eine geeignete Civilperson, welcher ich neben den baaren Auslagen für Eisenbahnfahrt ein Tagegeld von 3 Mark und bei nöthig werdender Uebernachtung ein solches von 4 Mark gewähren werde, seinem obengenannten Lehrmeister wieder zuführen lassen zu wollen.
Von dem Geschehenen bezw. dem Ergebniß der Nachforschungen bitte ich mich hiernächst gefälligst zu benachrichtigen.
Der Landes-Direktor.
An Königliches Landrathsamt Hersfeld. J. II. Nr. 64. * *
Hersfeld, den 8. Januar 1896.
Wird den Ortspolizeibehörden und der Gendarmerie des Kreises zur Recherchirung nach dem Entlaufenen mitgetheilt.
Im Betretungssalle ist derselbe seinem Lehrmeister wieder zuführen zu lassen.
I. Nr. 127. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
Wchtnmtlichcs.
Die Ruhmestage des deutsch-französischen Arieges.
XXX.
Die Operationen Werders.
II.
Die immer gefahrvoller werdende Lage des Werder- schen Korps ließ in seinem Führer Ende Dezember den Entschluß reifen, dasselbe bei Vesoul eng zu versammeln und fortan nur in der Sicherung des Elsaß und der Belagerung Belforts seine vornehmliche Aufgabe zu suchen. War doch schon dies Unternehmen für die vorhandenen Streitkräfte kaum ausführbar und das um so weniger, als von Süden her noch eine neue feindliche Armee unter General Bourbaki heranrückte mit der Absicht, sich von dieser Seite mit aller Kraft auf die rückwärtigen Verbindungen der Deutschen zu stürzen; die schwachen Kräfte Werders hoffte man mit Leichtigkeit über den Haufen rennen zu können. Das deutsche Hauptquartier zu Versailles aber war sofort bedacht, Werder so schnell wie möglich Hülfe zu bringen; in Eilmärschen rückte die neu gebildete Süd-Armee (II. und VII. Korps) unter Befehl des Generals v. Manteuffel herbei. Jedoch zunächst blieb Werder freilich auf fein Korps allein angewiesen; gegen seine 43 000 Mann waren 90 000 Franzosen im Vordringen, die leicht durch weitere 60000 Mann verstärkt werden konnten. Der General beschloß, nach dem Lisaine-Fluß abzumarschieren und dort in einer starken Stellung dem gewaltigen Stoß zu begegnen.
UrL sich Luft zu schaffen, unternahm Werder am "9^ Januar 1871 mit der 4. Reserve-Division einen kühnen Vorstoß auf die Flanken der vormarschierenden Franzosen bei Villersexel. Die Division behauptete sich tapfer gegen zwei feindliche Korps und nahm dem Feinde zwei Adler und 500 Gefangene ab. Jetzt war es Werder möglich, die Stellung an der Lisaine einzunehmen und sich dadurch zwischen Belfort und das französische Entsatzheer zu schieben. Erst am 13. Januar drängte Bourbaki mit seiner nunmehr 130000 Mann starken Armee gegen die Lisaine-Linie vor; am 14. Januar Abends flackerten weithin auf den Höhen vorwärts des Flustes die Biwakfeuer der Franzosen. Jeder Mann in der deutschen Schlachtlinie fühlte die Bedeutung der nächsten Tage; doch vom höchsten Führer bis zum geringsten Streiter herrschte dieselbe Entschlostenheit; die Waffe in der Hand und festen Fußes erwartete man den übermächtigen Feind, jeder bereit, an der Stelle zu sterben, wo er stand.
Drei Tage lang, den 15, 16. und 17. Januar tobte die gewaltige Schlacht im Lisaine-Thal, drei Tage lang standen Badenser und Preußen, Linie und Landwehr, wie die Mauern und wichen nicht. Am 15. Januar, gleich am ersten Tage, drohte dem rechten Flügel Werders ernste Gefahr, und er wurde so nahe an Belfort herangedrängt, daß der Kommandant von Belfort siegesfroh schon Viktoria schießen ließ, aber am 16. Januar war das verlorene Gelände wieder genommen. Zu früh war die Freude des Feindes gewesen, und am 17. Januar Mittags mußte Bourbaki erkennen, daß es nicht möglich fei, die deutschen Linien zu durchbrechen. Zugleich erhielt er die Nachricht von dem Anmarsch Manteuffels in seinen Rücken; so blieb ihm nur der Rückzug als einzige Rettung.
78 Offiziere und 2100 Mann hatten die Tage von Villersexel und an der Lisaine den Deutschen gekostet, aber die Trauer um diese Opfer wurde gelindert durch die Begeisterung und die Bewunderung, welche im ge- sammten deutschen Vaterlande für die Helden dieser Tage, für den General Werder und sein Korps herrschte. Von dem königlichen Kriegsherrn aber kam die unvergeßliche Ehrung in den Worten: „Diese dreitägige siegreiche Vertheidigung, eine belagerte Festung im Rücken, ist eine der größten Waffenthaten aller Zeiten!" T.
% deutschen Interessen ii» Transnnnl.
Als kürzlich eine Schar englischer Freibeuter in die südafrikanische Republik einbrach und die deutsche Reichsregierung daraufhin an England die Frage richtete, wie es sich zu jenem Bruch des Völkerrechts zu stellen gedenke, da geschah dieses vor allem wegen der deutschen Interessen, die im Transvaal zu schützen und zu wahren
sind. Von Jahr zu Jahr haben sich diese Interessen gemehrt, seit infolge des Besuches des Präsidenten Krüger in Berlin Deutschland in kommerzieller Hinsicht in sehr freundschaftliche Beziehungen zu den stammverwandten holländischen Ansiedlern in der emporblühenden südafrikanischen Republik getreten ist. Deutscher Unternehmungsgeist und deutsches Kapital sind dort in erheblichem Maße engagirt. Außer dem großen Besitz in Goldaktien sind in den verschiedensten Industrien beträchtliche deutsche Kapitalien festgelegt, besonders im Eisenbahnbau, in Metall- und elektrischen Werken und in den auf dem Transvaalhandel begründeten Dampfschifflinien. Wie neulich der Chef einer Londoner deutschen Firma, die ausgedehnte Geschäfte im Transvaal hat, mittheilte, sind hier 250 Millionen Mark angelegt. Davon sind 50 Millionen Mark deutsches Geld.
Durch die Eröffnung der Delagoabai, durch die direkte Dampferverbindung dieses Hafens mit Hamburg, hat sich der deutsche Handel im Transvaal einen Marktplatz eröffnet; deutsche Fabriken stellen ihre Erzeugnisse genau nach den Wünschen ihrer Transvaaler Konsumenten her, und ganze Häuser der heimischen Industrie richten sich darauf ein, den Transvaal als Kunden zu gewinnen. Vor acht bis zehn Jahren betrug die deutsche Einfuhr nach der südafrikanischen Republik 300 000 Mark jährlich, jetzt ist sie auf 12 Millionen Mark gewachsen, und Deutsche wandern in großer Anzahl nach dem Transvaal, um dieses Land immer mehr dem deutschen Gewerbefleiße zugängig zu machen. In Johannesburg sind von den 50—60 000 Einwohnern 15 000 Deutsche. In Prätoria und anderen Städten belauft sich der Prozentsatz der Deutschen noch höher. Die geachtetsten Aerzte in Johannesburg sind Deutsche, die Handwerker aller Art, Maschinisten und auch solche Arbeiter, welche am meisten gesucht werden, sind Deutsche. Mit ihren holländischen Nachbarn leben die Deutschen, wie sich jetzt auch bei den Wirren gezeigt hat, in herzlichstem Einvernehmen. Dasselbe bekundet sich auch darin, daß die Buren an den Festen der Deutschen lebhaften Antheil nehmen.
Die Engländer verfolgen natürlich diese Entwickelung, namentlich aber die deutsche Einfuhr mit neidischen Blicken, und ihre Bemühungen, die schöne, gesunde, reiche Republik unter ihren Einfluß zu bringen, werden mit durch die Hoffnung bestimmt, die deutschen Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen, sobald der Transvaalstaat der britischen Machtsphäre einverleibt ist. In diesem Falle würde auch unser eigenes Schutzgebiet in Südafrika bedroht sein, dessen Zukunft wesentlich von der Aufrechterhaltung des bisherigen südafrikanischen Gleichgewichts abhängt.
Politische Nachrichten.
Inland.
Berlin, 9. Januar.
Das K a i s e r p a a r ist am Abend des 8. Januar in Berlin eingetroffen, um hier seinen ständigen Aufenthalt zu nehmen.
Die Ueberführung der sterblichen Reste des Prinzen Alexander von Preußen von dem Palais in der Wilhelmstraße nach der Dom-Jnterimskirche ist in der Nacht zum Donnerstage in Gegenwart des Kaisers vor sich gegangen. Am Eingänge zum Gotteshaus wurde die Leiche von der Domgeistlichkeit empfangen. Nach der Aufbahrung sprach Hofprediger Faber ein Gebet. Am Donnerstag Morgen wurde die Leiche feierlich eingesegnet.
Se. Majestät der K a i s e r empfing heute Vormittag den Kriegsminister und den Chef des Militärkabinets. Nach der für den Prinzen Alexander veranstalteten Trauerfeier empfing der Kaiser die bei der Trauerfeier anwesend gewesenen Vertreter der fremden Fürstlichkeiten.
Der Kaiser wird diesmal den preußischen Landtag nicht in Person eröffnen.
Ueber das Befinden der Großherzogin von Oldenburg, die schon seit dem Tode der Erbgroßherzogin leidend ist, ist ein ärztliches Bulletin ausgegeben worden, wonach in ihrem Befinden keine günstige Wendung eingetreten ist. Nach einem neuern Bulletin nehmen die Kräfte ab.
Der B u n d e s r a t h hat in seiner heutigen Sitzung I die Ausschußanträge, betreffend die anderweite Einbringung des Entwurfs eines Gesetzes über Abänderung der Gewerbeordnung, mit einigen Abweichungen angenommen. Den zuständigen Ausschüssen wurden überwiesen: der Reichstagsbeschluß zu der Denkschrift, betreffend die Ausführung der seit dem Jahre 1875 erlassenen Anleihegesetze, der Antrag Preußens, betreffend die Regelung der Arbeitsverhältnisse in Bäckereien und Konditoreien, der Entwurf einer Verordnung wegen Ergänzung der Ver- ordnung vom 16. August 1876 über die Kautionen der bei der Militär- und Marineverwaltung angestellten Beamten, ferner die Vorlagen, betreffend die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die große Heringsfischerei, betreffend die Behandlung der abgestempelten Schuldverschreibungen der russischen zweiten Staais-Prämien- anleihe von 1866 und der Entwurf eines Gesetzes wegen ' Feststellung des Landeshaushalts - Etats von Elsaß- Lothringen für das Etatsjahr 1896/97.
Ausland.
Nach einer Meldung des „Hamburgischen Korrespondenten" aus Konstantinopel schätzt der deutsche Botschafter die Zahl der getödteten Christen während der armenischen Unruhen auf 80000
Wie die deutsche „St. Petersburger Zeitung" mit- theilt, hat sich der deutsche Botschafter Fürst Radolin, der am Sonntag mit einem Handschreiben des Kaisers Wilhelm nach sPetersburg izurückkehrte, am Montag nach Zarskoje-Sselo begeben.
Die Spanier scheinen auf Kuba vor der endgil- tigen Entscheidung zu stehen. Die Insurgenten bedrohen gleichzeitig Batabano und Havanna, die wichtigsten Punkte der Spanier im Golf von Mexiko und im karaib ischen Meere. Vor Havanna sind in den letzten Tagen blutige Schlachten mit wechselndem Erfolge geliefert worden. In Madrid laufen Gerüchte um, wonach Martine; Campos durch einen anderen General ersetzt werden soll.
England rüstet. Der „Daily Telegraph" meldet, daß sich die Regierung entschlossen habe, eiligst Verstärkungen an Kavallerie und Infanterie nach Kapstadt zu senden. Ein Kreuzer erster Klasse ist nach der Delagoabai beordert. Wie die „Times" berichten, ist Befehl erlassen worden, unverzüglich 6 Schiffe zur Formierung eines fliegenden Geschwaders in Dienst zu stellen. Das neue Geschwader soll bereit stehen, überall hinzugehen, wo es verlangt wird. Ferner ist beschlossen, ein Geschwader nach der Delagoabai zu senden. Die maßlosen Hetzereien englischer Blätter haben, wie bereits gemeldet, in England zu unliebsamen Ausschreitungen gegen die Deutschen geführt. In Berliner Regierungskreisen werden die Vorgänge in England mit ernster Aufmerksamkeit verfolgt. Einer römischen Meldung des „Daily Chronicle" zufolge ist auch Italien bei England in Ungnade gefallen, weil es den Schutz seiner Unterthanen in der südafrikanischen Republik Deutschland übertragen hat. Man schließt in London daraus, daß Italien in der südafrikanischen Angelegenheit auf Deutschlands Seite Stellung nimmt. In Holland hat das Verhalten Deutschlands große Begeisterung hervorgerufen. Wie noch bestimmt verlautet, ist der Führer der englischen Freibeuter, die in Transvaal eingefallen waren, D r. Iameson, zum Tode durch Erschießen verurtheilt. Der Präsident Krüger weigerte sich indessen, den Vollzugsbefehl zu unterzeichnen, bevor der Oberkommissar angekommen ist.
Wie aus Prätoria unter dem 7. Januar gemeldet wird, haben sich die Aufrührer in Johannesburg der Regierung von Transvaal bedingungslos ergeben. Hier herrscht große Dankbarkeit für Deutschland wegen des von ihm geleisteten wirkungsvollen diplomatischen Beistandes.
Aus dem Reichstag.
Berlin, 9. Januar. Der Reichstag nahm heute seine Arbeiten wieder auf. Bei Beginn der Sitzung theilt der Präsident Frhr. von Boul mit, daß er Namen« des Reichstags Sr. Majestät dem Kaiser aus Anlaß des Ablebens Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Alexander von Preußen die ehrfurchtsvollste Theilnahme zum Ausdruck gebracht habe, worauf Se. Majestät telegraphisch den wärmsten Dank ausgesprochen habe. Hierauf wird der Abg v. H » l l e u f f e r zum Mitglied der ReichSschuldenkommission gewählt. Es folgt nunmehr die erste Lesung der Entwürfe eines BörsengesetzeS und eines DepotgesetzeS. Der preußische Handelsminister Frhr. v. B e r l e p s ch weist darauf hin, daß der Börsengesetz-Entwurf auf dem Standpunkt des Berichts der Börfenenquete-Kommission stehe. Einen entscheidenden Werth legten die verbündeten Regierungen auf eine Verstärkung der staatlichen Aufsichtsbefugniß. Es solle einerseite« die Bewegungsfreiheit deS BörsenhandelS nicht eingeschränkt, andererseits aber solle den Mißständen der Börse, namentlich der weitverbreiteten Spielsucht, nach Möglichkeit abgeholfen werden. Die verbündeten Regierungen glaubten, dieses Ziel mit diesem Entwurf zu erreichen. DaS Depotgesetz bezwecke, dem Publikum einen größeren Schutz vor Verlusten zu gewähren. Allerdings würden die DepotS- unterschlagungen nicht ganz und gar aus der Welt geschafft werden können, aber das Gesetz gewähre doch einen erheblichen Schutz, namentlich dem unkundigen Laien. Abg. Graf Kanitz (tonf.) betont, eS fei ein scharfer Unterschied zu machen zwischen dem Handelsstand und den Börsenkreisen. Die Börsenkreise seien einer Börsenreform abgeneigt, während der große Handelsstand eine solche wünsche. Die Börse sei an und für sich ein nothwendiges und nützliches Institut, aber gerade deshalb müsse sie frei sein von den ihr anhaftenden Mißständen. Es handle sich jedoch nicht nur um wirthschaftliche, sondern auch um tiefe sociale Schäden. Die Gesundung von diesen Schäden werde jeder Erwerbsstand an seinem eigenen Leibe spüren. Redner wünscht in mehrfacher Hinsicht eine Verschärfung der Borlage. Abg. G a m P (ReichSp.) hebt hervor, es wäre erfreulich gewesen, wenn aus den Börsenkreisen heraus die Reform in Angriff genommen worden wäre, aber darauf habe man lange Jahre vergeblich gewartet. Auch von der LandeS- gesetzgebung sei hier nicht viel zu erwarten, man müsse daher den Weg der Reichsgesetzg'bung beschreiten. Man sage zwar, daß sich die Interessen auf der Börse ausglichen, man dürfe also hier nicht ein- greisen, aber das fei eine irrtümliche Auffassung. Der Redner wünscht in einigen Einzelbestimmungen deS BörsengesetzeS noch wesentliche Verschärfungen und erklärt sich schließlich mit dem Depotgesetz im Allgemeinen einverstanden Der ReichSbankpräsident K o ch betont, daß der Kern des deutschen Handelsstandes wahrhaft gut sei, doch habe er sich außer Stande gezeigt, die dem Börsengeschäft anhaftenden Uebelstände zu beseitigen, daher sei das Gesetz im allgemeinen Interesse nothwendig und werde in seiner Gesammtwirkung ein heilsames Resultat ergeben.
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