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Hersseliiel Breisblatt

Mit wöchentlicher Gratis-BeilageJllnstrirtes Sonntagsblatt".

Sonnabend den 9. Dezember

1893.

Erstes Blatt.

Amtliches.

Der Herr Minister des Innern hat dem Ver­ein für Pferderennen und Pferdeausstellungen in Preußen zu Königsberg i/Pr. die Erlaubniß ertheilt, bei Gelegenheit der im Frühjahr nächsten Jahres daselbst statlfindendeu Pferdeausstellung eine öffentliche Verloosung von Wagen, Pferden rc. zu veranstalten und die Loose, 150000 Stück zu je 1 Mark, im ganzen Bereiche der Monarchie zu vertreiben.

Gaffel am 2. Dezember 1893.

Der RegierungS-Präsident. I. V.: v. Pawel.

Der Herr Minister des Innern hat dem Vor­stände der Kinderheilstätte zu Salzungen auf Grund Allerhöchster Ermächtigung unterm 20sten v. M. die Erlaubniß ertheilt, zu einer ihm von der Herzoglich Sachsen-Meiningen'schen Regierung gestatteten öffentlichen Ausspielung von Gegen­ständen der Kunst, des Kunstgewerbes und der Industrie zum Besten der Anstalt auch im ganzen Preußischen Staatsgebiete Loose zu vertreiben.

Die untergeordneten Polizeibehörden werden aufgefordert, den Vertrieb der Loose im dies­seitigen Bezirk nicht zu beanstanden.

Gaffel am 4. Dezember 1893.

Der RegierungS-Präsident. J. V.: v. Pawe l.

Dichtamtliches.

Zum Advent.

Das Adventsfest ist der Anfang des Kirchen­jahres. Nicht im Lärm des Sylvesterabends,

lNachdruck verboten.)

Geläuterte Herzen.

Novelle von Johanna Berger.

(Fortsetzung.)

Es siel mir recht schwer, meine Einwilligung zu versagen, doppelt schwer, weil ich sah, wie st'hr er selbst unter den traurigen Umständen litt, aber ich konnte nicht anders. Nicht aus Mangel an gutem Willen, sondern lediglich aus Mangel an dem nöthigen Geld, mußte ich meine Ein­willigung zu der Heirath versagen."

Lie erzählen mir da recht traurige Dinge, gnädige Frau und ich hatte auch schon so eme Ahnung," sagte Fraulein Brunner bewegt. »^» lieber Herraott, mir thun die beiden Liebes- leute herzlich letb und ich möchte ihnen gern helfen. Ich will dem Oberlieutenant Geld borgen, er kann es mir im Laufe der Zeit mit Zinsen wtedergeben!"

Einen Augenblick war die Räthin sprachlos, dann erwiderte sie erregt:Um Gotteswillen, ^ie sind wohl nicht bei Troste, Fräulein Brunner! Nehmen Sie es mir nicht übel aber was denken Sie wohl, wie viel er braucht, zehntausend Gulden hat er allein nöthig, um seine Schulden t» bezahlen. Ich fiel beinahe in Ohnmacht, alt

nicht im Arbeitsstrudel, den der Abschluß des bürgerlichen Jahres mit sich bringt, sondern in stiller Zeit, noch vor der Hochfluth des Weihnachts­geschäfts begeht die Christenheit ihren kirchlichen Neujahrstag.

Wenn die kirchlichen Ordnungen die kirchlichen Fest- und Feiertage den Fluß des bürgerlichen Jahres unterbrechen und aufhalten, so soll das eine Aufforderung sein: mache Halt im ruhe­losen Umtrieb des Lebens, halte Einkehr in die Welt des Gemüths! Warum haben unsere Vor­fahren ihre Dome gerade an die belebtesten Plätze gestellt, an den Markt, an die Kreuzung der wichtigsten Staßen ? Einem Jeden, der aus- und einging zur Stadt, sollte das hochragende Bau­werk zurufen: Menschenkind, vergiß des Ewigen nicht im Wechsel der Zeit!

Aber wenn das Kirchengebäude, wenn das Kirchenjahr so mitten hineingestellt ist in Welt und Zeit, nicht in den Winkel, sondern recht ins bewegte Leben hinein, so 'richtet sich, zumal am Beginn eines Kirchenjahres, immer wieder eine neue Frage an die Kirche selbst, an Alles, was Christ heißt: t h u t ihr auch genug, um eurer hehren Aufgabe zu genügen? Ihr redet von einem Gottesreich, das kommen soll, darin Ge­rechtigkeit herrscht und Friede unter den Menschen, da ein jeder, der Menschenantlitz trägt, sich seines Adels freuen darf, den ihm Gott gegeben hat, wie er ihn schuf nach seinem Bilde, kommen wir diesem Zustand näher oder nicht? Wann kommt dieses Reich? Wie soll es kommen?

Das Gute braucht Zeit, und das Vollkommene zu schauen ist uns in dieser vergänglichen Welt nicht vergönnt. Wer glaubt, durch MehrheitS- beschlüffe, durch einige, vielleicht gewaltsam durch- geführte Ordnungen die alte Erde zum Paradies umzuschaffen, der träumt. Das Christenthum will reformiren, aber von innen heraus, durch Umbildung der Menschenherzen ein langsamer,

ich's hörte! Zur Kaution gehören aber rund fünfzigtausend Gulden. Das sind große Summen!"

So viel? Das dachte ich nicht dann allerdings bin ich auch nicht wohlhabend genug, um beizustehen. Ich bildete mir ein, ich könnte ihn mit den paar tausend Gulden, die ich auf der Bank habe, au« der Noth helfen. Ich hätte es gern gethan, schon um die jungen Leute glück- lich zu machen, denn was giebt es für uns Menschen im Alter wohl eine größere edlere Freude, als das Glück der Jugend zu fördern. Schade, daß ich nicht über mehr Geld verfügen kann, denn mein bischen Vermögen ist in zwei Häusern angelegt. Aber vielleicht kann ich doch eine Vereinbarung treffen, die dem Herrn Lieute­nant Bernthal hilft. Ich will einmal mit meinem Rechtsanwalt darüber sprechen!"

Sie sind außerordentlich gütig, Fräulein Brunner, aber ich mag Ihnen nicht dazu rathen," rief hartnäckig die Räthin.Das Geld müßte Ihnen doch sicher gestellt werden, das wird der Lieutenant aber nicht können und ich übernehme so große Verpflichtungen nicht. Keine Ruhe würde ich haben bei Tag und bei Nacht, denn nichts ist mir mehr zuwider, als Schuldenmachen. Er muß schon sehen, wie er fertig wird in der

aber sicherer Weg! Schürfung des Gewissens, wo sittliche Verwilderung droht, Veredlung des Charakters, wo Gemeinheit und niedrige Ge­sinnung herrscht. Uebung selbstloser Liebe in einer Welt voll Eigennutz, Schaffung von Recht und Sitte, die auch dem Geringen ein wahr­haft menschenwürdiges Dasein gewährleistet: das sind die alten, großen, ewig neuen Aufgaben, deren Lösung schrittweise dem christlichen Zukunfts- ziel entgegenführt. Das Beste dazu muß der große Gott selber thun, aber daß w i r diesen Ausgaben mit neuem Ernst ius Auge sehen, und ein Jeder an seinem Theile Hand anlege im Sinn Jesu Christi, dazu ruft der Anfang des neuen Kirchenjahres auf.

Politische Nachrichten.

Berlin, 7. Dezember.

Heute Vormittag 10' uhr nahm Se. Majestät der K a i s e r den Vortrag des stellvertretenden Chefs des Militairkabinets, Oberst v. Lippe, ent­gegen.

Der Reichstag hat bis jetzt die ersten Lesungen erledigt für die drei Handelsverträge, für den Reichshaushalt, für die Entwürfe über den Unter- stützungswohnsitz und über die Viehseuchen. Für alle diese Vorlagen wurden Commissionen einge­setzt. Die Commission für die Handelsverträge hat den spanischen Vertrag mit 14 gegen 6 Stimmen gutgeheißen, über den rumänischen sollte am Dienstag abgestimmt werden. Am selben Tage hat das Plenum mit den ersten Lesungen der Steuergesetze, und zwar mit dem Börsen- steuergesetze, begonnen. Die Absicht des Präsi­denten, das allgemeine Finanzgesetz über das Verhältniß des Reichs zu den Einzelstaaten den einzelnen Steuerentwürfen vorangehen zu lassen, scheiterte an dem Widerspruch der Mehrheit.

Welt, denn leichtsinnig ist er doch auch gewesen, und Annie ist noch jung, sie wird ihn vergessen , lernen."

Ehe sie das thut, da glaube ich eher, daß i dort der Berg einfällt," sagte das alte Fräulein Brunner mit ungläubigem Kopfschütteln.

Aber Sie bedenken gar nicht, wie jung sie ist?" versetzte die Räthin ungeduldig,und wenn sie noch häßlich wäre und sich kein Anderer um sie kümmerte als er, so wäre die Sache aller­dings sehr traurig. Aber Annie ist doch ein j hübsches und noch sehr junges Mädchen und wird wohl noch einen anderen Verehrer finden, den sie lieben und heirathen kann.

Aber Fräulein Brunner schüttelte wieder den Kopf.

Nachdem die Frau Rath Göhren sie verlassen hatte, ging Fräulein Brunner nachdenklich im ; Zimmer auf und nieder. Dann setzte sie ihren besten Hut auf, band die altmodische seidene Mautille um und machte sich auf den Wea sur Stadt.

* « *

3n größter Aufregung war Bernthal in seiner Wohnung angelangt. Oft war der unglückliche junge Mann wie geistesabwesend. Er warf sich in einen Sessel und stöhnte und ächzte wie in