Beilage zur Nr. 116 des Kreisblatts.
Hersfeld, den 3. Oktober 1893.
(Nachdruck verboten.)
Unebendürtig.
Roman von H. von Z i e g l e r.
(Fortsetzung.)
Wildenstein empfand mit scharfem Weh das feine Taktgefühl des Mannes, den er bislang für seinen Feind gehalten, doch er schwieg und Hohenthal fuhr fort:
„Aber er nahm mir das Versprechen ab, gegen Nora, auch wenn sie älter werde, nie zu erwähnen, wer ihre Mutter gewesen oder auch daß Du ihr durch Bande des Blutes verwandt gewesen."
„Eine harte, furchtbare Bedingung! So darf ich auch an der Kleinen nicht gut machen, was ich an ihrer Mutter gefehlt?"
„Nein. Sie soll nicht erfahren, daß Du ihr Oheim bist, ausgenommen ihr Vater theilte es ihr einst selbst mit."
„Und wie lange bleibt er in Italien?"
„Vorläufig bis zum Herbst. Wo er sich dann niederläßt, ist unbestimmt! der Aermste ist noch so gebrochen über Theresen's Tod, daß wir froh sind, wenn er sich zum Spiele» am Abend aus seinem Innern herausreißt. Er hat sie unsäglich geliebt."
Wieder wollte sich in Rudolf die alte Eifersucht regen, doch er beherrschte sich und seufzte nur Ichwer:
"^-ie war's auch anders möglich! Gerade damals, als ich sie aus meinem Herzen heraus- eigen wollte, liebte ich sie mehr denn je; sie war "Mres Schlosses Engel und Sonnenschein nachdem sie fortgegangen, wurde.es öde und traurig.
,,^illit Du ihr Kind sehen, Rudolf?"
le aus einem schweren Traume fuhr der Gras empor.
„Ja, gewiß," rief er hastig, „und wenn es I auch, nicht wissen soll, wer ich bin, so will ich's । doch in die Arme schließen — und lieb haben."
„Hm, Nora ist ein eigenartiges Geschöpfchen, und nicht allzu schmiegsam; mich liebt sie jedoch wie den eigenen Vater. Nora, mein Liebling, komm herein," rief! Hohenthal liebevoll, die Thür zum Nebenzimmer öffnend, und sogleich flog ein kleines, blondes Mädchen herein und zu ihm hin. Es trug ein schwarzes Trauerkleidche», auch die Haare wurden durch ein dunkles Band zurückgehalten, doch nach Kinderart strahlten die blauen Augen hell und fröhlich, trotzdem sie noch rothgeweint waren vom Abschieds des Vaters her.
„Onkel Eduard," rief Nora lustig, „denke nur, ich habe zwanzig Schmetterlinge gezählt, die beim Fenster vorbeiflogen und Frau Anna sagt, wenn ich fünfundzwanzig gesehen habe, bekomme ich etwas geschenkt; ist das wahr, lieber, guter Onkel?"
„Wenn es Frau Anna sagt, wird es wohl seine Richtigkeit haben," lächelte Hohenthal gütig. „Was wünscht sich denn meine liebe Kleine?"
„Natürlich Schokolade, Onkel," lächelte sie schelmisch, „schöne, süße Pralinees, wie mir Papa sie immer mitbringt, wenn er verreist war. Ach, ich esse sie so gerne und — die arme Mama —"
Hier drohte das Kinderstimmchen zu brechen, die blauen Augen füllten sich mit Thränen und der Baron sagte, rasch zn etwas anderem übergehend :
„Nora, wir sind nicht allein. Geh zu dem Herrn und sage guten Tag."
Das Kind rieb sich die Augen und ging dann sogleich gehorsam zn dem Fremden, um denselben zu begrüßen. „Guten Tag," sagte es, knixte und streckte freundlich das Händchen aus, doch plötzlich stockte die Stimme. Nora wandte sich
ehe noch der Graf sie anredete, zn Hohenthal und sagte kurz:
„Onkel Eduard, soll ich dem Herrn denn auch die Hand geben?"
„Ja gewiß, Liebling; es ist ein neuer Onkel, der Dich sehr lieb haben wird."
„Das glaube ich nicht," antwortete das kleine Mädchen trotzig, „und ein Onkel ist’S auch nicht — ich habe außer Dir gar keinen."
Wie ein Blitz durchschoß den Grafen ein schneidendes Wehgefühl; einst hatte er der Schwester, die ihm flehend die Hand hingestreckt, hart und lieblos gesagt: „Ich habe keine Schwester." Und nun stand deren Töchterchen, ein Kind noch, vor ihm und erklärte mit genau derselben Schroffheit und echt Wildenstein'scher Kopfwendung: „Ich habe keinen Onkel!' O wunderliche Nemesis! Sie schlug ihren Stachel tief in des gramvollen, einsamen Mannes Brust und zwar durch zarte Kinderlippen, die nicht einmal wußten, was sie sagten.
„Aber Du kennst den Herrn doch gar nicht, Nora," gebot der Baron streng, „gieb ihm die Hand, sage ich."
„Er war schon damals so böse, als ich mit der Mama bei Dir war, Onkel Eduard," ent- gegnete das Kind mit blitzenden Augen, „ich erinnere mich noch ganz genau und — werde ihm auch ganz gewiß keine Hand geben."
„Laß sie, Hohenthal," sagte Wildenstein ernst, „sie hat unseren Charakter und der läßt sich nicht brechen. Vielleicht — kreuzt Theresens Kind einst wieder meinen Lebenspfad; vielleicht führt Gott noch alles gut hinaus. — Ich bin der einsame Einsiedler daheim, wie in der Wüste: Lebewohl, ich fahre noch heute nach Hause."
Als die Thür sich hinter dem Grafen geschlossen,