Auf Verschlungenen Wfaöen.
Bon
Daniel Seelen.
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^ etzt eben fährt unsre Freundin Theodosia vorüber in ihrem Pelz von Schwarzfuchs und dunkelgrünem Sammet. Der Kragen, den ihr Bruder Wassili ihr neulich dazu schenkte, und der allein vierhundert Rubel kostete, macht sich vortrefflich."
Die Sprechende, ein junges Mädchen, saß in einer tiefen Fensternische. Den Kopf beinahe gegen die Scheiben lehnend, sah sie halb sehnsüchtig, halb neugierig auf die langsam sich fortbewegende Reihe von Fuhrwerken — größtenteils Schlitten — welche zur Feier der russischen Butterwoche in gedrängter Zahl Korso fuhren. In dieser kleinen Gouverne- mentsstadt — ebensowohl wie in Moskau und Petersburg, trat der Karneval in seine Rechte, und besonders am Nachmittag sah man in der breiten.Hauptstraße eine wahre Schaustellung von Schlitten mit kostbaren Decken aus Bärenfell, mutigen Pferden, welche sich nur widerstrebend unter der kräftig lenkenden Hand zu der ungewohnt langsamen Gang- art bequemten, und auserlesenem Pelzwerk, welches sonst wohlverschlossen in den Truhen der reichen Kaufmannsfrauen aufbewahrt lag.
Die Blicke der Zuschauerin am Fenster folg- ten mit ungeteilter Aufmerksamkeit jedem Schlitten, welcher vorüber glitt.
„Der Apfelschimmel unsers Nachbarn braucht den Vergleich mit andern Pferden nicht zu scheuen," fuhr sie fort, indem sie den Gruß eines jungen Husaren erwiderte, der, obgleich fest in seinen Mantel gehüllt, dennoch nicht versäumte, im Vorüberfahren einen Blick zum Fenster herauf zu werfen, „nur hätte er klüger gethan, sich nicht unmittelbar hinter den Wun-
derv ollen Rappen des reichen Gladkoff einzu- reihen."
Wiederum trat eine kleine Pause ein, während welcher eine ältliche Dame, die mit lauschend vorgebeugtem Haupt in den Kissen des Sofas ruhte, ohne zu antworten in erwartungsvoller Stellung verharrte. Ihre großen, weit geöffneten Augen irrten von einem Gegenstand zum andern, ohne daß der Blick auf denselben haften blieb, sobald aber die Sprechende am Fenster in ihren Bemerknngen fortfuhr, wendete sie den Kopf nach jener Seite und lächelte. — Sie war blind.
Das Innere des Aniphitheaters von putroli.
die alte Dame liebte
Nun, Ollinka,
es, den Namen des jungen Mädchens, welches Olga hieß, in das einschmeichelnd vertrauliche „Ollinka" umzuwandeln — „nun, Ollinka, Herzchen, behalte nicht alles Anziehende, das Du siehst, für Dich, sondern bedeuke, daß Deine Augen genug sehen müssen für uns beide."
„Aber Tantchen," erwiderte die Angeredete, „für den Augenblick war wirklich nichts Bemerkenswertes vorhanden, um es Dir mitzn- teilen. Bolinski ist eine zu alltägliche Erscheinung für nns, um beachtet zu werden und den
langen Baron Maltitz, den Präsidenten der kaiserlichen Domänenkanimer, haben wir nicht die Ehre zu unsern Bekannten zu zählen.
Doch halt," fuhr Olga lebhafter fort — „dort kommt eine Erscheinung, welche Aufsehen erregt, und die sicher mit der Absicht ausfuhr, Eindruck machen zu wollen. Es ist die schöne Witwe Madame Abreskoff, die in einem nagelneuen Anzug von grauem Atlas mit weißem Schwau verbrämt, gleich einer lichten Wolke die dunkle Einförmigkeit der gewöhnlicheren Bekleidungen unterbricht. Alle Blicke richten sich auf sie." Olgas Stimme hatte bei den letzten Worten eine beinahe spöttische Färbung angenommen, die indes dem Ausdruck unverhohlensten Vergnügens wich, als sie, in die Hände klatschend, ansrief: „Doch jetzt kommt ein Anblick, welcher die Mühe des Wartens doppelt vergilt. Ich möchte, Tantchen, Du könntest unser Brautpaar sehen: Irene mit ihrem geliebten Gregor! Er ist ein stattlicher Mann, das muß man eingestehen, und Irene scheint von Glück ganz verklärt zu sein."
Noch eine geraunte Weile fuhr diejunge Dame so fort, in leichtem Ge- plauder das bewegte Bild zu veranschaulichen, welches sich vor ihren Blicken eutrollte. Sie war so sehr von ihren, mit leichtem Humor gewürzten Betrachtungen in Anspruch genommen, daß sie anfänglich nicht bemerkte, wie ihre Zuhörer!» in Ge- danken versunken, schon
längst ihren Worten keine Aufmerksamkeit mehr schenkte. — Das andauernde Schweigen jedoch der sonst so lebhaften, alten Dame veranlaßte sie, den Kopf umzuweuden.
„Aber, liebe Tante," sagte sie scherzhaft schmollend, „da entfalte ich vor Dir ein so lebhaftes Bild, wie es unsre geliebte Stadt K. nur selten bietet, und dasselbe kann Dich nicht einmal verhindern, Dich auf eine große Ge- daukeureise zu begehen."
Die Matrone fuhr aus ihrem Sinnen empor und den glanzlosen Blick wiederum nach jener Seite richtend, von welcher Olgas Stimme ertönte, sagte sie: