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Gratisbeilagen rIllustrirtes Ssnntagsblatt" u.Zllnstrirte landwirthschaftliche Beilage".

Nr. 56.

Dienstag Den 11 Mai

1895.

Amtliches.

Casiel, den 7. Mai 1895.

Wir haben unsere Hauptkasse angewiesen, die von der Jsteinnahme an Einkommen- und Gewerbesteuer mit 2°/0 zu berechnenden Veranlagungskosten an die einzelnen Gemeindekassen durch Vermittelung der Königlichen Kreiskassen zu zahlen.

Die Ortsvorstände sind hiervon zwecks alsbaldiger Abhebung der Beträge in Kenntniß zu setzen.

Königliche Regierung, Abtheilung für direkte Steuern, Domänen'und Forsten.

S ch ö n i a n.

An die sämmtlichen Königlichen Landrathsämter rc. 1.6.1. Nr. 4143. * * *

Hersfeld, den 9. Mai 1895.

Wird den Herren Ortsvorständen des Kreises mit- getheilt. 1 2602. Der Königliche Landrath

Freiherr von S ch l e i n i tz , Geheimer Regierungs-Rath.

Hersfeld, den 8. Mai 1895.

Auf die in Nummer 17 des Regierungs-Amtsblatts für 1895 auf Seite 87 veröffentlichte Bekanntmachung der Königlichen Hauptverwaltung der Staatsschulden vom 10. April d. Js., das Preußische Staatsschuldbuch betreffend, werden die Interessenten hierdurch aufmerksam gemacht.

I. I. Nr. 2567. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.

Bekanntmachung.

Für die Zeit vom 15. Mai bis Ende September wird in Bad Wildungen eine Postanstalt mit Telegraphen- betrieb als Zweigstelle des Kaiserlichen Postamts in Wildungen Stadt unterhalten werden.

Cassel, den 4. Mai 1895.

Der Kaiserliche Ober-Postdirektor. I. V.: S ch r e i n e r.

Nichtamtliches.

Aus dem Reichstag.

Berlin, 11. Mai. Der Reichstag setzte heute die zweite Lesung der Umsturzvorlage beim § 112 fort. Die KommissionSfassung

behandelt gleich der Regierungsvorlage im ersten Absatz des Para­graphen die Aufforderung oder Anreizung von Angehörigen des Heeres oder der Marine oder von Personen des Beurlaubtenstandes oder des Landsturms zum Ungehorsam beziehungsweise zur Nichtbefolgung der Einberufung und giebt dem zweiten Absatz folgenden Wortlaut: Wer in der Absicht, die militärische Zucht und Ordnung zu unter­graben, durch Wort, Schrift, Druck oder Bild gegenüber einem An­gehörigen des aktiven HeereS oder der aktiven Marine oder Einrich­tungen derselben verächtlich macht oder zur Verletzung der auf die Verwendung der bewaffneten Macht in Frieden oder Krieg sich be­ziehenden militärischen Dienstpflichten aussordert oder anreizt, wird mit Gefängniß bis zu drei Jahren bestraft." Der Abg. Haußmann (südd. Volksp.) beantragt dazu, die Wortedas Heer oder die Marine oder Einrichtungen derselben verächtlich macht oder" zu streichen. Die Regierungsvorlage behandelt im zweiten Absatz die Verleitung von Angehörigen des Heeres oder der Marine zur Betheiligung an Um­sturzbestrebungen, und in einem drillen Absatz die Förderung eines be­stimmten, auf den gewaltsamen Umsturz gerichteten Verbrechens. Abg. Haußmann (südd. Volksp.) wünscht die Ablehnung des zweiten AbsatzeS der KommissionSfassung, der die freie Meinungsäußerung über das Heerwesen unterbinde, und stellt seinen Antrag, der den uferlosen Begriff der Verächtlichmachung beseitige, nur eventuell. Preußischer Kriegsminister B r o n s a r t v S ch e l l e n d o r f: Die Sozialdemokratie betrachte die Armee als das festeste Hinderniß für ihre Bestrebungen; deshalb machten ihre Agitatoren den Versuch, an dem Fundament dieses Bollwerks zu bohren. Diesen Bohiversuchen wolle man mit dem § 112 entgegentreten, aber nur in der Fassung der Regierungsvorlage. Abg. B eb e l (sozd.): Der § 112 sei gegen die Sozialdemokratie gemünzt, er verwahre sich aber dagegen, daß in der Sozialdemokratie die Absicht bei gewaltsamen Umsturzes bestehe. Man würde es sreilich in gewissen «reflen gern sehen, w-uu siw die Sozialdemokratie zu Ausschreitungen provoziren ließe, und diese Kreise träfe die Verantwortung, wenn es zum Blutfließen käme. Der Redner verliest eine Anzahl von Citaten aus dem der Kommission vorgelegten Material und ist der Meinung, daß das Material nicht beweiskräftig sei. Preußischer Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff: Der Abg. Bcbel habe auch feine, des Ministers Ausführungen im Wesentlichen als Provokationen bezeichnet; wenn er dann die Bemer­kung gemacht habe, daß die Verantwortung für etwaiges Blutfließen die Provozirenden treffe, so habe diesen Gedanken derVorwärts" viel schöner entwickelt, der in einem Artikel sogar die Provokation enthalte, den Kriegsminister niederzuschießen. Abg. O s a n n (natlib.): Seine Partei sei von Anfang an für die Regierungsvorlage und gegen die KommissionSfassung gewesen, weil diese den Kern der Sache nicht treffe; erst als die Aussichtslosigkeil der Regierungsvorlage unzweifel­haft gewesen, hätten die Vertreter der Partei in der Kommission für die Fassung der letzteren gestimmt; nunmehr, nach der Erklärung des Kriegsministers, werde die Partei für die Regierungsvorlage stimmen. Abg. Spähn (Ctr.): Seine Partei habe keine Veranlassung, gegen die KommissionSfassung, welche die Zustimmung der Regierungs- Vertreter erhalten habe, zu stimmen. Staatssekretär Nieder ding erklärt, die RegierungSvertreter hätten keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie mit der KommissionSfassung nicht einverstanden seien, und daß sie nur unter dem Vorbehalt der Zustimmung deS Kriegsministers an der juristischen Fassung deS Kommissionsvorschlages mitgewirkt hätten. Eine ähnliche Erklärung giebt auch der Generalauditeur Jttenbach ab. Abg. v. K a r d o r f f (Reichsp.) erklärt sich im Namen seiner Partei für die Fassung der RegierungSverlage. Abg. Gras v. Roon (kons.): Die sozialdemokratischen Abgeordneten verwahrten sich immer gegen den Vor wurf, daß sie auf den gewaltsamen Umsturz hin­

arbeiten. Wer stehe aber bafür, daß auch ihre Wähler den gewalt­samen Umsturz nicht wollten? Abg. v. Levetzow (kons.): Seine Partei hätte allenfalls für die Kommission-fassung gestimmt, wenn die Vorlage in einer annehmbaren Form hätte zu Stande gebracht werden können, und wenn der BundeSrath die Fassung gebilligt hätte. Nach der gestrigen Abstimmung und nach der heutigen Erklärung deS Kriegs­ministers sei aber weder das eine noch das andere der Fall, die Partei werde daher für die Regierungsvorlage stimmen. Damit schließt die Diskussion. Bei der nun folgenden Abstimmung, vor welcher bet Abg. Haußmann seinen Antrag zurückgezogen hatte, wurde der 8 112 sowohl nach der KommissionSfassung als auch nach der Regierungsvorlage abgelehnt. Abg. Richter: Nach den Ergebnissen der bisherigen Be­rathungen habe wohl an einer Weitcrberathung der Vorlage Niemand ein Interesse, er beantrage daher, über die folgenden Paragraphen be« Entwurf gleich abzustimmen. Abg. Frhr. v. Manteuffel,kons.) schließt sich diesem Vorschläge an. Nunmehr werben die einzelnen Paragraphen sämmtlich, und zwar sowohl nach der Fassung der Kommission wie nach derjenigen der Regierungsvorlage, ohne Dis­kussion a b g e l e h n t. Die gestellten Abänderungsanträge wurden von den Antragstellern zurückgezogen, mit Ausnahme des Artikels 1 der Vorlage, wie sie aus den Berathungen der Kommission hervorgegangen ist, die Worte:und wird der § 130a (der Kanzelparagraph) aufge­hoben", zu streichen. Dieser Antrag wurde angenommen, die Ein­leitung selbst aber hierauf ebenfalls abgelehnt. Die ganze Vor, läge ist somit abgelehnt. Nächste Sitzung Montag.

Politische Nachrichten.

Berlin, 11. Mai.

Se. Majestät der K a i f e r fuhr heute früh von der Wildparkstation nach Berlin und besichtigte auf dem Tempelhofer Felde die Bataillone des Kaiser Franz- Garde-Grenadierregiments Nr. 2. Kurz nach 3 Uhr gedachte der Kaiser sich nach dem Stettiner Bahnhof zu begeben, um zu einem Pürschgang nach Hohenfinow zu fahren, von dem Allerhöchstderselbe heute Abend nach dem Neuen Palais zurückzukehren beabsichtigt.

Zur Ueberreichung des preußischen Marschallsstabes an Se. Majestät den Kaiser Franz Josef trifft am 15. b. M. eine Deputation unter Führung des Prinzen Albrecht von Preußen, Regenten von Braunschweig, im Auftrage Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm II. in Wien ein.

Das Leichenbegängniß des Generals von P a p e hat am Freitag Nachmittag 4 Uhr in Berlin stattgefunden. Der Kaiser, welcher einen kost­baren, anderthalb Meter im Durchmesser haltenden Kranz am Sarge hatte niederlegen lassen, traf kurz vor 4 Uhr im Trauerhause ein. Der Leichenzug setzte sich eine viertel Stunde später nach dem Jnvalidenfriedhof in Bewegung. Dem Sarge, welcher mit unzähligen Kränzen bedeckt war, folgten die männlichen Familien-

(Unbefugter Nachdruck verboten.)

Rezel.

Eine Dorfgeschichte von E. v o n der Decken.

(Fortsetzung.)

Die gute Wirkung der Kräuterluft hier oben sollte Rezel bald kennen lernen. Sie nahm den Gustel stets mit, wenn sie ausging zu sammeln, und setzte ihn an einem sonnigen Flecke im Knieholze nieder. Eines Tages hatte sie sich von bem Knaben so weit entfernt, daß ihr Zuruf ihn nicht mehr erreichte. Da hatte den Blöden die Angst überkommen, und er war von Staude zil Staude weiter gekrochen. Jetzt rief sie ihm tröstend zu: *

Gleich komm' ich und hole den Gustel. Wart' nur ern wenig noch und fei brav."

In der Freude über den vertrauten Klang strebte der ^nave m die Höhe, um die Rufende zu sehen, und indem er nach höheren Zweigen griff, richtete er sich unversehens

k Rezel so stehen sah, breitete sie ihm ju­belnd bte Arme entgegen.

_ »Pustel, mein Gustel, Du stehst! Jetzt komm zu Deiner Rezel.

Und wieder theilte sich die geheime Kraft des Be­wußten dem Unbewußten mit, und, am Geäst sich hal­tend, taumelte der Knabe, wie ein Kind, das seine ersten Schritte macht, in die geöffneten Arme seiner Pflegerin, die ihn ungestüm liebkoste.

Auch den Knaben hatte die freiere Bewegung ergötzt, und von nun an strebte er täglich von selbst, den Ver­such zu wiederholen, und täglich wurden es der Schritte mehr, die er machte.

Ursel wußte noch mit der Spindel umzugehen, und so überließ sie Rezel den Rocken. Wenn der Tau nicht zu stark war, dann saßen sie unter den Tannen, und wenn's kühl war, drinnen in der Stube und spannen den Flachs für die Bauernfrauen unten int Thäte.

Eines Abends, sie saßen der Kühle wegen drinnen im Stübchen, vergnügte der Gustel sich wieder, seine neuermorbene Gehkunst zu üben, indem er sich an den Zimmergeräthen entlang tastete und unverdrossen die Runde machte in dem engen Raume. Wenn er bei Rezel angekommen war, drückte er allemal seinen Kopf unter stumpfem Lachen in des Mädchens Schooß und ließ sich streicheln. Dann nahm er die Wanderung wieder auf, und freute sich, wenn Rezel ihn dafür lobte.

Ursel," sagte sie,wie nur so ein armes Kind, das doch nichts verschuldet hat, so werden kann? Mir zer- reißt's oft das Herz, wenn ich es sehe. Ich denke manchmal, der Bauer hat sich still dran zu Tode ge­grämt."

Und wenn er es hätte weißt Du es muß alles so sein, um der großen Seele wegen."

Ja, Ursel, das versteh' ich nicht, was Ihr da immer sagt. Ich hab' mein Seele für. mich, unb ein jedes hat's so, und was ihr da von einer Weltseele red't, das

geht mir nicht ein."

Glaub's wohl," meinte die Alte,ich wüßt's auch nicht, wenn mir's der Anton nicht hätt' gesagt und der Vincenz. Aber die haben's mir auch erst gesagt, wie sie sind wiedergekommen."

Wiedergekommen? Von wo?"

Nun, von da, wo sie jetzt sind."

Rezel war das wunderliche Reden der Alten gewöhnt; beinahe war sie selbst schon in diesen Gedankenweg ge­kommen. Die Ursel sprach so viel von Verstorbenen, und mit Lebenden kamen sie nicht zusammen. Da ver­kehrte auch sie in ihren Gedanken am meisten mit ihren Todten. Sie fühlte sich von ihnen umgeben, sprach mit ihnen, und diese kannten all ihr Denken.

So meint Ihr, wir hätten alle zusammen eine Seele?" fragte sie. ,

Nein, Marie-Anne." Ursel verfiel immer mehr in die Gewohnheit, in Rezel deren Mutter zu sehen, und das Mädchen ließ sie gewähren.Nein, so mein' ichs nicht. Aber das, woraus eines jedweden Seele gemacht ist, und nicht bloß die, sondern alles, was lebt, die Erde und die Bäume und die Gräser unb die Kräuter, und alles das ist der große alleinige Wille von dem einen. Und siehst Du, das ist die große Seele, und um der willen muß alles so sein, wie es ist."

Um der' willen! Was Hat's denn der Eine für ne Freud' dran, so ein arm's Menschenkind zu ver- kümmern und so einem Guten, Ehrlichen, wie dem