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Der Reichstagsschlust.

Die Pforten des Reichstags haben sich geschlossen. Ohne Bedauern sehen wir die hohe Versammlung nach ü'/^monatiger Tagung auseinandergehen. Mag sie ge­bessert wiederkehren, wenn einige Monate verflossen sind, denn so wie sie jetzt ist, war sie aktionsunfähig und Niemandem zum Nutzen. Diejenigen Parteien, welche auch die augenscheinlichsten Bedürfnisse des Staats- und Volkslebens leugnen, weil sie, wie der Freisinn von der Verneinung leben, oder wie die Sozialdemokratie die bestehende Ordnung der Dinge aushungern wollen, freuen sich, daß der Reichstag nicht über den Stock gesprungen ist, d. h. die Vorlagen der Regierung tapfer abgelehnt und eine Majorität bei keiner einzigen belangreichen Frage zu stande gebracht hat.

Die übrige Welt sieht es theils mit patriotischem Schmerze, wie wenig reges Staatsgefühl in unseren Parteien lebt und wie sehr der Fraktionsgeist und die Juteressenpolitik alles überwuchern, theils beklagt sie es in philosophischem Gleichmuth nicht allzusehr, daß die Gesetzgebnngsmaschine einmal weniger funktioniert hat und unter den vielen Reibungen ein halbes Dutzend Gesetze in derselben stecken geblieben sind. Das, was gesund und tüchtig am Staalskörper ist, lebt eben trotz alledem ungestört fort und wirkt weiter zum Wohle des Volkes und Vaterlandes.

Es ist kein Schade, wenn in unserer Zeit, die so wenig Beruf zur Gesetzgebung hat, auch das Tempo derselben einmal etwas langsamer genommen wird. Ein Reichstag, der nichts zu stande bringt, weil die Parteien nicht zu einer Mehrheitsbildung gelangen und weil die Führer sich damit begnügen, Tage lang Reden zu halten, um ihren Fraktionsstandpunkt der Welt klarzumachen, ist daher noch kein Volksunglück. Zum Parlamentarismus

(Unbefugter Nachdruck verboten.) Rezel.

Eine Dorfgeschichte von 6. von d e r Decken.

(Fortsetzung.)

Auch nicht, wenn sich's trifft, daß Du den Gustel kannst behalten, wo Du hingehst?"

Sie schüttelte den Kopf.

Die Hainbäuerin, vor der Du bist geflohen, ist fort, Nezel"

Entsetzt fuhr das Mädchen zurück.

So kennt Ihr mich." .,

Brauchst keine Angst zu haben, ich geb' Dich nrcht an.

Aber woher mißt Jhr's denn, daß ich's bin.

Er hätte ihr mit den Worten des Großknechts ant­worten mögen, doch er hütete sich wohl dergleichen aus- zusprechen, und meinte nur lächelnd:Nun weil sie Dich unten gesucht haben, Dich und den Gustel.

So suchen sie uns nicht mehr?"

Er mochte ihr nicht sagen, daß sie bei den Meisten als ertrunken galt, und daß man deswegen ^die Nach­forschungen so bald hatte einschlafen lassen. So meinte er nur:Der Hainbauer wohl; von der Bäuerin weiß ich's nicht."

Und gerad' der soll mich nicht finden!" rief das Mädchen, und ihre Augen flammten vor Zorn. ,Vom Gustel darf ich nicht lassen, so lang' als ich leb', und denkt der, ich werd' zu ihm kommen und bei ihm wohnen auf dem Gehöft, daß das Gezischel von den Leuten

gehört nun einmal diese Seite des Ueberwucherns von Redearbeit und Parteipatriotismus. Eine kluge und energische Regierung geht trotz dieser Steine des An­stoßes unentwegt ihren Weg.

Wenn das Volk nicht dieses feste Vertrauen zur Regierung hätte, würden noch viel heftigere Anklagen gegen den nun endlich nach Hause gegangenen Reichstag und gegen die Erwählten der Nation zu hören sein. Letztere haben sich nämlich daran gewöhnt, selbst bei wichtigen Verhandlungen einfach im Reichstage zu fehlen, und halten es nicht einmal der Mühe für werth, daß sie eine Reise nach Berlin machen, selbst dann nicht, wenn es gilt, ein Gesetz durchzubringen, für das doch die eigene Partei eingetreten ist. So fehlten z. B. bei der Berathung über das-Zuckersteuergesetz von 133 Mit­gliedern desBundes der Landmirthe" ungefähr 100, und ähnlich war auch das Verhältniß für die übrigen Parteien bei anderen Verhandlungen. Nicht blos die Aktionsunfähigkeit, sondern auch die Beschlußunfähigkeit war das Kennzeichen des auseinander gegangenen Reichstages.

Die Hauptgegenstände der diesmaligen Tagung, die Umsturzvorlage, die Tabakfabrikatsteuer, die Neichsfinanz- reform sind abgelehnt worden, andere Vorlagen von Be­lang, wie die Justiznovelle, ötteLe« in der Kommission stecken, oder sind, wie der Entwurf über die Abänderung der Gewerbeordnung, nach der Beendigung der Kom­missionsberathungen unerledigt liegen geblieben. Ebenso ging es dem Gesetzentwurf, betreffend die Schutztruppe in Westafrika, dem Börsengeietz, dem Antrag Kanitz, dem Antrag v. Hepl, betreffend die Kündigung des Ver­trages mit Argentinien und vielen anderen. Es ist ungemein viel geredet und mit großer Geschäftigkeiten den Kommissionen gearbeitet worden, aber äußerst wenig ist dabei herausgekommen. Die Justiz Kommission hat unendlich viel Zeit vergeudet, um schließlich ihre Arbeit in der Mitte abzubrechen. Nicht- einmal Die Vorlage in Bezug auf die Entschädigung unschuldig Verurtheilter, nach der alle Welt ruft, konnte durchgebracht werden.

Mit dieser Fruchtlosigkeit der Verhandlungen steht in grellem Gegensatz die Thatsache, daß der Reichstag zum ersten Mal in seinem neuen Prachtgebäude, dem Erinnerungsdenkmal an die große Zeit der Schaffung des deutschen Reiches, getagt hat. Der Einzug in diese Prachträume, durch welche die ReichStagsabgeordneten nicht müde wurden, ihre staunenden Wählr und Be­

wieder von vorn könnt' beginnen? Da kennt der die Rezel schon schlecht!"

Der Bauer konnte ein Lächeln nicht unterdrücken bei diesem Zornesausbruch, doch bald umwölkte sich seine Stirn, und er sah ernst vor sich hin.

Unb Ihr wißt, daß der Hainbauer uns sucht, und habt doch nichts gesagt. Wie gut Ihr doch seid!"

Der innige Blick, der ihn traf, war fast zu viel für sein Zusammennehmen. Er sagte ein wenig unsicher:

Ich konnt' Dich verstehen, wie Dir um's Herz war."

Das lohn' Euch Gott," sagte sie und reichte ihm die Hand. Dann blickte sie um sich; sie waren schon weit hinaufgeschritten, und sie wandte sich znr Umkehr.

Rezel," sagte der Hainbauer, nachdem er eine Weile schweigend neben ihr gegangen,Du hast einmal gemeint, wenn ein Mensch den gefunden hat, den er braucht im Leben, dann könne er ihm nicht wieder ver­loren gehen. Glaubst Du das wirklich?"

Sie sah ihn mit ihren wunderlich schimmernden Augen an und sagte:

Ja, ich glaub's so."

Auch wenn's durch falsches Meinen hindurch gehen muß?"

Auch dann."

Und durch Haffen und stolzes Verwerfen?"

Sie war durch sein leises Fragen so eingesponnen in einen unnennbaren Traum, daß sie nur unbewußt antwortete: ,

Durch alles; sie können nicht wieder von einander.' Wieder gingen sie schweigend, bis ein tiefer Seufzer

kannten umherzuführen, wurde beschimpft durch die Demonstration der Sozialdemokraten, welche glaubten, durch Sitzenbleiben bei dem Hoch auf den Kaiser der monarchischen Staatsform ihre Anerkennung versagen zu müssen. Die Gestaltung der Strafverfolgung gegen den Abgeordneten Liebknecht wurde abgelehnt und mit Mühe und Noth eine nur zum alleräußersten genügende Er­gänzung der Geschäftsordnung durchgebracht.

Dann folgte die dem deutschen Volke wie dem ge- sammten Auslande unverständliche Versagung der Ehrung des Fürsten Bismarck zu seinem 80. Geburtstage, wobei der alte Kulturkampf-Streit wieder künstlich belebt zu werden schien, und endlich setzte allem die Krone auf das Entgegenkommen der sogenannten staatserhaltenden Parteien in der Ablehnung der Umsturzvorlage gegen- ; über den Sozialdemokraten, die nach altem Virchowschen Rezept alsdie guten Revolutionäre" hingestellt und i belobt wurden.

Solch ein Reichstag muß ertragen werden, Gutes kann ihm niemand beim besten Willen nachsagen. Die reichstagSlose Zeit, schreibt dieBerliner Rundschau", ist für den deutschen Patrioten keine schreckliche Zeit, vielmehr sind die Tage des Sommers jetzt noch die ein­zige Frist im Jahre wo wir den Jammer des deutschen Partei- aj»b CUquZ«w-senS einigermaßen vergessen und uns einmal wieder ungestört in die Erinnerung an eine schönere nationale Vergangenheit versenken können. Die Eröffnung des Nordostsee-Kanals, ein Ehrentag des deutschen Volkes, wird uns bei diesem Erinnern kräftig zu Hilfe kommen.

Politische Nachrichten.

Berlin, 26. Mai.

Se. Majestät der Kaiser, Allerhöchstwelcher am Freitag Abend gegen 6 Uhr mittelst Sonderzuges nach her Wilparkstation von Proekelwitz zurückkehrte, wurde daselbst von Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin empfangen und fuhr mit Allerhöchstderselben in offenem Zweispänner nach dem Neuen Palais. Bei dem Diner, welches sodann um 8 Uhr bei den Majestäten zu Ehren ' des Geburtstages Ihrer Majestät der Königin von Groß­britannien und Irland stattfand, brächte der Kaiser den Trinkspruch aus. Am Sonnabend früh um 7'/., Uhr stieg Seine Majestät zu Pferde und unternahm einen

die Brust des Mannes hob und er sagte:

Rezel, wenn nun einer, der Dich braucht, Dich bäte, daß Du zu ihm kommen sollst, wieder hinunter unter die Menschen mit dem Gustel thätest Du es, Rezel?"

Wenn ich ihn lieb hätt'--"

Hast Du mich lieb?"

Die Frage war so leise gesprochen, und der Blick, mit dem das Mädchen sich zu ihm wandte, glitt so rasch über ihn hin in die leuchtende Ferne, daß er nicht wußte, ob sie ihn verstanden hatte.

Er rang nach dem Muthe, ihr zu sagen:Ich bin der Hainbauer, den Du hassest," aber das Wagniß war noch zu groß. Wenigstens heute noch will er damit zn- rückhalten. Indessen durchdringt die Liebe vielleicht tief genug dies eigengeivillte Herz, und der Stoß, den sie noch empfangen muß, kann sie dann nicht mehr ent­wurzeln.

Sie waren wieder bis dicht an die Hütte gekommen. Er reichte ihr die Hand.

Rezel, ich komme wieder. Vergiß unterben nicht, was Du mir gesagt hast!"

Er wandte sich und ging den Weg hinab, den er gekommen Jetzt bedurfte es ja des Vorwandes nicht mehr.

Als er ihr außer Sicht war, breitete Rezel die Arme nach ihm aus

Ich weiß ja, Du brauchst mich, oh und wie sehr ich Dich brauche!"

Sie schlug die Hände vors Gesicht und stand un­beweglich.