verlangen, die unter Umständen zu einer Krisis führen könnten; die Reichsbank fei doch nicht dazu da, um Kredite in einem so weiten Umfang zu geben. Der Etat für das Bankwesen sowie die übrigen Etatstheile werden genehmigt. Damit ist die dritte Lesung des ReichS- hauShaltSetatS erledigt, und dem Etat wird bei der schließlichen Ge- sammtabstimmung die^ Zustimmung ertheilt. Endlich wird der Gesetzentwurf, bezüglich der Schuldentilgung auch in dritter Lesung angenommen.
Politische Nachrichten.
Inland.
Berlin, 24. März.
Die Kaiserlichen Majestäten mit den beiden ältesten Prinzen haben am Montag Vormittag Berlin verlassen, um die Mittelmeerfahrt an- zutreten. Die Reise geht in einer Fahrt bis Genua, wo sich die hohen Reisenden auf der Kaiserlichen Pacht „Hohenzollern" einschiffen, um sich zunächst nach Neapel zu begeben. Dem Vernehmen nach geht die Reise von dort nach Sicilien, wo insbesondere die Städte Palermo und Syracus besucht werden sollen. Im weiteren Verlauf der Fahrt werden sich die Majestäten nach Venedig begeben, und dort wird voraussichtlich ein Zusammentreffen mit dem italienischen Königspaar stattfinden. Auf der Rückreise soll, wie verlautet, Wien berührt werden, um dem Kaiser Gelegenheit zu geben, auch dem Kaiser von Oesterreich einen Besuch abzustatten und so das Freundschaftsband mit seinen beiden hohen Verbündeten durch persönliche Begrüßung aufs neue zu festigen.
Wie aus Rom durch den Telegraphen berichtet wird, begrüßte gestern die „Opinione" in ihrem Leitartikel mit warmen Worten die Ankunft Seiner Majestät des Deutschen Kaisers auf italienischem Boden. Italien bringe dem Herrscher, der ihm im Glück Freund, im Unglück mehr als Freund gewesen fei, Dankbarkeit und Liebe entgegen. Selten seien in der Weltgeschichte die Verträge der Regierungen in so vollkommener Harmonie mit der Ueberzeugung der Völker gewesen, wie es bei dem deutsch-italienischen Bündniß der Fall sei. Bei dem baldigen Zusammentreffen mit Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser werde König Humbert, wenn er Kaiser Wilhelm den Dank für die Beweise der Freundschaft, welche Allerhöchstderfelbe Italien gegeben hat, ausspricht, ein treuer Dolmetsch der Gefühle seines ganzen Volkes sein.
Se. Majestät der Kaiser hat, wie die „N. A. Z." hört, Se. königl. Hoheit den Prinzen Heinrich von Preußen beauftragt, Allerhöchstihn bei den im Mai d. Js. stattfindenden Krönungsfeierlichkeiten in Moskau zu vertreten.
Dem Vernehmen nach hat Fürst Bismarck dem Reichskanzler FürstenHohenlohe in einem Briefe für die ritterliche Art, in der dieser des Altreichskanzlers am Sonnabend bei dem Jubiläum des Reichstages gedacht hat, feinen Dank ausgesprochen. — Das gute Einvernehmen, in dem Fürst Bismarck zu seinem Nachfolger steht, ist eine für jedes deutsche Herz erfreuliche Thatfache.
In der am Montag unter dem Vorsitz des Vize- Präsidenten des Staatsministeriums, Staatssekretärs des Innern Dr. von Boetticher, abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesraths wurde dem Entwurf eines Gesetzes wegen Verwendung überschüssiger Reichseinahmen, zur Schuldentilgung die Zustimmung ertheilt.
Bei der dritten Berathung des Etats im Reichstage hielt der Kriegsminister Bronsart von Schellen- dorff eine bemerkenswerthe Rede, worin er in nicht miß
Mutter bei ihrer Arbeit, daran hat sie mehr Freude, als an den Büchern!"
Die Mutter nickte einverstanden und zeigte heimlich aus einen ganzen Haufen zerriffener Wäsche.
„Ich nahm das alles aus deinem Koffer," flüsterte sie der Tochter zu. „In der Anstalt scheint man dich nicht recht zum Ausbeffern angehalten zu haben. Alles ist in entsetzlichem Zustande!"
Ursula erröthete und beschäftigte sich eifrig mit ihrem Frühstück. „Wir hatten keine Zeit dazu," murmelte sie, „es waren so viele Klaffenstunden, und in der Freizeit habe ich möglichst viel mit den Ausländerinnen geplaudert, um mich in ihren Sprachen zu vervollkommnen!"
Der Vater wartete schon ungeduldig auf Ursulag Begleitung. Er wollte ihr alle Verbefferungen und Verschönerungen zeigen, die während ihrer Abwesenheit vorgenommen worden waren, und bald hing sie an seinem Arm und wanderte heiter plaudernd mit ihm zur Thüre hinaus.
„Da ist Anton! Habt Ihr Euch schon begrüßt, Kinder?" hörte Frau Weinholt die Stimme ihres Mannes vor dem Fenster und schob die Gardine zurück, um durch den Spalt die Begegnung der beiden Spielgefährten zu beobachten. „Wo hast du gestern Abend gesteckt, alter Junge? Du fehltest uns beim Abendbrot," fuhr er mit freundlichem Blick auf den jungen Mann fort.
„Ich hatte zu thun," war die kurze Antwort, „auch habe ich Fräulein Ursula gestern schon einen Augenblick gesprochen!"
Ein lautes Lachen unterbrach ihn. „Was ist das für dummes Zeug und für Ziererei!" rief Weinholt aus. „Wolll Ihr beiden die Fremden gegeneinander spielen? Wer so arm an Verwandten ist wie wir, darf nicht so leichten Kaufes die wieder aufgeben, die er einmal gefunden hat. Du warst Onkels Christophs Pflegesohn, also bleibst du auch Ursels Vetter, und Ihr nennt Euch hübsch weiter „du", wie bisher!"
zuverstehenden Worten von dem Diebstahl des Kaiserlichen Gnadenerlaffes und von mehreren vom Sozialdemokraten Bebel bei der zweiten Lesung vorgebrachten angeblichen Soldatenmißhandlungen sprach. Die sozialdemokratischen Redner versuchten vergeblich, die Diebe des Erlaffes und die Redaktion des „Vorwärts" weiß zu brennen. Sehr wirksam redete auch der freikonservative Abgeordnete von Stumm.
Das preußische Abgeordnetenhaus ist am Montage in die Ferien gegangen, die bis zum 14. April dauern werden. In der letzten Sitzung wurde der Gesetzentwurf betr. das Anerbenrecht bei Renten- und Ansiedlungsgütern einer 21er Kommission überwiesen.
Die Reichstagskommission für das Börse ngesetz hat die zweite Lesung beendet. § 72a beginnt folgendermaßen: „Wer für Mittheilungen in der Preffe, durch welche auf den Börsenpreis eingewirkt werden soll, Vortheile gewährt oder verspricht oder sich Vortheile gewähren oder versprechen läßt, welche in auffälligem Mißverhältniß zu der Leistung stehen, wird mit Gefängniß bis zu einem Jahre und zugleich mit Geldstrafe bis zu 5000 Mark bestraft. Die gleiche Strafe trifft denjenigen, der sich für die Unterlassung von Mittheilungen der bezeichneten Art Vortheile gewähren oder versprechen läßt." Der Termin des Inkrafttretens des Gesetzes wurde offengelaffen. Schließlich wurde das ganze Gesetz mit 9 gegen 3 Stimmen angenommen.
Ausland.
Genua, 24. März. Das deutsche Kaiserpaar mit den Prinzen traf um 6 Uhr Abends hier ein und fuhr mit der Pacht „Hohenzollern" um 7*/.2 Uhr nach Neapel weiter. Bei der Ausfahrt rief der Kaiser auf der Kommandobrücke italienisch: „Es lebe der König!" Die Volksmenge erwiderte darauf begeistert: „Es lebe der Kaiser!"
Im Mai wird in Belgrad eine Zusammenkunft der Fürsten von Bulgarien und Montenegro mit dem König Alexander von Serbien stattfinden. Wie verlautet, soll es sich um den Abschluß eines Schutz - und Trutzbündnisses zwischen den drei Staaten handeln, wozu die Anregung von Petersburg aus ergangen sein soll.
Das amtliche Programm für die Krönungsfeierlichkeiten in Moskau bestimmt für die ersten Tage des April die feierliche Ueberführung der Kroninsignien in goldenen Wagen vom Winterpalast nach dem Kaiser Nikolaus - Bahnhöfe und deren Weiterbeförderung mittelst Sonderzuges nach Moskau. Zum 6. Mai wird das Kaiserpaar im Petrowsky-Palast bei Moskau eintreffen, um dort an diesem Tage den Geburtstag des Kaisers zu feiern. Die Majestäten werden hier bis zum 9. Mai verweilen, wo der feierliche Einzug in Moskau stattfinden soll. Am 19. Mai wird die Krönung stattfinden.
Die Kommission der egyptischenSchul- d e n k a s s e wird voraussichtlich am 26. April über den englisch-egyptischen Antrag, betreffend die Hergabe der 500 000 Pfund Sterling für die Dongola-Expedition ihre Entscheidung treffen.
Vom afrikanischen Kriegsschau platze wird gemeldet, die Lage sei im allgemeinen unverändert. Das Fort Adriat verfüge über Lebensmittel und alle sonstigen Erfordernisse zu einem wirksamen Widerstände. Dem römischen Blatte „Tribuna" wird aus Maffauah berichtet: Ras Makonnen sei am Arme und linken Beine leicht verletzt. Die Schoaner hätten erklärt, wenn sie nicht von den Franzosen Gewehre und Schießbedarf erhalten hätten, würden sie den Krieg nicht haben führen können. Nach der Schlacht bei Adua habe Menelik dem
Die weiße Gardine am Fenster hinter den Sprechenden bewegte sich leise, und die Hand der Mutter, die sie zurückhielt, schien vor Erregung zu zittern, als sie die Farbe auf den Wangen der beiden jungen Leute rasch kommen und wieder gehen sah und die Blicke beobachtete, die von einem zum andern flogen.
„Ob sich die beiden finden werden; ob Ursel ihn lieben wird und er die Ursel?" fragte sie sich leise. „Dann könnte ja alles noch gut werden — der arme Junge käme zu seinem Eigenthum und ich . . ." Mit Gewalt drängte sie die weitern Betrachtungen aus ihrem bangen Gemüth zurück und vertiefte sich von neuem in ihre Arbeit.
Vater und Tochter waren indeffen durch die Räume der Fabrik geschritten, und Ursula hatte seinen Erklärungen mit Aufmerksamkeit gelauscht. Sie hätte nicht die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens nur unter Leitung der praktischen Mutter verbracht haben sollen, wenn nicht das alte Interesse für das sie umgebende Arbeitsleben doch wieder erwacht wäre trotz der drei Jahre in fremder Umgebung. Das, was sie sich dort angeeignet hatte, war doch nur ein oberflächlicher Schliff gewesen; ihre leicht erregbare Phantasie war durch die neue Umgebung verlockt worden, aber ihr gutes Herz hatte nicht darunter gelitten, und ihr gesunder Verstand sagte ihr hier und da schon in den ersten Stunden der Rückkehr zu den alten Verhältniffen, daß doch am Ende manches von dem, was sie in der vornehmen Erziehungsanstalt gelernt hatte, nicht in das Elternhaus paffe. Sie war aber vom Vater und vom Glück zu sehr verwöhnt, um so leicht freiwillig das bequeme, gedankenlose Dahinleben aufzugehen.
„Warum soll ich mir unnütz Sorgen machen?" war ihr steter Trost gewesen, wenn die Mutter sie zu einer etwas ernstem Lebensanschauung zu bringen suchte. „Bin ich nicht die Tochter einer wohlhabenden Mannes? ‘ Ist nicht meine Zukunft gesichert, warum soll ich nicht
Präsidenten Faure den Sieg angezeigt und versichert, die Italiener hätten 8000, die Schoaner 5600 Todte verloren. Inzwischen dauern die Friedensunterhandlungen mit dem Negus Menelik fort. Wie Major Salsa nach feiner Rückkehr aus dem feindlichen Lager gemeldet hat, ist die Frage der Kriegsentschädigung beseitigt.
General Baratieri hat sich von Maffauah nach Rom eingeschifft. Der Staatsanwalt des Militärgerichtshofes hat nunmehr die Anklage gegen ihn erhoben.
Aus Provinz imii Pochbargebiei.
Hersfeld, den 25. März.
* Die Tilgung der S ch a f r ä u d e in Preußen hat im verfloffenen Jahre keine Fortschritte gemacht. Die Zahl der Regierungsbezirke, in denen das Badeverfahren angewendet wurde, ist die gleiche wie im Jahre vorher, die Zahl der Kreise hat sich zwar von 48 Kreisen im Jahre 1894 auf ca. 43 Kreise im Jahre 1895 vermindert, doch ist die Zahl der gebadeten Schafe nicht unerheblich gestiegen, nämlich von ungefähr 24 300 Stück im Jahre 1894 auf ungefähr 29 555 Stück im Jahre 1895. In größerem Umfange war die Seuche wieder verbreitet in den Regierungsbezirken Hannover, Stade, Osnabrück, Caffel und Arnsberg. Vollständig räudefrei waren im Jahre 1895 die Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien und Schleswig- Holstein, sowie die Regierungsbezirke Merseburg, Aurich, Trier und Aachen. — Zur weiteren Unterdrückung der Seuche hat der Landwirthschafts-Minister die Fortsetzung des bisherigen Tilgungsverfahrens angeordnet. Wie im vorigen Jahr sind von Zeit zu Zeit die Schafbestände, soweit sie räudeverdächtig erscheinen, durch Vertrauensmänner oder durch Gemeindebeamten zu revidiren und diejenigen Bestände, deren Räudefreiheit nicht zweifellos feststeht, nach einer von dem beamteten Thierarzt vorgenommenen Untersuchung, sobald es es die Witterung zuläßt, dem Badeverfahren zu unterwerfen.
* Der Herr Landes - Direktor hat den Sektions- Vorständen der Landwirtschaftlichen BerufSgenoffenschaft mitgetheilt, daß das Centralblatt für land- und forst- wirthschaftliche Unfall-Versicherung in Folge zu geringer Betheiligung nicht mehr erscheinen werde.
* Hersfeld, 25. März. (Kriegsgedenkfeier der deutschen Eisenbahnbeamten.) Im Verein für Eisenbahnkunde ist angeregt worden, daß diejenigen Herren, welche während des Krieges 1870/71 im Eisenbahndienste — sei es diesseits oder jenseits der Grenze — thätig gewesen sind, die Erinnerung an jene Zeit durch eine festliche, jedoch in einfachster Form gehaltene Zusammenkunft in Berlin im Monat Mai feiern. In Verfolg dieser Anregung ersucht der Vorstand des Vereins für Eisenbahnkunde die Herren, welche hieran theilzunehmen wünschen, dies unter genauer Angabe ihrer Adreffe dem Verein für Eisenbahnkunde, Berlin W., Wilhelmsstraße 92/93, anzuzeigen. Näheres über Zeit und Ort der Zusammenkunft wird demnächst bekannt gegeben werden.
* Hersfeld, 25. März. Die „Berl. Correspondenz" schreibt: In turnerischen Kreisen ist neuerdings mehrfach die Besorgniß geäußert worden, es könnte durch die Verstärkung des lateinischen Unterrichts in den oberen Klaffen der Gymnasien und Realgymnasien, die nach der Ministerialverfügung aus dem Oktober v. I. unter Umständen zulässig ist, die unbedingt nothwendige Förderung der Leibesübungen an diesen Schulen wieder beeinträchtigt werden, die ihnen durch die
meine Jugend genießen? Ist es nicht traurig genug, daß es Menschen giebt, die sich ihr Dasein kümmerlich fristen müssen, wie z. B. der arme Scherenschleifer dort?"
Dabei schmeichelte sie dem Vater lächelnd die Börse aus der Tasche, um dem armen Manne einige Münzen zu reichen, der außerhalb der Hecke stand, an der sie eben vorüber gingen, und sein Rad zum Stillstand gebracht hatte, um mit scharf beobachtendem Blick Herrn Weinholt und seine Tochter zu verfolgen.
„Ist der alte SchleiferhanncS schon wieder da!" sagte der Fabrikherr ärgerlich und vertraute dann seiner Tochter an: „Es wird mir nächstens doch etwas zu arg! Deine Mutter zieht all das Bettelvolk ins Haus! Keinem kann sie was abschlagen, und besonders der Scherenschleifer mag kommen, so oft er will, immer steckt sie ihm was zu!"
„Ich erinnere mich seiner wohl," erwiderte Ursula, den Kopf noch einmal zurück wendend und mit Unbehagen dem Blick des alten, verkommen und elend aussehenden Menschen begegnend. „Er kam auch früher schon dann und wann, und ich wunderte mich immer, daß die Mutter so freundlich und gut mit ihm reden konnte und mich schalt, wenn ich mich vor ihm fürchtete, Aber wer ist das?" fragte sie überrascht, auf einen hübschen, jungen Mann zeigend, der allein im städtischen, kleidsamen Sommeranzuge zwischen den Arbeitern stand und das Abladen großer Marmorplatten beaufsichtigte.
„Das ist mein neuer Fabrik-Inspektor," antwortete Weinholt, „Herr Nölting, ein fein gebildeter junger Mann aus Berlin, der seit einigen Monaten die Leitung hier übernommen hat, weil ich mit den schriftlichen Sachen, den Kontrakten und einlaufenden Briefen nicht so recht Bescheid weiß. Das ist einer von deiner gelehrten Sorte," fuhr er lachend fort, „er ist viel gereist und spricht englisch und französisch wie Wasser! Mit dem kannst du von Göthe und Schiller schwärmen, wenn wir andern hier dir zu hausbacken sind!" (F. f.)