Erscheint wöchentlich btei M->l Dienstag, Donnerstag unb Lonnabeiid.
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Amselier Krelsdilltt.
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Jliustrirtes Sonntagsblatt".
Ar. 123. Donnerstag den 19. Oktober 1893.
Amtliches.
Hersfeld, den 16. Oktober 1893.
Der Kontrolbeamte der Versicherungsanstalt Sachsen-Anhalt von Francois in Salzwedel hat 2 Schriften „Erläuterungen des Alters- und Jn- validitäts- Gesetzes zum praktischen Gebrauch" je eine für die Arbeitgeber und für die Versicherten verfaßt unb im Selbstverlag herausgegeben.
Von berufener Seite sind diese Schriften, die in einfacher, leicht faßlicher Weise die Arbeitgeber und Arbeitnehmer über ihre Pflichten und Rechte bezüglich des Jnvaliditäts- und Altersversiche- rungs-Gesetzes unterrichten, günstig beurtheilt morden.
Die Interessenten werden hierdurch mit dem Bemerken darauf aufmerksam gemacht, daß die Schriften zum Preise von 10 Pfg. für das Exem- plar von dem Verfasser und der Expedition des Salzwedeler Wochenblattes zu beziehen sind.
I. 6025. Der Königliche Landrath
Freiherr von S ch l e i n i tz.
Das Geschäftslokal der
Lander-Renterei befindet sich vom 21. Oktober d. J. ab
Aah rrhsfs strafe Ar. (><• in dem neueröauten Kause des Schreinermeisters B a u m g a r d t. Hersfeld, den 17. Oktober 1893.
Der Landes-Rentmeister Fa fold.
Nichtamtliches.
Ein Gedenktag.
Am 16. Oktober waren 100 Jahre verflossen, seitdem die Königin Marie Antoinette 'von Frank
reich das Blutgerüsi bestieg. Die Königin hatte 1 mancherlei an dem Hasse, mit Dem sie der Pöbel verfolgte, verschuldet, Nachdem ihr Gemahl zur Herrschaft gelangt war, hatte sie sich ans- schweifenden Neigungen hiugegeben; nicht daß sie für ihre Person sittenlos gewesen wäre, keineswegs, aber sie lebte leichtsinnig und verschwenderisch und vertändelte mit großen und kostspieligen Schäferspielen die Zeit. Ihrem Bruder, Dem nachmaligen Kaiser Joses von Oesterreich, war es bei einem Besuche in Paris gelangen, ihr die Gefahren, in die sie mit ihrem unbesorgten Lebenswandel hineintrieb, vor Augen zu stellen und sie für eine ernstere Lebensführung zu gewinnen. Bei dem Volke aber blieb sie ungeliebt. Je schlimmer sich die Dinge für das Königthum wendeten, um so mehr gewann die Königin ihre Würde und Hoheit zurück und entfaltete in den schweren Unglückstageu die edelsten Seiten ihres Charakters. Mit der größten Standhaftigkeit ertrug sie die Leiden des . Gefängnisses, den Tod ] des Königs und schließlich ihre eigene Hinrichtung. Es steht fest, das; sie nicht für das, was sie früher gefehlt haben mochte, den Tod erlitt, sondern daß das böse Gewissen der Schreckeusmänner die hoheitSvolle Vertreterin des Königthums aus der Welt schaffen wollte. Fiel doch auch bald nachher das Haupt der frommen Schwester des Königs, der Prinzessin Elisabeth, unter dem Richtbeil; auch sie bewahrte bis zum letzten Athemzuge ihre Standhaftigkeit, obgleich die Henker so grausam waren, sie als letzte von 25 Begleiterinnen hinzurichten.
In Frankreich hat man es unterlassen, den 16. Oktober wie die anderen Erinnerungstage der „großen Revolution" zu feiern. Eine solche Feier hätte auch sehr schlecht zu dem Empfange der Vertreter des Zaren, die just an diesem 16. Oktober in Paris eingetroffen sind, gepaßt. Das Organ der deutschen Socialdemokratie „Vorwärts" ist Darüber sehr ergrimmt. Es schreibt u. A.: ■
1 „Nicht an die Völkerbesreiung denkt Frankreich, es sinnt blos zu gefallen dem russischen Zaren. Gänzlich seiner Würde vergessend, berauscht es sich an dem Anblicke der Bilder russischer Großfürsten und russischer Uniformen. Es giebt kein widrigeres Bild als die Erben der französischen Revolution sich herabwürdigen zu sehen zu kuecht- seligen Bewunderern des russischen Despotismus. Das französische Proletariat erstarkt glücklicherweise, ihm ist es vorbehalten, die Ehre seines Vaterlandes zu retten."
Nach socialdemokratischer Auffassung können die SÄ)reckeusthaten der Pöbelherrschaft vor hundert Jahren gar nicht genug gefeiert werden, als alle politischen Gegner der Robespierre, St. Just u. s. w., hingerichtet, die „Verdächtigen" in den Kerker geworfen wurden und Massenmorde der Ueberfüllung der Gefängnisse vorbeugen mußten, als Zustände herrschten, die kürzlich ein liberales Blatt vollkommen richtig wie folgt schilderte: „Der fortschreitenden Entwerthung des Papiergeldes stellte man „bei Todesstrafe" den Zwangs- cours der Assignaten, der stetigen Preissteigerung des Brodes und des Fleisches auf allen Märkten, in der Hauptstadt wie in den Provinzen, „bei Todesstrafe" das Maximum, die gesetzliche Taxe gegenüber. Aber die Assignaten fielen trotz der Guillotine; war die Zufuhr vorn Lande nach den Städten schon früher eine überaus spärliche gewesen, so vertrieb das Maximum sie vollends, i Wie in einer belagerten Stadt oder bei einer Hungersnoth wurde wiederholt 1793 und 1794 das Brod rationenweise in Paris verkauft. Die Ansammlung und der Streit der Frauen vor den Bäcker- und Schlächterläden ist eins der charakteristischen Bilder der Revolution: täglich wiederholten sie sich, bald in fratzenhaften, bald in bemitleideuswerthen Zügen. Noch im Jahre 1795 sind die Berichte der Polizeibeamten voll von der Roth, dem Jammer und der Entbehrung ■ des armen, „souveränen" Volkes, das weder
(Nachdruck »erboten.)
Uuebenbürtig.
Roman von H. von Ziegler.
(Fortsetzung.)
Sich tief verbeugend trat er zurück und ging davon. Einen Moment war's den; jungen Mäd- chen, als müsse sie emporspringen und ihn zurückholen, ihm sagen, daß es ja gar nicht wahr sei mit dem Haß, daß ihr Herz blute bei dem Gedanken, ihn nie mehr sehen zu sollen, aber sie blieb wie gelähmt auf ihrem Stuhl und blickte scheu, angstvoll in die bunte lachende Menge, die sich hin und her schob. Vor ihr lagen des Grafen Goldstücke, sie schauderte, als sie dieselben empor iialjni, um sie in die Kasse zu legen, ihr war's,. als höre sie noch einmal seine trauernden Abschiedsworte, wie ein Dolchstich hatten sie ihr Herz getroffen und verwundet. Immer neue Käufer traten zu ihr, sie mußte jetzt lächeln, reoen und danken, aber sie kam sich vor wie eine Aachtwandelnde.
., ^.üben sah sie Wildenstein's hohe Figur vor "^Künden Fürstin Melame stehen; kokett be- iHirte die Fürstin seinen Arm mit dem Fächer un l^en ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Vor
Nora's Augen dunkelte es, eine marternde Eifersucht erwachte in ihr; sie hätte mit ihren eigenen Händen die Gastgeberin bei Seite drängen mögen, damit sie den Grafen nicht so anblicke. Aber vielleicht interessirte er sich für die stattliche Dame, er war ja ihr Jugendfreund, hatte sie längst gekannt, ehe er vonNora gewußt — und, nun sie ihm erklärt, daß sie ihn hasse, würde er vielleicht seine Gunst der Fürstin zuwenden
Das junge Mädchen preßte die Hand auf's Herz, sie hätte laut aufschlnchzeu mögen und mußte doch das Lächeln festhalten; jetzt sah sie Baron Hohenthal kommen und zum Grafen Wildeustein hiutreten. Sie schüttelten sich herzlich die Hände.
„Nun, Rudolf, schon fertig mit Deinen Einkäufen ?" frug Hohenthal.
„Ja," sagte Wildeustein düster, „ich bin fertig mit allem — auch mit der Hoffnung auf eine freundlichere Zukunft."
„Was soll das heißen? Wie siehst Du aus, alter Junge?"
„Wie einer, dem man soeben versichert hat, das Tischtuch sei zerschnitten zwischen ihm — und seinem schönsten Traum."
Hohenthal verstand sogleich den Sinn dieser
bittren Worte. — — — — — —--:--
„Du hast Nora gesprochen?"
„Ja, sie weiß Alles und hat mir Haß und Groll entgegengeschleudert — um der Todten willen."
„Ihr Vater trägt die Schuld," erklärte der Baron erregt, „er hat ihr Alles enthüllt und in den grellsten Farben! Habe Geduld, Rudolf unb gieb nicht alle Hoffnung auf."
„Ich reife in Den nächsten Tagen ab."
„Das wirst Du nicht, mein Freund. Ich selbst muß schon morgen nach Hause, aber Du bleibst noch hier, versprich es mir!"
„Weshalb?" fragte der Graf finster, „soll ich mich nochmals von einem jungen Mädchen zurück- stoßen lassen?"
„Rudolf," sagte Hohenthal ernst, ihm die Hand auf die Schultern legend, „ich kenne Dich seit zwanzig Jabren unb in dieser Stunde vielleicht besser als Du Dicb. Ich habe jenen Blick gesehen, mit dem Du neulich von Nora Abschied nahmst. Seitdem erfüllt mich eine freudige Hoffnung, nein, eine unumstößliche Gewißheit; aller Groll und Haß wird vielleicht eines Tages begraben werden — in Liebe, nur das Wappenschild der Wildensteine wird einen Flecken erhalten."