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nistische Presse, angesichts des bevorstehenden russischen Besuches, mit allen möglichen und un­möglichen Mitteln „patriotische" Stimmung zu machen. Die Phantastereien, welche dabei zu Tage gefördert werden, sind meist viel zu albern und sinnlos, um auch nur der Merkwürdigkeit wegen besonders erwähnt zu werden. Als ein Specimen, das vielleicht noch nicht einmal zu den schlimmsten zählt, mag die Sensationsnachricht verzeichnet sein, welche der „Cocarde" ^von einem „in der auswärtigen Politik sehr vetsirten Freunde" zu­gegangen sein soll. Dieser Information zufolge, welche angeblich an eine Regierung jenseits des Ozeans gekabelt wurde, beabsichtigen Deutschland und Oesterreich, ihren bisherigen Alliirten im Stich zu lassen. Oesterreich denke sogar daran, mit Frankreich eine Militairkonvention (!) abzu- schließe»; zwei Offiziere des österreichischen Generalslabes, General H. und Hauptmann 2)., hätten diesbezüglich eingehende Unterredungen mit dem französischen Generalstabschef Boisdeffre und dem Admiral Gervais gehabt. England wolle die Situation benutzen, um Sizilien einzustecken. Man sieht, diese Presse steht noch immer auf der Höhe der Norton-Enthüllungen!

Der Streik der englischen Berg­leute neigt sich nach monatelanger Dauer seinem Ende zu, zur Stunde ist von der Mehrzahl der ausständigen Bergleute die Arbeit wieder aufge- nommen worden. Die Streikenden haben mit ihrem langen Feiern nichts für sich erreicht, wohl aber haben sie sich selbst wie weiten gewerblichen und industriellen Kreisen Englands durch ihren leichtsinnigen Ausstand schweren Schaden zugefügt.

Zum Stande des jüngsten spanisch-ma­rokkanischen Z w i s ch e ns a l l e s von Melitta ist nicht viel Neues zu verzeichnen. Immerhin deutet die Abberufung des fpanischen Militair-Attaches beim Sultan von Marokko da­rauf hin, daß ernstere Wendungen nicht ausge- schlosieu sind.

Aus Rio de Janeiro wird gemeldet, daß zwischen den Insurgenten und den Forts noch immer ein unregelmäßiges Feuer unterhalten wird. Die Stadt selbst wird nicht beschossen, Läden und Banken sind wieder geöffnet.

Aus Provinz und Nachbargebiet.

Hersfeld, den 13. Oktober 1893.

* (Personal-Veränderungen.) E r - nannt: die Privatdocenten Dr. Carl Rathgen in Berlin und Dr. Paul Kehr in Marburg zu außerordentlichen Profefforen in der philosophischen Facultät der Universität Marburg, der bisherige Hilfspfarrer Hahn zum Pfarrer in Rohrbach, der Nechtskandidat Roßbach zum Referendar, der Ober-Postkaffenbuchhalter Busch in Cassel zum Ober-Postkassenkafsirer, die Postsekretäre Friedrichs und Goudefrop in Cassel zu Ober-Postdirektiotts- sekretären, der Telegraphenassistent Helmrich in Cassel zum Ober-Telegraphenassistenten, der Sekre- tariatsassißent Reith zum Sekretär bei der Re­gierung in Cassel, der Vicewachtmeister Georg Walpert vom Hess. Feld-Artillerie-Regiment Nr. 11 und der Sergeant Hermann Baettge vom In­fanterie-Regiment Nr. 145 zu Schutzmännern bei der Königlichen Polizei-Direktion in Caffel. — Uebertragen: den« Pfarrer Gallenkamp in Mandern die Pastorirung der Filialgemeinde Wenzigerode. — Verliehen: dem Steuer­einnehmer I. Klasse Liersch in Schmalkalden aus Anlaß seines Uebertritts in den Ruhestand der Titel als „Obersteuerkontroleur". — Versetzt: die Postsekretäre Damm von Berlin nach Cassel, Möller von Hersfeld nach Hanau und Walther von Fulda nach Annaberg (Erzgebirge), der Ober-Postassistent Müller von Corbach nach Cassel, die Postassistenten Diebel von Wabern (Bezirk Cassel) nach Contra, Steup von Wies­baden nach Wabern und Berens von Gelnhausen nach Cassel, der Postverwalter Siemon von Contra nach Bergen (Kreis Hanau). — Entlassen: der Referendar Graf Keßler aus dem Bezirk des Oberlandesgerichts Cassel behufs Uebertritts in den des Kammergerichts in Berlin.

* Die Regelung der Sonntagsruhe im Schankwirthschaftsbetrieb ist jetzt an zuständiger Stelle in Angriff genommen, vorläufig allerdings erst im Stadium aller Vorarbeiten. Es soll eine umfassende Erhebung über die bis- berige thatsächliche Beschäftigung des Hilfsper­sonals in den Wirthschaften, über die Dauer des Betriebes überhaupt, über die Zahl der Hilfs- personen, soweit sie der Familie des Unternehmers nicht angehören w., und zwar mittels Fragebogen,

die für jeden einzelnen Wirthschaftsbetrieb beant­wortet werden sollen, eingeleitet werden. Vor­läufig sind die unteren Verwaltungsbehörden angewiesen, mit thunlichster Beschleunigung die Anzahl der in ihren Bezirken vorhandenen Wirth­schaften, in denen Hilfskräfte außer der Familie des Betriebsleiters beschäftigt werden, zu ermitteln und einzuberichten, um danach die Zahl der zu vertheilenden Fragebogen zu bestimmen.

* Auf einen an den Minister des Innern er­statteten Bericht hat dieser in Gemeinschaft mit dem Finanzminister unter dem 4. August d. I. entschieden, daß die Landgemeinden, im Falle der Erhebung besonderer direkter Gemeindesteuern vom Betriebe stehender Gewerbe, gemäß der Bestimmung im zweiten Absätze des § 11 der Landgemeinde-Ordnung vom 3. Juli 1891 für befugt zu erachten sind, auch Gewerbebetriebe mit einem jährlichen Ertrage von weniger als 1500 M. oder mit einem Anlage- und Betriebskapitale von weniger als 3000 M. zu deu fraglichen Gemeindesteuern heranzuziehen.

* ZahlreicheSternschnuppen fallen an den Abenden des 15. und 16. Oktober; der Ausgangspunkt liegt scheinbar in den Sternbildern des Orion und Stier.

Hersfcld, 13. Oktober. Der hessische Hauptverein des Evangelischen Bundes gedenkt Mittwoch, den 1. November d. I., seine jährliche Hauptversammlung in Mar­burg zu halten. Die Festpredigt hat einer der Mitbegründer des Bundes, Herr Senior Dr. B ä r w i u k e l aus Erfurt, übernommen, den Hauptvortrag wird Herr Oberconsistorialrath Dr. K ö st l i n aus Darmstadt halten.

ch Hcrsfeld, 13. Oktober. Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle in Preußen 1892. Die Zusammenstellung des Ergebnisses der im preußischen Staate während des Jahres 1892 vorgekommenen Geburten, Ehe­schließungen und Sterbefälle ist kürzlich im König­lichen statistischen Bureau beendigt worden und umfaßt auch alle seitens der Königlichen Standes­ämter bis zu Beginn des Mai angezeigten, erst nachträglich in die Geburts- oder Sterberegister eingetragenen, im Jahre 1892 vorgekommenen Fälle. Die Zahl der Geborenen und der Neu­vermählten hat sich etwas vermindert, die Zahl der Sterbefälle hat um ein geringes zugenommen. Die natürliche Bevölkerungsvermehrung ist deshalb zwar etwas niedriger als im Jahre 1891, aber immer noch sehr hoch, auch höher als im Jahre 1890 gewesen. Die wichtigsten Zahlen sind folgende: Die Zahl der neugeschlossenen Ehen betrug 245 447 gegen 245 906 im Jahre 1891 und 244 657 im Jahre 1890. Geboren wurden überhaupt 1 143 904 Kinder gegen 117 7 209 im Jahre 1891 und 1 130 301 im Jahre 1890. Von diesen waren lebendgeboren 1 106503. Unter den Lebendgeborenen waren 525 258 eheliche ' Knaben und 496 804 eheliche Mädchen, 43 203 uneheliche Knaben und 41238 uneheliche Mädchen. Todtgeboren waren 37 401 Kinder. Davon waren 18861 eheliche Knaben und 14694 eheliche Mädchen, 2127 uneheliche Knaben und 1719 uneheliche Mädchen. Gestorben sind überhaupt 752 055 Personen gegen 728 463 im Jahre 1891 und 755 238 im Jahre 1890. Davon waren männliche Personen 391934 und weibliche 360121. Die natürliche Bevölkerungsvermehrung beträgt demnach 391849 Personen gegen 448 746 im ! Jahre 1891 und 375 063 im Jahre 1890.

[:] Hersfeld, 12. Oktober. (Schöffen­gericht.) Wegen Beleidigung erhielt der Schuh­macher Justus T r i e s ch m a n n von Rohrbach ' eine Geldstrafe von 12 M. cv. 4 Tage Haft. — • Der Tagelöhner Lorenz Haines von Wippers- ; Hain wurde wegen Körperverletzung, Bedrohung, ; Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Be­leidigung zu einer Gesammtstrafe von 2 Atonalen Gefängniß verurtheilt. — Margarethe Elisabeth Luckhardt, Elise Kippen und Anna Margarethe Luckhardt, sämmtlich von Kerspen- Hausen, erhielten wegen Feldfrevels eine Geld­strafe von je 1 M. ev. 1 Tag Haft. — Wegen Beleidigung wurde der Chr. Steinweg von hier in eine Geldstrafe von 30 Mark genommen. — Den Ackermann Heinrich Koch von Meckbach belegte der Gerichtshof wegen Körperverletzung mit einer Geldstrafe von 20 M. ev. 1 Woche Gefängniß.

Hersfeld, 13. Oktober. (Das Austreiben des Viehes im Herbst.) Sobald im Herbste die Nächte kalt werden oder schon Nachtfröste eintreten, darf das Vieh nur dann ausgetrieben

werden, wenn die Sonne das Gras abgetrocknet und erwärmt hat. Erkältungen und andere Uebel sind die Folgen, wenn man gegen diese Regel handelt. Ueberhaupt aber ist in dieser Zeit der allmähliche Uebergang zur Stallfütterung zu machen, und zwar dadurch, daß man die Stallzeit immer weiter verlängert und die Stallfütterung immer mehr vorherrschen läßt.

Cassel, 11. Oktober. Ein niederträchtiger ; Buben st reich wurde in der eben hier statt- j findenden großen Kunstausstellung der westlich der Elbe verbundenen Kunstvereine ausgeführt, der allgemeines Aufsehen und ^m^^^^^^ hervor- ! gerufen. Der rühmlichst bekannte Maler Johannes K l e i n f ch m i d t von hier, von welchem erst kürzlich auf der Berliner Jahresausstellung ein reizendes Genrebild für die Verloosung angekaust wurde, hat eine Anzahl Gemälde ausgestellt, von welchen drei aus offenbarer Niedertracht beschädigt wurden, während Bilder anderer Künstler von ; den Frevlerhänden unberührt blieben. Bemerkens- merth ist auch für die Absicht des Thäters, daß die Bilder in verschiedenen Räumen der Aus­stellung ausgehängt waren. Daß eine offenbar kunstv e r st ü n d i g e und vielleicht auch kuust- n e i d i s ch e Hand gewaltet, erhellt daraus, daß mit Fingernägeln die Lichter in den Augen der Kinderdilder, sowie die charakteristischen Mund- I linien weggekratzt waren. Die Kriminalpolizei hat bereits eine umfassende Thätigkeit zur Er­mittelung der kunstverständigen Kunst- feinde ausgenommen; allerdings scheint dieselbe recht schwierig.

Cassel, 10. Oktober. Ein in der hiesigen Bahnhofsschlosserei seit Jahren beschäftigter Hand­werker W. in Rothenditmold, welcher den Krieg von 1870—71 mitgemacht und unheilbar krank war, s ch o ß sich gestern Vormittag mit einem Revolver eine Kugel in den Kopf. Die Verletzung führte am Abend den Tod des Unglücklichen herbei.

Cassel, 13. Oktober. Gestern verstarb dahier Herr Lehrer A. Rabe, der Herausgeber der „Hessischen Schulzeitung" und ein um die Lehrer­schaft vielfach verdienter Mann, der auch Vor­sitzender des hessischen Lehrer-Vereins gewesen.

Marjotz, 10. Oktober. Sonntag Vormittag wurde der hiesige Königliche Förster Röder im hiesigen Königlichen Forstwalde todt aufgefunden. Derselbe hatte sich mit seinem eigenen Gewehr erschossen. Motive zu der unglücklichen That sind bis jetzt noch unbekannt.

Wanfricd, 9. Oktober. In der Nacht vom 7. zum 8. d. M. verunglückte unweit der Heldraer Feldmühle der bei dem Schneidemüller Bühr hier im Dienste stehende Knecht Hentrich. Derselbe hatte auf dem mit Baumstämmen beladenen Wagen Platz genommen und wollte von diesem abspringen, um zu bremsen; hierbei kam er zu Fall und wurde überfahren. Der Tod trat wenige Augen­blicke danach ein.

Gelnhausen, 9. Oktober. Ein unglücklicher Vorfall, welcher die Theilnahme allseitig weckt, hat die Eheleute Lademeister Schwartze hier, in tiefste Trauer versetzt. Der zweijährige Knabe derselben fiel in einem unbewachten Augenblick in einen mit kochendheißem Wasser gefüllten Topf und verbrannte sich so arg, daß er am andern morgen verschied. Auch die Mutter des Kindes, welche dasselbe sogleich aus dem heißen Wasser riß, verbrannte sich die beiden Hände. Der Schmerz der Eltern über dieses Unglück ist groß.

Crumbach, 11. Oktober. Der schon lange leidende Postagent Sch. dahier schnitt sich in einem Anfall von Tiefsin die Pulsadern auf und endete so sein Leben selbst.

Oberrieden, 9. Oktober. Vorgestern hat sich hier der Schneider O. erhängt. Die von ihm hinterlassene Wittwe hat vor einigen Jahren auch ihren ersten Mann durch Selbstmord ver­loren. Derselbe schnitt sich damals den Hals ab.

Wiesbaden, 11. Oktober. Der Mainzer ^Militärkapellmeister Kern ist nunmehr vom Kriegsgericht zu einem Jahr Festung und Degra­dation verurtheilt worden; derselbe wurde heute zur Verbüßung der Strafe von Mainz abgeführt.

Gießen, 9. Oktbr. Der wohlhabende Land­wirth Brückel in Eschbach hat sich erhängt. Er äußerte vor einiger Zeit, daß die geringen Obst­preise ihn noch in den Tod treiben würden, er könnte es noch ertragen, wenn es kein Obst gegeben hätte, aber aus seinem reichen Vorrath so gut wie nichts zu lösen, das wolle er nicht überleben.

Bacha. Ein Werk größter Rohheit und Niederträchtigkeit ist auf dem israelitischen Fried- Hofe hierselbst ausgeführt worden. Bubenhände