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Hersfelber Kleisblatt
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Muftrirtes Sonntagsblatt"
Nr. 127
Dienstag den 30. Oktober
1894
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Amtliches
Hersfeld, den 26. Oktober 1894.
Den Herren Bürgermeistern der Stadt- und Landgemeinden des hiesigen Kreises theile ich hierdurch mit, daß sich die Kosten f ü r e i n e n Centner Mais, welcher im vorigen Jahre behufs Linderung der in Folge anhaltender Dürre eingetretenen Fulternoth auf Kosten des Kreises beschafft und an viehhaltende Einwohner der Gemeinden abgegeben worden ist, auf 6 M. 52 ^fg. und für einen Centner Sesamkuchen, welche zu demselben Zwecke beschafft und vertheilt sind, auf 7 M. 05 ^fg. belaufen.
Obgleich dU Kreistag in seiner Sitzung am
12. Juli 1893 beschlossen hat, die betreffenden t Beträge bis zum 1. Januar 1895 unverzinslich [ zu stunden, so glaube ich doch, die Höhe dieses
Einheitspreises schon jetzt mittheilen zu : müssen, damit die Herren Bürgermeister, welche v die Untervertheilung der Futtermittel bewirkt
haben und welche somit wissen, welches Quantum sie empfangen haben, in die Lage versetzt werden, ihren Gemeindekassen die bezüglichen Erhebelisten, welche selbstverständlich auch von dem Gemeinderath vorher unterschriftlich mitzuvollziehen sind, behufs Einziehung der Beträge von den einzelnen Zahlungspflichtigen und Ablieferung der Gesammt- Beträge an die Kreiskommunalkasse dahierrecht- zeitig zu übergeben.
Hierbei bemerke ich, daß diejenigen Gemeinden rc., welche hierzu im Stande sind, die von ihnen zu leistenden Zahlungen schon früher bei der Kreiskommunalkasse dahier bewirken können.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
Freiherr von Schleinitz, Königlicher Landrath, Geheimer Regierungs-Rath. I. A. Nr. 2724.
Hersfeld, den 26. Oktober 1894.
Diejenigen Herrn Bürgermeister des Kreises Hersfeld, welche nach der Verfügung vom 16. Oktober 1883 Nr. 13016 (Kreisblatt Nr. 112) noch mit Einreichung der Nachweisung der um Wandergewerbescheine für das Jahr 1895 nachsuchenden Personen im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 10. November b. Js. erinnert.
I. III. Nr. 2996. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz, Geheimer Regierungs-Rath.
Politische Nachrichten
Berlin, 27. Oktober.
Heute Vormittag unternahm Se. Majestät der I Reichskanzleramt eine schwere, in unerschütterlicher Kaiser einen längeren Spazierritt und hörte von | Pflichttreue und Hingebung an seinen kaiserlichen
9 Uhr ab die Vorträge des Chefs des Generalstabes und des Chefs des Militairkabinets. Um 10 Uhr begab sich der Kaiser nach dem Bahnhöfe Wildpark, um den daselbst ankommenden Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürsten Hohenlohe, zu empfangen und kehrte mit demselben alsdann nach dem Neuen Palais zurück.
Der Reichskanzler Gras v. Caprivi hatte am Dienstag früh sein Entlaffungsgesuch eingereicht. Dasselbe ist gestern Nachmittag in der Audienz, welche der Kanzler um 2 Uhr hatte, von Sr. Majestät dem Kaiser angenommen.
Von zuverlässiger Seite wird dem „W. T. B." bestätigt, daß das Entlassungsgesuch be? Grafen zu Eulenburg sowohl als Ministerpräsident wie als Minister des Innern in huldvollster Weise angenommen worden ist.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Auslassungen der meisten Berliner Morgenblätter spiegeln die Ueberraschung wieder, welche die Nachricht von dem Entlassungsgesuch des Grafen Caprivi und der Genehmigung dieses Gesuchs in weiten Kreisen hervorgerufen hat. In diesen Auslassungen werden die Vorgänge der letzten Tage noch einmal durchgesprochen; es wird hervorgehoben, daß auch die Minister der Bundesstaaten mit seltener Einmüthigkeit sich auf die Seite des Grafen Caprivi in der Frage der Wege, die bei der Bekämpfung der Umsturzbewegung einzu- schlagen wären, gestellt hätten, und es werden allerhand Muthmaßungen zur Erklärung des gleichwohl eingetretenen Ereignisses vorgetragen. Wir sehen keinen Nutzen davon, diese Kombinationen zu wiederholen und uns mit Dingen zu beschäftigen, über die uns Zuverlässiges nicht
bekannt ist. Daß für den Grafen Caprivi das
I Erinnerung.
Eine Erzählung von
E. von der Decken.
(Fortsetzung.)
Trotzdem Thilo äußerlich wieder ganz wohl erschien und auch über nichts klagte, bennruhigte den Doktor doch sein verändertes Aussehen, aber er wies allen ärztlichen Rath scherzend ab.
„Mir fehlt nichts, Doktor, Sie sehen es ja. Ich esse, trinke, schlafe, — was wollen Sie noch mehr? — Jünger wird man natürlich nicht, mit den vorrückenden Jahren."
Aber Doktor Vogt gab sich damit nicht zufrieden, und Thilo willigte endlich darin, sich von dem alten Freunde untersuchen zu lassen. Der erschrak über das Ergebniß der Untersuchung, das ihm einen schweren Herzfehler zeigte, der in seiner Entwickelung schon ziemlich weit vorgeschritten war. Nicht so Thilo.
„Das hab' ich längst gefühlt, Doktor," gab er kachelnd znr Antwort, Halbem ihm der Freund, der ihn zu größerer Schonung bewegen wollte, ziemlich unverhüllt die Wahrheit sagte. „Nun ängstigen Sie mir meine Veronika nicht. — Was rann ich daran ändern, daß mein Herz zu groß geworden ist für dieses Leben, — es hat eben zu kehr geliebt," sagte er, indem ein Schatten über seme freundlichen Züge glitt.
Die wenigen Rathschläge, die der Doktor ihm geben konnte, befolgte er mit ziemlicher Gewissenhaftigkeit, aber das Uebel machte rasche Fortschritte. Die blauen Adern an den Schläfen traten immer deutlicher hervor und sein Athem wurde oft unregelmäßig und, mühsam. Es war nicht zu vermeiden, daß Veronika den Stand der Dinge erfuhr. Doktor Vogt sagte es ihr möglichst schonend, und Thilo wußte seine Frau zu täuschen, indem er vor ihr die Sache leicht nahm. Den Kanzleiposten aufzugeben, war er nicht zu bewegen, obwohl Doktor Vogt ihm immer wieder vorstellte, wie schädlich ihm die vornübergebeugt« Schreibhaltung sei.
„Ich würde nur Grillen fangen, und das wäre noch schlimmer," meinte er.
Die kleine Familie war wie gewöhnlich in der Dämmerstunde im Wohnzimmer vereint. Arthur, ein vergnügter Schlingel von sechs Jahren, hatte sich müde getollt, und war nun a#f des Vaters Knie gekrochen, wo er an ihn geschmiegt ganz still saß und schlafbefangen der Unterhaltung der Eltern zuhörte.
„Ich bin doch froh," sagte Thilo plötzlich,
„daß ich euch erst noch hier so gut habe."
„Erst noch? Was hast Du vor?" ronika erstaunt.
Thilo erschrak im ersten Augenblick Aeußerung. Dann sagte er:
eingerichtet
fragte Ve-
über seine
„Du bist mein tapferes Weib, Veronika. Warum soll es Dich unvorbereitet treffen? Aber fürchte Dich nicht, es kann jetzt, es kann aber auch viel später kommen."
Er nahm ihre Hand und legte sie auf sein Herz, das in unregelmäßigen Schlägen gewaltig arbeitete. ,
„Siehst Du, hier sitzt es, und von hier aus wird es einmal kommen, unversehens vielleicht, aber wie gesagt, fürchte Dich nicht, es kann noch lange dauern."
Veronika antwortete nicht, sie preßte nur ihre frei gebliebene Hand auf das eigene Herz.
Thilo nahm die kleine Hand, die die kranken Schläge seines Herzens gefühlt hatte und küßte sie zärtlich.
„Wenn es auch kommt, Veronika, wisse, daß Du der Segen meines Lebens gewesen bist. Ich weiß, Du hast mehr gelitten, als Du mir hast sagen können, aber ich habe Dich auch mehr geliebt, als ich Dir habe sagen können."
Friederike kam und stellte die dampfende Theekanne auf den Tisch, dann wollte sie Arthur nehmen und zu Bett bringen. Der Knabe war eingeschlafen.
„Laß ihn mir noch ein bischen, Friederike," sagte Thilo. „Du kannst ihn später immer noch hätscheln."
„Aber der gnädige Herr müssen jetzt zu Abend essen," sagte Friederike.