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Hersstl-er Kreisbliltt.

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Dr. 146. Donnerstag deu 14. Dezember 1893.

Politische Nachrichten.

Berlin, 12. Dezember.

Se. Majestät der Kaiser arbeitete heute Morgen mit dem Chef des Militairkabinets und dem Inspekteur der Feldartillerie, General- lieutenant v. Hoffbauer. Sodann nahm Aller- höchstderselbe den Vortrag des Ministers des königlichen Hauses entgegen und empfing später den aus Palästina zurückgekehrten Präsidenten des Ober-Kirchenraths Dr. Barkhausen.

Ueber die Aussichten der Steuer­pläne spricht sich dieKöln. Ztg." in einer längeren Ausführung aus, der wir das Folgende entnehmen:Von freisinniger Seite sucht man den Glauben zu verbreiten, daß, weil der Reichs­tag die Verschleppungstaktik des Abg. Richter sich zu eigen gemacht und insbesondere in die Be­rathung der Wein- und Tabacks st euer und der allgemeinen F i n a n z r e f o r m erst nach Neujahr einzutreten beschlossen habe, damit auch schon die Stellungnahme der ReichStagSmehrheit diesen Steuerplänen gegenüber festgelegt sei. Diese Behauptung widerspricht jedoch den wirk­lichen Thatsachen. Die Richter'sche Verschleppungs­taktik hat nicht aus inneren Gründen den Bei­fall der Reichstagsmehrheit gefunden, sondern sie hat aus dem rein äußeren Grunde Zustimmung erhalten, weil der Besuch des Reichstags seitens der Abgeordneten in den letzten Wochen, insbe­sondere seit dem Jesuitentage, ein so überaus schlechter und das Ansehen des Reichstags schädigender war, daß eine Kraftprobe, wie sie die Abstimmung über den Richter'schen Ver­schleppungsplan bedeutet haben würde, nicht unternommen werden konnte. Im Uebrigen aber herrscht nach wie vor in parlamentarischen Kreisen die Ueberzeugung vor, daß im jetzigen Reichstag eine Mehrheit zu finden sein wird, welche nicht bloß die Börsensteuererhöhung und einen größer» Tieil des Stempelabgabengesetzes, sondern nicht minder^auch die Tabackssteuererhöhung in irgend einer Form bewilligen wird. Ebenso fest steht aber in diesen Kreisen auch die Ueberzeugung, daß eine R e i ch s - W e i n st e u e r keine Mehr­heit In diesem Reichstage finden wird, so daß damit dieser Steuervorschlag endgültig beseitigt erscheint .... nur gilt noch als zweifelhaft, ob nicht eine Luxussteuer auf Schaumwein u. s. w. die Mehrheit der Stimmen gewinnen werde . . . . Seit nahezu Monatsfrist ist der Reichstag jetzt versammelt; die Vorlagen sind ihm rechtzeitig und in gründlicher Vorbereitung zugegangen, die Presse beschäftigt sich mit ihnen Tag für Tag, entsprechend der großen Tragweite, die sie für unsere ganze Finanzpolitik wie nicht minder für unsere Volkswirthschaft haben; lediglich in der berufenen Vertretung des deutschen Volkes wagt man es nicht, schon jetzt in bindender Weise Stellung zu nehmen. Die Fraktionen Richter und Bebel bedürfen dieser so künstlich geschaffenen Unsicherheit und Ungewißheit, um während der Weihnachtsferien ihre Gefolgschaft noch gründ­licher und nachhaltiger, als das bisher der Fall war, aufzuregen und zu beunruhigen; und der Reichstag ist machtlos genug, diesen Quertreibereien keinen Widerstand entgegensetzen zu können."

Nach der im Reichs-Eisenbahnamt aufgestellten, imR.-A." mitgetheilten Nachweisung der auf deutschen Eisenbahnen aus - schließt. Bayerns im Monat Oktober d. I. beim Eisenbahnbetriebe (mit Ausschluß der Werkstätten) vorgekommenen U n - fälle waren im Ganzen zu verzeichnen: 8 Ent­gleisungen und 5 Zusammenstöße auf freier Bahn, 25 Entgleisungen und 15 Zusammenstöße in Stationen und 244 sonstige Unfälle (Ueberfahren von Fuhrwerken, Feuer im Zuge, Kesselexplosionen und andere Ereignisse beim Eisenbahnbetriebe, sofern bei letzteren Personen getödtet oder verletzt worden sind.) Bei diesen Unfällen sind im Ganzen, und zwar größtentheils durch eigenes Verschulden, 277 Personen verunglückt, sowie 48 Eisenbahn­fahrzeuge erheblich und 144 unerheblich beschädigt. Von den beförderten Reisenden wurden 9 getödtet und 25 verletzt. Von Bahnbeamten und Arbeitern im Dienst wurden beim eigentlichen Eisenbahn­betriebe 31 getödtet und 177 verletzt, von Postbeamten 1 getödtet, von fremden Personen (einschließlich der nicht im Dienst befindlichen Bahnbeamten und Arbeiter) 20 getödtet und 14 ver­letzt. Außerdem wurden bei Nebenbeschäftigungen 38 Bahnbeamte und Bahnarbeiter verletzt.

Vor dem Reichsgericht zu Leipzig beginnt an diesem Donnerstag der Prozeß gegen die in Kiel verhafteten französischen Spione. Die beiden Häftlinge hatten sich zu­erst Degouy, resp. Delgury-Malavas genannt, in Wirklichkeit scheint aber der vorgebliche Degouy Raoul Dubais und der vermeintliche Delgury- Malavas Jean Dagnet zu heißen. Die Ver­handlungen werden voraussichtlich auch noch den Freitag in Anspruch nehmen, das Urtheil selbst dürfte möglicher Weise erst in nächster Woche verkündigt werden.

(Z u m D y n a m i t a t t e n t a t i u d e r f r a n - z ö s i s ch e u K a m in e r.] Der Thäter gab bei seiner ersten Vernehmung seinen Namen Vaillant richtig an, erklärte aber später bei seiner Ver­nehmung auf der Präfectur, er heiße Marchal, was, wie sich später herausgestellt hat, der Name seiner Maitreffe ist. Vaillant ist 1861 in Mezieres geboren und hat sich als sozialistisch-revolutionärer Agitator mehrfach hervorgelhan. Vor einigen Jahren war er nach Amerika ausgewandert und ist erst vor Kurzem nach Frankreich zurückgekehrt. Der Attentäter hat bereits ein umfassendes Ge- ständniß abgelegt. Danach wollte er mit der Bombe, die aus einer mit Nägeln und Eisenstücken gefüllten Sardinenbüchse bestand, den Kammer­präsidenten treffen. Nur dadurch, daß eine vor ihm sitzende Frau, auf die er sich stützte, im ent­scheidenden Augenblick eine Bewegung machte, sei die Bombe auf das vorspringende Gesims der Galerie gefallen und zu früh explodirt. In Folge dessen sind auch verhältnißmäßig wenig Deputirte verletzt worden, die Hauptzahl der Verwundeten war als Zuschauer auf deu Tribünen zugegen.

Außer dem Thäter Vaillant ist noch seine Maitresse, die von dem beabsichtigten Attentat Kenntniß gehabt haben soll, sowie eine Anzahl von Anarchisten verhaftet. Die Regierung ist in Folge dieses Verbrechens sofort zu energischen Maßregeln geschritten. Schon am Sonntag Vor­mittag trat der Ministerrath zusammen und be­

rieth über die zu ergreifenden legislativen und administrativen Maßregeln. Es wurden vier Vor­lagen festgestellt, von denen die erste, die die Presse betrifft und bezweckt, die Aufforderung zu Verbrechen unter Strafe zu stellen, bereits am Montag in der Deputirtenkammer zur Berathung kam und trotz des Widerspruchs der Socialisten in erster Lesung angenommen wurde. Alle ge­mäßigten republikanischen Blätter billigen das Preßgesetz.

Die brasilianischen Insurgenten sollen endlich einen entscheidenden Schlag planen. Es verlautet, derselbe würde Santos, der strate­gisch wichtigen Hafenstadt von Sao Paolo, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, gelten; im Besitze von Santos könnten dann die Insur­genten von Süden her einen Vorstoß gegen Rio de Janeiro unternehmen. Admiral Saldanha ist mit einer Corvette und der Besatzung der stark befestigten Insel Cobras zu den Aufständischen übergegangen.

Aus dem fernen Congostaate wird ein bedeutungsvoller Culturfortschritt gemeldet. Am 4. Dezember ist die erste Section der Congoeisen- bahn, die Strecke Matadi-Kengo, mit großem Erfolge offiziell eröffnet worden.

Aus Provinz und Nachbargebiet.

Hersfeld, den 13. Dezember 1893.

* (Preise der wichtigsten Lebens- mittel im November.) Die Preise der wichtigsten Lebensmittel im November sind im Durchschnitt von ganz Preußen nicht wesentlich anders als sie im Oktober waren, nur der Preis der Eier ist erheblich gestiegen, von 4,01 Mark auf 4,30 Mark für das Schock. Es kosteten 1000 kg Weizen 142 Mark (gegen 143 Mark) Roggen 128 Mark, (unverändert), Gerste 143 Mark (un­verändert), Hafer 163 Mark (gegen 164 Mark), Kocherbsen 229 Mark (unverändert), Speise- bohnen 249 Mark (gegen 247 Mark), Linsen 460 Mark (gegen 463 Mark) Eßkartoffeln 40 Mark (gegen 41,9 Mark), Stroh 57,9 Mark (gegen 57,1 Mark), Heu 93,6 Mark (gegen 93,3 Mark.) Das Kilogramm Rindfleisch kostete 1,23 Mark, Kalbfleisch 1,23 Mark ebenso wie im Ok­tober, das Kilogramm Schweinefleisch 1,34 Mark (gegen 1,36 Mark,) Hammelfleisch 1,18 Mark (gegen 1,19 Mark), Speck 1,71 Mark ebenso wie im Oktober. Das Kilogramm Eßbutter war von 2,43 Mark im Oktober auf 2,41 Mark im November im Preise heruntergegangen. Das Kilo Weizenmehl kostete 28 Ps. (gegen 29 Pf.), Roggenmehl 25 Pf. und Javareis 54 Pf. ebenso wie im Oktober, roher mittlerer Javakaffee 2,86 Mark (gegen 2,87 Mark), gebrannter, gelber Javakaffee 3,75 Mark) (gegen 3,78 Mark) in­ländisches Schweineschmalz 1,68 Mark (gegen 1,70 Mark.)

* Der Verband deuts cher Leinen- industrieller hat beschlossen, zur Wieder­belebung des Flachsbaues in Deutschland eine größere Summe bereitzustellen. Gleichzeitig wurde eine Kommission ernannt, der die Aufgabe zufällt, einen Plan behufs zweckmäßiger Ver­wendung des Betrages auszuarbeiten.

* Amtsrichter Henssen in Lichtenau ist an das Amtsgericht in Hanau versetzt.