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HersWer Aeisblatt.
GkatisbeiL«gen: „^lluftrivtes Sonntagsblott^^ u. „IUnstrirte lsrn-wirthschsrftlrche Verlage".
A. 148. Sitnffoo Kn 15. Lezember 1898.
Zweites Blatt.
Ein Tag auf Etappe.
Von Georg v. Rohijcdeiot.
Genau nach vier Stunden todtfesten Schlafs erhob sich der Etappenkommanbant von Toujourstravail, Rittmeister Helferich, an einem stockdunkeln Novembermorgen vom Lager und saß nach eiliger Toilette bereits um 5 Uhr früh am Schreibtisch; den Kaffee nahm er während der Arbeit ein, „schluckzessive," wie sein Bursche sich äußerte. Merkwürdiges Kommandauturbüreau das! Eine große, mit Ziegelsteinen gepflasterte Halle, im Hintergründe ein mächtiger Kamin, welcher trotz jeweiliger Fütterung mit einer halben Klafter Brennholz mehr Helligkeit wie Wärme ausströmte, ein paar Schritt zur Seite eine lange „Strohklappe" für die Wachtmannschaft. Auf der andern Seite bis in die Ferne der nächsten Ecke baut sich ein Berg von Hafersäcken auf. Nur hier ist dieses kostbare Besitzthum sicher, denn wie der Herr Nittnieisteraus eigner, langjähriger Erfahrung weiß, wird der ehrliche Kavallerist zum geriebenen Spitzbuben, sobald sich's um des lieben Pferdchens Nahrung und Nothdurst handelt. Ä .
In der Mitte steht ein großer Küchentisch mit trüber Oelfunzel, darum sitzen kritzelnd fünf Krieger von den verschiedensten Waffengattungen, am Fenster thront an einem etwas kleinern Tisch mit zwei Kerzen der Etappen- kommandant selbst mit seinem geheimen ersten Sekretär, dem Landwehrsergeanten Klecksendorf, seines Civilzeichens Droguist und Materialwaarenhändler. Stück für Stück reichte der Etappenminister dem Etappenkönige die Eingänge zu — draußen erhob sich inzwischen anschwellend ein vielstimmiger Gesang, eine bestimmte Melodie war nicht herauszuhören. Die Haupttextworte waren aber „Muh!" und „Mäh!" Indem öffnete sich die Thür, und von einem schweren Landwehrreiter begleitet, erschien eine kräftig gebogene Nase, an welcher ein genügend in Wolle und Pelzwerk eingewickelter Mensch hing.
„Herr General, erlauben Se, verßaihen Se"--
„Ruhig, Mann, warten Sie ab, bis Sie gefragt werden!" sagt Rittmeister Helferich mit milder Stimme.
„Hab ich aber grauße Eile und kann nischt warten," krähte ungeduldig der Viehhändler, denn ein solcher mußte es zweifellos sein.
„Unteroffizier Steinmüller!" rief der Rittmeister jetzt mit Donnerstimme in die Halle.
„Hier!" schallte es zurück.
„Bringen Sie den Mann in Warteraum Nummero 3, das Vieh soll in der Klosterscheune halten, kann Heu bekommen!"
„Zu Befehl!"
Während der Viehhändler zeternd den Augen der Zurückbleibenden entschwindet, trägt bereits Herr Klecksendorf weiter vor: „Etappe Avecsouci fragt an, wie viel Kaffee und Brotkorn wir abgeben können, es stehen uns dafür Ueberschüsse an Wein, Zucker und Fleischkonserven zur Verfügung. Die Passanten können nicht mehr mit den erstgenannten Artikeln verpflegt werden, wir werden deshalb um schnellen Bescheid gebeten!"
„Ja, können abgeben 10 Centner Kaffee, 100 Korn, nehmen dafür Wein und Zucker, ihr Jndianerfilet dürfen sie behalten. Sollen aber selbst die Fuhre besorgen. Weiter!"
„Etappe Perilleux —" *
Schwere, schlürfende Schritte nahen, und, von zwei Kameraden geführt, betritt ein Musketier in blutiger zerfetzter Uniform den Raum. „Hierher, setzt den Mann aus einen Stuhl und gebt ihm Wein!" Der Verwundete erholt sich soweit, um Bericht abstatten zu können. Er gehörte zur Feldposibedeckung und saß oben auf dem Wagen, während drei Ulanen die übrige Begleitmannschaft bildeten. Hinter Troumechant von Franktireurs Überfällen, blieben Ulanen und Postillon todt, er felbjTer» hielt Schuß in die rechte Schulter und Streifschuß über
die Stirn, wurde vom Verdeck heruntergeworfen und blieb für todt liegen. Am Abend rappelte er sich auf und erreichte nach achtstündiger unmenschlicher Anstrengung Toujourstravail. Nach der bruchstückweise abgegebenen Meldung schlief der tödtlich Erschöpfte im Sitzen ein und wurde vorsichtig in den Krankenraum getragen.
„Nur zwei Meilen von hier. Ist schon Antwort auf unsere Bitte um Verstärkung eingelaufen?"
„Nein, Herr Rittmeister, steckte wahrscheinlich in' der betreffenden Feldpost!"
„Na, dann ist unser Schreiben wenigstens beim Herrn Oberstlieutenant von Hornburg eingetroffen. Gefreiter Beilstein soll sofort mit zwei Mann aussitzen — ich werde ihn selbst instruiren!"--
Draußen auf der Sraße rollen mit Donnergepolter schwere Wagen heran und halten vor der stolzen Kommandantur. Ein junger Offizier in vollem Feldwichs tritt eilig herein und schaut sich um.
„Hier, Herr Kamerad!" rief der Rittmeister, sich erhebend. Als beide sich nahe gegenüber standen, fuhren sie beinahe gleichzeitig erstaunt zurück.
„Ja, Potzblitz, Junge, wo kommst du denn her?"
„Ja, lieber Onkel, dasselbe möchte ich dich fragen!" „Hm, später, Herr Lieutenant. Bitte jetzt erst um Meldung!"
„Lieutenant Helferich mit einem Zuge der dritten Kompagnie Landwehrbataillons Osterkampen. Der Zug ist auf Wagen in der Nacht vorausgeschickt, die Kompagnie trifft voraussichtlich gegen sechs Uhr Abends ein und soll bis auf Weiteres hier verbleiben!"
„Danke sehr. Bitte wollen Sie Ihre Leute in dem bereits fertig hergerichteten alten Schloß einquartiren, der Fouriruuteroffizier wird Ihnen alles übergeben. Wagen und Pferde können ebenfalls dort untergebracht werden. Wenn „Sie" damit fertig sind, kommst „Du" hierher zum Frühstück!"
„Zu Befehl, Herr Rittmeister! — furchtbar gern, lieber Onkel!"
„Klecksendorf," sagte der Etappenherrscher, als der junge Offizier sich entfernt hatte, „unter diesen Umständen kann ich den Viehhändler nicht weiter lassen, wenigstens nicht seine Waare. Wir haben nach Abzug der heute zu schlachtenden zwei Ochsen und sechs Schafe nur noch sechszehn große und dreiundvierzig kleine lebende Häupter. Wer soll den Transport bekommen, Unteroffizier Steinmüller?"
„Die zweite Proviantabtheilung, Herr Rittmeister!" „Desto besser, die sitzt augenblicklich in der Wolle, wir quittieren die ganze Sendung — nehme sie selbst nachher ab!"
„Fertig zur Patrouille," meldete sich der schwere Landwehrreitergefreite Beilstein.
(Schluß folgt.
$ mii i f ijt 15.
— (Zum Untergang d e s L lo p dd a inp fer s „Salier".) Madrid, 11. Dezember. Der Dampfer „Salier" verließ Corunna, wo er 52 Auswanderer auf- nahm, bei schlechtem Wetter. Sodann kam ein furchtbarer Sturm. Das Schiff verlor zwei Boote. Der Capitün des spanischen Schiffes „Jberia" sagt aus, die Wellen wären über 20 Fuß hoch gewesen. Der Salier ging früh am 8. d. unter. Zwanzig Leichen wurden geborgen und zahlreiche Gegenstände angeschwemmt. — Vigo, 11. Dezember. An der Küste wurden mehrere Leichen von auf dem „Salier" befindlich gewesenen Personen aufgefunden, darunter die Leiche des Capitäns Wempe, dessen Uhr auf 5'/2 Uhr stehengeblieben war.
— Ein tolles Jägerlatein gab, der „Neum. Z." zufolge, letzthin ein Jäger in Landsberg a. W. zum Besten. Er erzählte, daß er einen Hasen gekannt, der deutsche und polnische Sprachkenntnisse besessen habe. Diese Aufschneiderei war aber doch zu arg, und der wahrheitsliebende Jäger wurde von allen Seiten arg bestürmt. Schließlich erbot sich unser Nimrod, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, und gab an, daß er
unlängst auf der Hasenjagd nicht weit von der Posener Grenze gewesen sei. Ein Lampe, der vor ihm auftauchte, war aber schlecht zum Schuß, und als er endlich auf ihn anlegen konnte, machte das Vieh schnell eine Ueber- setzung aus dem Deutschen ins Polnische, und da es so über die Grenze kam, war es ihm verloren.
— Die älteste bis jetzt bekannte Nachricht über den Weihnachtsbaum datiert vom Jahre 1508. In diesem Jahre, am Sonntage vor Mitfasten, kam, wie der „Globus" mittheilt, der Prädikant der Freien Stadt Straßburg, der berühmte Geiler von Kaiserberg, in seiner Predigt darauf, daß alle in Straßburg herrschenden Weihnachtsgebräuche heidnisch seien und adgeschafft werden müßten. Die Heiden hätten um Neujahr den Jenner oder Janus geehrt: „Etlich mit tantzen und springen, ander mit stechen, ander mit dan- reiß in die stuben legen, ander mit bechten, ander das sie einander gaben schicken, lebkuchen, weinrc." (Emeis fol. 37, sp. 4.) Das Wort „hechten" verräth, daß wir hier Reste des alten süddeutschen Berchtakultus vor uns haben — wie auch noch die Salzburgische Waldordnung von 1755 „Bechl oder Weihnachtsboschen" kennt. Um 1600 hatte die katholische Kirche gegen den Tannenbaum nichts mehr einzuwenden. Wie Jos. Göny aus der Beckschen Chronik mittheilt, wurden in der Herrenstube zu Schlettstadt „Meyen" (d. h Festtannenbäume) aufgerichtet und mit Aepfeln und Oblaten geziert, und von dieser Feier zogen die Mitglieder der Stube, zu denen auch Geistliche gehörten, zur Mette. Am Dreikönigstage kamen dann die Kinder, „die Meyen schüttelin", also
die Tannenbäume zu plündern. Geiler, der gegen die Tannenzweige gepredigt hatte, gilt als Vorläufer der Reformation, und 1654 ist es ein resormirler Straß- bürger Münsterpfarrer, der aufs Neue zur Abschaffung dieser „Lappalie" mahnt. Seit dem vorigen Jahrhundert erst ist der Weihnachtsbaum ein allgemein deutscher Brauch geworden, vielleicht unter dem Einflüsse derselben Stimmung, welche in der Literatur den Bardensang zeitigte. Im Elsaß aber war etwa seit den fünfziger Jahren des laufenden Jahrhunderts mit anderen deutschen Sitten auch die alte Weihnachtsfeier in Abnahme gekommen, und obwohl sie sich an manchen Orten ununterbrochen aus alter Zeit bis heute erhalten hat, gilt sie doch jetzt im Lande als „altdeutsch", d. h. rechtsrheinisch, und als protestantisch. Vor einigen Jahren wurde im Landesausschuß Protest dagegen erhoben, daß der Kreisdirektor von Chauteau-Salins in Lothringen in seinem Kreise den deutschen Tannenbaum einzubürgern suchte, ja es ist neulich sogar im Kreise Schlettstadt der Protestantismus als„Tannenbaumreligion" bezeichnet („Schlett- stadter Zeitung" vom 4. August 1896). Trotzdem ist im deutschen Sprachgebiet die deutsche Sitte jetzt schon wieder sehr verbreitet.
— Der Polizei zu St. Gallen wurde berichtet, daß von St. Gallen aus Mädchen nach Montevideo verhandelt würden. Daraufhin nahm die Polizei am 7. d. M. den Cigarrenladen eines gewissen Kappeler in St. Gallen aus und verhaftete, wie die „N. Zür. Ztg " mittheilt, vier Personen, Kappeler, seine Frau und zwei Mädchen.
— Ein deutscher Sattler Namens Louis Natterer in Eleve land hat die dortige elektrische Straßenbahn auf 50000 Doll. Schadenersatz verklagt. Die Verletzung, die Natterer bei einem Unfall erlitten bat, ist derart, daß die dortigen Aerzte vor einem Räthsel stehen. Natterer fuhr vor etwa zwei Monaten auf einem Wagen der verklagten Gesellschaft. Ein herunterhängender elektrischer Draht berührte Natterer während er auf der Hinteren Plattform stand. Er spürte den Schlag, war aber noch im Stande, nach Hause zu gehen. Bald darauf stellte sich eine Lähmung der unteren Glredmaßen ein, und seitdem ist alles Gefühl Unb 0118 hinein Rücken geschwunden.
ihm Nadeln in die Beine stechen oder brennende ^gen, ohne daß der Patient die geringsten Schmerzen verspürt.