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Beilage zur Nr. 38 des Kreisblatts

Hersfeld, den 30. März 1897.

Herrgottsmege.

Bamrnroman von A. v. Hahn. (Fortsetzung.)

Sonett wußte zuerst nicht, ob sie froh aufathmen dürste oder weinen müßte. Martin war ihr ein Plage- geist gewesen die ganzen Jahre, und niemand wußt's, wie schwer sie an der Last getragen hatte, aber eS fiel ihr ein, daß sie ihm gestern den Tod gewünscht hatte, und das wollte sie jetzt bedrücken, als hätt' sie eine geheime Schuld an seinem Ende.

Von einem innerlichen Frost geschüttelt, schob sie sich von ihrem Lager. Die Ahnung lag auf ihr, daß heut' noch anderes kommen müßte, was ihr aus Herz greifen würde.

Das bange Herzklopfen sollte sie nicht betrogen haben, denn gerade, als Martin aus dem Garten in die Mühle hereingeschafft wurde, kam AloiS auf den Hof.

Er hatte sich zeitig aufgemacht, weil er Ursula allein sprechen wollte. Er wußt's noch von srüher, daß sie immer die Erste aus den Beinen war. Er wollte ihr sagen, daß er's Maria wegen aufgeben müßte, an der Vergangenheit zu rühren, und die beiden ihrem eigenen Gewissen überlassen wollte. Er wollte die Ruhe nicht wegnehmen aus dem Hause, in dem er Maria zurück­lassen mußte denn milnehmen konnte er sie nicht und nimmer sie Wiedersehen.

Da wollte es der Zufall, daß ihm die Leute mit der Leiche gerade über den Weg gingen, und da er Arzt war, trat er näher heran.

Er hörte es stumm mit an, was man ihm von dem Unglückssall erzählte. Die Leute, die ihu nicht kannten, sprachen redselig durch einander, und jeder war bemüht, idm die vermuthlichen Gründe für das Unglück und die Art des Martin zu schildern.

Alois drückte etwas schwer in der Brust, als wenn sich eine kalte Hand auf sein Herz legte. Es fiel ihm ein, wie sie den Vater damals über den Hof getragen hatten. Zugleich aber dämmerte etwas in ihm auf, ein formloser

Nebel erst, der sich aber plötzlich als greifbares Bild vor ihn hinstellte.

So war's! Es konnte nicht anders sein. Der Himmel selbst hatte ihm die Erleuchtung gegeben.

Noch ehe Alois die Leiche untersucht hatte, wußte er's, daß Martin nicht durch Zufall im Wasser umge- kommen war.

Als er aber dann in der Mühle drin die Leiche ent­blößt und die blauen Flecke am Halse gesehen hatte, die von Fingerabdrücken herrührten, ging er geradewegS hin­über ins Haus, um Tonerl aufzusuchen. Jetzt wollte er doch mit ihr reden.

Er blickte erst rechts in die Stube hinein, die leer war, dann ging er links in die Küche, wo er Tonerl vor dem Herde stehen sah.

Ich bin Alois, komm herein in die Stube, ich habe mit dir zu reden!" sagte er herrisch und sonst nichts, als müßt' er's, daß ihm Tonerl nun gleich folgen müßte.

Tonerl kam auch wirklich hinter ihm drein.

Sie blieb aber an der Thür stehen und sah zu Alois herüber, der in der Mitte der Stube am Tische stand und ihr drohend entgegensah.

Sie war so weiß wie die Wand und konnte sich kaum auf den Füßen erhalten, als Alois sie heranwinkte und sprach:Bleib' nicht an der Thür. Wenn du mich verstehen willst, komm heran. Oder willst du, daß ich's in die Welt hinausschreien soll, was ich dir zu sagen habe?"

Tonerl schlich heran und sank auf den Stuhl am Tische nieder. Sie drückte die Hände vor's Gesicht, während AloiS sprach.

Traurig und ernst sagte er alles, was er wußte und dachte, und Tonerl nickte dazu, denn sie war so müde geworden vom langen Verbergen die Jahre hindurch, daß sie die Wahrheit nun ruhig gelten ließ.

Sie wußt's ja längst, wenn sie sich's selbst auch noch nicht hatte gestehen wollen, daß Hans und kein anderer den Müller hineingestoßen hatte.

Als Alois aber dann von Neue und Vergeltung zu sprechen anfing, da hörte sie mit stockendem Herzschlag

hin, und ein Schauder überflog sie, als wenn der liebe Herrgott selber über ihr zu Gericht säße und sie müßte vor Zerknirschung vergehen.

Das Herz wollte sich ihr im Leibe umdrehen, und sie hätte am liebsten Alois Hände gefaßt und wäre in Reue und Leid vor ihn niedergesunken. Aber sie konnte nur schluchzen und zittern, wenn ihr Schmerz auch so tief war, daß sie kaum darauf hinhören konnte, was Alois sonst noch sagte.

Er sprach von Maria und daß er sie nun doch von hier wegnehmen wollte, wenn er auch in anderer Absicht her gekommen war. Er konnt's dem Vater nicht anthun, daß er die Schwester hier in den Händen von Mördern zurückließ, die sich nicht gescheut hätten, noch einen zweiten Mord zu begehen und Martin umgebracht hätten.

Da sprang Tonerlauf, sah Alois wild an und schrie: Das ist nicht wahr!"

Alois sah verächtlich von ihr weg und sagte, von Widerwillen und Ueberdruß erfüllt, Marias wegen wolle er auch diese That der Vergeltung Gottes überlassen. Darum möge sie's nur ruhig eingestehen. Er wolle es ihr auch leicht machen, das Geständniß. Darauf bekannte er, daß er ihre Unterredung mit Martin belauscht und seine Drohungen sowohl, als das gehört hätte, was sie hinter ihm hergerufen. Nun würde sie's wohl nicht mehr leugnen wollen, daß sie Martin bei Seile geschafft hätten. Hans würde wohl das Werk wieder gelhan haben, wie damals. Sie sollte ihm nur gestehen, warum Martin ihr ein so schrecklicher Peiniger geworden sei, ob er die That am Vater damals belauscht hätte?

Tonerl hatte mit weit aufgerissenen Augen hingehört.

Herrgott!" schrie sie dann gellend auf und griff an ihren Kopf.Er meint, Hans und ich, wir könnten in - Ueberlegung eine solche That begehen! Herrgott, du hast's ! gehört, und nun ist meine Schuld ausgelöscht, die ich verübt hab' an deinem Vater!"

Aechzend schöpfte sie nach Athem und sank in die Kniee. Das Gesicht in die Hände gedrückt, verharrte sie eine Weile stumm und reglos, wie von innerer Qual