treffend die Kündigung des Nestes der Kurmärkischen Schuldverschreibungen, abgedrnckt im Negierungs-Amts- blatt für 1895, Seite 139, werden Interessenten hier- mit aufmerksam gemacht.
J. I. Nr. 4224. Der Königliche Landrath
Freiherr von S ch l e i u i tz, Geheimer Regierungs-Rath.
Cassel, den 12. Juli 1895.
Der dem diesseitigen Bezirksverbande auf Gruud des
Preußischen Gesetzes vom zur Zwangserziehung überwiesene und von mir in der RettungsAnstalt zu Sannerz in Pflege untergebrachte Andreas Gotthelf Wicke von hier, geboren am 13. Mai 1883, ist am 8. d. Mts. aus der Anstalt durchgebrannt.
Königliches Landrathsamt ersuche ich gauz ergebenft, nach dem Zögling umgehend Nachforschungen gefälligst anstellen, im Betretungsfalle ihn festnehmen und durch eine geeignete Civilperson, welcher ich neben den baaren Auslagen,für Eisenbahnfahrt ein Tagegeld von 3 Mark und bei nöthig -werdender Uebernachtung ein solches von 4 Mark gewähren werde, der Rettungs-Anstalt zu Sannerz wieder zuführen lassen zu wollen.
Von dem Geschehenen bezw. dem Ergebniß der Nachforschungen bitte ich mich hiernächst gefälligst zu benachrichtigen.
Der Landes-Direktor.
An Königliches Landrathsamt Hersfeld. I. II. Nr. 3127.
Hersfeld, den 15. Juli 1895.
Wird den Ortspolizeiverwaltungen und der Königlichen Gendarmerie des Kreifes zur Fahndung nach dem Ent- laufenen mitgetheilt. Im Betretungsfalle ist derselbe der Rettungsanstalt zu Sannerz wieder zuführen zu lasten und mir hierüber Bericht zu erstatten.
I. 4258. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
Gefunden: ein Sack mit Kleie. — Meldung des Eigenthümers bei dem Ortsvorstand zu Petersberg.
Politische Nachrichten.
Berln, 16. Juli.
Se. Majestät der Kaiser ist, wie aus Wisby von gestern Abend telegraphisch gemeldet wird, nach sieben- stündiger Fahrt in bestem Wohlsein vor Wisby vor Anker gegangen. Es herrscht ziemlich starker Wind.
Obwohl in dem Befinden Ihrer Majestät der Kaiserin eine fortdauernde Besserung in der letzten Zeit zu konstatireu und dasselbe -^d ein durchaus zufriedenstellendes zu bezeichnen ist, sind doch über eine Reise Ihrer Majestät nach Saßnitz noch keinerlei feststehende Bestimmungen getroffen. Anders lautende Zeitungsmittheilungen sind hiernach richtig zu stellen.
In einem Rückblick auf die Ereignisse vor 25 Jahren, schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": In die Erinnerung an diese große Zeit wollen wir uns in den nächsten Wochen und Monaten dieses Jubiläumsjahres mit wärmerer Empfindung als je zuvor versenken. Wir wollen den Geist der Vaterlandsliebe, dem wir die Errungenschaften der Jahre 1870 und 71 verdanken, unter uns in gleicher Reinheit und Stärke neuausleben lassen und Denen, die damals auf Frankreichs Boden für Deutschlands Größe und Ehre gesiegt und geblutet haben, durch eine lebendige Erneuerung des Bildes ihrer Thaten unseren Dank abstatten. Daß diesen Gedächtnißerneuerungen Nichts an Wärme und Kraft des preisenden Wortes fehle, sind wir uns selbst und Denen, die wir feiern, schuldig. Ein Zug der Prahlerei, der hoffährtigen Ueberhebung und der Provokation aber wird sich in diese Erinnerungsfeste nicht mischen. Das liegt dem deutschen Volkscharakter fern, und dafür bürgt uns auch die Gewißheit, daß die Gesinnung weiter im deutschen Volke lebt, aus der heraus unser greiser großer Kaiser Wilhelm l., nach schwer errungenem Siege über einen tapferen Feind, Gott allein die Ehre gab. Wir freuest uns mit gerechter Genugthuung dessen, was die deutschen Männer 1870 geleistet haben; wir halten auch die Denk- art stark und das Schwert scharf, mit denen damals die gegen uns gezückte Waffe niedergeschlagen wurde, um, wenn es sein muß, mit gleicher Wucht des Gegenstoßes den Feind vom deutschen Boden abzuwehren. Aber unser aufrichtiger innerer Wunsch bewegt sich nur in der einen Richtung: in Frieden zu bewahren und auszubauen, was 1871 als nothwendiger und durch keine Macht der Welt auf die Dauer zu verhindernder Abschluß der Entwicklung Deutschlands aus einer trüben Vergangenheit der Schwäche und der Zersplitterung heraus gewonnen worden ist. Wir können noch mehr sagen: wir würden einen gegen uns gerichteten Revanchekrieg Frankreichs nicht verstehen; er wäre ein Anachronismus. Es liegt uus bei diesen Worten nichts ferner als die Ansicht, auf Frankreichs Entschließungen mit besonderem Eifer einwirken zu wollen: wir erwarten diese Entscheidung im Gegentheil mit kühler Gelassenheit. Aber man muß blind sein, wenn mau nicht erkennen will, daß wir in eine Phase der Weltgeschichte eingerückt sind, in der die europäischen Staaten mit Kriegen, in denen sie ihre Kräfte gegenseitig zerfleischen, einen unverantwortlichen Luxus treiben und die Zukunft Europas, vor Allem in wirthschaftlicher Hinsicht, freventlich aufs Spiel setzen. Die Aufgaben der Gegenwart für die europäischen Großstaaten, Aufgaben von unermeßlicher Bedeutung für die innere Ent
wicklung aller dieser Staaten und die Sicherung ihrer Bevölkerung vor hochbedenklichen wirthschaftlichen Krisen, liegen auf dem Gebiet der fremden Erdtheile, und das Ziel, hier bei Zeiten einen regelnden und beherrschenden Einfluß zu gewinnen, kann nicht anders erreicht werden, als durch Beiseitestellung des innereuropäischen Haders und einen Zusammenschluß der Kräfte. Das ist die Bahn, in die auch Frankreich eintreten müßte, wenn es nicht eine kurzsichtige Politik des Eigensinns und der Hartnäckigkeit, eine Politik, die nicht diesen Namen verdient, treiben will, und in der es ihm nicht an Gelegenheiten fehlen würde, durch Waffenthaten, die diejenigen Deutschlands in den Schatten zu stellen versuchen, seine Revanche an uns zu nehmen und den vollen Glanz seines kriegerischen Ruhmes zu erneuern.
Die nach Marokko entsandten deutschen Kriegsschiffe sind auf der Rhede von Tanger — an der marokkanischen Küste — angekommen. Sie werden nicht nur Genugthuung für die Ermordung des deutschen Kaufmanns Rockstroh zu fordern, sondern auch die Interessen Hollands wegen des beraubten Schiffes „Anna" zu führen haben.
Der Allgemeine deutsche Handwerker- bund hat an den Kaiser eine Jmmediateingabe gerichtet, in welcher die Lage der Handwerker als eine von Jahr zu Jahr gedrücktere geschildert wird; die alleinige Ursache davon sei die schrankenlose Gewerbefreiheit.
Das Kriegerdenkmal in Apolda wurde am 14. Juli iu Gegenwart des Großherzogs von Sachsen- Weimar enthüllt. Modelliert ist dasselbe vom Bildhauer Lepcke in Berlin.
Der Aufschwung der deutschen Kolonien er- giebt sich aus den statistischen Tabellen über Hamburgs Handel für 1894. Danach ist sowohl die Einfuhr wie Ausfuhr Deutschlands nach und von den Kolonien im Wachsen begriffen.
Der Schiffsverkehr im Kaiser Wilhelm-Kanal gestaltet sich für den Anfang und« namentlich in Berücksichtigung des Umstandes, daß bisher nur Schiffe bis zu 41/? Meter Tiefgang zur Durchfahrt zugelassen wurden, recht befriedigend. Es haben in der Zeit vom 1. bis 8. Juli den Kanal durchfahren: 1. von Holtenau aus: 177 Dampf- und Segelschiffe mit 11 997 Registertonnen Netto, 2. von Brunsbüttel aus: 148 Dampf- und Segelschiffe mit 10 315 Registertonnen Netto, 3. von Rendsburg aus: 191 Dampf- und Segelschiffe mit 5770 Registertonnen Netto, zusammen 516 Dampf- und Segelschiffe mit 28 082 Registertonnen Nettoraumgehalt. Diese Schiffe haben an Kanalabgaben und Schlepplohn entrichtet: zu Holtenau 4603,32 Mk., zu Brunsbüttel 6724 Mk., zu Rendsburg 438,69 Mk., zusammen 11 766,01 Mk. Von der Kanalabgabe befreite Schiffe (Kriegsschiffe ?c.) sind in die vorstehenden Schiffszahlen nicht eingerechnet.
In Rom wurde am 14. Juli der Grundstein für das Denkmal zum Gedächtniß der am 20. September 1870 erfolgten Befreiung Roms gelegt.
Die bulgarifche Abordnung macht sich, da auch Kaiser Nicolaus sie empfangen wird, Hoffnungen, für die Aussöhnung Rußlands mit Bulgarien wirken zu können. Am Grabe Alexanders III. legten die Bulgaren einen Kranz nieder, dessen Schleife die Inschrift trug: „Dem Zarewitsch-Heerführer, dem Zaren-Friedens- stifter. Das ewig dankbare bulgarische Volk." Mitten in diese Versöhnungs-Nachrichten fällt die Meldung von einem Attentat auf Stambulow, bett gestürzten bulgarischen Staatsmann, der stets dem russischen Einfluß entgegen war. Als Stambulow am Montag Abend 8 Uhr sich in Begleitung Petkows auf dem Heimwege vom Unionklub befand, wurde er von vier Personen angegriffen und durch Revolverschüsse und Messerstiche am Kopfe und an beiden Armen schwer verwundet. Beide Arme sind amputirt worden; Stambulow ist bewußtlos, und es ist wenig Hoffnung vorhanden, ihn zu retten. Die Untersuchung wurde die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Am Thatorte wurden ein türkischer Handjar, ein starkes Messer und zwei Revolver vorgefunden. Auf die Angaben des Dieners Stambulows und diejenigen Petkows wurden einige Verhaftungen vorgenommen, doch fehlt bisher jede Spur von den Mördern. Stambulow versuchte vergeblich zu reden. Bei seiner Vernehmung durch den Staatsanwalt sagte der Diener Stambulows aus, daß Stambulow, Petkow und er sich auf der Heimfahrt aus dem Uuionklub befanden, als sie von den Attentätern angegriffen wurden. Man vermuthet, daß der Kutscher des Wagens, in welchem sich Stambulow befand, Mitschuldiger der Attentäter ist; der Kutscher wurde deshalb verhaftet.
Nach M a c e d 0 n i e n gehen trotz der amtlichen bulgarischen Ableugnungen stets neue bulgarische Banden, um den Aufstand zu schüren.
Iu B r a s i l i e n scheint wieder eine Militairver- schwörung bevor zu stehen. Das Zusammenströmen des größeren Theils der Offiziere der Land- wie Seemacht beim Begräbniß des ehemaligen Präsidenten Peixoto soll lediglich zuin Zwecke der Organisierung einer großen Militairverschwörung stattgefunden haben, und die kommandierenden Generale sollen ganz offen ihren Entschluß erklärt haben, die gegenwärtige, aus den letzten allgemeinen Wahlen hervorgegangene Regierung des Präsidenten Moraes zu stürzen.
In Korea ist eine politische Krisis ausgebrochen. Seitdem die Japaner vor den Vorstellungen der europäischen Mächte zurückgewichen find, sträubt man sich in Korea gegen die japanischen Reformen. Der japanische ^Minister Graf Jnouye begab sich sofort nach Korea.
Aus Provinz mih Nchbnrgebiü.
Hersfeld, den 17. Juli 1895.
* Nach § 9 der Vorschriften für die Studirenden vom 1. Oktober 1879 ist der llebertritt von einer Fakultät zu einer anderen nur zu Beginn und am Schluß des Semesters zulässig. Die akademische» Behörden sind angewiesen worden, diese Bestimmung künftighin ausnahmslos zu befolgen, damit nicht die Anrechnungsfähigkeit des Semesters, in welchem der llebertritt erfolgt war, bei der Zulassung zu den Berufs- prüfungen zu Zweifeln Anlaß gebe.
* Der Bestand der deutschen Turnerschaft war, der „Dtsch. Turnerztg." zufolge, am 1. Januar d. I. folgender: Die Zahl der Turnvereine im Bereich der deutschen Turnerschaft (Deutsches Reich und Deutsch-Oesterreich) beträgt 6061 und darüber. Zur deutschen Turnerschaft gehören 5312 Vereine in 4536 Vereinsorten und 246 Gauen. Eingegangen bezw. ausgeschieden sind 71 Vereine; neu begründet 365. Die Gesammtsumme der Vereinsangehörigen über 14 Jahre belauft sich auf 529 925, von denen 270 528 am Turnen theilnehmen, darunter 81 540 Zöglinge. Die Uebungen werden von 27 057 Vorturnern geleitet. Nicht zur deutschen Turnerschaft gehören 749 Vereine. Außerdem bestehen deutsche Turnvereine u. A. in Madrid, Jaffa, Jassy, Brüssel.
* (Erste Hilfe bei H i tz s ch l a g.) Die äußeren Zeichen bei einer Erkrankung an Hitzschlag und Sonnenstich sind brennender Durst, große Mattigkeit, Schwindel, schwacher Pulsschlag und geröthete, trockene Haut.. In solchen Fällen ist die erste Bedingung, daß der Patient an einem möglichst kühlen Orte ruhig hingelegt wird. Die Kleider müssen geöffnet, und es muß dem Ermatteten Wasser gereicht werden. Nach Anwendung dieser Mittel wird der Anfall sehr bald vorübergehen. Läßt man dieselben jedoch unbeachtet, so tritt leicht der Fall ein, daß der Kranke das Bewußtsein verliert. Der Athem geht dann in schnellstem Tempo, während die Bewegungen des Pulses saunt noch fühlbar sind. Nicht lange, und es beginnen Fieber- und Gesichtszuckungen, und nun kann man jeden Augenblick darauf gefaßt sein, daß eine Herz- oder Lungenlähmung dem Leben des Kranken ein Ende macht. Man sei also auf der Hut und wende so rasch als möglich die oben erwähnten Mittel an, falls kein Arzt zur Stelle ist, den man unter allen Umständen zu Rathe ziehen sollte. Ist erst Bewußtlosigkeit eiuge- treten, so können die Folgen die schlimmsten sein.
* (W a n d e r v e r s a m m l u n g der Bienen- Wirthe.) Die 40. Wander - Versammlung deutscher, österreichischer und ungarischer Bienenwirthe wird vom 10. bis 18. August in „Schloß Drachensels" zu Leipzig- Gohlis in Verbindung mit einer bienenwirthschaftlichen Ausstellung und Lotterie unter dem Protektorat des Königs Albert von Sachsen abgehalten werden.
* Hersfeld, 17. Juli. Wie bereits mitgetheilt, hat das Neichsversicherungsamt den land- und forstwirthschastlichen Berussgenossenschasten den Erlaß von Unfallverhütungsvorschriften empfohlen und als Richtschnur dafür einen Entwurf von N 0 r m a l Vorschriften mitgetheilt. Dieser Entwurf bestimmt im Wesentlichen Folgendes: Die B e t r i e b s u u t e r - nehm er sind für die Beobachtung der nachstehend auf geführten Vorschriften verantwortlich. Sie haben dieselben ihren Arbeitern bekannt zu geben und einen Abdruck derselben an zugänglicher Stelle anzubringen. Maschinen, welche nicht im Fahren arbeiten, und Transmissionen mit Motorenbetrieb müssen in jeder nur möglichen Weise derart geschützt sein, daß eine Gefährdung der sie bedienenden Personen ausgeschlossen wird. Alle Maschinen müssen mit Vorrichtungen versehen sein, welche gestatten, die Einwirkung des Motors unverzüglich aufzuheben. Werden mehr als zwei Arbeiter bei einer Maschine beschäftigt, so ist dieselbe der Leitung eines Aufsehers zu unterstellen. Bevor die Maschine in Thätigkeit gesetzt wird, müssen die Arbeiter durch Signal oder Kommando aufmerksam gemacht werden. Der Betriebsraum ist hinreichend zu erhellen. Ein Anf- und Absteigen bei Dreschmaschinen darf währeud des Betriebs an der Seite, an welcher die Einfütterungs- öffnung nicht eingefriedigt ist, nicht erfolgen, In ähnlicher Weise sind Maschinen mit Fuß- oder Handbetrieb zu schützen. Bezüglich des Fuhrwerks, der Thierhaltung uud Geräthe sind Bestimmungen über Bremsvorrichtungen, Beleuchtung, Leitung der Thiere, Verwahrung gefährlicher Instrumente, wie Sensen, Beile, Mistgabel» it. f w, gegeben. Auch die baulichen Einrichtungen müssen die Sicherheit der sie betretenden Personen gewährleisten.
1 Oeffnungen (Bodenluken, Wurslöcher) müssen mit einer ! das Durchfallen möglichst verhütenden Sicherheitsvorrichtung versehen sein, feststehende Treppen müssen mindestens auf einer Seite Geländer oder Handseil aufweisen. Bei Doppelleitern ist Verbindungskette oder eine ähnliche Vorrichtung vorzusehen. Ebenso sind Brunnen, Gräben, Schächte, versenkte Wasserfässer gegen Hineinsturz 311 sichern. In der Forstwirthschaft ist darauf zu achten, daß im Fallbereich der umzuhauenden Bäume Niemandem, außer den bamit beschäftigten Personen, der Aufenthalt gestattet wird. Ueber die Art des Füllens finb im Einzelnen besondere Vorschriften gegeben, namentlich bei abschüssigem Gelände, bei Sprengarbeiten unb bei Frostwetter. Die Wagen für Feld- und Waldbahnen müssen, wenn sie einzeln bewegt werben, Brems- und Hemmvorrichtungen haben. Bei starkem Gefälle ist an- zugeben, wieviel Räderpaare gebremst werden müssen. Aehnliche Bremsvorschriften sind bei Hänge-, Seil-, und