Staatslebens zur Verwirklichung gebracht hat, ist ein in hohem Maße erfreuliches Ereigniß, nicht minder erfreulich ist, daß die gesetzgeberische Thätigkeit selbst im Laufe der Zeit so manche scharfe politische Gegensätze gemildert und die staatserhaltenden Parteien mehr und mehr zusammengeführt hat. Dies wird namentlich der zu würdigen wissen, der sich der früheren Bestrebungen und Kämpfe um .parlamentarische Macht, um parlamentarisches Regiment erinnert. Wie von jeher die Conservativen, so sind die Nationalliberalen mehr und mehr in bewußten Gegensatz zu den Grundsätzen getreten, die ein von dem Parlament abhängiges Königthum als ein Erforderniß der Gegenwart und als ein er- strebenswerthes Ideal bezeichnen. Vor fünf Jahren bekannten sie sich in ihrem Wahlaufruf ausdrücklich zu „einer starken' Freiheit und Ordnung sichernden, die Wohlfahrt aller Klasten des Volks gleichmäßig fördernden Königsgewalt" und sie knüpften an die weitere glückliche Entwickelung der Gesetzgebung die mit den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte begründete Bedingung, daß sich die Mehrheit der Landesvertretung von radicalen Tendenzen frei halte. Das ist ein gesunder Standpunkt, den sie im Verein mit den Conservativen in diesen fünf Jahren bethätigt haben.
Die Wiedererstarkung des monarchischen Gedankens ist ein großer Gewinn der letzten zwanzig Jahre. In den staatserhaltenden Parteien ist er lebendig, und die früher empfohlene Theorie des parlamentarischen Regiments hat immer mehr Anhänger verloren.
Hiermit ist von Jahr zu Jahr schärfer der Gegensatz zu der alten Fortschritts-, später deutschfreisinnigen Partei, geworden, die unter einem keinen Widerspruch duldenden Führer bemüht war, durch Rede, Schrift und Handlungsweise diese Entwicklung zu hindern oder zurückzuschrauben. Freilich hat sich auch ein Theil des Freisinns bei der Entscheidung über die Verstärkung der Wehrkraft im Reiche eines Besteren besonnen und von dem anderen Theil getrennt, der seinerseits diese Gelegenheit benutzt hat, um seinen demokratischen Charakter um so unverhüllter hervorzukehren und sich der Socialdemokratie in bedenklicher Weise zu nähern.
Die Stellung der Parteien zu Staat und Königthum liegt klar vor uns, hiermit aber auch die Aufgabe für die Wähler, ihrerseits dafür zu sorgen, daß die bisherige erfreuliche Entwicklung keinerlei rückläufige Bewegung nehme. Die Erfahrungen der Vergangenheit drängen darauf hin, sich desten bewußt zu bleiben, daß, soll eine gedeihliche Entwicklung des Staatslebens nicht gehemmt werden, die Bestrebungen der Demokratie, in welchem Gewände sie auch immer austreten mag, sowie die Versuche, durch demagogische Aufhetzereien die innere friedliche Entwicklung zu stören, auf das Entschiedenste zu bekämpfen sind, und daß das gute Einvernehmen der Mehrheit der Volksvertretung mit der Staatsregierung, welches bisher gute Früchte getragen hat, aufrecht erhalten werden muß.
Politische Nachrichten.
Als Se. Majestät der K a i s e r am Donnerstag Abend im Hafen von Gothenburg eingetroffen war, begab sich der Kronprinz von Schweden zur Begrüßung Sr. Majestät an Bord der „Hohen- zollern." Um 10 Uhr fuhr Se. Majestät der Kaiser mit dem Kronprinzen an Bord des Lootsendampfers nach Gothenburg, woselbst eine große Volksmenge die erlauchten Herrschaften sympathisch begrüßte. Um 10 '/9 Uhr fuhr die Jagdgesellschaft mit der Bahn nach Herrljunga, wo sie um 123 4 Uhr Nachts eintrafen. Am Freitag früh traf der König Oskar mit dem Prinzen Karl ein und um 6'/, Uhr fuhr die ganze Jagdgesellschaft nach Lilleskog, von wo der Aufbruch zur Jagd nach dem Jagdrevier Hunneberg erfolgte. Nach Beendigung der Jagd war die gesammte hohe Jagdgesellschaft zum Frühstück in Ekelund vereint. Am Nachmittag fand alsdann bei Sr. Majestät bem König von Schweden in Herrljunga die Mittagstafel mit Umgebung statt. Am Sonnabend Vormittag zwischen 8 und 9 Uhr traf Se. Majestät der Kaiser mit seiner Begleitung wieder in Karls- krona ein, wo die königliche Jacht „Hohenzollern" bereit lag, um den erlauchten Monarchen an Bord zu nehmen.
Se. Majestät der Kaiser ist am Sonntag früh 7 */2 Uhr in Trakehnen eingetroffen
Zum Empfange hatten sich der Land-Stallmeister v. FrankenbeZtz und der Graf zu Dohna eingefunden. Die Bevölkerung begrüßte den Kaiser mit jubelnden Zurufen.
Ueber die Ergebnisse der bevorstehenden Wahlen zum Hause der Abgeordneten haben nach einer Verfügung des Ministers des Innern vom 23. September statistische Erhebungen stattzu- finden, deren Bearbeitung dem königlich Statistischen Büreau übertragen ist. Zunächst soll für jeden Wahlbezirk auf dem Lande durch den Landrath (resp. Ober-Amtmann), in den Städten durch die Gemeinde - Verwaltungsbehörde das Verhältniß der Wahlberechtigung und Steuerleistung bei sämmtlichen Urwählern konstatirt, in zweiter Linie die Theilnahme an der Wahl und die Vertheilung der Stimmen in den verschiedenen Abtheilungen festgestellt werden. Besonders soll dann weiter gezählt werden, wie viel Wählmänner in jedem Wahlbezirk für den gewählten Abgeordneten und wie viel für den Gegenkandidaten gestimmt haben. Die Zählbogen resp. Zählkarten sind spätestens innerhalb acht Tagen nach der Wahl der Abgeordneten an das königliche Statistische Bureau einzusenden.
Durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 9. d. M. ist eine neue „Schießvorschrift für die Infanterie" unter Vorbehalt von Bestimmungen über Ehrenpreise für hervorragende Schießleiftungen und sonstige Schießauszeichnungen, zum 1. Oktober dieses Jahres in Kraft gefetzt werden.
Den Franzosen wird die Freude an dem bevorstehenden R u s s e b e s u ch e durch immer neue Zwischenfälle einigermaßen vergällt. In dies Capitel gehört auch der Besuch, den der Graf von Paris, der orleanistische Thronprätendent, gegenwärtig am verwandten dänischen Hofe abstattet, und wobei es natürlich zu einem Zusammentreffen des Prätendenten mit dem Czaren gekommen ist. Die „Justice," das Organ des bekannten radicalen Politikers Clemenceau, läßt sich über das Erscheinen des Grafen von Paris in Kopenhagen denn auch sehr entrüstet vernehmen uub meint, die Begegnung zwischen dem französischen Thronprätendenten und dem Czaren gerade am Vorabend des russischen Flottenbesuches in Toulon nehme sich beinahe so aus, als ob durch diese Begegnung die Wirkung des Flottenbesuches abgeschwächt werden solle. Nun, eine besondere politische Bedeutung besitzt die Zusammenkunft des Grafen von Paris mit dem Czaren schwerlich, immerhin kann man dem Vorgang in Hinblick auf den Russentaumel der selbst die gesinnungstüchtigsten französischen Republikaner ergriffen hat, einen gewissen pikanten Reiz nicht absprechen.
Von dem spanischen Thronprätendenten DonCarlos ging kürzlich die Rede, er wolle zu Gunsten seines Sohnes Don Jaime aus seine Thronansprüche zu verzichten. In Wahrheit soll aber Don Carlos gar nicht an einen solchen Verzicht denken und überhaupt nicht geneigt sein, seine politische Rolle aiffzugeben. Es heißt, er werde dies seinen Standpunkt in einem nächstens erscheinenden Manifest an feine Wähler wahren. So ein bischen Prätendenten- thum muß doch wunderschön sein!
Aus Provinz und Nachbargebiet.
Hers feld, den 2. Oktober 1893.
* Der Einbruch in eine fremde Wohnung, um zu stehlen und das Aufgeben des Diebstahls, weil der Inhalt der Wohnung dem Thäter des Mit- nehmens nicht werth erschien, ist, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, IV. Strafsenats, vom 13. Juni 1893, nicht als versuchter schwerer Diebstahl zu bestrafen.
* fTheilmeise Steuerbefreiung.) Die in diesem Herbst zu den militärischen Uebungen einberufen gewesenen Reservisten und Wehrleute seien darauf aufmerksam gemacht, daß sie für den ganzen Monat, in welchem sie eingezogen gewesen sind, von Zahlung der Steuer befreit sind. Hierbei macht es keinen Unterschied, ob die Uebung während des ganzen Monats oder nur kürzere Zeit gedauert hat. Beispielsweise haben die am 28. August einberufenen und am 14. September zur Entlassung gekommenen Mannschaften Anspruch auf einen Steuererlaß von 2 Monaten, das ist ’/6 der ganzen Jahressteuer. Zur Geltendmachung dieser Ansprüche bedarf es nur eines entsprechenden Antrages unter Beifügung des Steuerzettels an die zuständige Stelle.
* Die Hauptkonferenz des Deutschen Eisen- bahnverkehrs- Verbau des wird am 8. November in M ü n ch e n stattfinden.
* Die Nationalliberalen in Cassel beschlossen einstimmig, den Prof. Dr. Enneccerus wieder aufzustellen.
* Von der Reichs-Sanitätsbe Hürde werden wie das „B. Tgbl." hört, Versuche mit infizitten Thierleichen vorgenommen, welche in gewöhnlichen Särgen derartig Bestattung finden, wie dies bei menschlichen Leichnamen üblich ist. Es werden dabei verschiedene Bodenarten, Sand, Lehm, Humus, trockener Grund, nasser Grund rc. und die bei Begräbnissen üblichen Tiefen von 2 Meter gewählt. Offenbar soll festgestellt werden, wie lange die Bakterien, als Ansteckungsträger oder Ansteckungserreger, in den eingesargten Thierleichen fortleben. Ferner liegt es nahe, hieran die weitere Untersuchung zu knüpfen, wie das Verhalten der schädlichen Bakterien in dem benachbarten Erdboden ist, wie weit sie sich fortbewegen, wie sich das Grundwasser mit seinen Strömungen dazu verhält u. dgl. m.
* Hersfeld, 2. Oktober. (Bußtag.) Das Kirchengesetz vom 12. März d. Js., welches den preußischen Landes-Buß- und Bettag auf den Mittwoch vor dem letzten Sonntage des Kirchenjahres verlegt, und das Staatsgesetz von demselben Datum, welches diesem Tage die Geltung eines allgemeinen Feiertages beilegt, sind auf Grund der dazu erlassenen Allerhöchsten Verordnungen mit dem 1. April d. J. in Kraft getreten. Da demnach der Landes-Buß- und Bettag bereits in diesem Jahre zu bem oben genannten Zeitpunkte begangen werden wird, und zwar für dieses Mal am Mittwoch den 22. November, so sind die Geistlichen aufgefordert worden, an den beiden vorhergehenden Sonntagen auf diese Feier hinzuweisen und die Gemeinde zu einer allseitigen Betheiligung einzuladen. Den Gottesdienst selbst anlangend, hat der Evangelische Oberkirchenrath durch Erlaß vom 26. Juli bestimmt, daß an dem diesjährigen Bußtage, der zum ersten Male mit den meisten deutschen Landeskirchen gemeinsam gefeiert wird, in allen Kirchen seines Amtsbezirkes bei den Haupt- und Nebengottesdiensten die Gemeinden zur thatkräftigen Mitarbeit an der Ueberwindung der sozialen Wirren ermähnt werden und um die Rückkehr des durch die Entfremdung der Stände unter einander gestörten inneren Friedens gebeten werden soll. Der evangelische Oberkirchenrath hat nach der „Kr. Z." Anlaß genommen, noch besonders darauf hinzuweisen, daß durch obige Anordnung der Charakter des Bußtages in der Hauptsache eine Beeinträchtigung nicht erfahren darf.
* Hersfeld, 2. Oktober. Das Abkratzen der Bäume wird immer von Vielen für un- nöthig gehalten, deshalb sieht man überall die älteren Bäume dicht von Moos und loser Rinden- borke hängen. Eine dichte Bedeckung der Bäume mit Moos u. s. w. schadet ihrer Gesundheit, sieht schlecht aus und bildet für eine Reihe von obstbaumschädlichen Insekten eine sichere Brutstätte und einen Unterschlupf. Der Puppe des Apfelblütenstechers macht beispielsweise die strengste Winterkälte gar nichts; sobald sie aber feucht wird, geht sie zu Grunde. Es empfiehlt sich also sehr, im Herbste oder Frühjahre, ehe es warm wird, Baumstämme und Aeste gründlich von Moos und rissiger borkiger Rinde zu reinigen, abzukratzen und abzuscharren und mit Kalkmilch auszupinseln. Alles, was vom Baume genommen wird (Fallobst, Laub, dürres Holz, Rinde, Moos, Flechten u. s. w.), muß sofort gesammelt, entfernt und verbrannt werden; es werden hierdurch eine Menge Feinde des Obstbaumes vernichtet.
t Hersfeld, 2. Oktober. Der Monat des Abschiednehmens ist eingezogen und die Sonnen- träume des Sommers haben ihr Ende erreicht. Ungehindert pfeift der Wind über die weite Ebene und singt der Natur das Ruhelied. Im Walde ist es ganz still geworden, die Sänger sind fort; nur ab und zu klingt ein Schrei, ein Ruf von oben herab aus den Lüften, den ein wandernder Zugvogel ausstößt.
(!) Schenklcngsfeld, 30. September. Heute Abend nach 8 Uhr wurde die hiesige Feuerwehr alarmirt. In der Scheuer des Ackermanns George Schmidt dahier war auf bis jetzt noch unbekannte Weise Feuer entstanden, in Folge dessen 1 Wohnhaus, 3 Scheuern mit der darin enthaltenen Fourage, 2 Stallgebäude und eine Holzremise alsbald eingeäschert wurden, außerdem wurde noch ein Wohnhaus stark beschädigt Durch