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längeren Spaziergang unternehmen konnte. Schweninger verbleibt bis zur nächsten Woche in Lugano.

Die Entwürfe der neuen Tabak- und W e i n st e u e r sollen dem Bundesrath in aller­nächster Zeit zugehen. Es heißt, die Vorberathung der beiden Steuerentwürfe in genannter Körper­schaft würde mit möglichster Beschleunigung er­folgen, damit dieselben dem Reichstage alsbald nach seiner Eröffnung, die vermuthlich am 20. oder 21. November stattfindet, vorgelegt werden können; gleichzeitig soll dem Hanse alsdann auch der Reichshaushaltsetat unterbreitet werden.

Zu dem socialdemokratischen Partei­tage, der in diesem Jahre in Köln abgehalten wird, hat der Parteivorstand eine Anzahl von Anträgen veröffentlicht, die aus den Reihen der Parteigenossen gestellt worden sind. Die Anträge richten sich zum Theil gegen die Bestimmung des socialdemokratischen Programms, daß die Reli­gion Privatsache fei. Von der einen Seite wird hierzu beantragt: „Den Punkt „Religion ist Privatsache" zu streichen und dafür zu setzen: Die Religion und deren Lehren sind überall dort zu bekämpfen, wo dieselben dem Fortschritt der Wiffenschaft entgegentreten, oder die nach Erlösung aus wirtschaftlicher und politischer Knechtschaft ringende Menschheit an der Erreichung dieses Zieles zu hindern suchen." Was der Fortschritt der Wiffenschaft ist, das entscheiden natürlich Meyer, Schulze und Cohn. Ein anderer Antrag will an diese Stelle setzen: „Die Socialdemokratie ist eine politisch wirthschaftliche Partei und hat als solche mit religiösen Fragen nichts gemein. Sie bekämpft jedoch aufs entschiedenste die Ver­treter der verschiedensten Religionsgemeinschaften, wo ihre. Lehren sich dem Emanzipationskampfe des Proletariats entgegenstellen." Obgleich nun die ganze Partei ihrem Wesen nach der Religion aufs feindlichste gesinnt ist, wird sich der Partei­tag schwerlich einem dieser Anträge anschließen. Der Satz: die Religion ist Privatsache, ist zu nützlich für die Agitation, man kann sich auf ihn namentlich dem Landvolk gegenüber berufen, während dieses durch die offene Bekundung der Religionsfeindschaft erst recht abgestoßen werden würde.

In E i s e n a ch wurde am Sonnabend der Gewerbekammertag geschloffen. Beschlüsse zu den preußischen Vorschlägen über die Organi­sation des Handwerks sind nicht gefaßt worden; es fand nur ein Gedankenaustausch über dieselben statt. Als Vorort wurde Zittau gewählt.

Schier endlos fließt der Strom der telegraphi­schen Mittheilungen über die am vergangenen Freitag pünktlich zur festgesetzten Stunde erfolgte Ankunft der russischen Flotte in T o u l o n und über die den russischen Gästen auf französischem Boden bereitete enthusiastische Aufnahme. Wie sich erwarten ließ, überstellt die Verhimmlung Rußlands bei den an die russi­schen Gäste gerichteten Begrüßungsansprachen alle Begriffe. So feierte z. B. der Marineminister Rieunier in einem Toaste Rußlands Heer und Marine und trank er auf die ruhmreichen Er­

Fräulein," bemerkte nach einer Pause der Graf, „und ich fürchte fast, Sie zürnen mir über irgend etwas."

„Wie wäre das möglich," gab sie schroff zu­rück, „fremden Menschen könnte ich nie zürnen, weil mir jegliches Interesse dabei fehlte."

„Fräulein Nora," er beugte sich bewegt etwas zu ihr und sprach gedämpft, „ist es denn möglich, daß Sie mir eine solche Haltung zeigen können, nachdem Sie mir neulich aus freien Stücken zum Lebewohl die Hand gereicht?"

Jetzt warf sie die Maske ab, denn ihr Charakter war ein zu offener, um lange mit geschlossenem Visir kämpfen zu können; hochauf richtete sich die schlanke Gestalt, ihr Auge sprühte zornig und mit zitternder Stimme antwortete sie:

„Damals kannte ich Sie noch nicht, Graf Wildenstein. Heute aber weiß ich genau, daß die Tochter Friedrich zur Stetten's, des Sängers, den hochgeborenen Grafen von Wildenstein mit dem fleckenlosen Wappenschild nicht kennen darf. Und es ist vielleicht besser so —"

Die Stimme versagte der Sprecherin, krampf­haft bebten die kleinen Hände, aber sie wagte nicht aufzusehen, denn Wildenstein's Blick hing schmerzlich bewegt an ihrem Antlitz.

„Also sind meine Befürchtungen doch wahr ge­worden, man hat Ihre reine Seele mit Haß und Groll getränkt, Nora, um eine verjährte Schuld von Neuem aufleben zu lassen — statt dieselbe

innerungen, die auf allen Blättern ihrer Ge­schichte eingegraben seien, weiter gedachte der Minister der russisch-französischen Waffenbrüder­schaft, die hervorgegangen sei aus gegenseitiger Achtung und Sympathie, welche die beiden Rationen bereits verbunden habe und noch weiter verbinden solle. — Für die französischen Ruffen- schwärmer existirt die Erinnerung an die Tage von der Beresina und von Moskau, von Leipzig und von Sewastopel offenbar nicht mehr.

Am gleichen Tage, da das russische Geschwader vor Toulon eintraf, besichtigte der C z a r das auf der Rhede von Kopenhagen ankernde französische Kriegsschiff „Jsly", welches dann vom „Polarstern", der Jacht des Czaren, mit 30 Kanonenschüssen salutirt wurde. — Das officiöse „Journal des St. Pötersb." bringt anläßlich des russischen Flottenbesuches in Frankreich einen die russisch-französische Freundschaft preisenden Artikel.

. Im Senat zu Washington nimmt die Sache der Silbergegner eine bedenkliche Wendung. Nach fast 40 stündiger ununterbrochener Sitzung vertagte sich der Senat am Freitag früh 2 Uhr wegen Beschlußunfähigkeit des Hauses bei der angesetzten Abstimmung über die Abschaffung der Shermanbill. Diese Vertagung wird als eine Niederlage der Anti-Silberpartei betrachtet.

In dem hartnäckigen Kampfe zwischen den brasilianischen Insurgenten und dem Präsidenten Peixoto neigt sich der Sieg nun doch auf die Seite der ersteren. Es verlautet, daß die Peixoto bislang treugebliebenen Landtruppen wahrscheinlich sich dem Aufstande der Flotte an­schließen würden; zwei Bataillone Nationalgarde haben sich bereits für die Aufständischen erklärt. Auch der Aufstand in Rio Grande do Sul soll zunehmen.

Aus Provinz und Nachbargebiet.

Hersfeld, den 16. Oktober 1893.

* Das Feilhalten von theilweise angefaultem und insoweit gesundheitsschädlichem Obst ist nach einem Urtheil des Reichsgerichts, IV. Strafsenats, vom 9. Juni 1893 weder aus §. 367 Ziffer 7 des Strafgesetzbuchs (betreffend das Feilhalten von verdorbenen Eßwaren) noch aus §§. 12, 14 des Nahrungsmittelgesetzes zu bestrafen, wenn die Käufer durch den geringen Preis und durch Augenschein darauf hing^wiesen werden, daß das Obst nur insoweit, als es nicht angefault ist, zum Kauf angebolen ist.

* Nach der im Reichs-Eisenbahnamt aufgestellten, im „R.-A." veröffentlichten Nachweisung der auf deutschen Eisenbahnen — ausschließlich Bayerns — im Monat August d. I. beim Eisenbahnbetriebe (mit Ausschluß der Werkstätten) vorgekommenen Unfälle waren im Ganzen zu verzeichnen: 9 Entgleisungen und 2 Zusammenstöße auf freier Bahn, 20 Entgleisungen und 19 Zusammenstöße in Stationen und 194 sonstige Unfälle (Ueber- fahren von Fuhrwerken, Feuer im Zuge, Kessel- explosionen und andere Ereignisse beim Eisen­bahnbetriebe, sofern bei letzteren Personen getödtet

in Liebe zu sühnen?" erwiderte der Graf Wilden- < stein traurig.

Seine Worte erschütterten sie mächtig, aber sie ! blieb kalt und ablehnend gegen ihn.

„Meinen Sie denn, Herr Graf, die bürgerliche Schauspielerin werde sogleich voll Stolz trium- phirender Freude die Hand ergreifen, welche einst der eigenen Mutter Namen als den einer Todten im gräflichen Stammbuche durchstrich. Nein, nimmermehr! Unsere Wege gehen auseinander, Graf Wildenstein, ersparen Sie uns beiden jeden ferneren Schmerz!"

„Schmerz, Fräulein Nora? Empfinden Sie also wirklich Schmerz, mich so feindselig von sich fern halten zu müssen?"

Jetzt trafen sich ihre Augen in namenloser Qual, Thränen traten in die des Mädchens, aber sie schüttelte heftig den Kopf.

„Wozu noch länger reden? Wir kennen uns nicht mehr, Herr Graf, denn es war nicht recht von Ihnen, unter falscher Flagge zu segeln."

„Das that ich nicht, Fräulein Nora, Sie hörten meinen vollen Namen, als man uns be­kannt machte."

„Aber ich meinte, einen Fremden zu sehen und — und dann —"

„War es Ihr alter Oheim," ergänzte er schwermüthig, „nein, Kind, Sie waren mir nie­mals fremd; auch da nicht, als Sie zuerst auf der Bühne vor mir standen und dann, als ich

oder verletzt worden sind.) Bei diesen Unfällen sind im Ganzen und zwar größtentheils durch eigenes Verschulden 213 Personen verunglückt, sowie 54 Eisenbahnfahrzeuge erheblich und 128 unerheblich beschädigt. Von Bahnbeamten und Arbeitern im Dienst wurden beim eigentlichen Eisenbahnbetriebe 24 getödtet und 139 verletzt, von Postbeamten einer verletzt, von fremden Personen (einschließlich der nicht im Dienst be­findlichen Bahnbeamten und Arbeiter) 9 getödtet und 19 verletzt. Außerdem wurden bei Neben­beschäftigungen 39 Beamte verletzt.

* Der am 20. Januar 1892 zu Caffel ver­storbene praktische Arzt Dr. W. Wehr hat in seinem Testament eine hochherzige Stiftung mit einem Kapital von 20000 Mk. errichtet zur Un­terstützung bedürftiger Wittwen von approbirten Civil-Aerzten desjenigen Theiles der Provinz Hessen-Nassau, welcher dem ehemaligen Kurfürsten- thum Hessen entspricht. Diejenigen Arztwittwen, welche um eine Unterstützung einzukommen wün­schen, finden im „Korrespondenzblatt für die Aerzte der Provinz Hessen-Nassau", Oktoberheft 1892, die Satzungen der Wehr'schen Stiftung abgedruckt. Die Gesuche können sie bei einem der in diesen Satzungen genannten Curatoren einreichen, das Korrespondenzblatt selbst sich leicht bei einem Arzt verschaffen, da jeder Arzt der Provinz Hessen-Nassau im Besitze dieser Zeitschrift ist; eventuell sind die Satzungen von dem Cura- torium zu beziehen.

* Die Zahl der Analphabeten im Heere ist erfreulicher Weise von Jahr zu Jahr zurück­gegangen. Während nämlich im Ersatzjahr 1874/75 der Prozentsatz der Analphabeten 3,70 betrug, betrug er im Ersatzjahr 1892/93 nur 0,59 pCt. Im ganzen wurden in diesem Jahre beim Heere 108138 Mannschaften, bei der Marine 4980, zusammen 113118 eingestellt. Bei den im Landheere eingestellten Mannschaften waren 107 501 mit Schulbildung (104 506 in der deutschen, 2 995 nur in der nichtdeutschen Mutter­sprache), dagegen 637 ohne Schulbildung.

2 Hersfelv, 14. Oktober. Gestern Abend fand hier im Bolender'schen Saale eine Be­sprechung von Wählern der konservativen und der nationalliberalen Partei aus Hersfeld und dem gleichnamigen Kreise statt. Es wurde ein­stimmig beschlossen, der morgen in B e b r a tagenden Versammlung gleichgesinnter Parteige­nossen aus dem Wahlbezirk Hersfeld-Roten- burg, die Aufstellung des Herrn Landraths Freiherrn von Schleinitz zum Kandidaten für das Abgeordnetenhaus zu empfehlen.

§ Hersfeld, 16. Oktober. In der gestern in der Röse'schen Wirthschaft in Bebra abgehalte­nen Versammlung wurde eine Einigung über den aufzustellenden Landtagskandidaten nicht erzielt. Die Herrn aus dem Kreise Hersfe ld halten an ihrem bewährten Landrath Herrn Freiherr» von Schleinitz fest und werden sich hierdurch durch nichts beirren lassen. Der Kandidat der Roten- burger Herrn ist der bisherige Abgeordnete Herr S e y f a r t h.

[:] Hersfeld, 16. Oktober. Altem Herkommen

vernahm, Sie seien meiner Schwester Kind, ge­hörten Sie sogleich zu mir — und werden es bleiben, ob Sie auch die Scheidewand zwischen uns von neuem aufrichten, die ich fo gern für immer fallen lassen möchte."

„Lassen Sie die Todte ruhen, Herr Graf! Haben Sie einst deren Hand nicht versöhnend ergreifen wollen, so sagt die Tochter heute von selbst: Nimmermehr!"

„Nora, Sie sind Theresen's, meiner Schwester Kind und ich wiederhole Ihnen, daß ich Sie nicht aufgebe! Weshalb kamen Sie mir altem Manne so zutraulich und herzlich entgegen und nun er Ihnen näher rückt, stoßen Sie ihn haß­erfüllt von sich."

„Es niuß sein. Ich könnte vergessen und ver­geben, wenn Sie mich beleidigt hätten, aber was Sie gegen meine Mutter begangen, bleibt drohend zwischen uns stehen."

„Wehe denen, welche Ihnen die Rache ein- prägten," sagte Wildenstein tief erregt, „Ihnen zürne ich nicht, Kind, ich werde Sie lieb be­halten — vielleicht noch in ehr nach dieser Stunde. — Gott helfe mir einsamen alten Junggesellen auch fernerhin, durchs dunkle lichtlose Leben zu wandeln!"

(Fortsetzung folgt.)