Ihl^riitt n'ödicnlliib bici Mal ricBstin, Totiitcrflan und Soiumb. nb. ?(bonticnicii tfpreis uiitteljübilid) 1 Ntait 40 Psg. exel.
Poslausschl.ig.
Die Jusertion^qkbühren betragen für den Raun, einer Sbaltzeile 10 Psg., im amtlichen Theile 15 Pfg. Reklamen die Zeile 20 Pfg, Bei größeren Austragen entsprechender Rabatt.
Herssel-kl Kreisblitt.
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Jllnstrirtes Sonntagsblatt".
Ur. ^0. Dienstag den 19. Juni
1894.
Amtliches.
Hersfeld, den 9. Juni 1894.
Das diesjährige Ober-Ersatz-Geschäft für den hiesigen Kreis findet am
Sonnabend den 30. Juni d. I. und
Montag den 2. Juli d. I., jedesmal von Morgens präcis 7 Uhr an, im hiesigen städtischen Rath hause statt.
Die Herren Ortsvorstände der Stadt- und Landgemeinden, einschließlich der Herren Guts- vorsteher, des hiesigen Kreises werden angewiesen, die ihnen in Kürze zugehenden Vorladungen an die betreffenden Militairpflichtigen denselben alsbald anSzuhändigen. Gleichzeitig erhalten sie den Auftrag, mit den Militairpflichtigen in den besagten Terminen pünktlich zu erscheinen; den Letzteren auch zu eröffnen, daß diejenigen, welche bei Ausrufung ihrer Namen im Musterungslokale nicht anwesend sind, oder überhaupt ohne genügende Entschuldigung fehlen, neben einer Geldstrafe bis zu 30 Mk. oder Haft bis zu 3 Tagen die im § 26 bezwse. 66 der Wehrordnung bezeichneten Verluste sowie nach Lage der Sache die sofortige Einstellung als unsichere Heerespflichtige zu gewärtigen haben.
Beim Ober-Ersatz-Geschäft werden sämmtliche in Betracht kommende Reklamationen der Ober- Ersatz-Commission zur Entscheidung vorgelegt, weshalb a l l e F a m i l i e n g l i e d e r, auf deren Arbeits- oder NichtarbeitS- fähigkcit es bei Beurtheilung der Reklamation an kommt, (also auch die etwaigen jüngeren oder alteren Brüder des Neklamirten) im Termine mit zu erscheinen haben, widrigenfalls e i u e Be rü ck s i ch t i g u n g d e rbetreffen-
(Nachdruck verboten.)
In dev p^ftmeiftercL
Vaterländische Erzählung von
3 o e von R e u ß.
(Fortsetzung.)
„StanislunS---Bist Du'S wirklich Saufet?" schreit Muthe! hocherschrocken auf, die in dem Ankömmling den um Michaeliszeit verschwundenen, schnurrbärtigen Polen, den Postknecht Stanislaus JanjarSki, erkennt.
„Pst, pst, schrei nicht so, die Pistolen des andern sind geladen! Was machst, Mädel, hast einen Kuß übrig?"
„Fort!" ruft Muthel und reißt den Holzpau- tosfel von dem Fuße, um ihn als kräftige Waffe zu gebrauchen.
Der Betrunkene taumelt erschrocken rückwärts, aber ohne zn fallen.
„Bist Du mit dem Schlitten gekommen?"
„Auf der — Pritsche! Aber — ich kriege viel Gold!" lullt der Pole.
«Wo kommst Du her?"
„Von, uns .... aus dem Kriege," sagt Saufet geheimnißvoll. „Aber ich darf nichts verrathen. Die Pistolen"--
„Mußt Du weiter? — Warum?"
„Weil ich das ganze Land kenne, auch wenn
d e n R e k l a in a t i o n e n ni ch t st a t t f i n d e n kann.
Besonders wird noch darauf aufmerksam gemacht, daß bei den zur Vorstellung kommenden Leuten, welche behaupten an Epilepsie zn leiden, die im § 65 6 der Wehrordnung vorgeschriebenen 3 Zeugen zur Stelle sind und daß die Zeugen mit dem Vor- zustellenden weder verwandt noch sonstige Familienangehörige sein dürfen; auch müssen die Zeugen über die in letzterer Zeit vorge - kommenen Anfälle orientirt sein. Wenn ärztliche Atteste zur Vorlage kommen, so müssen sich diese ebenfalls über neuere Anfälle aussprechen und von einem beamteten Arzte ausgestellt sein.
Die Herren Ortsvorstände haben das Vorstehende in ihren Gemeinden wiederholt veröffentlichen und namentlich zur Kenntniß- der betreffenden Militairpflichtigen und deren Angehörigen bringen zu lassen, auch haben sie den Militairpflichtigen noch besonders einzuschärfen, daß sie mit vollständig reinem Körper und reiner Wäsche zu erscheinen haben.
Sodann sind dieselben noch anzuweisen, die in ihren Händen befindlichen Loosungs - scheine m i t z u r S t e l l e z u bringen, da anderenfalles der Betrag von 50 Pfg. für die Ausstellung eines Duplikat - Scheines gezahlt werden müßte.
I. II. Nr. 1873. Der königliche Landrath Freiherr von S ch l e i n i tz, Geheimer Regierungs-Rath.
Politische Nachlichtcu.
Berlin, 17. Juni.
Gestern früh unternahmen Ihre Majestäten der K a i s e r und die K a i s e r i n einen Spazierritt
die Wege verschneit sind! Wo ist das gnädige Fräulein? ... Es — läßt sich keiner sehen —"
„Was willst Du mit dem Fräulein?" frug Muthel plötzlich interessirt.
„Ich habe einen Brief!"
„An — das gnädige Fräulein? Von, von wem ist er?"
„Von dem jungen gnädigen Herrn," berichtet Saufet, indem er ein Papier aus der Brusttusche hervorholt.
„Von — Friedrich? Wo ist er denn? Lebt er denn?"
„Draußen — auch im Kriege! . . . Vielleicht kommt er auch noch mit dem Leben durch" . . .
In diesem Augenblicke erhob sich draußen verschiedenartiges Geräusch. Trotzdem der Schnee die Tritte dämpft, erkennt man, daß der Pferdewechsel vollzogen und alles zur Abreise fertig gemacht ist. Stanislaus eilt hinaus, so schnell, als ihm seine mächtigen Pelzstiefel und seine Betrunkenheit erlauben, um seinen kalten Aufenthalt auf der Pritsche wieder einzunehmen.
Hub pfeilschnell, wie er gekommen ist, gleitet der Schlitten wieder zum Hofthor hinaus — gerade als der herbeigerufeue Bürgermeister durch eine Seitenpforte die Postmeisterei betritt.
XVI.
Von den überflüssigen Wagenschuppcu der
in der Umgebung des Neuen Palais. Von demselben znrückgekehrt, nahm Se. Majestät die Vor- träge des Chefs des Generalstabes und des Chefs des Militairkabinets entgegen. Um 10's., Uhr begab Allerhöchstderselbe sich zu Pferde nach dem Lustgarten des Potsdamer Stadtschloffes zur 150jährigen Jubiläumsfeier des Garde-Jägerbataillons, welches daselbst Paradeaufstellung genommen hatte. Anschließend an die Parade nahm Se. Majestät militairische Meldungen entgegen und stattete dann dem sog. „langen Stall" einen Bejuch ab, woselbst die Speisung der Mannschaften des Garde-Jägerbataillons und der ehemaligen Gardejäger als deren Gäste stattfand.
Se. Majestät der Kaiser besichtigte am Freitag Nachmittag im Kastanienwäldchen beim Neuen Palais in Potsdam die Verstärkung der S ch u tz t r u p p e für Deutsch-Süd- w e st a f r i k a und hielt bei dieser Gelegenheit an die Mannschaften eine Ansprache, in der er, den Blättern zufolge, ausführte: „Die Schutz- truppe solle nicht vergessen, daß sie dem Deutschen Reiche ungehörig sei, der Kaiser wünsche ihr Glück im fernen Lande, wo sie den Deutschen Ehre zu machen hätte. Sie solle auch nicht vergessen, daß die Leute, die sie dort träfen und die eine andere Hautfarbe hätten, auch ein Herz besitzen, das ebenfalls Ehrgefühl anfweise. Diese Leute solle die Schutztruppe mit Milde behandeln." Hauptmann v. Estorf brächte hiernach ein Hoch auf den Kaiser aus und die Schutztruppe nahm in einem Parademarsch in Sektionen von dem allerhöchsten Kriegsherrn Abschied. Bereits am Freitag Abend fuhr die Truppe nach Hamburg ab, wo sie sofort eingeschifft wurde.
Der Justizausschuß des Bundesraths, welcher den Gesetzentwurf über Aenderungen und Ergänzungen des Gerichtsverfassungs- g e s e tz e s und der S t r a f p r o z e ß o r d -
Postmeisterei, in welchem Muthel und ihrer blinden Mutter eine Wohnung eingeräumt worden, war mit Eintritt der kalten Jahreszeit ein Theil abgetrennt und zur Stube hergerichtet worden. Dorthin lenkte die leidenschaftlich erregte Muthel ihre Schritte, nachdem der Schlitten des Kaisers Napoleon die Postmeisterei verlassen hatte.
„Was ist Dir, Mädel?" frug die Blinde aus ihrer warmen Ecke heraus, als Muthel laut und stürmisch die notdürftig zusammengezimmerte Thür der Wohnung aufriß und hastig und klappernd eintrat.
„Du trittst auf wie ein Mannskerl!"
Muthel antwortete nicht, sondern griff nach dem Feuerzeuge und pinkle Licht an.
„Warum das Licht? frug die Blinde wieder, die das Pink, pink vernommen hatte. „Das Oel ist theuer und ich muß auch im Ofenloche üben!"
„Konntest Du Geschriebenes lesen, Mutter?" frug Muthel, ohne sich stören zu lassen, „damals, als Deine Augen noch hell waren?"
„Freilich, Mädel, ein bisset!" sagte die Alte mit Selbstbewußtsein. „Wie ich auf dem Schlöffe war als Kammerjungfer, hab' ich's abgelernt, so schwer es ist."
„Ich kann'« nur schlecht," sprach Muthel und hielt ihren Brief an das qualmende Licht und versuchte die Ausschrift des schmutzigen, mit Wachs verklebten Papiers zu entziffern. „Aber