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wenig edel, ein schutzloses Mädchen kränken oder' maßregeln zu wollen. Können meine Leistungen Sie nicht zufriedenstellen, steht es Ihnen 'jederzeit frei, mir zu kündigen: mein Beruf ist mir zu lieb, als daß ich ihn nichti­gen Kinderlaunen opfern möchte."

Frau von Török stand dieser überwältigen­den Sprache starr gegenüber, allein als vor- nehme Dame konnte sie sich doch , vor der Gouvernante ihrer Kinder keine Blöße geben, umsomehr als Irma ihr in Gegenwart Karo- lys diese Lehre erteilt und dieser sofort Irmas Partei genommen.

Seit dieser Stunde hatte Irma sich in ihrer Herrin eine unversöhnliche Feindin geschaffen. Etelka haßte das schöne, ernste junge Mädchen und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, es wieder zu entfernen. Sie haßte es umso­mehr, als Karoly Gervay seit dem Hiersein Irmas eine auffallende Kühle in dem Beneh­men gegen seine Verlobte an den Tag legte.

Es war ein unerquickliches Leben im Hause und die warme Herzlichkeit Karoly Gervays der einzige Sonnenstrahl, der in die verdunkelte Seele des vereinsamten Mädchens fiel. Auch die Dienstleute zeigten sich geringschätzig und dreist gegen sie und verrichteten nur widerwillig die kleinen Dienstleistungen, deren sie bedurfte. Irma war unzugänglich für kleinlichen, nichts­sagenden Klatsch und zog ruhig und bestimmt die Grenze, die sie von niederen, ungebildeten Menschen schied.

Frau von Török gab viele und glänzende Feste, doch fiel es ihr nicht ein, Irma auch nur ein einziges Mal dabei zuzuziehen.

Nicht wenig erstaunt war diese deshalb, als die Dame des Hauses einmal unerwartet die Lehrstunden unterbrach und nachdem sie die Kinder fortgeschickt, hochmütig fragte: „Man rühmte mir Ihre musikalische Fertigkeit; sind Sie im staube, einige gute Concertstücke leid­lich vorzutragen?"

Irma errötete tief; der geringschätzige Ton empörte sie und ihre angeborene Bescheidenheit vergessend, sagte sie echt vornehm zurückweisend: „Allein meine musikalische Ausbildung würde genügen, mir eine achtungswerte Stellung zu sichern, gnädige Frau!"

Etelka biß sich auf die Lippen, ihr zorniger Blick maß Irma von oben bis unten.

„Gut, ich habe heute Gäste, wir wollen den Versuch machen und erproben, welchen Erfolg Ihr gerühmtes Talent hat. Sie besitzen doch eine gute Toilette, um anständig vor meinen Gästen erscheinen zu können?"

„Die Mittel meiner edlen Eltern reichten hin, mir eine gute Erziehung zu geben, meine Kleidung entspricht indes nur meinen Lebens­verhältnissen und Gewohnheiten," erwiderte sie stolz.

„Gut, halten Sie sich heute abend bereit." In ohnmächtiger Wut stürmte sie hinaus.

Wenige Augenblicke später kam Marinka, das Kammermädchen, mit stark geröteten Wan­gen in das Gesindezimmer und befahl, die Scherben im Zimmer der Gospodina (Herrin) wegzuräumen. Wertvolle Gläser und Vasen waren dem Zornesausbruch Etelkas zum Opfer gefallen. Marinka ballte die Faust nach der Richtung, in der Irmas Zimmer gelegen war.

„Seit diese verhaßte Gouvernante ins Haus kam, hat meine Gebieterin stets schlechte Laune; hol' Dich der Teufel, stolzes, dummes Ding!"

Irma war allein in ihrem Zimmer zurück­geblieben. Heiße Thränen rollten unaufhalt­sam über ihre bleichen Wangen, sie weinte, als müsse ihre Seele mit den Thränen dahin- fließen. Mit einem Herzen voll Liebe und Vertrauen und einer guten, gesunden Lebens­anschauung hatte sie ihre neue Stellung an­getreten. Wohin war der goldene Glaube gekommen, welchen Lohn fand sie für ihr ehr­

liches, warmes Streben? Verachtung, Spott, Demütigung wurde ihr im Uebermaß zu teil. Selbst die Kinder, die sich anfangs an sie an- geschlossen, wurden wieder zurückhaltend, hoch- fahrend und waren stets voll schlimmer Ein­fälle. Auch in ihrer Erziehung wurde ihr entgegengearbeitet — wo blieb der Segen der Arbeit? Schöpfte sie nicht Wasser mit Sieben? Die klaren, idealen Gedanken ihrer Seele ver­flogen wie zarte Blüten, welche der rauhe Sturmwind verweht.

Sollte ich allzusehr auf mein einfaches Wissen gebaut haben?" fragte sie sich bang. Das unerfahrene, unschuldsvolle Wesen ahnte nicht, daß Jugend und Schönheit und ein reichgebildeter Geist ihr die größten Feinde schuf. Demütig beugte sie vor dem lebens­großen Bilde des Erlösers ihr Knie und betete lange inbrünstig aus tiefster, vollster Seele. Getröstet erhob sie sich. Nein, sie wollte sich nicht entmutigen lassen, sie wollte weiter ringen und Gott würde ihrem Streben den Segen nicht versagen. Um die Thränenspuren zu ver­wischen, badete sie ihr Antlitz in frischem Wasser und begab sich dann zu den Kindern in den Garten.

3Ilona kam ihr feurig entgegengeflogen. Sie war ein reizendes, schwarzlockiges Mäd­chen im Alter von sechs Jahren, wild und un­gestüm im Ausdruck, besaß aber ein echt kind­liches Gemüt. Irma fühlte sich mehr zu Jllona als zu bem um zwei Jahre älteren Geza hin­gezogen, dessen heftige, rohe Natur sie fürchtete.

„Diana hat Junge bekommen, Fräulein, und Geza lehrt sie tanzen," lachte sie über­mütig, „ach, es ist zu lustig, wie täppisch die Dinger auf ihre Beine fallen."

Irma eilte mit ihr zu dem Hundestall, da von dort aus furchtbares Heulen und klägliches Winseln ohrzerreißend herübertönte. Geza hielt einen der jungen, zappelnden Hündchen in der Hand und war bemüht, es auf die schwachen Beine zu stellen; dabei fuhr seine Gerte sau­send auf die jungen Tiere nieder.

Er war ein schöner, blühender Knabe mit einem von kurzem, üppigem Lockenhaar um­rahmten Kopf, doch seine Züge sprachen von Trotz und Roheit.

„Du wirst die Hunde sofort in Ruhe lassen, Geza!" befahl Irma streng, „die Tiere sind zu jung zur Dressur."

„Ich thue, was mir beliebt," erwiderte der Knabe trotzig, „Sie haben mir nichts zu be­fehlen. Mama wird Sie so bald vom Schlosse jagen."

„Das wird Mama kaum thun, denn ich werde aus freien Stücken gehen," sagte Irma ruhig, „nochmals befehle ich Dir, die Gerte fortzulegen und die Hunde in den Stall zu- rückzubringen. Jllona, mein Liebling, Du wirst ihm behilflich sein."

Jllona leistete sofort Gehorsam und langte nach einem der kleinen Hunde, um ihn in Sicherheit zu bringen.

Aus den Augen des Knaben leuchtete un­beugsamer Hochmut. „Du läßt die Hunde, Jllona, oder Du sollst meine Gerte fühlen," sagte er herrisch.

Irma bog sich nieder, um einige der Tiere aufzunehmen, allein Geza leistete heftig Wider- stand und schlug unbarmherzig auf die win­selnden Jungen ein. Diana, die Hündin, die an eine Kette gefesselt der Mißhandlung ihrer Jungen zusah, heulte in allen Tonarten und war vergeblich bemüht, ihre Freiheit zu er­langen.

Es war ein widriger Auftritt und Irmas Gefühl bäumte sich gegen die rohe Gewalt­thätigkeit auf. Mit zorngeröteten Wangen suchte sie dem jungen Barbaren die Gerte zu entreißen, da traf sie ein heftiger Schlag ins Gesicht und ließ sie jurücktaumeln.

„Geza, zügelloser Knabe, was unterstehst Du Dich?" Karolyi Gervay, der unbemerkt Zeuge des Auftritts geworden, schüttelte ihn einigemal derb und ließ die Gerte auf ihn niedersausen. „So, jetzt gehe zur Mama und beklage Dich, ich werde gleich nachkommen."

Heulend eilte der Junge davon, doch vor- erst gelang es ihm nicht, seine Anschuldigungen vorzubringen, da Frau von Török in die nahe­gelegene kleine Garnisonstadt gefahren.

Karolyi hatte rasch ein weißes Tuch in frisches Wasser getaucht und bot es Irma mit teilnahmsvollem Blick. Er wagte es fast nicht dem jungen Mädchen in das Antlitz zu sehen.

„Armes Fräulein, Sie sind unter harte, lieblose Menschen geraten," sagte er weich; „hier wird Ihr Bleiben voraussichtlich nicht von langer Dauer sein."

Irma enthüllte das Angesicht, ein blutig­roter Streifen, der bis zum Halse lief, entstellte die zarte Wange.

Ein trauriges Lächeln flog um ihre farb­losen Lippen. „Am liebsten ginge ich in die­ser Stunde noch. Allein ich habe eine geliebte Mutter, die mir alle Opfer gebracht und nun auf mich angewiesen ist. Um ihretwillen er­trug ich bis jetzt die schmachvolle Behandlung, die mir in diesem Hause zu teil wurde. Mein Vertrauen auf Menschenwert hat einen großen Stoß erlitten, dennoch halte ich es für meine Pflicht, weiterzukämpfen. Ich will den Staub von meinen Füßen schütteln und getrost weiter ziehen. Es giebt ja doch noch gute Menschen allerwärts.

Karolyi ergriff ihre weißen schlanken Hände und zog sie halb unbewußt näher an seine Seite.

„Gern würde ich Ihnen in meinem Hause Schutz bieten, allein ich bin unvermählt und stehe zur Frau von Török in binbenbem Ver­hältnis. Ich habe geglaubt, meine Liebe würde das trotzige, unbeugsame Element in Etelkas Natur bezwingen. Mein Glaube war ein Irr­tum. Frau von Török kennt keinen andern Willen als den ihren; ihre Laune ist das Ge­setz, bem alles sich beugen muß — nur ein Karolyi Gervay nicht. Ich bin zu sehr mein eigener Herr, um der willenlose, feige Sklave eines so' unbeständigen Weibes zu werden. Unsre Denkart und Lebensanschauungen sind zu verschieden, um je eine harmonische Eini­gung erzielen zu können."

„Was werden Sie beginnen, Herr Gervay?" fragte Irma angstvoll.

„Einen Bund lösen, welcher mir zur Qual geworden^ ich will glücklich werden, und das könnte ich nie an Etelkas Seite." Er küßte die kleine, schmale Hand, welche in der seinen ruhte. „Ich habe in Wien eine liebe Anver­wandte, der ich die Sorgen des Alters fern­gehalten, bei ihr würden Sie sofort die herz­lichste Aufnahme finden und könnten sich von dort aus um ein weiteres Fortkommen bemühen. In kurzem will ich nach Wien reisen, werden Sie sich meinem Schutz anvertrauen?"

Ihr zagender, hilfloser Blick suchte sein Auge, das ihr im aufrichtigsten, edelsten Freundschäfts- gefühl entgegenleuchtete. „Aus vollstem, tief­stem Herzensgründe danke ich für Ihr gütiges Mitgefühl, Herr Gervay," sagte sie voll Ver­trauen.

„Bis jetzt hat meine Anteilnahme an Ihrem Geschick nur Sorge und Kummer auf Ihr jun­ges Haupt gebracht," sagte er traurig; dann begleitete er sie mit Jllona in das Schloß und gab Janos, dem Reitknecht, Befehl, sein Pferd vorzuführen.

Ein Zusammentreffen mit seiner Verlobten wäre ihm in diesem Augenblick unerträglich gewesen und hätte vielleicht den gewaltsamen Bruch herbeigeführt. So lange das schutzlose junge Mädchen noch in Etelkas gefährlicher