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Gegenforderungen für Gewährung des deutschen Venragötarifs an Rußland abzugehen, so erklärt sich dies zum Theil aus dem Irrthum, daß Deutschland wirthschaftlich von Rußland abhängig sei und namentlich das russische Getreide für seinen Vrodbedarf nicht entbehren könne. Die letzten Jahre, in denen russische Getreideausfuhr- verbote bestanden, haben den Beweis geliefert, daß unser Getreidebedarf, soweit wir ihn nicht selber produziren, mit Leichtigkeit aus den Ver­tragsstaaten, Oesterreich - Ungarn, Nordamerika, Rumänien 2C. gedeckt werden kann. Zollkriege sind immer mit wirthschaftlichen Nachtheilen auf beiden Seiten verbunden; wir können aber nicht einem russischen Irrthum zu Liebe darauf ver­zichten, daß für unseren Vertragstarif entsprechende Konzessionen von russischer Seite gewährt werden. Läßt es daher Rußland auf einen Zollkrieg an­kommen, so wird es erfahren, daß seine wirth­schaftlichen Verhältnisse viel mehr als die deutschen zu einem gütlichen Ausgleiche rathen.

Es darf wohl angenommen werden, daß die Reichsregierung nöthigenfalls ohne Verzug von den Befugnissen des Zolltarifgefetzes (Zuschläge zu den Sätzen des allgemeinen Tarifs bis zu 50 pCt.) gegen russische Waaren Gebrauch mache.

Politische Nachrichten.

Berlin 27. Juli.

S e. Majestät der Kaiser begab sich, wie aus Kiel gemeldet wird, heute Vormittag ; 9 Uhr an Bord derHohenzollern." Um 10/2 Uhr ging dieselbe unter den Salutschüssen von S. M. TransportdampferPelikan" und S. M. S. Blücher" nach der Nordsee ab.

Einem Pro beschießen mit schwerem Geschütz wird der Kaiser Mitte August auf der Insel Helgoland beiwohnen. Die Be­festigungsarbeiten auf Helgoland sind jetzt be­endet und die Kruppschen Geschütze auf dem Oberlande in Batterien gebracht. Die Be­festigungen nehmen den mittleren Theil der Insel ein; aus einigen flachen Panzerthürmen blicken die mächtigen Kanonenrohre hervor, die Kase- mattenbauten sind mit Erde und Rasen bedeckt. Vor der Südspitze des Unterlandes ist aus Quadersteinen eine Mole zum Schutze der Kriegs­schiffe gebaut, und von dort aus führt ein Tunnel auf das Oberland bis in die Nähe des Gouverne­mentsgebäudes. Durch den Tunnel läuft ein Schienenstrang.

Nach einer Meldung derRheinisch - West­fälischen Zeitung" aus Dortmund hat Seine Majestät der Kaiser dem Dr. Burghard Frhrn. von S ch o r l e m e r auf Schloß Alst bei Horstmar in Anerkennung seiner patriotischen Hingebung Allerhöchstsein Bildniß verliehen.

IBerufsarten der Reichstagsab- g e o r d n e t e nZ Nach dem Reichstagshandbuch von I. Kürschner sind im Reichstage die Land­wirthe und die Juristen weitaus am stärksten vertreten. Gutsbesitzer und Landwirthe werden 145 gezählt; 48 davon sind deutschkonservativ, 25 gehören dem Centrum an, 18 den National­liberalen, 15 der Reichspartei und 12 den Polen. Die übrigen Landleute vertheilen sich auf die anderen Fraktionen, wobei die Dänen, die Elsässer und Socialdemokraten leer ausgehen. Neben den Landwirthen sind dieJuristen" am stärksten ver­treten: 110, darunter 36 Centrumsleute, 19 Deutschkonservative und 17 Nationalliberale. Besonders aufgeführt sind dann noch 3 Amts­richter, 1 Assessor a. D., 1 Gesandter a. D., 7 Justizräthe, 1 Kammergerichtsrath, 2 Kreisdirek­toren, 1 Landesdirektor, 12 Landgerichtsräthe, 7 Landräthe, 1 Landrichter, 21 Rechtsanwälte, 1 Referendar, 6 Regierungsräthe, 2 Regierungs­präsidenten, 1 Staatsminister und 1 Staats­sekretär a. D. u. s. w.

Infolge der Annahme der Militärvorlage sollen, wie es heißt, bei den Garde -Jnfanterieregimen- tern 4. Bataillone schon am 1. Oktober d. I. neu ausgebildet werden. Die Stämme werden dazu, wie bei allen Neuformationen, aus den bestehenden Truppentheilen entnommen. Um die Zahl der Unteroffiziere gleich annähernd voll zu machen, sollen die abkommandirten Unteroffiziere durch Gefreite ersetzt und in die Front wieder eingereiht werden.

Den Mittelpunkt der europäischen Tages­politik bildet noch immer der Streit zwischen Frankreich und Siam. Derselbe erhält einen ernsteren Anstrich, seitdem die beiderseitigen diplomatischen Beziehungen abgebrochen worden

find und sich Frankreich nun anschickt, einen kräftigen Vorstoß zur See gegen Siam zu führen. Zu diesem Zwecke ist französischerseits die Be­setzung der im Golfe von Siam gelegenen Inseln, weiter der Inseln Kong und Rongsanlem bei Cap Sannt beschlossen worden, welche die Stütz­punkte für die ferneren Operationen der Fran­zosen bilden sollen. Außerdem stellt derMatin" eine militärische Action in Aussicht, behufs Ver­vollständigung der Blokade von Siam und Be­setzung der in dem französischen Ultimatum geforderten Territorien. Inzwischen beginnt sich aber in der siamesischen Frage eine ganz neue Wendung zu markiren, durch die Einmischung Chinas, ©er. chinesische Geschäftsträger in Paris soll den Minister Develle darauf aufmerk­sam gemacht haben, daß Siam kein Gebiet be­sitze, welches bis zum 23. Grad nördlicher Breite reiche. Dies heißt mit anderen Worten, China betrachtet die betreffenden Ländereien als sein Eigenthum, die Franzosen werden nun also in ihren Forderungen gegen Siam einen Pflock zu­rückstecken müssen, wollen sie es nicht mit dem chinesischen Koloß zu thun bekommen.

Die Aufsehen erregende Meldung englischer Blätter, wonach drei russische Kriegs­schiffe an den Flottenmanövern vor Toulon Theil nehmen würden, erfährt jetzt von Peters­burg aus ein Dementi.

Aus Provinz und Nachbargebiet. Hersfeld, den 28. Juli 1893.

* (Personal-Veränderungen.) Ernannt: Die außerordentlichen Pfarrer Lambert auf er­folgte Präsentation zum Pfarrer in Wolferborn, Rollmann zum Gehülfen des ersten Pfarrers, Superintendenten a. D. Rollmann in Fulda und Schuchard zum Verweser der erledigten Pfarrstelle in Zierenberg, der Gerichtsreferendar Curt Jordan in Marburg zum Regierungs-Referendar bei der Regierung in Gaffel, der Pfarramts-Candidat Otto Schäfer zum Gehülfen des Pfarrers Junghans in Steinau, der Rechtscandidat Ziegler zum Referen­dar, die Regierungs-Sekretariats-Assistenten Eng­land zum Regierungs-Sekretair, Schneider zum Regierungs - Hauptkassen - Buchhalter. Ver­liehen: dem Kastellan Steindecker im Schlosse Wilhelmsthal der Königliche Kronen-Orden 4r Klasse mit der Zahl 50. Bestätigt: die Wahl des Landwirths Christian Brennecke zum Bürgermeister der Stadt Hess. Oldendorf auf die Dauer von 8 Jahren. Niedergelassen: die practischen Aerzte Dr. med. Max Kandler in Haina und Dr. med. Friedrich Vahland in Rosen- thal. Erworben: von dem Apotheker C. Steindecker aus Cassel die Mohreu-Apotheke in Schmalkalden. Entlassen: der Referendar von Schutzbar, genannt Milchling, aus dem Justiz­dienst behufs Uebertritts zur allgemeinen Staats­verwaltung.

* Beim Landgericht zu Cassel ist die Errichtung einer Kammer für Handelssachen seitens der Justizverwaltung genehmigt worden.

* Der anläßlich des Mangels an Streu- und Futtermitteln eingeführte A u s n a h m e = lrif wird mit Gültigeit vom 25. d. M. ab auf die ArtikelStreutorf",Holzsägespähne (Holzsägemehl), unverpackt, und entölte Samen" ausgedehnt.

* (Höhere Schulen in Preußen.) Nach einer Zusammenstellung imPhil. Korrespon­denzblatt" giebt -es in Preußen 272 Gymnasien, 88 Realgymnasien, 10 Oberrealschulen, 43 Pro­gymnasien, 45 Realschulen, (gleich höhere Bürger­schulen), 86 Realprogymnasten, im Ganzen 544 höhere Schulen. Da jedoch mehrere Gymnasien, Progymnasien, Realgymnasien aufgelöst werden, und viele Anstalten in Schulen anderer Gattung umgewandelt werden sollen, so wird in einigen Jahren sich etwa folgender Bestand herausstellen: 277 Gymnasien, 88 Realgymnasien, 25 Ober­realschulen, 44 Progymnasien, 84 Realschulen, 58 Realprogymnasten, im Ganzen 571 Anstalten. Wie man sieht, macht sich eine starke Verschiebung zu Gunsten der lateinlosen Schulen geltend, Oberrealschulen + 15, Realschulen + 39; die Realgymnasien, Realprogymnasten tragen dabei besonders die Kosten, während bei den huma­nistischen Gymnasien die Zahl der Neugründungen die der Auflösung und Umwandlung nur um fünf überwiegt.

* Zur Warnung theilt dieBerliner-Ztg." folgenden Vorfall mit: Ein hiesiger Kaufmann, der einem ungetreuen Lehrlinge wider besseres Wissen ein gutes Zeugniß ausgestellt hat, auf Grund dessen dieser bei einem Bankier Anstellung

erhielt, bald jedoch 6000 Mark veruntreute, wurde zum vollen Ersatz dieser Summe ver- urtheilt.

t Hersfeld, 28. Juli. Nach einer der Voss. Ztg." von zuständiger Seite gewordenen Mittheilung werden in Folge der zum Gesetz ge­wordenen Militärvorlage diejenigen Mannschaften, welche im Herbst 1892 eingestellt worden sind, unbedingt im Herbst 1894, also nach zweijähriger Dienstzeit entlassen werden. Dagegen können diejenigen, die bereits im Herbst 1891 eingetreten sind, nicht bestimmt vor Herbst 1894 auf ihre Entlassung rechnen, da ein Theil davon erforder­lichen Falls noch das dritte Jahr unter der Fahne bleiben wird. Doch sollen für diesen Jahrgang die Beurlaubungen zur Disposition thunlichst aus­gedehnt werden.

* Hersfeld, 28. Juli. Nach den im Reichs-Ver- sicherungsamt angefertigten Zusammenstellungen betrug am 1. Juli 1893 die Zahl der seit dem Inkrafttreten des Jnvaliditäts- und Altersver­sicherungsgesetzes erhobenen Ansprüche auf Be­willigung von Altersrente 245013. Von diesen wurden 193 114 Rentenansprüche anerkannt und 42 984 zurückgewiesen. 3810 blieben uner­ledigt, während die übrigen 5105 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Von den erhobenen Ansprüchen entfallen auf Hessen-Nassau 5352. Die Zahl der während desselben Zeitraums erhobenen Ansprüche auf Bewilligung von Invalidenrente betrug, wie der R. A." weiter meldet, 59 247. Von diesen wurden 34 746 Rentenansprüche anerkannt und 15 938 zurückgewiesen, 5722 blieben unerledigt, während die übrigen 2841 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Von den geltend gemachten Jnvalidenrenten-Ansprüchen entfallen auf Hessen-Nassau 1272. Unter den Personen, i die in den Genuß der Invalidenrente traten, be­finden sich 1025, welche bereits vorher eine Alters­rente bezogen.

Cassel, 27. Juli. Ihre Majestät die Kaiserin ' u n b Königin Auguste Victoria traf I heute früh mittelst Sonderzug von Kiel über Hamburg-Hannover kommend 7 Uhr 5 Min. auf Station Wilhelmshöhe ein. Der Sonderzug be­stand aus 6 Wagen und hatten von Hannover aus die Herren Regierungsrath König und Baurath Vockroth denselben bis Station Wilhelms­höhe begleitet. Ihre Majestät entstieg dein in der Mitte des Zuges befindlichen Salonwagen. Zur Begrüßung waren die drei ältesten Prinzen nebst dem jungen von Hahnke auf dem Bahnhof anwesend. Im nächsten Gefolge der Kaiserlichen Majestät befanden sich Kammerherr Graf Keller, Gräfin Keller, Gräfin v. d. Schulenburg. Nach herzlicher Begrüßung erfolgte die Fahrt nach Schloß Wilhelmshöhe, im ersten Wagen fuhren Ihre Majestät und die drei Prinzen nebst Gräfin v. b. Schulenburg. Aus dem Bahnhof war ein zahlreiches Publikum anwesend, welches Ihre Majestät und die Prinzen lebhaft begrüßte. (Tgbl.)

Cassel, 27. Juli Am gestrigen Mittwoch Abend gegen '/.,6 Uhr ereignete sich am Neubau des Landkrankenhauses auf dem Möncheberge ein Unglück. Ein auf das Dachgesimse hochgezogener Balken fiel plötzlich von einem zwei Stock hohen Bau auf bis jetzt noch nicht festgestellte Weise herunter und fiel dem unten beschäftigten, in den 40er Jahren stehenden Zimmergesellen Rabe aus Balhorn so unglücklich auf den Kopf, daß der Schädel gespalten wurde und der Tod alsbald eintrat. Der Verunglückte hinterläßt eine trauernde Wittwe und vier unmündige Kinder.

Cassel, 26. Juli. Die diesjährige Aufnahme- Prüfung in dem Königlichen Schullehrer-Seminar in S ch l ü ch t e r n ist auf den 21. September b. I., an welchem Tage die mündliche Prüfung beginnt, angesetzt.

Bettenhausen, 27. Juli. Ein hiesiger Arbeiter war vor einigen Tagen an der Kopfrose erkrankt und starb daran, als er kaum in das Landkrankenhaus überführt war. Als die nach Hause kommende Mutter ihren 6 Kindern unter Thränen die traurige Mittheilung überbrachte, fiel das älteste Kind, ein Mädchen, der Lieb­ling des Vaters, vor Schreck tobt zu Boden, ein Herzschlag hatte dem zarten Wesen ein plötzliches Ende bereitet.

Cisenach, 26. Juli. Fürst Vismarck's Fahrt nach Kissingen geht diesmal über Hannover, Eisenach und Meiningen, wo festliche Empfänge stattfinden werden.

Uttgedauken, 25. Juli. Heute Nachmittag um 3 Uhr entstand in der Scheune des Oeco^ nomen H. Groß dahier Feuer. Derselbe hatte