Aus Provinz und RaDurstiitt.
Hersfeld, 26. Oktober 1896.
§ Hersfeld, 26. Oktober. D i e Wahl des Bürgermeisters Herrn Strauß in Greiz j u m Bürgermeister hiesiger Stadt ist von dem Königlichen Herrn RegierungsPräsidenten in Cassel bestätigt worden und wird derselbe voraussichtlich Mitte November d. J. sein Amt antreten.
[!] Hersfeld, 26. Okober. Ein seltenes Familienfest begeht ' nächsten Sonntag Herr Schneidermeister Johannes Herwig und Gemahlin, nämlich das Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar erfreut sich noch einer guten Gesundheit und Rüstigkeit.
(/) Hersfeld, 26. Oktober. Immer näher rückt der Tag der Enthüllung desLingg-Denk- m a l s heran. Heute sind die Steine zum Sockel, auf welche bis jetzt gewartet wurde, eingetroffen und kann somit die Feier am 8. November, an welchem Tage dieselbe in Aussicht genommen war, stattfinden. Wie wir in Erfahrung gebracht haben, ist es dem Enkel des hochseligen Erretters Lingg, Gutsbesitzers Eduard Lingg von Linggenfeld in SikloS in Ungarn, nicht möglich, der an ihn ergdngenen Einladung Seitens der Stadt, der Enthüllungsfeier mit beizuwohnen, Folge zu leisten.
* Hersfeld, 26. Oktober. Das „Rotenb. Krsbl." schreibt: Aus bester Quelle geht uns die Nachricht zu, daß für das erledigte Mandat des Wahlkreifes HerSfeld- Rotenburg zum Abgeordnetenhause die Kandidatur des Herrn Jsenburg zu Ronshausen ausgestellt ist. Herr I. war bis vor wenigen Jahren bekanntlich praktischer Landwirth und ist zur Zeit Vorsitzender des land- wirthschaftlichen Kreisvereins und Mitglied der Landwirthschaftskammer.
Hersfeld, 26. Oktober. Das Reichspostamt hat die Verkehrsanstalten und die Oberpostkaffen angewiesen, am 31. Oktober festzustellen, welche Beträge 1) an Reichsgoldmünzen und zwar a. an Doppelkronen, b. an Kronen und halben Kronen; 2) an Einthalerstücken und zwar a. deutschen Gepräges, b. österreichischen Gepräges; 3) an Reichssilbermünzen und zwar a. an Fünfmarkstücken, b. an Zweimarkstücken, c. an Einmarkstücken d. an Fünfzigpfennigstücken und e. an Zwanzigpfennig- stücken; 4) an Nickelmünzen; 5) an Kupfermünzen; 6) an Reichskassenscheinen und 7) an Noten und zwar a. der Reichsbank, b. der Privatbanken — nach den Sorten getrennt — unter ihren Geldbeständen an dem bezeichneten Tage beim Schluß der Dienststunden vorhanden sind. Das Ergebniß ist unverzüglich den Oberpostdirektionen anzuzeigen, die eine Hauptzusammenstellung anzu- fertigen und die sich ergebenden Schlußsummen dem Rechnungsbureau des Reichspostämts bis spätestens am 8. November mitzutheilen haben.
* Hersfeld, 26. Okt. Ueber die Ernteaussichten und den Stand der jungen Saaten sind in Preußen für die Mitte des Oktober folgende Daten ermittelt, wobei Nr. 1 eine sehr gute, 2 eine gute, 3 eine mittlere (durchschnittliche), 4 eine geringe und 5 eine sehr geringe Ernte bedeutet. Die Ernteaussichten waren:
Kartoffeln Klee u. Luzerne
Mitte Oktober . . . .
. 3,2
3,0
„ September . . .
. 3,2
3,1
„ August .....
. 2,8
3,3
„ Juli.....
. 2,6
3,2
„ Juni.....
. 2,7
3,1
„ Mai.....
. 2,8
3,0
„ April.....
—
2,7
Der Stand der jungen
Saaten
war:
Mitte
Oktober
September
Winterweizen . .
2,5
2,7
Winterspelz . . .
. 2,5
2,1
Winterroggen . .
. 2,5
2,5
Klee.....
. 2,5
2,6
Als Ernteertra g ergiebt sich auf Grund von Probedrüschen:
Mittelernte
1896 1895 ist anzunehmen
mit
Kilogramm vom Hektar
Winterweizen
1909
1769
1589
Sommerweizen .
1613
1564
—
Winterspelz . .
1278
1353
—
Sommergerste
1696
1743
1493
-e- Hersfeld, 26. Oktober. Der November ist der düsterste Monat des Jahres. Zwar nimmt im Dezember der Tagesbogen der Himmelskönigin noch an Länge ab, doch das Licht, das sie uns versagt, wird dadurch ersetzt, daß die Natur schon öfter und länger im blendenden, diadembesetzten Winterkleide erstrahlt und aus der Ferne die Zauberpracht der lichtumflutheten Weihenacht winkt. Die Novemberstimmung der Natur wird durch nichts erklärt. Grau steht der schauernde Wald vor uns, der im Sturmesbrausen erkracht und die letzten buntfarbigen Blätter abwirft. Die Wildniß schläft. Unsere sangesfrohen Vögel sind längst verschwunden, an ihrer Statt nisten sich nordische Gäste mit rauher Stimme ein. Ein eigenthümlicher herbstlicher Geruch löst sich aus den wallenden Nebeln, der Kunde giebt von der Auflösung des Naturlebens. Voller Thränen breitet sich der graue Himmel aus. Dichte Wolken- schichten verschließen schwermüthig die Himmelsweiten und halten das Himmelslicht fern. Oede erscheinen dem Wanderer die heimathlichen Fluren. Nur der Eiche
zähes Blatt haftet noch am ungebeugten Stamme; es folgte den leisen Lockrufen der milden Frühlingsluft am spätesten; nun trotzt es auch den herbstlichen Stürmen am längsten. Die Nadelwälder, obwohl sie sich des Nadelschmuckes nimmer begeben, zeigen eine ernste, schwarzgrüne Färbung und paffen so recht zur allgemeinen Spätherbststimmung. Während Pflanzen- und Thierwelt zur Ruhe gegangen sind, tobt in der Höhe ein gewaltiger Aufruhr. Die mit Macht heranziehenden Wintergeister brausen im Windmonat gewaltig durch die Lüfte. Kalte Regenschauer peitschen sie vor sich her, und in die dumpfen Akkorde der Natur mischt sich des Hifthorns Klang, daö zur lustigen tollen Jagd gemahnt. Und auch drinnen in den Städten beginnt von neuem eine Jagd. Je dunkler die Tage werden, um so verschwenderischer entfaltet der Mensch^seine Zauberlichter in den prunkenden Konzert- und Ballsälen. Euterpe und Terpsichore pflanzen ihre Szepter auf, und ihrer Herrschaft füge» sich alle willig. Die Saison der Vergnügungen erreicht in diesem Monate den ersten Höhepunkt, bis die Bußtags- und Todtenfestglocken erklingen und uns empfänglicher machen für die ernsten Mahnungen der Natur.
Hersfeld, 26. Oktober. Der Kalender für 1 8 9 7 verzeichnet außer den Sonntagen noch 17 Feiertage, wovon auf den Monat Juni allein vier entfallen. Eine lange Fastnachtszeit ist darin verzeichnet, wonach Prinz Carneval eine 52tägige Regentschaft ausweist. Des Wetterpropheten Falb kritische Tage für das Jahr 1897 sind solche erster Ordnung nach Rangstufe: 18. März, 17. April, 26. September, 17. Februar, 25. Oktober, 28. August, 16. Mai, 24. November; solche zweiter Ordnung: 23. Dezember, 12. August, 11. September, 3. März, 18. Januar, 1. Februar, 14. Juni, 14. Juli, 29. Juli, 10. Oktober, 3. Januar und 2. April; und solche dritter Ordnung: 9. November, 1. Mai, 30. Juni, 9. Dezember und 31. Mai. Das Jahr 1897 soll ein mehr trockenes als feuchtes Jahr werden. Die Regentschaft hat der „Mars."
Hersfeld, 26. Oktober. Ueber den König Dampf macht das Patentbüreau Betche, Berlin 8, Neue Roßstraße 1 interessante Angaben, aus welchen sich die Vertheilung der Dampfkraft unter den civilisirten Nationen der Erde ergiebt. Hiernach stehen insgesammt 50 015 000 Dampspferdestärken der Menschheit zu Gebote. Obgleich die Dampfmaschine bereits im vorigen Jahrhundert erfunden war, wirkten vor 50 Jahren doch erst 1650 000 Pferdestärken, ungefähr auf dem nämlichen Gebiet, dem jetzt über 50 000 000 zur Verfügung stehen. Was die Vertheilung der Dampfkraft auf die verschiedenen Länder betrifft, so steht England mit 25 Pferdestärken auf je 100 Einwohner an der Spitze; ihm folgen die Vereinigten Staaten mit 24 auf 100 Einwohner. Daran schließen sich Belgien, Deutschland, Frankreich, Schweiz, die scandinavischen Länder und Holland. Nach Oesterreich mit 5 auf je 100 Einwohner beginnen die Staaten mit untergeordneter Industrie. Von jenen 50 Millionen Pferdestärken entfallen nur 10 Millionen auf stationäre Maschinen, 32 Millionen dagegen auf Lokomotiven und 8 Millionen auf Dampfboote.
Hersfeld, 26. Oktober. Vom 1. November cr. ab iritt in Bezug auf die Fahrpreisermäßigungen für Gesellschaftsfahrten eine Aenderung des bisherigen Verfahrens in der Weise ein, daß dieselben nicht mehr ausschließlich von den Königlichen Eisenbahndirektionen, sondern in den meisten Fällen von den Vorständen der Reiseantrittsstationen bewilligt werden. Letztere sind zuständig, wenn es sich um die Benutzung von Personen- und gemischten Zügen und um Reisen nach Stationen bei eigenen Direktionsbezirks handelt und die Gesellschaft nicht über 100 Personen zählt. In allen anderen Fällen erfolgt die Entscheidung durch die Königliche Eisenbahndirektion. Auch die Fahrpreisermäßigungen für landwirthschaftliche Arbeiter zur Benutzung der vierten Wagenklasse werden nach wie vor nur von den Königlichen Eisenbahndirektionen bewilligt.
Eschwege, 22. Oktober. Nach einer Bekanntmachung des hiesigen Landrathes, Herrn von Keudell, ist unter dem Viehbestände des GastwirthS Krug in Schwebda des diesseitigen Kreises ein Milzbrandfall vorgekommen. Die erforderlichen sanitätspolizeilichen Schutzmaßregeln sind sofort ergriffen worden, um eine Weiterverschleppung der gefährlichen Seuche zu verhüten.
Cassel, 24. Oktober Bei der jetzt stattfindenden Hauptziehung der vierten Klasse der 195. Preußischen Klaffenlotterie ist die Göttin Fortuna auch verschiedenen hiesigen Spielern hold gewesen, indem sie ihnen gestern einen Hauptgewinn von 40000 Mark in den Schooß warf. Das betreffende Loos stammt aus der Kollekte des Königlichen Lotterie-Einnehmers Herrn Mende hier und sind es durchweg kleine Leute, die an dem Gewinn betheiligt sind.
Darmstadt, 25. Oktober. Der Kaiser von Rußland, der Großherzog und Großfürst Sergius besuchten heute Nachmittag, einer Einladung des Offizierkorps des Leibgarde-Regiments Nr. 115 folgend, das Kasino dieses Regiments. Später wohnte das russische Kaiserpaar sowie sämmtliche hier anwesenden Fürstlichkeiten der Tannhäuser-Ausführung im Hoftheater bei.
Darmstadt, 23. Oktober. Hier tritt ein bestimnites Gerücht auf, der Großherzog habe dem russischen Kaiserpaar das so herrlich gelegene Schloß zu Seeheini an der Bergstraße, in dem Kaiser Alexander II. mit seiner Gemahlin so oft weilte, zum ständige» Sommeranfent- halt angeboten. Der Zar soll zugesagt haben, dem Anbieten so oft wie möglich Folge zu geben.
Ehrsten, 23. Oktober. Der Gendarmerie ist es nach langen Mühen gelungen, den Burschen zu ermitteln und zu verhaften, welcher vor einiger Zeit den Schmied Range von hier erstochen, desgleichen noch eine andere bei der That betheiligte Persönlichkeit. Der Fall dürfte voraussichtlich noch in der bevorstehenden Schwurgerichtsperiode zur Aburtheilung gelangen.
Gießen, 22. Oktober. In Kirtorf bei Alsfeld erregt eine Meineidsaffaire nicht geringes Aufsehen. Nachdem bereits vor Kurzem ein angesehener Ortsbürger unter bem Verdachte wissentlichen Meineids in Unte-- suchungshaft abgeführt worden war, schritt die Staatsanwaltschaft abermals zur Verhaftung eines zweiten begüterten Mannes. Zwei andere in die Sache verwickelte Ortsbürger, welche ebenfalls ihre Verhaftung voraussehen mochten, entgingen dem strafenden Arme der Gerechtigkeit, inbem sie beide Selbstmord durch Erhängen verübten.
(Nachdruck verboten.) Der Ueberläufer.
Aus den Erinnerungen eine« ehemaligen FremdenlegionarS. (Fortsetzung.)
Ein unweit von mir am Boden mit der Büchse im Anschläge liegender anderer Landsmann aus dem dritten Bataillon, ein Heffe, lachte bei meinen Worten laut auf, da sie eine Neckerei des „Berliners", wie Westholm im ganzen Bataillon gewöhnlich nur genannt wurde, enthielten. Der Tollkopf pflegte nämlich in geradezu komischer Weise von den Liebesabenteuern zu schwärmen, die er bei den schönern Hälften der Kabylen und Beduinen zu bestehen gedachte, womit er natürlich nur unseren Spott herausforderte, den Freund Westholm aber niemals krumm nahm. Auch jetzt stimmte er in mein unb des Hessen Gelächter ein; dann aber wurde der Berliner plötzlich merkwürdig ernst und sagte, mich und den Hessen eigenthümlich anblickend:
„Nun, und wenn es keine Kabylin oder sonstige arabische Schönheit ist, die ick entführen könnte, so macht es sich vielleicht mit einer Mauri» ober auch Türkin — wir sind ja hier im Orient, wo die wunderbarsten Dinge passiren!"
„In letzterer Beziehung haben Sie schon recht, Westholm," entgegnete ich lächelnd, „aber Sie wollen sich gefälligst vor Augen halten, lieber Freund, daß Sie in Diensten Sr. Majestät des Kaisers Louis Napoleon als Fremdenlegionär .steten und ich weiß wahrhaftig nicht, was Sie da mit einer Frau anfangen wollen."
„O," rief der Berliner aus, und warf erst einen Blick nach der Verschanzung der Kabylen hinüber, von wo aus mir alle zwei bis drei Minuten mit einigen Flintenschüssen beehrt wurden und schaute hierauf verstohlen nach bem SouS-Lieutenant hin, der ein paar Schritte entfernt höchst sorglos seine Cigarette rauchte, „Ihr müßt wiffen, Landsleute und Kameraden" —West- holm dämpfte jetzt vorsichtig seine Stimme und fuhr beinahe flüsternd fort — „daß ick die Sache hier gründlich satt habe und daß ick bei nächster Gelegenheit durch- brennen werde, um mein Heil wo anders zn versuchen, denn die Schinderei hier bei den Franzosen habe ick satt, furchtbar satt!"
Und nun setzte uns der Berliner einen tollkühnen Plan auseinander, wie er aus der Frenidenlegion deser- tiren wolle, und sei es auch vorläufig nur zu den Kabylen, um dann nach der Küste zu gelangen und von hier aus mit einem Schiff nach Konstantinopel ober nach Alexandrien zu gehen. Staunend hörten wir den Phantasiereichen Auseinandersetzungen unseres Landsmannes zu, darüber beinahe vergeffend, daß wir uns einem gefährlichen Feinde gegenüber befanden. Dieser legte sich denn auch jetzt ins Mittel und brächte uns so um den Rest des abenteuerlichen Planes Freund Westholms, dadurch, daß von der Kabylen-Verschanzung her plötzlich eine gewaltige Reitermaffe gegen die von unsern Leuten besetzt gehaltenen Hügel anstürmte. Zwar räumten unsere Kugeln unter den wilden Reitergestalten tüchtig auf, aber fort brauste der Reiterschwarm und er mußte in den nächsten Minuten unsere vereinzelten schwachen Abtheilungen niedergeritten haben. Da grollte es dumpf hinter unserem Rücken und schwere Geschosse schlugen in die Reihen der heranjagenden Kabylenreiter ein, deren weiße Gewänder im Winde flatterten. Die verheerenden Eisenstücke kamen von den Haubitzen, welche das Gros der Expedition mit sich führte, und das letztere war in einem Defilee an unsere arg bedrohten Stellungen gerade im Momente der höchsten Noth herange- kommen, worauf die Haubitzen mit erstaunlicher Raschheit an einem geeigneten Punkte postirt worden waren.
Die Wirkung der kleinen Geschütze war eine so ausgezeichnete, daß die anstürmenden feindlichen Reiterschaaren im Nu Kehrt machten und der schützenden Verschanzung wieder zujagten. Aber über sie hinweg schlugen nun die Vollkugeln der Haubitzen auch in die Erdschanze selbst ein, daß die Steine der Brustwehr nur so umherflogem während in dem Dorngesträuch breite Lücken entstanden- Kaum bemerkte dies Oberst Dupreix, als er das Signal zum allgemeinen Angriff geben ließ, unb wie die Teufel brachen wir mit aufgesteckten Bajonetten gegen die Verschanzung los. Als wir sie erreicht, entspann sich ein zwar blutiger, jedoch nur kurzer Kampf und bald war das Bollwerk der Kabylen unser, indeß sich die geschlagene» Feinde nach allen Seiten hin zerstreuten.
In der Hitze des Gefechts und der sich hieran schließenden, allerdings nicht lange dauernden Verfolgung aer Kabylen waren die Abtheilungen des Expeditionskorps