Politische Nachrichten.
man darf sagen, daß das flache Land im Allge- ! meinen dem socialdemokratischen Ansturm Stand ’
gehalten hat. Wird dies so bleiben? Schon daß die Socialdemokratie überhaupt auch in ländlichen Bezirken bis in die Dörfer Fortschritte, wenn auch nur geringe, machen konnte, ist der ernstesten Beachtung werth.
Die Ausdehnungsfähigkeit der Socialdemokratie mit ihrer Forderung der Entziehung des Privat- eigenthums an Arbeitsmitteln, besonders an Grund und Boden, mag eine natürliche Grenze haben, da nämlich, wo ein gewisser Besitz anfängt. Die Socialdemokraten sagen zwar, daß sich der Besitz in immer weniger Händen concentrire und daß sie folglich immer mehr Zulauf 'von Besitzlosen haben würden; aber das trifft sicherlich am wenigsten für die Vertheilung des landwirth- schaftlichen Besitzes zu. Trotzdem ist die Gefahr da, daß die Socialdemokraten mit ihrem Streben „auf die Dörfer" noch größere Erfolge erzielen, und hiergegen Vorsorge zu treffen, ist eine der dringlichsten Aufgaben unserer Zeit.
Aufklärung der Masten über die wahren Ziele der Socialdemokratie! Das ist schon gut und gewiß nicht zu versäumen. Aber was hat die Verbreitung von Broschüren wie den Richterschen in Hunderttauseuden von Exemplaren genutzt? Sie haben keinen überzeugten Socialdemokraten bekehrt, schon weil sie meist viel zu wenig und zum Theil unter Mißverständnissen auf den Kern der Lehren des K. Marx, die die ganze socialdemokratische Weisheit enthalten, eingegangen sind. Gewiß ist es auch wahr, daß weitaus der größte Theil der socialdemokratischen Wähler nicht weiß, für welche Ziele er stimmt. Die meisten greifen zum socialdemokratischen Stimmzettel, nicht weil sie wie die bewußten Anhänger der Umsturzpartei Feinde der Religion, der Familie in ihrer gegenwärtigen Gestalt, der Monarchie, der freien Erwerbsthätigkeit rc. sind, sondern aus irgend welcher Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Lage und im Vertrauen auf die maß- losen Versprechungen eines künftigen Gesellschafts- zustandes, in dem Jeder bei möglichst wenig Arbeit ein glückseliges Leben führt und wider die menschliche Natur alle Klassen, alle Jnteresten- gegensätze, alle Begierden, und alle Obrigkeiten abgeschafft sind. ___
Die socialdemokratischen Agitatoren misten sehr genau, daß sie an die Landleute nicht herankommen können, wenn sie ihre rothe Fahne entrollen und gegen Gott. König und Vaterland losziehen. Die Fahne yaben sie auch bei den letzten Wahlagitationen auf dem Lande in der Tafche behalten. Deshalb darf zwar die Aufklärung über ihre wahren Ziele niemals ruhen, aber es muß noch hinzukommen, daß ihnen die Erregung und Ausbeutung der Unzufriedenheit mehr als bisher erschwert werde. Denn das sind die Mittel, mit denen sie sich selbst in den Dörfern einzunisten trachten. Sie suchen sich einzelne unzufriedene Geister heraus, fesseln sie durch persönliche Einwirkung an sich, und da, wo solche nicht vorhanden sind, helfen sie durch Verbitterung von Leuten, die sich bis dahin ganz wohl fühlten, nach, um sich Anhänger zu schaffen.
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Ihre M ajestäten der Kaiser und 1 d i e Kaiserin haben ihre Ostseefahrt beendigt und sind bereits am Sonnabend Abend auf dem Kaiserschiff „Hohenzollern" nach Kiel zurückgekehrt. Als das bemerkenswertheste Ereigniß von dieser Kaiserreise muß hervorgehoben werden, daß das kaiserliche Paar am Donnerstag und Freitag in Tullgarn eine sehr herzliche Begegnung mit dem Könige Oskar und dem Kronprinzen und der Kronprinzessin von Schweden gehabt hat, sicherlich ein neuer Beweis für die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Schweden.
Ueber die bisher auf Grund der neuen Lehr- ' plane bei den M a t u r i t ü t s - und sogenannten i Abschlußprüfungen erzielten Resultate ist, : wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, an Se. Majestät den Kaiser Bericht erstattet worden.
Die „Fr. N." schreiben: Da die erhöhte Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres, wie sie in der eben vom Reichstage angenommenen Militärvorlage festgesetzt ist, bereits am 1. Oktober d. J. zur Durchführung gelangen soll, so müssen die nothwendigen Bauten von Baracken, Stallungen, Reitbahnen, Menageanstalten, ferner die Anlage von Schießständen, die Errichtung, bezw. Erweiterung von Garnisonlazarethen unb Magazinanlagen und alle anderen Einrichtungen unverzüglich in Angriff genommen werden. Die Vorbereitungen sind von der Heeresverwaltung seit längerer Zeit mit so großer Umsicht getroffen worden, daß die Arbeiten sofort beginnen können. Namentlich müssen die Baracken bis zum Einrücken der neuen Rekruten im November vollkommen bewohnbar fertiggestellt sein. Die Baracken, für die das sogenannte Pavillonsystem vorgeschrieben ist, werden, wie man der „RH. W. Z." schreibt, in Backsteinen aufgeführt und sollen nur außer dem Erdgeschoß noch ein einziges Stockwerk enthalten. In hygienischer Beziehung sollen sie allen wissenschaftlichen Anforderungen thunlichst ent- sprechen. Obgleich, wie erwähnt, die Vorbereitungen zur schleunigen Durchführung derHeeres- resorm von langer Hand getroffen sind, wird es doch der Anspannung aller Kräfte bedürfen, um alles rechtzeitig jum Abschluß M bringen.
Die diesjährige Hauptversammlung des Vereins zur Förderung des lateinlosen höheren Schulwesens, findet am 30. September und 1. Oktober zu H a g en statt. Verhandlungen über die Lehrpläne, das Berechtigungswesen und die Stellung der Lehrer der lateinlosen höheren Lehranstalten sind auf die Tagesordnung gesetzt. Eine Reihe von Vorträgen ist angemeldet, jedoch nehmen die Vorstandsmitglieder, Direktor Doktor H o l z m ü l l e r , Hagen, Direktor Dr. H i n tz m a n n , Magdeburg rc., weitere An- 1 Meldungen über geeignete Themata, womöglich mit Angabe der Leitsätze, in dsn nächsten zwei Wochen noch entgegen.
In einer am Freitag in Berlin im Martens'schen Saale von ca. 2000 Personen besuchten Versammlung sprach Stöcker über die Wahl in Neustettin, wo er gegen den Antisemiten Förster
unterlegen ist, und warf den Antisemiten Lügen, sowie die Aufhetzung der unteren gegen die oberen Stände vor. Die Versammlung war äußerst tumultuös. Schließlich kam es zu einer Schlägerei, so daß die Versammlung geschlossen wurde.
Ueber die jetzige große Tagesfrage in Paris, die Entscheidung zwischen Krieg und Frieden mit Frankreich und S i a m ist noch nicht gefallen, wenn aber keine unerwarteten Zwischen- falle eintreten, so dürfte biefe Angelegenheit wohl mit der vollständigen Unterwerfung Siams unter die Forderungen Frankreichs endigen, denn in der siamesischen Hauptstadt Bangkok herrscht wegen der französischen Kriegsdrohung eine allgemeine Verwirrung und das Königreich Siam kann im Ernste nicht daran denken, mit Frankreich einen Krieg mit Aussicht auf Erfolg zu führen. Der siamesische Gesandte in Paris, Prinz Vadhana, erklärte sich auch schon bereit, die seitens Frankreichs geforderte Geldentschädigung von drei Millionen bei einer Pariser Bank zu hinterlegen. Der wichtigste Theil der französischen Forderungen ist allerdings nicht die Geldentschädigung in Höhe von drei Millionen Franks, wozu sich noch die Entschädigungen für die Verluste von Privatpersonen gesellen würden, sondern die Abtretung des ganzen linken Ufers des Mekong-Flusses, wodurch Frankreich seine indochinesischen Besitzungen nicht nur außerordentlich vergrößern und ungefähr auf die ganze (östliche) Hälfte der hinterindischen Halbinsel ausdehnen, sondern auch die Grenze von Französisch-Judochina gegen China ungefähr verdoppeln und sich den englischen Besitzungen in Indien, Birma u. s. w. erheblich nähern würde. Zu dieser Frage werden allerdings auch England und China Stellung nehmen, und es kann dadurch leicht zu größeren Conflikten kommen, wenn Frankreich seine Forderungen in Widerspruch mit den englischen und chinesischen Interessen durchzuführen sucht.
Aus Provinz und Nachvargebiet
Hersfeld, den 24. Juli 1893.
* Das mehrfach kundgegebene Verlangen, daß eine „Selbsteinschätzung" des Steuerpflichtigen dessen Veranlagung zu Grunde gelegt werden müsse, findet in den gesetzlichen Vorschriften keinerlei Unterstützung Insbesondere bilden die den Steuerpflichtigen obliegenden Steuererklärungen, nach einem Erkenntniß des Ober-Verwaltungsge- richts, nur ein wesentliches Mittel, nicht aber die alleinige Grundlage für die Veranlagung, und nach § 38 Abs. 3 des Einkommensteuergesetzes vom 24. Juni 1891 sind die Kommissionen bei Schätzung des Einkommens an die Angaben des Pflichtigen nicht gebunden, sobald an der Richtigkeit einer Steuererklärung trotz gegebener Erläuterungen in Folge von Beanstandung Zweifel bestehen bleiben.
* Die „Neuesten Nachrichten" zu Esten a. b. Ruhr theilen Folgendes mit: Die Frage, ob einem Lehrer das Rechr zusteht, einen Schüler einer anderen Klasse zu strafen, wurde am 29. Mai
und gerade einige Zeit vor dem Tage, an welchem das Fest bei Zacharus stattfand, war der Baron nebst Gemahlin in der Residenz eingetroffen. Er hatte Zacharus, mit welchem er noch in geschäftlicher Verbindung stand, einen Besuch gemacht, und dieser hatte die Gelegenheit benutzt, den Baron nebst Gemahlin zu dem Feste einzuladen, denn die Anwesenheit dieses vornehmen Paares auf bem Feste konnte ja nur noch den Glanz des Hauses Zacharus erhöhen.
Baron Blankenfeld hatte natürlich bei der Einladung erfahren, daß Bernhardt Berlitz nebst Fräulein Tochter auf dem Feste ebenfalls erscheinen werde, und diese Gelegenheit war von dem Baron benutzt worden, dem Banquier nahe zu legen, auch des Barons alten lieben Freund, den Rittmeister von Züllchow, zu dem Feste einzuladen.
Zacharus war dem Winke bereitwilligst gefolgt, um dem Barone gefällig zu sein, auch kannte er ja seit letztem Sommer den Rittmeister von Züllchow, der übrigens in vornehmen Kreisen als schneidiger Sportreiter bei den Wettrennen bekannt unb beliebt war.
Der Tag des großen Festes, welches aus Conzert, Festmahl und Ball bestehen sollte, kam heran, und die meisten der geladenen Gäste freuten sich sehr darauf, darunter auch Bernhard Berlitz, denn er war bereits so eitel geworden, daß er
sich gern geehrt und angestaunt sah, was ihm in der letzten Zeit sehr oft passirt war. Dies war aber meistens in kleinen Privatkreisen der Fall gewesen, und ganz besonders schmeichelte es ihm nun, daß er zu einem so großen Feste geladen war und dort wahrscheinlich auch eine bevorzugte Rolle spielen würde. Gehörte Berlitz mit seiner Tochter und Schwester doch auch ju den Gästen, welche Zacharus in seiner Equipage abholen ließ, denn einen Wagen und Luxuspferde hielt sich Berlitz noch nicht, obwohl er es viel eher gekonnt hätte als der Banquier Zacharus. In dieser Hinsicht war Berlitz noch der sparsame, praktische Wirthschafter.
Viel weniger Freude als Berlitz hatte übrigens seine Tochter an dem Feste, und die Tante Susanne wäre demselben am liebsten fern geblieben. Die beiden Damen hatten das richtige Gefühl, daß sie sich in diesem unbekannten, großstädtisch vornehmen Kreise nicht recht wohl fühlen würden, und bei der Tante Susanne steigerte sich dieses Gefühl zum förmlichen Widerwillen. Aber sie mußte sich in dieser Hinsicht dem Wunsche des Bruders fügen, wenn sie nicht seinen Zorn heraufbeschwören wollte.
Berlitz hatte ja auch keine Kosten gescheut, um seine Damen so elegant als möglich auf dem Feste auftreten zu lassen. Eben hatte ein renom- mirtes Geschäft der Residenz für Emma eine
rosaseidene prachtvolle Ballrobe geschickt und für die Tante Susanne hatte Berlitz ein sehr schönes grauseidenes Kleid anfertigen lassen. Zwei Modistinnen und zwei Friseusen waren auch eifrig beschäftigt, um den Damen bei der Toilette zn helfen.
Daniel war ganz starr vor Staunen, als er das gnädige Fränlein in der herrlichen Ballrobe sah, und seufzend murmelte er in seiner drolligen, treuherzigen Weise für sich: „Gute Nacht, Du ' armer Förster Franz. Die Emma wirb Dir heute Abend sicher ein Anderer wegschnappen und ich brauche keine Briefe mehr abzuholen und tortzn- tragen! Das Fränlein ist zu schön, viel zu schön für einen Forstassistenten. Und das viele Geld und der Stolz des Vaters. Puh!"
„Was stehst Du hier und fuchtelst mit den Armen in der Luft herum, als wenn Du eine Predigt zu halten hättest," fuhr jetzt plötzlich Berlitz seinen Diener an. „Bring mir meinen Frack und meinen hohen Hut."
Eilig lief Daniel fort, um den Befehl seines Herrn auszuführen. Als es geschehen war, frug ihn Berlitz:
„Ist Deine Livrüe schon da?"
„Nein, Herr Berlitz, ich weiß überhaupt nichts von einer Livräe."
(Fortsetzung folgt.)