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Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Jllustrirtes Sonntagsblatt".
Ur. 12.
Dienstag den 30. Januar
1894.
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Fürst Vismarck's Reise nach Berlin.
F r i e d r i ch s r u h, 26. Januar. Fürst Bismarck bestieg um 9 Uhr 15 Min. den Salonwagen. Sechs weißgekleidete Jungfrauen gingen dem Fürsten voraus und streuten Blumen auf den Weg. In der Begleitung des Fürsten befinden sich Graf Herbert Bismarck, Professor Schweninger und Dr. Chrysander. Als der Zug um 9 Uhr 25 Min, abfuhr, brach das Publikum in stürmische Hochrufe aus,
Berlin, 26. Januar. Wenige Minuten nach 1 Uhr traf Fürst Bismarck auf dem Lehrter Bahnhöfe ein. Zum Empfange waren anwesend: Se, königl. Hoheit der Prinz Heinrich, der Gouverneur von Berlin, Generaloberst von Pape, der Kommandant des Allerhöchsten Hauptquartiers, der Stadtkommandant Oberst von Natzmer, der Kommandeur des Kürassier- Regiments von Seydlitz Nr. 7, Oberstlieutenant Graf von Klinckowstroem, der Polizei- Präsident v. Richthofen u. A. In Begleitung des Fürsten befanden sich Graf Herbert Bismarck, Professor Schweninger, Dr. Chrysander. Als
(Nachdruck verboten.) In den Fcssclu dcr Schuld.
Ciiminalnvvelle von C. LturM. (Fortsetzung.)
Aber diese Berechnung vieler Damen und Herren trog fast gänzlich, denn Professor Galen wich auch nach der Aufhebung der Tafel lange Zeit nicht von der Seite Carolas, er tanzte nicht nur Polonaise, sondern auch Walzer und Contre mit ihr, und war auch in den Pansen bemüht, die junge Dame zu unterhalten.
Natürlich sahen dies auch die Eltern Carolas sehr gern, denn ein so bedeutender und in so glänzenden Verhältnissen lebender Mann wie Professor Galen mußte auch in anspruchvollen Familien ein beliebter Freier sein. Des Bankdirektors Augen glänzten vor heller Freude, wie er den Professor so unzertrennlich an der Tochter- Seite sah, und Frau Direktor Pohlmann erkannte mit dem Scharfblick der erfahrenen Mutter, daß bereits bei dieser ersten Begegnung die Liebe in das Herz Carolas, wie auch in dasjenige Galens ihren siegreichen Einzug gehalten hatte, und sie betete still zu Gott, daß er das hohe unb unerwartete Glück der geliebten Tochter vollenden möge.
Am meisten triumphirte, wenn auch im Stillen, Ernst Pohlmann, denn er war es ja, der den
der Fürst den Salonwagen, der vorher vom fahrplanmäßigen Zuge abgekoppelt war und auf der Abfahrtseite hielt, verlassen hatte, wurde er von Sr. königlichen Hoheit dem Prinzen Heinrich herzlichst bewillkomnmet. Nach Begrüßung der übrigen zum Empfange erschienenen Persönlichkeiten schritt Fürst Bismarck wieder auf Se, königliche Hoheit den Prinzen Heinrich zu, welcher ihm den Arm bot und ihn zu dem vor dem Bahnhöfe bereit stehenden geschlossenen Galawagen geleitete, Fürst Bismarck trug Kürassieruniform mit Paletot, Bor dem Bahnhöfe waren viele Tausende von Menschen angesammelt und harrten in größter Ordnung der Ankunft des Zuges, Als Fürst Bismarck am Arme des Prinzen Heinrich sichtbar wurde, erhoben sich brausende Hurrah- und Hochrufe. Fürst Bismarck nahm an der Seite Sr. königl. Hoheit des Prinzen Heinrich Platz. Eine Eskorte von je einem Zug Kürassiere vor und hinter dem Wagen, geleitete den Galawagen durch das Brandenburger Thor und die Straße „Unter den Linden", welche reich und festlich beflaggt war, zum königlichen Schlosse, wo um 1 Uhr 15 Minuten die Ankunft erfolgte. Auf dem ganzen Wege fanden ununterbrochene herzliche Kundgebungen der dichtgedrängten Menge statt.
Als der Zug mit dem Fürsten v. Bismarck sich dem Schlosse näherte, verließen Se, königl, Hoheit Prinz Heinrich und Fürst Bismarck bei Portal 5 die Galakutsche und schritten die Front der Ehren- kompagnie des 2. Garderegiments ab, welche mit Musik und Fahne erschienen war. Dann defilirte die Ehrenkompagnie und die begleitenden Kürassiere. Se. königl. Hoheit Prinz Heinrich führte sodann den Fürsten in die für ihn bestimmten Gemächer. Hier empfing Se. Majestät der Kaiser, umgeben von sämmtlichen Herren des Hauptquartiers und sämmtlichen Kabinetchefs den Fürsten Bismarck
Die Begrüßung war eine äußerst herzliche.
Professor Galen seinen Freund nannte und der ihn in das Elternhaus eingeführt hatte. Ihm wurde deshalb auch von Vater und Mutter und ganz besonders von Carola herzlicher Dank zu Theil, daß er es verstanden, den Professor für das Fest und vielleicht für eine Freundschaft für das ganze Leben zu gewinnen. Und Ernst war naturgemäß auch derjenige, dem sich der Professor zuerst offenbarte, als er mit diesem später in einer stillen Nische des Saales stand und dem Tanze zuschaute.
„Lieber Freund," flüsterte Galen bem Referendar leise in's Ohr, „ich muß Ihnen ein Geständ- niß machen. Ich bin heute Abend im Begriff, mein Herz an Ihre Schwester zu verlieren, und ich sehe keinen andern Ausweg, als daß ich entweder muthig um Fräulein Carola freie, oder, falls dieses Vorhaben nicht den Beifall Ihrer Eltern finden sollte, daß ich resignirt verzichte, und sobald als möglich mich entferne."
„O, mein verehrter Freund, denken Sie doch nicht an letztere Möglichkeit!" antwortete Ernst Pohlmann freudig bewegt und reichte dem Professor die Hand. „Ihre Werbung ist doch eine große Ehre für uns und zumal auch für meine Schwester, und wenn dieselbe Ihre Liebe erwidert, was mir so gut als sicher erscheint, so kann Ihre Werbung nur von Erfolg begleitet sein. Ich bitte Sie freundlich, morgen meinen
Fürst Bismarck war sichtlich gerührt. In den Empfangsgemächern waren auch die drei ältesten kaiserlichen Prinzen zugegen. Um 2 Uhr fand ein Frühstück von nur drei Gedecken statt, an welchem nur der Kaiser und die Kaiserin und Fürst Bismarck theilnahmen.
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Vom Verweilen des Fürsten Bismarck in Berlin hört die „Nordd. Allg. Ztg." noch:
Se. Majestät der Kaiser hat den Fürsten Bismarck zum Chef des Kürassierregiments von Seydlitz (Magdeburgisches) Nr. 7, a la suite dessen Fürst Bismarck bisher geführt wurde, ernannt.
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Am Freitag Nachmittag stattete Fürst Bismarck Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich einen Besuch in deren Palais ab und wurde durch einen Besuch Sr. Majestät des Königs von Sachsen ausgezeichnet.
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Ueber die Abends nach 7 Uhr erfolgte Abreise des Fürsten Bismarck wird berichtet:
Um den Fürsten Bismarck noch einmal zu begrüßen, hatte sich bereits in den Nachmittagsstunden eine tausendköpfige Menge in den Straßen angesammelt, die der Fürst auf der Fahrt nach dem Bahnhöfe passiren mußte. Ganz besonders lebhaft war es Unter den Linden. Je näher man dem Schlosse kam, desto lauter und lebhafter wurde es. Zahlreiche Häuser waren bereits illuminirt und der bunte Lichterglanz bestrahlte das ganze bewegte Bild. Immer mehr Lichter flammten auf, und nach und nach flimmerte und schimmerte es an der ganzen Südseite der Linden". Gegen 71 /4 Uhr ertönten vom Schloß aus Hochrufe, die sich in den langen Reihen des Publikums laut fortpflanzten. Bald ließ sich eine Abtheilung Kürassiere erkennen, die in vollem
I Eltern einen Besuch zu machen, ich werde die- I selben wie auch meine Schwester darauf vorbereiten."
„Meinen herzlichsten Dank!" entgegnete der Professor freudig, und mit Wärme fuhr er fort, „o, welche glückliche Fügung für mich, eines lieben Freundes Schwester freien zu können! Schon seit Jahren sehne ich mich nach einem eigenen Heim und Haus, und nun soll der Wunsch mir so rasch und so schön erfüllt werden. Mein Herz und mein Verstand sagen mir, daß ich die Rechte gefunden und daß ich mich nicht täusche, denn Carola unb ich, wir liebten uns schon bei dem ersten Anblick. Und dies ist ja die schönste, die vollkommenste Liebe, wie Dichter singen und sagen!"
Mit erregtem, von aufblühendem Glücke strahlendem Antlitze stand Galen vor dem Freunde, unb dieser sagte leise:
„Ihr Berlöbniß mit meiner Schwester, Herr Professor, würde auch für mich eine große Herzens- frende sein, denn einen lieberen Schwager könnte es für mich auf der ganzen Welt ja gar nicht geben. Gestatten Sie, daß ich Sie jetzt zu meiner Schwester führe, sie wird uns verstehen."
Arm in Arm schritten die beiden Freunde durch den Saal, und bald standen sie vor Carola, die sie holdselig lächelnd empfing.
„Der Herr Professor wollte uns schon ent-