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Hersfeldtl Kreisliliitt.
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Muftrirtes Sonntagsblatt".
Nr. 109.
Sonnabend den 16. September
1893.
Amtliches.
Hersseld, den 13. September 1893.
Diejenigen Herren Ortsvorstände, welche mit der Erledigung meiner Verfügung vom 14. August 1891 Nr. 8179, im Kreisblatt Nr. 99, betreffend die vorhandenen gewerblichen Anlagen und die in denselben beschäftigten Arbeiter, noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist bis zum 20. September bei Meidung von 3 Mk. Strafe erinnert.
Der Königliche Landrath Freiherr von Schleinitz.
Nichtamtliches.
t Milizsystem un^ Sslöaten- nntzhandlungen.
Bei den lebten Militärdebatren im Reichstage verlangten die Socialdemokraten wieder die Form des Milizheeres für die Durchführung. der allgemeinen Wehrpflicht d. h. jeder Taugliche solle zwar bei den Fahnen dienen, aber nur kurze Zeit, etwa so lange, als bisher unsere Ersatzreservisten dienten. Es versteht sich von selbst, daß dann die Friedensstärke des Heeres auch nur sehr schwach sein würde. Milizen sind eben kurz dienende Truppen mit schwacher Friedensstärke des gesammten Heeres. Dieses System besteht in der Schweiz und es niag auch dort insofern am Platze sein, als es für die Bedürfnisse eines nicht bloß durch die Natur sondern auch durch international verbriefte Neutralität geschützten Gebirgslandes ausreicht. Die großen Mächte und besonders Deutschland, das sich seine Einheit mit dem Schwerte erkämpfen mußte und einen unruhigen revanchesüchtigen Nachbar zur Seite hat, müssen zu ihrer Selbsterhaltung eine viel stärkere militärische Kraft entwickeln, und es ist zweifellos, daß sich das Milizsystem in der Schulung des einzelnen Soldaten für die höchste kriegerische Tüchtigkeit mit dem System der stehenden Heere nicht zu messen vermag.
Als einen besonderen Vorzug des Milizsystems preisen die Socialdemokraten, daß es Schutz gegen Mißhandlungen Untergebener biete. Es läßt sich wohl denken, daß da, wo an die mühsame Durchbildung des einzelnen Mannes nicht so hohe Anforderungen gestellt werden, auch der Anreiz geringer ist, von der Disciplinar- und Strafgewalt einen unzulässigen Gebrauch zu machen. Trotzdem unterscheidet sich das Milizsystem in diesem Punkte nicht wesentlich von anderen Wehrsystemen. Der Beweis hierfür ist kürzlich in einem lehrreichen Artikel der preußischen Jahrbücher geführt worden. Es ergiebt sich daraus, daß das Uebel der Soldatenmiß- Handlungen in der Schweiz ebenso vorkommt wie anderswo und daß die Militärbehörden seit Jahren dagegen ankämpfen. Aber wie einerseits die geringeren Ansprüche an den Gemeinen weniger Gelegenheit zu übertriebenen Anforderungen geben, so stellen sich andererseits der angemessenen Handhabung der Strafgewalt deshalb größere Schwierigkeiten entgegen, weil auf die Erziehung der Offiziere eine geringere Zeit verwandt wird.
Auch an Volksrednern und Agitatoren fehlt es dort nicht, welche einzelne Ausschreitungen, die nun einmal bei der Schwäche der menschlichen Natur niemals ganz verschwinden werden, übertreiben und dabei mitunter vergessen, „daß der Soldat denn doch auch da ist, um zu gehorchen, nicht blos um zu reklamiren." Sogar ein socialistisches Organ» der „Grütlianer", wies solche Uebertreibungen mit folgenden Worten ab: „Hört man auch hier und da noch einen sogenannten Kraftausdruck, so muß man auch bedeuten, daß der Jnstructor eben auch menschliche Schwächen hat wie andere Leute. Empfindlich wie ein verhätscheltes Kind soll der Soldat nicht sein."
Sehr nachahmensmerth ist das Beispiel eines Züricher Blattes, das eine, einzelne Fülle von schlechter Behandlung von Landwehrleuten verallgemeinernde Einsendung nicht ausnahm, sondern der zuständigen militärischen Dienststelle unterbreitete, weil „dienstliche Dinge, die stets, wo es je versucht wurde, auf dienstlichem Wege ihre allein richtige Erledigung gefunden haben, nicht zur öffentlichen Erörterung in der Presse geeignet seien, und weil solche Veröffentlichungen einen ganzen ehren- werthen Stand schädigen, ohne doch die Schuldigen eigentlich zu treffen." In demselben Sinne schrieb der schweizer 'Milizoberst Meister im Januar d. I.: „Auf der anderen Seite hat man sich aber auch vor Uebertreibungen zu hüten und braucht kein Jammergeschrei zu erheben, wenn ein tüchtiger Jnstructor bei übermäßiger Anspannung seines längsten Geduldfadens einmal ein wenig parlamentarischen Ausdruck anwendet. Unsere Leute reden derb und sind auch derber Sprache nicht abhold, namentlich, wenn noch etwas Galgenhumor dabei durchblitzt. Davor ist weniger Furcht zu haben als vor oft vorkommenden feigen Verleumdungen braver Ju- structoren in irgend einem Winkelblatt unter dem Schutze der Anonymität."
Wir wollen durchaus keiner Vertuschung wirklicher Mißstände das Wort reden und das Recht der Presse, solche zu rügen, nicht beschränken. Aber neben diesem Recht besteht die Pflicht, nach dem Beispiel jenes Züricher Blattes zu verfahren und vollends keinen Fall ohne die genaueste Gewähr richtiger Darstellung zu veröffentlichen. Die „Verleumdung braver Jnstructoreu" ist bis auf die Reichstagstribüne gedrungen. Socialdemokratische Redner haben in der allerleicht- fertigsten Weise militärische Vorgesetzte beschuldigt, die lief) im Gegentheil nach den Ergebnissen der Untersuchung durch liebevolle Sorgfalt für ihre Untergebenen ausgezeichnet hatten, und „Fälle" vorgebracht, für die auch nicht der Schatten eines Beweises vorlag. Diese Leichtfertigkeit im Beschuldigen erklärt sich daraus, daß für die Socialdemokraten der politische Zweck die Hauptsache ist, nämlich die Disciplin im Heere zu lockern und rebellische Neigungen hervorzurufen. Auch um diesem Treiben nicht Vorschub zu leisten, sollte die Presse in der Berichterstattung über angeblich vorgekommene Fülle von Soldatenmißhnndlnng die größte Sorgfalt anwenden.
Politische Nachrichten.
Ueber den Verlauf des Kaisermanövers am Mittwoch wird aus Lauterburg gemeldet:
Se. Majestät der Kaiser, Allerhöchstwelcher heute um 7 Uhr 50 Min. früh in Lauterburg eingetroffen war, stieg hier zu Pferde und hielt seinen Einzug in die festlich geschmückte Stadt, in deren Straßen die Vereine und bie gesummte Schuljugend Aufstellung genommen hatten. Am Stadtthore hatten sich Prinz Alexander zu Hohen- lohe, als Reichstagsabgeordneter des Kreises, ferner der Kreisdirektor Sengenwald und der Bürgermeister zum Empfange eingefunden. Letzterer hieß Se. Majestät willkommen. Der Kaiser, Allerhöchstwelcher die Uniform seines badischen Infanterieregiments trug, dankte für den herzlichen Empfang, und ritt, von brausendem Jubel der Bewohner begleitet, durch die Stadt, nach Nenweiler, woselbst Sr. Majestät ebenfalls ein festlicher Empfang bereitet wurde. Der Kaiser dankte huldvollst und betrachtete mit größtem Interesse die elsässische Landestracht.
Se. Majestät führte heute persönlich das Kommando des 14. Korps, dessen Vortruppen früh Dom 15. Korps angegriffen worden waren. Der Kaiser ließ die gesammte Artillerie des 14. Korps vorgehen und vertrieb den Gegner von Position zu Position. Nachdem Winzenbach passirt war und auf einer Anhöhe nördlich von Eberbach die Artillerie des 15. Korps von Neuein Aufstellung genommen hatte, erreichte das heutige Manöver sein Ende. Se. Majestät der Kaiser ritt durch die festlich geschmückten Ortschaften Winzenbach und Neuweiler nach Lauterburg, von wo um 12 Uhr Mittags die Rückkehr nach Karlsruhe erfolgte.
S e. Majestät d e r K a i s e r hat mit den fürstlichen hohen Gästen und dem militairischen Gefolge am Donnerstag Karlsruhe wieder verlassen und zur Abhaltung der großen Parade und zur Beiwohnung der Manöver sich nach Stuttgart begeben. Am Freitag findet vor Sr. Majestät die große Herbstparade des 13. Armeekorps statt, woran sich alsdann auf der Villa Berg eine Frühstückstafel direkt anschließt. Am Abend findet sodann im Stuttgarter Schlosse das übliche Paradediner statt. Für Sonnabend sind die großen Kaisermanöver in Aussicht genommen, »vorauf am Abend die Allerhöchsten und die Höchsten Herrschaften mit den Fürstlichkeiten noch zur Familien- tafel im Schlosse vereinigt sein werden. Am Abend um 9 Uhr 40 Min. erfolgt alsdann die Abreise L>r. Majestät des Kaisers auf der bereits bekannten Tour nach Güns und die Ankunft daselbst am Nachmittage gleich nach 4 Uhr.
Im Gefolge des Kaisers bei den u n gari s ch e n Manövern werden sich befinden: der Kommandant des Hauptquartiers, Generalmajor von Plessen, die Flügeladjutanten v. Scholl, Freiherr v. Seckendorff, v. Jacobi, der Chef des Mililairkabinets General v. Hahnke, der Abtheilungschef Oberstlieutenant v. Villaume, der Chef des Civilkabinets v. Lucanus, der Chef des Generalstabes der Armee Graf v. Schlieffen und der Geh. Leg.-Rath v. Kiderlen-Wächter vom Auswärtigen Amte.
Den Wiener Blättern wird aus Dresden gemeldet, wie dort verlautet, treffen im Oktober