ihn herum, und als er ihn nun en face erblickt, stieß er einen Ruf der Ueberraschung aus.Großer Gott! dieser Teint!

die bestürzte Miene! . . . kein Zweifel mehr! . . . es war der Mulatte!"

Ich muß fürchterlich blaß aussehen!" dachte Spillermann.

Herr Kohl hatte jetzt seinen Bogen vollendet und nickte seinem Gast freundlich zu.

Ich habe schon auf Dich gewartet," sagte er, indem er ihn streicheln wollte . . .Komm'! komm her! na, so komm' doch! ... Du fürchtest Dich doch nicht etwa vor mir?"

Dem unglücklichen Buchhalter trat der Angstschweiß vor die Stirn.

Hier kannst Du ausruhen von Deinen namenlosen Leiden," fuhr der Kaufmann mit lieblicher Miene fort; wie heißt Du denn eigentlich?"

Julius?" war die schüchterne Antwort.

Julius?" wiederholte Kohl . . .das ist ein häß­licher Name ... ich werde Dich Sonnabend nennen . . . obgleich heute Donnerstag ist . . . das macht Dir Spaß . . . nicht wahr? . . . Na, ängstige Dich nur nicht ... ich werde jetzt die Anderen rufen. . . . Auf Wiedersehen, Sonnabend ... auf Wiedersehen!"

Damit nickte er ihm noch einmal freundlich zu und verließ dar Zimmer.

Weshalb nennt er mich denn nur immer Sonn­abend?" reflektierte Spillermann, als er wieder allein war . . .sein Blick hatte so etwas unstätes ... das mir ganz fieberhaft geworden ist. . . . Ich muß wirklich fürchterlich blaß aussehen."

Dann trat er vor einen Spiegel und bekam in dem­selben Moment einen Todesschreck.

Himmel!" rief er aus,ich bin ja schwarz . . . kohlschwarz wie eine negative Photographie ... das kommt natürlich von dem verdammten Kamin . . . jetzt erkläre ich mir auch die Redensarten von dem alten Robinson ... er erwartet also einen Neger und hat mich deshalb für Freitag gehalten . . . deshalb nennt er mich Sonnabend . . . was hilft's? Hier muß gute Miene znm bösen Spiel gemacht werden . . . bleiben wir also vorläufig Mulatte und machen uns, der größe­ren Wahrscheinlichkeit wegen, die Farbe noch etwas egaler."

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

Der K i b i tz , der noch vor vier bis fünf Jahr­zehnten die Wiesen und Felder Littauens in unzähliger

Menge bevölkerte, ist, außer in den Niederungs- und größeren Moorgegenden, nur noch selten anzutreffen. Doch auch an den letztgenannten Orten nimmt seine Zahl alljährlich ab. Es ist dies neben der vorgeschrittenen Ackerkultur und Trockenlegung vieler Flächen hauptsäch­lich dem Einsammeln der Kibitzeier zuzuschreiben, wodurch die meisten Bruten vernichtet werden. In Rücksicht hierauf haben bereits viele Güter und Besitzer das Sammeln von Kibitzeiern in ihren Gemarkungen bei Strafe verboten. Auf den königlichen Domainen besteht das Verbot bereits feit Jahren.

-- EineMilliardeApfelfinen,die größte Einfuhr dieser saftigen Südfrucht, die bisher in einer Einsuhrsaison über Hamburg nach Deutschland gelangte, ist in dieser Saison im Hamburger Hafen eingeführt worden. Es sind bis jetzt nicht weniger als 600 000 Kisten importiert, denen bis zur vollständigen Beendigung der Saison noch 100 000 Kisten nachfolgen werden. Und diese 700 000 Kisten bedeuten eine Zahl von etwa einer Milliarde und 50 Millionen Stück Apfelsinen. Der größte Teil dieser kolossalen Einfuhr stammt aus Süd­spanien und Portugal. Doch kommen auch große Mengen von Mittelamerika herüber, wo die Apfelsinenkultur seit einigen Jahren zu immer höherer Blüte gelangt ist und derjenigen Südeuropas eine bedenkliche Konkurrenz bietet.

Aus Bern wird gemeldet: In dem Dorfe B e t t l a ch (Kanton Solothurn) versuchte aus noch un­bekannter Ursache in der vergangenen Nacht eine ganze Familie Selbstmord durch Aufstellen eines mit glühenden Kohlen gefüllten Beckens in dem von 6 Per­sonen bewohnten Zimmer. Die Mutter und die vier Kinder wurden durch die Gase getötet; der Vater hat sich wieder erholt und befindet sich außer Gefahr.

Washington, 6. April. Wie hier verlautet, werde der Präsident eine Botschaft an den Congreß richten, in welcher die staatliche Unterstützung der durch die Ueberschwemmung des Missisippi Betroffenen beantragt wird. Das Ueberschmemmungsgebiet hat eine Ausdehnung, wie sie bisher noch nicht dagewesen ist. Es ist 300 Meilen lang und 5 bis 40 Meilen breit. 60,000 Personen haben ihr Eigenthum verloren, 50 Städte und Dörfer stehen unter Wasser.

Lissabon, 6. April. In einer Fabrik von Feuerwerkskörpern am südlichen Ufer des Tajo, Lissabon gegenüber, wurden durch eine Explosion 20 Personen getödtet, viele verwundet.

Apotheker:Nun, mein Junge, was willst du haben?" Knabe:Wanzenpulver." Apotheker: Für wie viel?" Knabe:Ha! zählt habet mers net, aber a paar hundert werdet's wohl sei."

(Gut vorbereitet.)Also morgen wollt Ihr taufen lassen, Steffelsbauer? Seid ihr denn auch gut vorbereitet?" Freili, sreili, Herr Pfarrer, mer hant heut' früh a Sau g'metzelt!"

Betrachtung eines Weiberfeindes: Wenn der liebe Gott anstatt des Adam die Eva zuerst aus Staub gemacht hätte, so würde sich Adam höchst wahrscheinlich schon von selbst aus dem Staube gemacht haben!

Arzt:Wenn Sie wollen, daß Ihre Augen wie­der ganz gesund werden, so müssen Sie vor allem das viele Trinken lassen." Patient:Das geht net, Herr Doktor; wegen zwei schlechte Fenster werd' i doch net's ganze Haus ruiniren!"

(Der empfindliche Magen.)Es ist a Elend mit mei'm Magen: Bier kann i halt trinken, so viel i will, meinetwegen zwanzig Seidel, aber wie i halt nu a paar Moaß Wei drauf trink, reißt's mi um!"

(Ei n S ch w e rt f ch lu cke r.) Der Schauspieler Laroche befand sich in der Garderobe beim Anziehen, als plötzlich der Direktor eintrat. Zwischen beiden ent­spann sich folgendes Gespräch:Was haben Sie soeben unter ihrem Mantel versteckt?"Mein Schwert, das ich aus der Scheide ziehen werde."Zeigen Sie es mir."Hier" - und der Künstler zog eine mit Bur­gunder gefüllte Flasche hervor. Der Direktor nahm sie an sich, leerte sie in langsamen Zügen und übergab sie dem Schauspieler mit den Worten:Hier haben Sie die Scheide, das Schwert habe ich verschluckt."

(Das schneidigste Kommando.) Oberst (zu einem übenden Landwehrpremier):Herr Premier, Sie müssen die Kommandos so herausbringen, daß s e l b st Frau Gemahlin Folge leisten müßte."

(Rache.) Vegetarianer (der vor einem Stier auf einen Baum flüchten mußte):Du Bestie, du! So, von morgen ab wird wieder Fleisch gegessen! Und lauter Rindfleisch!"

(G a l g e n h u m o r.) Gefängniß-Inspektor: Habt Ihr noch einen Wunsch vor Eurer Hinrichtung?" Delinquent:Das schon, aber...." Inspektor: Nun, so sagte nur!" Delinquent:Wenn ich's nur noch erleben that', wie's mit der orientalischen Frage wird!*