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HerssklSer Armblatt
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Jlluftrirtes Sonntagsblatt".
Mr. 148.Menstag den 19» Dezember 1893»
Erstes Blatt.
Amtliches.
Bekanntmachung.
In neuerer Zeit sind falsche Reichskassenscheine zu fünfzig Mark zum Vorschein gekommen und angehalten worden.
Wir sichern Demjenigen, welcher einen Ver- fertiger oder wissentlichen Verbreiter solcher Falschstücke zuerst ermittelt und der Polizei- oder Gerichtsbehörde dergestalt nachweist, daß der Verbrecher zur Untersuchung und Strafe gezogen werden kann, eine nach den Umständen von uns zu be- messende Belohnung bis auf Höhe von
3000 Mark zu. Berlin, den 27. November 1893.
Reichsschuldenverwaltung. gez.: v. Hoffmann.
Nichtamtliches.
f Das pariser Attentat und der Anarchismus.
Das ruchlose Attentat, welches ein Anarchist Namens Vaillant jüngst in der Pariser 'Deputir- tenkammer verübt hat, wird von der gesitteten Welt in allen Ländern übereinstimmend auf das schärfste verurtheilt. Aber es wäre schlimm, wenn es nur bei einer solchen aufwallenden Entrüstung bliebe; vielmehr sollten die letzten anarchistischen Thaten zu einer ernstlichen Prüfung der sittlichen und politischen Begriffe und Gesinnungen benutzt werden. Kürzlich wurde in Barcelona
Geläuterte Herzen.
Novelle von Johanna Berger.
(Fortsetzung.)
Die gute Mama! — Es kam sie jetzt gewiß hart an, daß ihr Liebling sein Herz an den fremden Mann gehängt — nachdem sie bisher immer die Erste und Beste darin gewesen, und daß dieser ihr mehr werth war als sie und Alles. Sie grämte sich ihretwegen sicher mehr, als sie in Worten aussprecheu konnte.
Nachdem Annie mit ihren Gedanken so weit gekommen war, sprang sie auf und wischte sich energisch die letzte Thräne aus den Augen. Dann pflückte sie blaue Vergißmeinnicht und frischgrüne Farrenwedel und band einen geschmackvollen Strauß.
Als die Rathin mit ihrem Begleiter nach fast einer Stunde vom Spaziergange zurückkehrte, eilte ihr Annie mit dem Blumensträuße in der Hand und einem lieblichen Roth auf den Wangen freudig entgegen.
„Du befindest Dich jetzt besser, mein Kind?" fragte jene liebevoll.
„Ja, Mama," war die. Antwort. „Ja, mir ist besser, liebe Mama!" wiederholte sie und blickte sie mit einem sanften Lächeln an. „Gräme Dich nicht mehr meinetwegen — ich will von
eine Bombe in den dichtgefüllten Zuschauerraum eines Theaters geworfen, — eine Frevelthat, die zahlreiche harmlose Menschen in den Tod führte; in Paris wurde der serbische Gesandte von einem Anarchisten, der in jedem Bourgeois einen Feind sah, niedergestoßen, jetzt kommt das Attentat in der Pariser Deputirtenkammer. Alle diese Schandthaten haben sich in einem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum ereignet. Die Welt hat hiermit den Beweis dafür in Händen, was der Anarchismus will: er will den Mord, er will — soweit er nicht bestimmte Personen zur Zielscheibe gemacht hat — an der bestehenden Gesellschaft dadurch Rache üben, daß er gleichviel welche Mitglieder herausgreift und unter ihnen ein Blutbad anrichtet.
Man thut ihm zu viel Ehre an, wenn man darüber nachdenkt, was er damit bezweckt oder ob er sich überhaupt eine Vorstellung von irgend einer ihm nützlich erscheinenden Wirkung feiner Unthat macht. Namentlich wäre es verkehrt, wenn man den Anarchismus nur als eine krankhafte Erscheinung, seine Unthaten als Ausbrüche von „Wahnsinn" bezeichnen wollte: dann könnte schließlich jedes Verbrechen als eine Anweisung auf das Irrenhaus gelten. Mit solchen Auffassungen zerbricht man im Voraus die Waffe gegen jede Unmenschlichkeit und Niederträchtigkeit, indem man für diese zugleich um mildernde Umstände plädirt.
Wir haben auch in Deutschland Anarchisten, in Berlin halten die Anarchisten Versammlungen ab. Die Leute haben vielleicht noch keine Unthaten auf ihrem Gewissen, aber das liegt doch auch schon in ihrem Namen, daß die theoretischen Erörterungen meist ungebildeter Leute, die von der Wissenschaft himmelweit entfernt sind, nicht das letzte Ziel ihres Strebens sein können. Sie ■ sind bisher gewissermaßen als politische Partei 1
jetzt an guten Muthes bleiben."
„Meine liebe Annie, ich freue mich, daß Du die L-chwermuth überwunden hast," sagte leise und gerührt die alte Dame. Dann schloß sie ihr Kind in die Arme und küßte es.
Tage und Wochen schwanden nun rasch dahin — man wußte kaum, wie schnell sie vergingen. Nicht lange dauerte es mehr und der Tag der Abreise war da. Aber in Karlsbad wurde es immer schöner und aninnthiger und die Frau Rath hatte nichts mehr an der Kur auszusetzen, denn dieselbe hatte bereits Wunder gethan. Die alte Dame fühlte sich kräftig und wohl.
Die Tage verflossen ganz vorschriftsmäßig: Des Morgens frühzeitig am Brunnen, dann wurde im Freien Kaffee getrunken, und eine Promenade über die Berge, oder durch das romantische Teplthal gemacht, bis zum Mittagsessen. Darauf folgte eine kurze Ruhepause. Am Nachmittage besuchten die Damen dann ein Con- zert oder unternahmen einen neuen Spaziergang. Theater und die sich jeden Samstag wiederholenden Neunions besuchten sie nicht.
Annie war die beständige treue Begleiterin der Mutter auf allen Wegen. Sie blieb guten Muthes, wie sie versprochen. Anfangs mit keinem sehr großen Erfolge, aber niemals gewann ihr heimliches Leid wieder die Uebermacht. Sie
geduldet worden, das Publikum wirft sie mit der Socialdemokratie in einen Topf, es hat sich schon an ihr theoretisches Spiel mit dem Feuer gewöhnt und denkt: „es muß auch solche Käuze geben." Diese Gleichgültigkeit ist den Anarchisten gegenüber aber gewiß nicht mehr am Platze, seitdem wir den Anarchismus an feinen Thaten kennen gelernt haben. Diese Thaten muffen zu einer Erstarkung derjenigen Gesinnung führen, die sich mit aller Entschiedenheit gegen die Zerstörung von Sitte und Recht, von Ordnung, Gesellschaft und Staat auflehnt; sie müssen — das ist unsere Hoffnung — die Gesellschaft zu dem Bewußtfein von der Nothwendigkeit einer Sammlung aller ihrer Kräfte gegen diese Auswüchse und gegen die Vertreter dieser unmenschlichen Richtung zwingen, ob sie nun schon Morde begangen oder nur direct oder indirect gepredigt haben.
Das socialdemokratische Blatt, der „Vorwärts", sieht eine solche Reaction der Volksmassen gegen die Anarchisten vor'us, und das ist bezeichnender Weise der Grund, weshalb er das Attentat verurtheilt. Was er sonst darüber denkt, sagt er nicht. Aber nicht nur das, er räth den „anarchistischen Phrasenmachern" zur Vorsicht, weil das Volk sie für die Thaten ihrer „angeblichen Genoffen" verantwortlich machen könne. Mit anderen Worten: Das socialdemokratische Blatt legt eine Lanze für die geistigen Nährväter der anarchistischen Verbrecher ein und beeilt sich die letzteren als „Wahnsinnige" oder gar als „Lockspitzel" von den Rockschößen der anarchistischen Phrasenmacher abzuschütteln. Deßhalb kommt es auch auf den Gedanken, den Anarchismus für den Zwillingsbruder der kapitalistischen Gesellschaft zu erklären, „die ihn trotz aller Familienfeindschaft unter der Hand thatsächlich allezeit gehegt und gepflegt" habe. Aber fo gewiß, wie der Anarchismus verantwortlich zu machen ist für alle
I lernte allmälich ihre Empfindungen beherrschen und ihren Schmerz in das tiefste Innere zu senken, wie in ein Grab.
Profeffor Hiller gesellte sich bei jeder paffenden Gelegenheit den beiden Damen als Begleiter zu. Die Frau Rath fand großes Wohlgefallen an ihm und vermißte seine Gesellschaft sehr ungern. Er wußte sie stets fesselnd zu unterhalten. Sein Gesichtskreis war durch hohe geistige Bildung erweitert, er besaß Menschenkenntniß und eine große Zartheit des Gemüths.
So war er immer ein angenehmer Gesellschafter und ein werther lieber Freund, den die Frau Rath Göhren auch als Gatten für ihre Tochter gewünscht hätte, wenn deren Herz empfänglich für die guten Eigenschaften des Professors gewesen wäre.
Anch durch hundert kleine Aufmerksamkeiten wußte er sich bei den Damen beliebt zu machen. Er brächte ihnen Bücher, Zeitungen, Blumen mit und versäumte niemals die Pflichten der Ritterlichkeit und der treuen Freundschaft.
Aber Annie bot dieser fortwährende Verkehr mit dem Profeffor nicht das Interesse, welches die Mutter wünschte. Doch sie war bald ihm gegenüber ganz unbefangen und kam ihm mit höflicher Freundlichkeit entgegen. Nur als sie bemerkte, daß seine Augen immer angelegentlicher