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Nr. 9. MG Öeit 22, Zwar 18V.
Amtliches.
Caffel, den 7. Januar 1895.
Im laufenden Jahre wird wiederum und zwar voraussichtlich in nur zwei Zeitabschnitten ein Kursus zur Unterweisung von Volksschullehrern im Obstbau im hiesigen pomologischen Garten abgehalten werden.
Euer Hochwohlgeboren ersuchen wir, uns baldigst diejenigen Lehrer des Kreises zu bezeichnen, die zur Theilnahme an'dem Kursus geeignet und bereit sind. Bei der Auswahl derselben ist nicht nur zu berücksichtigen, daß sie Neigung und Verständniß für den Obstbau zeigen und Gelegenheit haben, das Erlernte praktisch zu verwerthen, sondern auch, daß die betreffendenGemeinden ihr Interesse an der Ausbildung des Lehrers dadurch bekunden, daß sie sich von vornherein zu einem demnach st an unsere Hauptkasse einzuzahlenden Kosten - beitrag, dessen Höhe bei dem Personal- vorschlage einzuberichten ist, verpflichten.
Die in Vorschlag kommenden Lehrer sind darauf aufmerksam git machen, daß sie sich im Fall ihrer Einberufung mit einem ArbeitSanzuge zu versehen haben, um im Stande zu sein, ohne Rücksicht auf ihre Bekleidung alle nöthigen gärtnerischen Arbeiten ausführen zu können.
Königliche Regierung,
Abtheilung für Kirchen- und Schulsachen. Fliedner. An die Herren Laudräthe des Regierungsbezirks.
B. Nr. 15388.
* * *
Hersfeld, den 19. Januar 1895.
Wird den Königlichen Herren Lokalschulinspektoren des hiesigen Kreises zur gefälligen Kenntnißnahme und mit deni Ersuchen ergebenst mitgetheilt, den Herren Lehrern den Inhalt der vorstehenden RegierungSver- sügung ebenfalls zur Kenntnißnahme mittheilen und mir sodann diejenigen Herren, welche bereit sind, an dem fraglichen Kursus theilzunehmen, bis zum 1. Februar d. Js. namhaft machen zu wollen, unter Angabe der Höhe der von den betr. Gemeinden bewilligten Beihülfe. 1. 289. Der Königliche Landrath ■
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
Hersfeld, den 17. Januar 1895.
Unter Bezugnahme auf die im Kreisblatt Nr. 130
(Unberechtigter Nachdruck verboten.)
Willenlos.
Kriminalerzählung von Ernst K r o n b e r g.
(Fortsetzung.)
Besonders die Weiber zeichneten sich durch Unbot- mäßigkeit aus. Eine von diesen schnellte plötzlich wider Smiles und hing sich diesem an die Gurgel, mit spitzen Nägeln sich in seinen Hals einkrallend.
Vergebens versuchte der herkulische Mann, die Megäre abzuschütteln; im nächsten Augenblick hatten sich schon Männer und Weiber ihm an die Arme und Filße gehängt, wieder andere hakten seinen Leib umschlungen ; Alle aber vereinigten sich in dem Bestreben, ihn zu Fall zu bringen.
Der ungleiche Kampf war nur von kurzer Dauer; schon nach knapp einer Minute verkündete das laute Gekreisch der Entmenschten den Sieg über den ver- zwerfelt sich wehrenden Herbergsvater, der nun röchelnd auf dem Rücken lag und vergeblich sich abmühte, die auf Brust und Leib ihm knieenden und seine Kehle würgenden Unholde von sich abzuschütteln.
Garnett hatte der Entwicklung des widerwärtigen, gefährlichen Auftritts mit philosophischer Ruhe zuge- ichaut; uistruktiv hatte er die Genossen nach dem erhöhten Stuhle zurückgedrängt. Zugleich halte er sich blitzschnell den Hebeln zugewaudt, welche hinter dem
pro 1894 veröffentlichte Bekanntmachung des Herrn NegierungS-Präsidenten vom 20. Oktober v. Js. bringe ich hierdurch zur Kenntniß, daß sich der Preis des im Kaiserlichen Gesundheitsamte ausgearbeiteten, im Verlage von Julius Springer in Berlin erschienenen „Gesundheitsbüchleins" bei gleichzeitiger Entnahme von mindestens 20 Exemplaren auf 0,80 Mark für ein kartonirtes, und auf 1 Mark für ein in Leinwand gebundenes Exemplar, vorbehaltlich besonderer Vereinbarungen mit der Verlagshandlung beim Bezüge größerer Mengen, ermäßigt.
I. I. 255. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer RegierungS-Rath.
Die Herren Bürgermeister der Landgemeinden werden ersucht, die im Monat Februar d. I. nach den Steuerzetteln anstehenden Steuer-Erhebungstermine in ihren Gemeinden rechtzeitig bekannt machen zu lassen.
Es wird gebeten, die Gebäudesteuerpflichtigen darauf aufmerksam zu machen, daß die im Laufe des Etatsjahres bereits ausbezahlten Steuerzettel zur Erhebung der Gebäudesteuer pro Januar, Februar und März vorgelegt werden müssen. Ferner ist darauf hinzuweisen, daß durch die Neuveranlagung der Gebäudesteuer Aenderungen eingetreten sind und die Erhebung nach den, den Pflichtigen vom Königlichen Katasteramt bereits ^gestellten Benachrichtigungen erfolgt.
Hersfeld am 19. Januar 1895.
Königliche Steuerkasse. Wilkening, Rentmeister.
Nichtamtliches.
Aus dem Reichstag.
Berlin, 18. Januar. In der heutigen Sitzung wurde die erste Lesung der Novelle zurStrasprozehordnung und zum Gericht«vcrfassunq«gesetz fortgesetzt. — Abgeordneter Lenzmann (freis. Bolksp ): Die Vorlage sei von großer politischer Bedeutung, sie sei da- Produkt der äußersten Unzufriedenheit, die sich seit Dezennien gegen die Justizverwaltung geltend gemacht habe. Zwe fillo« sei das Vertrauen zur Rechtspflege, ins- b-sondere zur StrafrechtSpflege, im Volke vielfach gesunken, und daS liege zum großen Theil an den Justitutionen. Man wechsle in der StrafrelbtSpflege zu fdtm daS Richterpersonal, und im Richterstande mache sich leider ein Strebcrlhnm geltend, wenn auch nicht in der Rechtsprechung, so doch in der Behandlung der ganzen Geschäfte. — Preußischer Justizminister S ch ö n st e d t: Er bedauere c« mit dem Vorredner, daß das Ansehen der Justiz in der Bevölkerung gesunken sei, und er werde es sich angelegen sein lass«,, der Justiz wieder zu dem ihr gebührenden Ansehen zu verhelfen. Man dürfe aber nicht
Stuhl an der Wand angebracht waren.
„Nun gill's!" flüsterte er im nächsten Augenblick seinen Genossen zu, zugleich auf die völlig apathisch auf der Estrade zusammengekauert sitzende angebliche Frau BiggS deutend. „Mister Gardener, fassen Sie mit unserm Freund die Dame au, entweder gelingt'S uns, sofort diesem Teufelsloch zu entrinnen — dann ist Eile geboten — oder wir werden wie junge Katzen todtgeschlagen.
Er drückte den einen Eisenhebel nieder, welcher sich neben dem vorhin von Smiles in Bewegung gesetzten befand. Sofort wich die Wand hinter dem Stnhl auseinander und den Blicken der Männer offenbarte sich eine schmale in der Wand angebrachte Wendeltreppe, welche nach oben führte.
„Ich dachte mir’S!" zischte Garnett befriedigt. „Voran — ich decke die Flucht 1"
Unwillkürlich gehorchten sowohl der Portier, als auch Frank dem Befehl des Delective's ohne weiteres; sie faßten das unglückliche Mädchen bei der Hand und dieses ließ sich widerstrebungslos von ihnen fortziehen. Im nächsten Augenblick zwängten sich schon die beiden mit ihrem Schützling durch die im Mauerwerk entstandene Oeffnung und gleich darauf folgte ihnen auch der Detective. Es geschah dies im selben Augenblicke, als von allen Seiten her die wuthschnaubenden Verbrecher wider den zu Fall gekommenen Herbergsvater losstürzten.
Niemand hatte die Flacht der Männer bei dem allge
vergessen, daß sich die Justiz in weit mehr exponirter Stellung befinde, als andere VerwaltmigSMige, ihre Fehler gelangten mehr in die Oeffentlichkeit als diejenigen anderer Verwaltungen; man solle demnach über die Justiz wohlwollender urtheilen und nicht gleich jeden Fehler aufbauschen. Mit der Vorlage, die er, der Redner, bei seinem Amtsantritt bereits fertig vorgefunden, könne er sich nicht in allen Punkten identifiziren; die Vorlage sei nicht unabänderlich und möge in der Kommission eingehend geprüft werden. — Abgeordneter von Buchka (fonf.): Die Klagen gegen die Strafprozeßordnung seien so alt wie daS Gesetz selbst, allein die Klagen hätten keinen politischen Hintergrund, sondern seien auS dem Wunsche nach einer zweck« mäßigen Regelung der Rechtsprechung zu erklären. Der Redner erklärte sich insbesondere wider die Einführung der Berufung gegen die Urtheile der Strafkammern, da diese Neuerung dem praktischen Bedürfnisse und dem Prinzip der Mündlichkeit des Verfahrens nicht entspreche. — Abgeordneter Schröder (stets. Verein.) sprach sich ebenfalls abweichend von seinen Parteifreunden, gegen die Einführung der Berufung auS, zumal die in der Vorlage vorgesehenen Bestimmungen nur ein Nothbebelf seien und für den Angeschuldigten eine erhebliche Einbuße der RechtSgaranticen bringen würden. Der Strafprozeß sei ein Organismus, dem man nicht beliebig ein neues Glied hinzufügen könne. Wollte man da« durch die Einführung der Berufung, dann müßte der ganze Strafprozeß anders gestaltet werden. — Nächste Sitzung Sonnabend 1 Uhr: Fortsetzung bet ersten Lesung der Strafprozeßnovelle und erste Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Pnvatv-rhältnisse der Binnenschifffahrt.
Berlin, 19. Januar. Heute kam die erste Lesung der Novelle zur Straiprozeßordnng und zum GerichtsversasstliigSgcsetz zum Ab« schluß. Der Abgeordnete, Freiherr von Gültlingen (ReichSP.) begrüßte insbesondere die Einführung der Entschädigung unschuldig Vcrurtheilter mit Freuden. In seiner würiicmbrrgischen Heimath wäre die Entschädigung schon im Jahre 1868 eingeführt worden, und man habe eS dort sehr ungern gesehen, daß diese gesetzliche Einrichtung durch die Strafprozeßordnung aufgehoben wurde; die Entschädigung sei indessen auS freien Stücken auch in der Folgezeit gewährt worden. Abgeordneter Grillenberger (Soziald.^: Die Klagen gegen die Strafprozeßordnung seien sehr alt, die Vorlaize sei nur ourch diese Klagen hervorgerufen worden. Ein solches Entgegenkommen der Regierung sei ungewöhnlich, aber et» freulich. Die Berufung gegen die Urtheile der Strafkammern sei indessen leider mit allzuviel Formelbeiwerk belastet, und ein reaktionärer Grundzug zeige sich bei dem Entwurf nicht blos in der Erschwerung der Berufung, sondern auch in anderen Einzelheiten. Wcnn die Vorlage nicht dieser bedenklichen Bestimmungen entkleidet werde, könne die sozialdemokratische Fraktion nicht dafür stimmen. Abgeordneter Werner (disch. soz. Reformp.) spricht sich insbesondere für eine Herabsetzung der Gcrichtskostcn aus. An deutschen Gerichten müßte nur von deutschen Richtern deutsche« Recht gesprochen werden. Abgeordneter Freiherr von Buol-Berenberg (Centrum) hält die Berufung in der vorgeschlagenen Form nicht für annehmbar, denn sie würde nur auf Kosten deS Vorverfahren« gewährt werden. Ab- geoidnetcr v. Marquardsen (nationalliberal) erklärt sich gleichfalls gegen die Berufung. Die meisten Freunde der Berufung seien nur darin einig, daß sie diese« Rechtsmittel wollen, aber wenn eS sich darum handle, m welcher Weise die Berufung eingeführt werden soll gingen ihre Meinungen auseinander. Abgeordneter Lerno (Centrum) wünscht die Berufung, aber nur ohne Einschränkung der RechtS- garantien. Abgeordneter Hilpert ^bahr. Bauernbund) will bei dem Bagatellverfahren statt des Eide« den Handschlag eingeführt wissen.
meinen Durcheinander wahrgenommen. Diese strebten nun, so rasch sie vermochten, durch die Dunkelheit die Stufen empor.
„Dacht' ich mir’S doch!" flüsterte nun Garnett wieder, während er geschickt an den klebrigen vorüber- glitt, um nunmehr die Führung zu gewinnen: „Vorsicht, Ihr Herren — ein Stoßgebet zum Herrgott, dann sind wir in einer Minute frei 1"
„Die Treppe hat hier ein Ende!" murmelte Frank, der mit dem Kopfe oben an der Decke angestoßen war.
Im selben Augenblick flammte ein Streichholz auf; Der Detective hatte es entzündet. Hastig leuchtete er nun bei dem unsicheren Licht der Flamme das rissige Mauerwerk ab.
„Richtig, da ist der Hebel!" sagte er gleich daraus befriedigt. ' „Es handelt sich um eine ganz gewöhnliche Geheimtreppe — und da — da —"
Im selben Augenblick that sich die Wand auf.
Zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen sah Frank plötzlich zum sternenflimmernden Nachthimmel empor und athmete die ihm köstlich anmuthende frische Luft ein; im selben Augenblick aber war es auch schon mit seiner Kraft zu Ende. Wie ein Schleier legte es sich vor seine Augen. Nur noch wie im Traume sah er Polizisten vor sich auftauchen, blickte er in hellbrenuende Laternen — dann siel er mit einem tiefen Seufzer bewußtlos hintenüber.