Deutschen Reiche: „Die Arbeiter-Versorgung" erscheinenden Aufruf bekannt gegeben.
Aus Paris wird vom 9. Dezember gemeldet: Von einem unbekannten Individuum wurde eine Dynamitbombe in die Deputirten - k a m m e r geworfen. Der A b b s L e m y r e ist so schwer verwundet worden, daß sein Ableben stündlich eintreten^ kann. Auch sechs andere Deputirte Hub verletzt. — Die Explosion der Bombe erfolgte genau um 4 Uhr. Auf den Tribünen entstand in Folge dessen ein panischer Schrecken, die auf derselben anwesenden Frauen entflohen in größter Hast. Einige Zuhörer wurden verwundet, in den Wandelgängen herrschte sehr lebhafte Erregung. Im Sitzungssaal verbreitete sich ein intensiver Rauch. Die Zahl der verwundeten Deputirte n wird auf einige 20 geschätzt; die meisten Deputirten erhoben sich von ihren Sitzen, um aus dem Saal zu fliehen. D u p u y blieb indessen ruhig auf seinemPräsidenten- platz und forderte seine Kollegen auf, ihm nachzuahmen, was viele auch thaten. — Im Sitzungssaals waren die Spuren von Eisensplittern und Blei stücke sichtbar. Die Quästoren befahlen sofort die Schließung aller ins Freie führenden Thüren. Bruchstücke der Bombe flogen bis auf die Tribünen der zweiten Etage. Es ist bisher noch nicht möglich, die genaue Zahl der Verwundeten anzugeben. Die- felben wurden nach der Quästur gebracht, wo ihnen ärztliche Hilfe geleistet wurde. Ein verwundeter Zuschauer behauptet, gesehen zu haben, daß einer seiner Nachbarn etwas in den Saal warf. — Eine Extra-Ausgabe des „Temps" schätzt die Zahl der Verwundeten auf 10 0, darunter fallen sich besonders viele Frauen befinden. Viele haben Finger gebrochen, einer Frau wurde die Kniescheibe zertrümmert. Die Kammerbüreau» sind in Lazarethe umgewandelt, in denen diejenigen Deputirten, welche Aerzte sind, Hilfe leisten. — Eine weitere Nachricht besagt: Die Persönlichkeit, welche die Bombe geworfen hat, ist in einem nach Choisy le Roy gehörigen Manne Namens Marchall ermittelt. Derselbe befand sich unter den Verwundeten, welche in Folge der Ueberfüllung der Gefängniß-Krankenabtheilung zur Unterbringung in dem Hotel Dieu bestimmt waren. Marchall entschloß sich, durch die Kreuz- und Querfragen des Polizei- präfekten in die Enge getrieben, zu einem u m - fassenden Geständniß.
Von der Sache des brasilianischen Präsidenten und Dictators Peixoto fallen immer mehr einflußreiche und in hohen Stellungen befindliche Personen ab. Jetzt ist auch Admiral Gonzales, unter dessen Oberkommando die augenblicklich vor Montevideo ankernden brasilianischen Kriegsschiffe „Tiradentes" und „Bahia" stehen, zu deu Insurgenten übergegangen; merkwürdiger Weise hat der Admiral vorher von Peixoto in aller Form seinen Abschied erhalten. Von einem der Führer der aufständischen Flotte, Admiral Gama, ist ein Manifest erlassen. In demselben spendet der Admiral denjenigen Lob, die für die Befreiung des Vaterlandes vom militairischen Despotismus, von Unterjochung und Anarchie, sowie für die Wiederherstellung der am 15. November infolge einer Militairverschwörung gestürzten Regierung kämpften. Das Manifest schließt mit der Versicherung, das Volk würde über die Form der künftigen Regierung befragt werden.
Aus Provinz und Nachbargebiet.
Hersfeld, den 11. Dezember 1893.
* (Bewährtes Mittel gegen Influenza.) Dem Casseler Tageblatt schreibt man: Unter höflicher Bezugnahme auf Ihre Mittheilungen, betr. Auftreten der Influenza gestatten Sie mir wohl, dazu Ihnen für die leidende Menschheit ein Mittel anzuführen, welches dem bösen Gesellen (Influenza) den Garaus macht und zwar in verhältnißmäßig kurzer Zeit. Dieses Mittel hat nicht mich allein kurirt, sondern gab in Hamburg im Jahre 1889 bei der dort herrschenden Influenza vor allen anderen Mitteln den Ausschlag. Man nehme Abends kurz vor dem Schlafengehen ein rohes Ei, schlage dasselbe in einem Tassenkopf mit dem Weißen ein, rühre es tüchtig, alsdann nehme man den Saft einer halben Citrone, mische dieses zusammen, trinke dasselbe in einem Zuge herunter und gehe dann, nichts weiter genießend, in's Bett. Mor
gens in aller Frühe dasselbe, nachher 11 /2 Stunden aber nichts genießen; am nächsten Abend und Morgen eventuell wiederum, und die Influenza ist fort. Sie werden sich wundern, wie überzeugend ich Ihnen dieses Mittel empfehle und doch mit Recht, ich habe dasselbe von einem schwedischen Kapitän, welcher mich seiner Zeit in Hamburg leiden sah, habe es angewendet und es hat geholfen, nicht nur bei mir, sondern wo ich es empfohlen; wer es gebraucht, dem hat es die ersehnte Genesung gebracht. Es soll mich freuen, wenn diese Mittheilung Anklang findet und dadurch meinen leidenden Mitmenschen ein billiges und probates Hausmittel zugeführt zu haben, ohne den Herren Aerzten dadurch in ihre Praxis gepfuscht zu haben, was total außer dem Bereich meiner Absicht liegt. Mit vorzüglicher Hochachtung Emil Meyer, z. Z. Garde du Corps-Platz 5 II.
* Den Postagenten auf dem Lande wird es angenehm sein, zu hören, daß der Reichshaushalt den vorhandenen 7400 Postagenten eine durchschnittliche Erhöhung ihrer Vergütung um 75 Mk. zugedacht hat.
* Mit Schluß dieses Jahres tritt zum ersten Male die Bestimmung des Gesetzes vom 19. Juni d. J. in Anwendung, wonach binnen drei Monaten nach Schluß des Jahres im geschäftlichen Verkehr dem Schuldner ein schriftlicher Auszug der Rechnung mitzutheilen ist, der außer dem Ergebniß derselben auch erkennen läßt, wie solches erwachsen ist. Das Gesetz bedroht die vorsätzliche Unterlassung dieser Verpflichtung mit Geldstrafe bis zu 500 Mark oder Haft und mit Verlust des Anspruchs auf Zinsen für das verflossene Jahr hinsichtlich der Geschäfte, welche in den Rechnungsauszug aufzunehmen gewesen wären. Diese Bestimmung findet keine Anwendung auf den Geschäftsverkehr solcher Geschäfte, bereit Firma in das Handelsregister eingetragen ist.
Hersfeld, 11. Dezember. (Haftung der Eisenbahnverwaltung für Gegenstände, welche die Reisenden bei sich tragen.) Gelegentlich eines Eisenbahnunfalles war einem Reisenden eine Brieftasche mit 700 Mk. in Papiergeld, welche er auf der Fahrt in seiner inneren Rocktasche bei sich getragen hatte, abhanden gekommen. Der I. Senat des Oberlandesgerichts Stuttgart hat, wie die „Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen" mittheilt, entschieden, daß die Eisenbahn zum Ersatz des Schadens verpflichtet sei. Die Ersatzpflicht folge aus dem Transportvertrage, den der Reisende mit der Eisenbahnverwaltung durch Lösung der Fahrkarte abgeschlossen habe.
* Hersfeld, 11. Dezember. Auf der Bahnlinie Berlin-Frankfurt a. M. sind Versuche mit elektrischer Beleuchtung der Bahm- postwagen in den Nachtschnellzügen Nr. 1 und 2 gemacht worden. Dieselben nahmen einen über Erwarten günstigen Verlaus. Wie schon jetzt feststeht, bietet die elektrische Beleuchtung für den Bahnpostbetrieb gegenüber der Gasbeleuchtung ganz erhebliche Vortheile, namentlich Verminderung der Feuersgefahr, Helles, ruhiges und gleichmäßiges Licht, geringere Wärmeentwicklung, Geruchlosigkeit und leichtere Handhabung. Am meisten fällt aber ins Gewicht, daß die elektrische Beleuchtung erheblich billiger ist, so daß die erzielten Ersparnisse recht bedeutend sind.
Cassel, 7. Dezember. Der gegenwärtig zusammengetretene 19. Kommunal- Landtag für Kurhessen beschloß in heutiger Sitzung, für Errichtung eines Denkmals für denReformationskämpfer Landgraf Philipp den Großmüthigen einen Beitrag von 4000 Mark zu bewilligen.
Caffel, 9. Dezember. In verschiedenen Zeitungen befindet sich eine Notiz, daß der bisherige Landes-Direktor Herr vonHundelshausen erklärt habe, eine Wiederwahl nicht annehmen zu wollen. Es geht uns nun von zuverlässiger Seite die Mittheilung zu, daß dies absolut unrichtig ist und die Verbreitung dieses unwahren Gerüchtes nur als ein Wahlmanöver bezeichnet werden muß. (Tgbl.)
Caffel, 9. Dezember. Laut einer Bekanntmachung des Herrn Oberbürgermeisters ist der seither Ende Juni jeden Jahres hier abgehaltene W o l l m a r k r vom nächsten Jahre an a u f gehoben worden.
Caffel, 8. Dezember. Unter dem Vorsitz des Herrn Provinzialschulrathes Kannegießer fand gestern und vorgestern die Prüfung der Rectoren statt. Es bestanden die Herren Ehrentraut, Dr. Warlich (Caffel), Jokolsee (Ahl-
feld), Roll (Bockenheim), Schiele (Schlüchtern) Werner (Rotenburg.)
Homberg, 9. Dezember. In Freudenthal wurden zwei Bauernmädchen wegen Meineid- auf Anordnung der Königlichen Staatsanwalt- fchaft durch den Ortsgendarmen verhaftet.
Gudensberg, 7. Dezember. Heute starb hierselbst die älteste Person unseres Städtchens, die Wittwe B. Heibrunn. Sie hat ein Alter von 96 Jahren erreicht und war bis vor einigen Wochen noch recht rüstig.
Guttgelshaufen (bei Ziegenhain), 10. Dez. Die vor 10 Tagen in ihrem Bett erwürgte Wittwe Dietz von hier wurde vorgestern auf Antrag der Königlichen Staatsanwaltschaft ausgegraben. Ueber den Befund der Leiche ist noch nichts Näheres bekannt. Als Thäter wird der Geisteskranke Knauf aus Zelle bei Ziegenhain vermuthet.
Marburg, 7. Dezember. Nach Ausweis des soeben erschienenen Personalverzeichnisses ist die Universität im laufenden Semester von 868 Stu- direnden besucht gegen 964 im letzten Sommer und 876 im Wintersemester 1892/93. Neu immatriculirt sind 262, die Gesammtzahl der Jmmatriculirten beträgt 825, von denen 110 Theologen sind, 195 Juristen, 216 Mediciner und 304 Angehörige der philosophischen Facultät. Der Nationalität nach sind 683 Preußen, 110 sonstige Deutsche. 26 sind aus anderen europäischen Staaten, 2 sind in Afrika geboren, 3 in Amerika und 1 in Asien.
Vaacke, 8. Dezember. Beim Holzfällen ereignete sich gestern im nahen Walde ein Unglück. Der Holzfäller Schmidt von hier, ein in den 40er Jahren stehender Mann, kam unter einen stürzenden Baum und wurden ihm von dem mächtigen Stamme beide Beine abgeschlagen.
Wiesbaden, 7. Dezember. Gestern Mittag erhängte sich die 25 jährige Frau eines hiesigen Buchhalters sammt ihrem 7 Monate alten Kinde. Sie hatte an dem an der Zimmerdecke befindlichen Lampenhaken eine Waschleine mit zwei Schlingen angeknüpft und die eine dem Kinde, die andere sich um den Hals gelegt. Ein gleicher Versuch war schon einmal von dem Gatten vereitelt worden. Man glaubt, die junge Frau habe gehofft, auch diesmal von ihrem Manne, der zu bestimmter Stunde nach Hause zu kommen pflegte, abgeschnitten zu werden. Der Gatte kam jedoch gestern etwas später heim und fand Frau und einziges Kind todt. Die junge Frau soll exzentrischer Natur gewesen sein.
Nordhausen, 6. Dezember. Ein Jagd- Unglück ereignete sich gestern in dem Forste der benachbarten Rudolstädter Domaine Schloß Straußberg. Der Bruder des Domainenpächters, Kurt Schneidewind, ein Privatmann aus SonderS- Hausen, schoß, wie der „M. Z." geschrieben wird, durch einen unglücklichen Zufall seinem Bruder eine Kugel durch die Brust. Der Getroffene starb in vergangener Nacht nach qualvollen zwölf- stündigen Leiden in den Armen des beklagens- werthen Schützen.
— Aus dem Krieg von 1866 wird im „Neuen Pester Journal" folgende Geschichte mitgetheilt, die Erzherzog Josef, der jetzige Kommandant der ungarischen Honveds, einmal in Gesellschaft erzählte: „Als wir vordem vordringenden preußischen Heere uns zurückzogen, schlugen wir unsere Lager in der Nähe einer böhmische» Ortschaft auf. Nach Einbruch der Nacht begaben sich die Soldaten zur Ruhe. Nur ich blieb noch wach in meinem Quartier, einer Bauernstube, da ich zu arbeiten hatte. Gegen Mitternacht höre ich vor meiner Wohnung die Stimme des Wachtpostens: „Halt! Wer da?" Gleich darauf meldete mein Adjutant, daß draußen ein Zigeuner sei, der mit mir unter vier Augen zu sprechen wünsche. Der Zigeuner — es war ein Soldat — erhielt Einlaß und ich blieb mit ihm allein. „Was giebt's?" fragte ich ihn. „Der Feind kommt herangerückt; er will uns überraschen." — „Die Vorposten haben doch bisher nichts Verdächtiges wahrgenommen." — „Weil der Feind noch weit ist, Hoheit, aber bald wird er hier sein und dann wehe uns." — „Ja, woher weißt Du denn das? — „Wollen Hoheit nur aus Fenster treten. Sehen Sie dort die vielen Vögel, die aus dem Walde gegen Süden fliegen?" „Die sehe ich. Nun, und dann?" — „Und dann? Schlafen die Vögel nicht ebenso wie die Menschen- Sie würden gewiß nicht herumfliegen, wenn sie im Walde Ruhe hätten. Aber der Feind kommt durch den Wald und die Vögel sind aufgescheucht worden." — „Gut, mein Sohn. Jetzt kannst Du gehen." Sofort ertheilte ich die Ordre zur Ver-