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Ur. 29.
Sonnabend den 10. Mär;
1894.
Politische Nachrichten.
Berlin, 9. März.
Am Donnerstag früh unternahm Se. Majestät der K a i s e r die gewohnte Ausfahrt nach dem Thiergarten, sowie eine Promenade daselbst und fuhr auf bem Rückweg beim Reichskanzler vor, um dessen Vortrag entgegenzunehmen. Nach dem königl. Schlosse zurückgekehrt, hörte Se. Majestät die Vorfrage des Kriegsministers und des Chefs des Militairkabiuets. Um 1 Uhr empfing Se. Majestät den Generaladjutanten General der Artillerie Fürsten Radziwill, welcher im Allerhöchsten Auftrage sich zu den Beisetzungsfeierlichkeiten für die verstorbene Prinzessin Jda zu Schaumburg-Lippe nach Bückeburg begiebt.
Die Heranziehung des Reiches zu K o m m u n a l a b g a b e u im Interesse solcher Gemeinden, in deren Gebiet größere reichsfiskalische Etablissements bestehen, wurde bekanntlich durch Petitionen solcher Gemeinden wiederholt in Anregung gebracht. Ein zum Zwecke der Abstellung in dieser Beziehung hervorgetretener Mißstände bestimmter Gesetzentwurf ist ausgearbeitet und finden zur Zeit Berathungen zwischen den be- theiligten Ressorts über denselben statt.
Entsprechend einer vom Finanzminister bei der Generaldebatte zum Etat gegebenen Anregung hat die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses eine gründliche Untersuchung und Klarstellung der gesammten Finanzverhältnisse beschlossen. Man kann — so meinen die „B. P. N." — diesen Beschluß nur mit Genugthuung begrüßen. Denn durch diese Darlegung werde an der Hand zweifelsfreien amtlichen Materials der Sachver- Halt und die Grundlagen der heutigen Unzulänglichkeit der Einnahmen zur Deckung der Ausgaben klargelegt werden, und ohne Frage die Thatsache, daß ohne erhebliche Einnahmevermehrnug das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben dauernd nicht aufrecht zu erhalten sei, zweifelsfrei nachgewiesen werden.
Die R e i ch s t a g s k o m m i s s i o n f ü r d e n Handelsvertrag mit Rußland hat in ihrer gestrigen Sitzung den ganzen Vertrag mit 16 gegen 12 Stimmen angenommen.
In der B u d g e t k o m m i s s i o n des Reichstages wurde der Etat der Eisenbahn- verwaltung erledigt. Bei den Ausgaben blieben die Ansätze der Regierung durchweg unverändert. Dagegen wurden die E i n n a h in e n nach dem Anträge des Abg. Richterum 3 MUli- onen Mark höher veranschlagt, und zwar 500 000 Mark mehr aus dem Personen- und Gepäckverkehr, nämlich auf 13 974 000 Mk. und 2'/, Millionen Mark mehr aus dem Güterverkehr, nämlich aus 44 828 000 Mk.
Dem Reichsschatzamt sind mittelst anonymer Zuschrift de dato Berlin 8. Februar 1894 für die Reichskasse 140 Mk. zugesandt worden, welche laut Angabe des Einsenders aus zu Unrecht erhobenem Stallservis und Rationsgelde, sowie aus hinterzogenen Zollgefällen herstammen. Der Einsender hat sich zu diesem Schritte vermuthlich durch sein Gewissen gedrängt gefühlt. Der Betrag wird der geschädigten Reichskasse wieder zu- gesührt werden.
Mit Rücksicht auf die Umgestaltung deS Ver-
waltungs - Organismus der preußischen Eisenbahn-Verwaltung ist jetzt festgestellt worden, wie viel Ober- und Sub- a l t e r n b e a m t e bei Reduzirung des Beamten- personals disponibel werden. Die ermittelte Anzahl belauft sich auf 800 bis 900 Ober- und 1200 bis 1300 Büreaubeamte. Auf jeden Direktion-bezirk entfallen hiervon durchschnittlich 73 bis 81 Ober- und 110 bis 118 Subaltern- beamte oder auf jeden Betriebsamtsbezirk 11 bis 12 Ober- und 16 bis 17 Subalternbeamte. Eine weitere Neuerung bringt die Umwandlung auch insofern mit sich, als die Titel Eisenbahn- und Betriebs-Sekretäre in Wegfall kommen und dafür die Bezeichnung Bahn-Sekretäre und Assistenten eingeführt wird. Die gegenwärtig als Betriebs- Sekretäre angestellten Beamten würden dann unter Belassung ihres jetzigen Titels zum Theil in Assistentenstellen arbeiten. In dem Etat für 1895/96 werden die Gehälter schon der neuen Amtsbezeichnung entsprechend eingestellt.
Der Gouverneur Z ^ lerer telegraphier aus Kamerun vom 6. d. M.: Rest der Dahomeer, 20 Mann mit Gewehren und Munition, hat sich mir freiwillig gestellt.
Die französische Polizei geht mit uner- müdeten Eifer gegen die Anarchisten vor. Gestern wurden in einem Pariser Lokale 17 Anarchisten verhaftet, unter ihnen einer nach heftigem Widerstände. Die in der letzten Zeit verhafteten Anarchisten, welche Ausländer sind und nicht vor das Schwurgericht gestellt werden, sollen auSge- wiesen werden.
Spaniens Streithaudel mit Marokko ist beendigt. Zwischen beiden Ländern wurde ein Vertrag abgeschlossen, welcher den Spaniern wesentliche Zugeständnisse seitens Marokkos gewährt.
Die Engländer sind jetzt endlich gegen den kriegerischen Häuptling Fadi Silah am Gambia scharf vorgegangen; englische Kriegsschiffe bombardirten dessen Stellung in der Beste Konjor. Im südöstlichen Afrika ist es zu einem Zusammenstöße der Besatzung des auf dem Zambesi stationirten englischen Kanonenbootes „Moequito" und portugiesischen Colonial- truppen gekommen.
Aus Provinz und Nachbargebiet.
Hers selb, den 9. März 1894.
* (P e r s o n a l - V e r ä n d e r u n g e n.) E r - n a n n t: der Fabrikant Rübsam in Fulda zum Mitcurator der Pfarrer Ernst'schen Stipendien daselbst, der Postassistent Marx in Frankershausen (Kr. Eschwege) zum Postverwalter. — Verliehen: dem Pfarrer Sperber in Zwesten die dritte Pfarrstelle an der Freiheiter Gemeinde in Easiel. — Ueber wiesen: der Gerichtsassessor Fiedler dem Amtsgericht in Hess. Oldendorf. — Entlassen: der Kataster-Landmesser Eduard Römer bei der Königlichen Regierung in Caffel auf Antrag.
* Darf ein Jäger in Ausübung der Jagd angetroffene Katzen erschießen? Diese für Jagd- freunde interessante Frage beschäftigte die Bonner Strafkammer. Das Schöffengericht in Königswinter hatte einen Bewohner von Jttenbach zu 30 Mark verurtheilt, weil er als Jagdgast eine Katze im Felde erschaffen hatte. Der Verurtheilte
legte hiergegen Berufung ein mit der Begründung, daß die Katzen im Felde dem Wildstande erheblichen Schaden zufügten und er auch als Jagdgast in der Selbsthilfe zur Erschießung der Katze berechtigt gewesen sei. Die Strafkammer trat dieser^Auffassung bei und sprach den Verurtheilten von Strafe und Kosten frei.
* Das Reichsgericht hat, wie die „Köln. Ztg." mittheilt, entschieden, daß für Annoncen- fehler, die in Folge unleserlich oder undeutlich geschriebenen Manuskripts entstanden sind, Ersatzansprüche nicht gemacht werden können. Das Reichsgericht 'entschied in diesem Sinne mit der Begründung, daß Anzeigen, die man einer Zeitung zusendet, deutlich geschrieben sein müssen.
* Durch eine Verfügung an die Kgl. Provinzial- schulkollegten hat der Herr Unterrichtsminister bestimmt, daß denjenigen Schülern höherer Lehranstalten, die sich nach bestandener Abschlußprüfung dem Apothekerberufe widmen wollen, sofort nach der Prüfung ein vorläufiges Zeugniß ausgestellt werden darf, damit sie auf Grund desselben, ohne den Schluß des Schuljahres abwarten zu müssen, ihre Lehrzeit in einer Apotheke antreten können.
* Wie oft kommt es nicht vor, daß man bei größeren Multiplikationen stets denselben Fehler macht, ohne ihm auf die Spur zu kommen. Eine ebenso einfache als sichere Methode, die vielleicht noch wenig bekannt ist, giebt uns nun Aufschluß, ob die Multiplikation richtig ist oder nicht, und da sie weitere, hauptsächlich kauf- männische Kreise interessiren dürfte, ist die Ver- öffenllichung der Lösung wohl manchem nützlich. Hat man das Produkt der Multiplikation erhalten, so suche man die bis auf eine einstellige Zahl gebrachte Quersumme des Multiplikators sowohl als des Multiplikauten, multiplizire die beiden erhaltenen Zahlen wieder und suche von dem erhalten Produkt abermals die Quersumme bis zur einstelligen Zahl. Stimmt nun diese Zahl mit der überein, die man erhält, wenn man vom Produkt der Multiplikation die Quersumme auf eine einstellige Zahl gebracht hat, so ist die Multiplikation richtig. Ein Beispiel möge erläutern, daß diese scheinbar langwierige Prozedur in der That sehr einfach und kurz ist. Das Produkt aus 63 724 X 539 ist 34 347 236. Die Quersumme aus 63 724 ist 22 und davon wieder 4; die Quersumme von 539 giebt 17 und von dieser Zahl wieder 8; 8 X 4 giebt 32 = Quersumme: 5, und die Quersumme des Produkts giebt ebenfalls 32—5. Wer viel mit großen Zahlen zu maui- puliren hat, möge sich angewöhnen, nach einer Multiplikation die kurze Probe vorzunehmeu, und er wird sich vor manchen Nöthen bewahren.
* Die Kosten Lokomotivfeuerung — der Hauptbestandtheil der Gesammtkosten der Züge der Staalseisenbahnen — betrugen im Jahre 1891/92 47 867 578 Mk., im Jahre 1892/93 44 455 273 Mk. AlS Heizmaterial sind fast ausschließlich Steinkohlen zur Verwendung gelangt. Kokes wurde nur in solchen Fällen verwendet, in welchen es darauf ankam, die mit der Stein- kohlenfeuerung verbundene Belästigung der Anwohner, sowie des reisenden Publikums zu vermeiden. Der Verbrauch an Kokes beschränkte sich daher hauptsächlich auf die Feuerung der auf der Berliner Stadt- und Ringbahn, der Breslauer