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Ei scheint wöchentlich drei MM £icnflaß, Donnerstag und Sonnabend. AbonnementSpreis vierteljährlich 1 Mark 40 Psg. excl. Postaufschlag.

Die JnscrtionSgebühren b-tragen für den Raum einer Spaltzeile 10 Psg., im amtlichen Theile 15 Tig- Reklamen die Zeile 20 Pfg. Bei größeren Aufträgen entsprechender Rabatt.

Htlssel-er IrtiüHatt

Mit wöchentlicher Gratis-VeilageJllnstrirtes Sonntagsblatt".

Ur. 88. Sonnabend den 29. Juli 1893.

Erstes Blatt.

Bestellungen

auf das MselStl cirmlliitt

mit der wöchentlichen Gratis-Veilage

Jllnstrirtes Sonntagsblatt" für die Monate August und September werden von allen Kaiserlichen Postanstalten, Land­briefträgern und von der Expedition ange­nommen.

Amtliches.

Hersfeld, den 26. Juli 1893.

Hierdurch bringe ich zur öffentlichen Kenntniß, daß das Proviantamt Bockenheim die Ankäufe von'Noggenrichtstroh (Flegeldrusch) und Wiesenheu wieder ausgenommen hat und vorzugsweise von Produzenten kauft.

L 4671. Der Königliche Landrath

Freiherr von Schleinitz.

Von beachtenswerther Seite ist darauf hinge­wiesen worden, daß die auf den Straßen feil gehaltenen Mineral-Wässer, wie Selterser, Soda- Wasser u. a. m. an die Abnehmer stets eiskalt verabfolgt werden und daß der Genuß so kalten Wassers, welcher schon in normalen Zeiten leicht ernste Verdauungsstörungen von längerer Dauer nach sich ziehe, beim Drohen der Cholera die Neigung zu ähnlichen Erkrankungen befördere.

Im Auftrage des Herrn Ministers der geist­lichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten werden daher die Verkäufer von Mineralwässern im Ausschanke hiermit angewiesen, das Getränk fernerhin, gleichviel ob die Cholera droht, oder nicht, nur in einem der Trinkwasser-Temperatur entsprechenden Wärmegrade von etwa 10° Cels. abzugeben. Gleichzeitig wird das Publikum vor dem Genusse eiskalter Getränke überhaupt, also auch des zu kalten Biers, insbesondere aber der Mineral-Wässer gewarnt.

Cassel, am 17. Oktober 1892.

Der Regierungs-Präsident. I. V.: v. Pawel.

Nichtamtlich es.

t Die Socialdemokratie auf dem Lande. ii.

Die freisinnige Partei ist früher einmal von einem socialdemokratischen Blatte als Unterpflug Socialdemokratie bezeichnet worden; man Esse die Bauern erst freisinnig machen, ehe sie socialdemokratisch werden könnten. In der That hat der letzte Wahlkampf wieder gezeigt, daß die Socialdemokraten bei ihrer Agitation in öffent­licher Nede und Schrift ziemlich genau unter­

scheiden, ob sie einen Wahlkreis schon als reif für die socialdemokratischen Lehren oder noch für unreif ansehen, ob sie schon einen festen Anhang in den breiten Schichten besitzen oder in diese erst eindringen wollen. Dort, also in Wahlkreisen, die bereits stark socialdemokratisch durchsetzt sind, wie die Großstädte mit ihren Vororten, die Sprache des Umsturzes, die offene Verkündigung der Ab­schaffung des Privateigenthums an Produktions­mitteln, die Verhöhnung der bestehenden Ordnung, die donnernde Phrase gegen die besitzenden Klaffen; hier, wo es sich zunächst darum handelt, die Leute erst unzufrieden zu machen, die Anwendung freisinniger Agitationsmittel nach Richter'schen Mustern, also namentlich die einseitigste Berechnung von Steuerlasten früher und jetzt, die Hervor­kehrung von einzelnen Klassen- und Berufsunter­schieden, die Erregung von Mißgunst gegen die Großgrundbesitzer, gegen die Landräthe rc. In solchen ländlichen Kreisen, wo sich die Social­demokraten Eingang zu verschaffen suchten, sind von ihnen Flugblätter ausgegeben worden, in denen das Wort Socialdemokrat kaum erwähnt und der Kandidat lediglich als ein Mann aus dem Volke, der womöglich alle Steuern abschaffen will, hingestellt war.

Viel wirksamer aber als die Flugblätter ist die persönliche Einwirkung von Mund zu Mund. Die Socialdemokraten begnügen sich nicht damit, ein­mal alle fünf Jahre Flugblätter in den Landorten vertheilen zu lassen, sondern ihre Agitatoren gehen persönlich auf die Dörfer und Agitator ist so ziemlich jeder überzeugte Parteigenosse. Da sind in einer Landstadt fünfzig, hundert Männer, die ihre freie Zeit in den Dienst der socialdemokratischen Partei stellen. Jeder hat da und dort auf den Dörfern der Umgegend einen oder den andern Bekannten. Der wird Sonntags besucht; daraus ergeben sich weitere Bekanntschaften mit den Dorf­bewohnern. Derbewußte" Mann hütet sich wohl, die religiösen Empfindungen seines Gast- freundes zu verletzen oder seine Freunde am Be­sitze, sei er auch noch so klein, zu stören. Aber da wird dem Arbeitsmann gesagt: Sieh au, wie Du wohnst, wie Du Dich plagen mußt für so geringen Tagelohn; aber Du mußt mit Deinem Schweiße schaffen, daß der Gutsherr herrlich und in Freuden leben kann. Oder einem Kossäthen ist es mit irgend einem Anliegen beim Amtsvor­steher, in irgend einer Streitsache nicht nach Wunsch gegangen, gleich sucht ihm der gute Freund ein- zureden, daß ja die Behörden überhaupt nur für die Reichen da seien rc. Ein besonderer Fall, in dem der Landmann aus einem wirklichen oder vermeintlichen Grunde nicht zufrieden ist, wird sofort in's Allgemeine gezogen; er muß zur Ver­giftung der Zufriedenheit überhaupt dienen. Das billige Wohlwollen des Agitators wird dann von unselbstständigen Naturen auf die Partei, die er vertritt, übertragen.

Die Socialdemokratie schlügt alle anderen Par­teien nicht nur in der Zahl der freiwilligen Kräfte, die ihr. zur Verfügung stehen, sondern auch iu der dauernden, nicht bloß auf Wahlzeiten be­schränkten Einwirkung auf die Wähler. Die socialdemokratischen Vereine, in denen nur Politik getrieben wird, Parteitage, Vertrauensmänner und dergleichen bilden nur einen kleinen Theil

ihres Agitationsapparats. Berufs-, Bildungs­und gesellige Vereine aller Art gehen nebenher und sorgen für eine fortdauernde enge persönliche und geistige Berührung. Zu den Fachvereinen, den Rauch- und Gesangklubs, die schon in den sieb­ziger Jahren ein wichtiges Glied der Organisation waren, sind Arbeiterbildungsvereine, in denen eine seichte Wissenschaft gepflegt wird, Turnver­eine, Musikoereine, freie Volksbühnen, neuerdings sogar auch Radfahrervereine hinzugekommen. Ge­sellige, Kunst-, Sportgenüsse werden in den Dienst der politischen Agitation gestellt; sie ziehen in den Städten junge Leute und Fanlilien an und bilden ein wichtiges Mittel, die Agitation immer mehr auszubreiten und persönliche Berührungs­punkte zwischen Stadt und Land zu liefern.

Alle diese Mobilgarden werden in Wahlzeiten auf Kriegsfuß gesetzt. Aber das Wichtigste ist, daß sie nicht bloß in Wahlzeiten erscheinen, sondern schon vorher eine fortdauernde Rekognoscirung des Landes ausgeübt haben. Um so leichter be­kommt dann der übet berathene, mißvergnügt ge­machte Landmann den Eindruck: Da ist eine Partei, die sich um Deine Sorgen kümmert; die weiß von Dir, die will Deine Lage verbessern; die andern Parteien, die kümmern sich nur alle fünf Jahre einmal um Dich, wenn Du für sie Deinen Stimmzettel abgeben sollst.

Deutsch-russischer Handelsvertrag.

Wie bereits mitgetheilt, wird die russische Regierung ihren Maximaltarif am 1. August gegen Deutschland in Kraft setzen. Damit würden sich natürlich die Aussichten auf den Abschluß eines deutsch-russischen Handelsvertrags vorerst stark ver­ringern. Der bisher geltende russische Tarif ist das Resultat fortgesetzter Zollerhöhungen, so daß unter seinem Einfluß die deutsche Einfuhr nach Rußland feit einem Jahrzehnt fortwährend zurück­gegangen ist. Trotzdem hat Rußland noch einen Maximaltarif errichtet, der hohe Zuschläge auf die bestehenden Zölle enthält.

Mit Frankreich ist Rußland kürzlich zu einem Abschluß gekommen, nach dem die bestehenden russischen Zölle in einer ziemlich beträchtlichen Anzahl von Positionen für Frankreich und andere meistbegünstigte Länder ermäßigt worden sind. Für einen Theil der Waaren, auf die in dem russisch-französischen Verträge die Zölle ermäßigt sind, hat Deutschland einen viel größeren Verkehr mit Rußland, als Frankreich. Trotzdem kann unsere Regierung auf einen Vertrag, der dieselben russischen Zollermäßigungen wie der französische enthielte, nicht eingehen, weil erstens diese Er­mäßigungen dem Grade nach sehr unbedeutend sind, namentlich wenn man die außerordentliche Höhe der Zollsteigerungen des letzten Jahrzehnts betrachtet, und weil sich zweitens der deutsch- russische Waarenverkehr in ganz anderen Verhält­nissen vollzieht, als der französisch-rassische. Rußland setzt sehr viel mehr Waaren nach Deutsch­land, als Deutschland nach Rußland ab. Deutsch­land ist der größte Abnehmer, den Rußland für seine Waaren besitzt.

Wenn Rußland hierauf keine Rücksicht nimmt und glaubt, daß es mit Anwendung seines Maxi­maltarifs Deutschland bestimmen könne, von seinen