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Nr. 111
S-mben) hn 28. SchtmKr
1895.
Zweites Blatt.
Klug gewägt, kühn gewagt.
Von Georg v. R c h r s ch e i d t.
(Fortsetzung.)
Brummend und schimpfend suchte der liebenswürdige Tissot später in allen Winkeln nach dem vergessenen ReinigungSmöbel, wetterte auf alle Rekruten im allgemeinen, auf Berdolet im besondern. Natürlich durchschnüffelte er auch Herrn von Becks stolzen Salon; der Offizier blies ihm ein paar Tabackswolken ins Gesicht, blätterte gleichgültig in Voltaires Henriade und wußte von keinem Besen in der Zelle. Damit hatte er dem Wortlaut nach recht, weil das mittlerweile aus demselben entstandene haarlose Instrument in bewußtem Versteck durchaus nicht mehr mit solchem schönen Namen bezeichnet werden konnte. Allmählig und mühselig schmiegte sich über den Stiel ein blanker Streifen, ähnlich einem Gewehrlauf, obendrauf glänzte ein ziemlich ungefährliches Bajonett, und das ehemalige Borstenbrett schob sich angefalzt flach an den Schaft in Kolbenform, selbst das Theaterfeuerschloß und der Abzugsbügel fehlten nicht.
So, jetzt nach acht Monaten Arbeit beinah war der Unermüdliche endlich fertig, und der für ihn einst so verhängnißvolle achtzehnte April schickte sich an, zum erstenmal seit der Bergener Pechaffaire wiederzukehren.
Da kam ein kleines, auf ein Haar verderbliches Intermezzo. Beck hatte eben am Hellen Nachmittage seine beiden furchtbaren Waffen hervorgeholt, um etwas nachzupolieren, als zu ganz ungewöhnlicher Stunde der Schritt der Ronde hörbar wurde. Blitzschnell versteckte der fleißige Büchsenmacher die Sächelchen in der Schießscharte hinter dem Gitterwerk, zum Einklemmen war keine Zeit mehr. Ein blutjunger Offizier trat gleich darauf ein und musterte den kriegsgefangenen fremd- ländischen Kameraden ohne Gruß von oben herab. Beck blieb ruhig sitzen und drehte dem Jüngling halb den Rücken zu.
„Wollen Sie nicht vor der Ronde aufstehen? fragte der Franzose näselnd.
„Nicht eher," fuhr der stolze Hannoveraner barsch herum, „als bis Sie sich in Ihrem Benehmen als Ossizier dokumentiert haben. Ich bin weder Verbrecher noch Arrestant, sondern ein im ehrlichen Kampfe schwer- verwundeter und nur deshalb jetzt gefangener Soldat und muß mir demgemäß einen anständigen Eintrittsgruß dringend ausbitten. Sie, mein Herr, stecken jedenfalls erst sehr kurze Zeit in Ihres Königs Rock, so daß L>re die allergewöhnlichsten Formen militärischer Hostrchkert noch nicht erlernt haben. Gestatten L>ie nur daher gütigst, Sie auf eine derselben ganz ergebenst aufmerksam zu machen!" . , ,
„Eine sehr grobe Manier für einen Gefangenen haben Sie, §6tr, ^ctr — —"
'„Beck ' von Wolsingen, Lieutenant in kurfürstlich hannoverscher Grenadiergarde, — darf ich um Ihren Namen bitten?" .
„Ich heiße Marquis d'Jvron!" platzte der lange Mann unwillkürlich heraus und erröthete selbst über ferne Verlegenheit. Die Sache war ihm peinlich, und um weiteren Auseinandersetzungen zu entgehen, zog er ren Hut und empfahl sich mit stummer Verbeugung, welche Herr von Beck sehr artig erwiderte.
Tief aufathmend sah der Gefangene nach der wieder verschlossenen Thür.
„Dank dir, gütige Vorsehung, das konnte schlecht ablaufen!" und er stopfte mit leicht zitternden Hau r eine Beruhigungspfeife, nachdem er schleunigst dre Morv- instrumente hinter dem Bette verborgen. Als Monfuur Tissot das Abendbrot brächte, umspielte dieses wackern Mannes Lippen ein leichtes Lächeln, es schien ihm «u freudige Beruhigung zu sein, daß der hohe Herr Marqu nunmehr zu seinen Leidensgenossen in Bezug auf einen
gesunden Rüffel gehörte, und er sah den Spender desselben heute mit mildern Augen an.
Deutlich hörte Beck fast jeden Abend nach neun Uhr, manchmal auch etwas später, aus dem Hofe den lauten Kommandoruf erschallen: „Patrouille zum Rhein!" Nachdenklich darüber geworden, benutzte er die Zeit seiner simulierten Magenkrankheit, um mehrere Male zu dieser Stunde heftig die Klingel zu ziehen, und sich, natürlich unter scharfer Bedeckung, auf den unmittelbar neben der Wache gelegenen Gefangenenabort führen zu lassen. Dabei machte er durch eine Thürspalte die Entdeckung, daß die vorher abgetheilten Patrouillenmannschaften einfach, ohne daß die Wache ins Gewehr trat, auf den Hof herausliefen und dem führenden Korporal ziemlich ungeordnet durchs Poternenthor folgten. Auf diesen wenig militärischen Umstand fußte Becks kühner Plan, denn kurz vor neun Uhr erschien Monsieur Tiffot, um das Licht fortzunehmen und für die Nacht zu schließen. Zuweilen kam es auch vor, daß ein Rondeoffizier bei dieser Gelegenheit noch einen Blick in die Kasematten warf, um entweder kühl und dienstlich, oder theilnehmend und höflich, je nach Gemüthsart und Erziehung, noch einige Worte mit dem fremden Kameraden zu wechseln. Trat dieser Fall ein, so war jede Hoffnung sowohl, für den 13. April, als für alle Zeit bis zum Friedensschluß verloren.
„Heute sei's gewagt, Contades hat die Wache! Brachtest du mich in den Käfig, dreizehnter, sollst du auch, so Gott will, mir wieder zur goldnen Freiheit helfen!"
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
— Durch eine Rettungsmedaille selbst gerettet! — dieser eigenthümliche Vorfall hat sich im Kriege 1870/71 zugetragen und ist, wie der „Kgsb. Allg. Ztg." mitgetheilt wird, in dem Michaelisprogramm des Jnsterburger Gymnasiums vom Jahre 1871 sozusagen urkundlich beglaubigt. Die betreffende Stelle lautet daselbst folgendermaßen: „Ferdinand Meyer, Lieutenant, Sohn des (Jnsterburger) Amtmanns gleichen Namens (Schüler des Jnsterburger Gymnasiums von Michaeli 1862 bis Michaeli 1867). Derselbe hatte sich durch den langen anstrengenden Vorpostendienst bei Metz ein sehr heftiges gastrisches Fieber zugezogen und lag krank und kraftlos in Noiffeville, wo er durch die Besonnenheit und Treue seines Burschen gerettet wurde. Darauf in das Lazareth St. Barbe gebracht und nach 14 Tagen genesen, rückte er mit seinem Regiment nach Meziores, wo er, noch angegriffen von der furchtbaren, eben überstandenen Krankheit, mit eigener Lebensgefahr ein zweijähriges französisches Kind, das in die Sarmonne gestürzt war, rettete. Ueberrascht und hocherfreut drängten sich die Bewohner herbei und dankten dem Retter des Kindes mit herzlichen Worten sogleich und später durch Verleihung des Ehrenbürgerrechts von Meziores. Von Sr. Majestät unserem Könige und Kaiser wegen seiner edlen That mit der Rettungsmedaille belohnt, verdankte er dieser seine eigene Rettung. Denn die Kugel, die ihn am 19. Januar d. J. (1871) bei St. Quentin traf, wurde durch die Rettungsmedaille, die er trug, abgeschwächt und verursachte nur eine leichte Verwundung und eine heftige Kontusion. In der Schlacht selbst fand er noch Gelegenheit, sich so auszuzeichnen, daß ihm das Eiserne Kreuz verliehen wurde." —
— (HeldentoddesevangelischenDivisions- Pfarrers Schwab e.) Von der evangelischen Feldgeistlichkeit sind im letzten Kriege zwei von bem Feinde verwundet, einer wurde beim Aufstiegen der Miene bei Laon verletzt, und ein vierter, der Divisionspfarrer Schwabe, fand den Heldentod auf dem Schlachtfelde von ChLteaudun. Noch am 15. Oktober hatte Schwabe auf einem der Boulevards in Orleans für die seiner geistlichen Fürsorge überwiesenen Truppen evangelischen Gottesdienst gehalten. Zum Schluß seiner Predigt ermähnte er im Hinblick aus die voraussichtlich noch zu bestehenden Kämpfe
zum herzlichen Gottvertrauen und betete in diesem Sinne. Ein bei der Feier anwesender Offizier fand es seltsam, wie er später selbst erzählt hat, daß der Pfarrer sich ganz ohne Unterschied und Vorbehalt mit in die gemeinsame Gefahr entschloß und betete: „Herr, wie Du willst, so schick's mit uns, wenn wir neuen Kämpfen entgegengehen!" Er hatte bald Veranlassung, sich zu überzeugen, daß er das volle Recht dazu gehabt hatte. Am 18. Oktober beim Marsch auf ChLteaudun ritt Schwabe mit dem Divisionsstabe. Gegen Mittag entspann sich der Kampf. Auf den Klang des Geschützfeuers und die Nachricht, das ChLteaudun im Kampfe genommen werden müsse, war Schwabe vorgesprengt, um sich nach etwaigen Verwundeten und nach den Verbandsplätzen zu erkundigen.
In dem Augenblick, als der Oberst Marschall v. Biberstein heranreitet mit der Frage, ob der gegenüberliegende Bahnhof schon genommen sei, hört man eine Chassepot- kugel aufschlagen; lautlos erhebt Schwabe seine Hände bis zur Schulterhöhe und sinkt dann todt vom Pferde. Die Kugel war über dem linken Auge in den Kopfe gedrungen und hinter dem rechten Ohre wieder herausgegangen. Der Eindruck dieses Todes auf Offiziere und Soldaten war erschütternd. Der Gefallene hinterließ die Wittwe und sechs unmündige Kinder. Schon in der Schlacht bei Wörth hatte sein Reitpferd zwei Schußwunden davongetragen, und auch bei Sedan sah man ihn im Bereiche der feindlichen Geschosse seines Amtes warten. Allgemein wurde seine aufopferungsvolle Thätigkeit von Offizieren und Soldaten gerühmt. Am 19. Oktober, Nachmittags 4 Uhr, sollte seine irdische Hülle mit den übrigen Gefallenen der Brigade feierlich bestattet werden, als das Alarmsignal ertönte und die beabsichtigte Feier vereitelte. Seine Leiche mußte daher in unmittelbarer Nähe eines vor ChLteaudun liegenden Gehöftes, wohin sie vorläufig gebracht worden war, der Erde übergeben werden.
— In Leipzig fand gestern unter dem Vorsitz von Seyffert-Krefeld die 15. Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkeit statt. Nachdem der Geh. Regierungsrath Dr. Grünler im Auftrage des sächsischen Staates und Ober-Bürgermeister Dr. Georgi im Austrage der Stadt Leipzig die Versammlung begrüßt hatten, ging man zur Tagesordnung über. Anwesend waren etwa 150Delegirte aus allen größeren Städten Deutschlands und auch aus Wien. Im Auftrage des Staatssekretairs v. Boetticher wünschte Geheimrath Kelch den Verhandlungen besten Fortgang. Frhr. Dr. v. Neitzenstein referirte über die neueren Bestrebungen der Armenpflege, in den für uns wichtigsten Staaten des Auslandes.
— K o n st an t i n o p e l, 25. September. Die Ortschaften Hodeyda, Vilajrt und Jemen wurden von heftigem Wolkenbruch heimgesucht, welcher einen Bergabsturz herbeiführte. Der Bazar, worin sich eine große Menschenmenge geflüchtet, wurde verschüttet, mehrere hundert M e n s ch e n g e t ö d t e t.
— (Papierverbrauch der W e l t.) Nach dem „New-Uork Herald" giebt es aus der ganzen Erde 3985 Papierfabriken mit einer Gesammterzeugung von 7904 Millionen Buch im Jahre. Die Hälfte alles dieses Papiers verbrauchen die Buchdruckereien; 600 Millionen Buch entfallen auf Zeitungen. Wenn man die einzelnen Länder betrachtet, so verbraucht das meiste Papier der Engländer, nämlich 111 /-2 Millionen Buch im Jahresdurchschnitt. Nach ihm kommt der Amerikaner mit 101/.,, der Deutsche mit 8 Millionen, der Franzose mit 71/2 Millionen Buch. In Oesterreich und Italien stellt sich die Durchschnittsziffer auf 3Vt Millionen Buch, und zum Schluß kommen der Mexikaner mit 2 Millionen, der Spanier mit 1 Vi Millionen und der Russe mit l3/8 Millionen Buch.
— (G u t e i n g e f ä d e l t.) Fritzchen: „Papa, ich weiß jetzt schon, was ich dir zu deinem nächsten Geburtstag kaufe!" „Nun, was denn?" „Einen gemalten Pfeifenkopf!" „Ja, ich habe aber doch schon einen sehr schönen!" „Den hab' ich aber g'rad zerbrochen!"