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Lieber tröstete sich damit, daß der Deutsche um so muthiger sei, wenn er es mit einem der Zahl nach überlegenen Feinde zu thun habe. Umge­kehrt sagen die Socialdemokraten, auf die tüch­tige Ausbildung des Soldaten komme nicht so viel an, ein recht zahlreiches Milizheer könne Wunder thun. Eines ist so verkehrt als das Andere. Man darf die Frage nicht so zuspitzen: Quantität oder Qualität, Menge oder Tüchtigkeit. Es muß immer darauf ankommen, daß ein Krieg möglichst kurz sei und möglichst wenig Opfer koste. Mit einer geringwerthigen Truppe läßt sich ein kurzer Krieg nicht führen, mit einer an Zahl zu schwachen Truppe ebenfalls nicht. In einem wie in dem anderen Falle müssen die Opfer an Gut und Blut außerordentlich groß sein.

Ein gutes Beispiel dafür, daß Kriege mit Milizheeren sehr blutig und kostspielig sind, liefert der nordamerikanische Bürgerkrieg. Ein anderes Beispiel, das zeigt, daß die beste Truppe den Krieg nicht zu entscheiden vermag, wenn sie an Zahl zu schwach ist, führte der Reichskanzler gegen den Centrumsabgeordneten Gröber an.

Dieser hatte gemeint, in einem Kriege mit Frankreich könnten wir eine Schlacht schlagen, die französischen Grenzprovinzen besetzen und dann das Weitere abwarten, eine sehr billige Meinung, bei der übersehen ist, daß das Stehen­bleiben unseres Heeres doch wohl von den Fran­zosen abhängen würde. Und wie lange sollte ein Krieg dauern, wenn der Sieger stehen bliebe und wartete bis der Gegner von Neuem vorginge? Zum Beweise dafür, daß die beste Truppe bei ungenügender Zahl keinen ganzen Erfolg zu erringen vermag, erinnerte Graf Caprivi an die Schlacht von Bionville: „Daß wir damals eine Truppe hatten, so gut, wie die Welt keine hatte, wird Niemand bestreiten wollen; wir standen einer Truppe gegenüber, die auch vorzügliche Eigenschaften hatte; in der Bewaffnung waren verschiedene Nüancen vorhanden. Wir sind in die Schlacht von Bionville gegangen, und es haben von deutscher Seite Theil genommen 63 000 Mann gegen 113 000 Franzosen. An­hänger der Qualität und Gegner der Quantität sagen: Seht Ihr, mit 63 000 Mann besiegtet ihr 113 000 Mann; wir waren 50 000 Mann schwächer. Richtig! Wie stand es nun aber am Abend von Bionville? War da die deutsche Armee im Stande, die Franzosen zu verfolgen und den Sieg auszunutzen? Wie dokumentirte sich denn der Sieg? Nicht etwa dadurch, daß wir die Franzosen von ihrem Boden Herunter­warfen, sondern dadurch, daß sie es für gerathen fanden, zurückzugehen. Es verging der 17., und wir waren nicht im Stande, am 17. die Fran­zosen anzugreifen, sondern mußten warten bis zum 18. Warum hatten wir am 18. Erfolg? Weil sich inzwischen durch das Hinzukommen deutscher Truppen das Zahlenverhältniß ver­schoben hatte, sodaß wir nun mit 187 000 Deut­schen gegen 112 000 Franzosen standen. Wir würden also niemals einen vollen Erfolg durch Bionville trotz des Sieges gehabt haben; wir

Schwester bei mir, die den Haushalt sührt."

„Falls Sie hier in der Residenz noch wenige Freunde besitzen und durch mich in vornehme Kreise eingeführt zu werden wünschen, bin ich stets gern bereit, Ihnen gefällig zu sein, Herr Berlitz, und sicher wird auch meine Frau gern Ihre Fräulein Tochter unter ihren Schutz nehmen."

„Sie sind sehr freundlich, Herr Zacharus," entgegnete Berlitz, „und ich werde gewiß später gern von Ihrer Gefälligkeit Gebrauch machen, denn ich bin in der Residenz so gut wie fremd."

„In welcher Weise wünschen Sie nun in ge­schäftliche Verbindungen mit mir zu treten, Herr Berlitz?" frug der Banquier, dem Gespräche eine andere Wendung gebend.

„Ich bitte, mir entsprechende Vorschläge zu machen," bemerkte Berlitz.

„Nun, das Einsachste wäre, da ich doch die Speculationspapiere für Sie kaufen muß, daß Sie bei mir Werthpapiere ungefähr bis zur Höhe der Summe, mit welcher Sie speculiren wollen, deponiren. Sollten Sie zur Zeit keine Werth­papiere zur Verfügung haben, so können Sie natürlich auch baares Geld einzahlen. Zurück­ziehen können Sie Ihr Guthaben bei mir natür­lich zu jeder Zeit und zuvor ohne jede Kündigung. Auch mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie selbstverständlich vom Tage der Uebergabe eines Depots von Werthpapieren ober einer ge­leisteten Einzahlung bei mir entsprechend

hätten den Sieg niemals verwerthen können, wenn wir nicht in der Lage gewesen wären, nach zwei Tagen unsere Truppen so zu verstärken, daß wir nun ein Plus von 74 000 Mann auf unserer Seite hatten. Das beweist also, daß auch die beste Truppe, wenn sie dem Feind nicht über­legen ist an Zahl, Schwierigkeiten in der Aus­nutzung ihres Erfolges haben kann. Wir würden niemals ein Gravelotte geschlagen haben, wenn wir nur die Stärke gehabt hätten, wie bei Bionville, und niemals ein Sedan, wenn wir nicht so zahlreich gewesen wären, daß wir die französischen Truppen, die uns zuletzt noch ent- gegentraten, umzingeln und zur Kapitulation zwingen konnten."

Also nicht gute Truppen allein, sondern gute Truppen in genügender Zahl verbürgen den Er­folg, und die auch genügende Zahl soll uns durch die Wehrvorlage verschafft werden.

Politische Nachrichten.

Berlin, 11. Juli.

Am heutigen Morgen hatten Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin bereits von 7’/s Uhr ab mit ihrer nächsten Umgebung einen gemeinsamen Spazierritt unternommen. — Nach dem Neuen Palais zurückgekehrt, hörte Seine Majestät der K a i s e r um 9 Uhr den Bortrag des Chefs des Militairkabinets und hatte alsdann Allerhöchstderselbe später eine Konferenz mit dem Reichskanzler. Mittags 12 Uhr hatte im Beisein des Chefs der Kolonialabtheilung, Geh. Raths Dr. Kayser, der hier eingetroffene Afrikareisende Dr. Otto Ehlers die Ehre des Empfanges. Am heutigen Abende wird Se. kaiserl. Hoheit der Großfürst Thronfolger von Rußland auf seiner Rückreise nach Petersburg den Majestäten im Neuen Palais einen Besuch abstatten, worauf dem erlauchten Gaste zu Ehren bei dem Kaiserpaare eine größere Festtafel stattfindet. — Nach Auf­hebung derselben wird sodann der russische Thronfolger, ohne weiteren Aufenthalt, soweit wenigstens bis jetzt bekannt geworden, seine Rück­reise nach Petersburg fortsetzen.

Nachdem die in der Sitzung vom 5. Juli er­folgte Konstituirung des Reichstages in vorgeschriebener Weise an Allerhöchster Stelle angezeigt war, hat Se. Majestät der Kaiser am Sonntag Mittag das neugewählte Präsi­dium des Reichstages, — dessen erster Präsident Wirklicher Geheimer Rath v. Levetzow übrigens schon in der Legislaturperiode von 1881—1884 in gleicher Würde fungirte, während die beiden Vizepräsidenten, die Herren Frhr. v. Buol-Berenberg und Dr. Bürklin, die beide dem Vorstände des Reichstags bereits als Schriftführer angehört haben, in das Präsidium zum ersten Male gewählt sind, — im Neuen Palais in besonderer Audienz empfangen. In ebenso huldvoller Weise wie Se. Majestät der Kaiser nahm auch Ihre Majestät die Kaiserin

akkreditirt sind, und daß Sie auf Grund dieses Verhältnisses jeder Zeit an meiner Kasse Geldbe­träge erheben oder einzahlen können. Ich zahle stets den üblichen Zinsfuß der Bankhäuser und beanspruche auch für meine eventuellen Guthaben nur denselben."

„Wenn es erlaubt ist, so möchte ich fragen, in welcher Weise der Baron von Blankenfeld mit Ihnen Geschäfte machte," bemerkte jetzt Berlitz und glaubte damit, einen sehr klugen Gedanken offenbart zu haben.

„Einzelheiten darf ich Ihnen darüber natürlich nicht sagen," erwiderte Zacharus, „denn über die Geschäfte meiner Kunden wird Verschwiegen­heit bewahrt, aber sagen kann ich Ihnen im Allgemeinen, daß der Herr Baron bei mir ein bedeutendes Depot an Werthpapieren niedergelegt hat und auf Grund desselben mit mir Geschäfte macht, und auch Börsenspeculationen unternimmt."

„Nun, so will ich eine gleiche Vereinbarung mit Ihnen abschließen, Herr Zacharus," sagte Berlitz. „Ich habe für 100,000 Mark Nenn- werth 3'/.2prozentige Staatspapiere mitgebracht und die will ich bei Ihnen deponiren."

„Sehr schön, sehr schön, Herr Berlitz!" rief Zacharus mit strahlenden Augen. „Sie können die Papiere gleich hier auf den Tisch niederlegen und nachdem wir sie durchgezählt haben, werde ich Ihnen gleich eine Empfangsbestätigung schreiben."

„Einen Augenblick Geduld," entgegnete Berlitz,

die Vorstellung der Herren vom Präsidium des Reichstages entgegen.

Ein dem Bundesrath zugegangener Nachtrags­etat beziffert die zur Durchführung der Militair- vorlage für das laufende Etatsjahr erforderlichen Kredite auf 71200000 M., wovon ca. 23000000 M. auf die fortdauernden, durch Matrikularumlagen zu deckenden Ausgaben und 48 000 000 Mk. auf die einmaligen Ausgaben entfallen, welche mittelst Anleihe aufzubringen sind. Die fortdauernden Ausgaben betragen für Preußen, Sachsen und Württemberg ca. 19 700 000 Mk., für Bayern 2 500000 Mk. Die einmaligen Ausgaben des außerordentlichen Etats belaufen sich für Preußen auf 27900000 Mk., für Sachsen auf 3500000 M., für Württemberg auf 2 600 000 Mk.; Garnison­bauten 2C. 6 000 000 Mk.; die an Bayern zu zahlende Quote auf 4 300 000 Mk. Hierzu kommen noch für Betriebsfonds, eiserne Bestände 2700000 Mk., zusammen also 48000000 Mk. einmalige Ausgaben. Die durch Anleihe zu be­schaffenden Mittel werden aller Wahrscheinlichkeit nach noch im laufenden Etatsjahre flüssig zu machen sein, und demgemäß wird für das Halbjahr eine Erhöhung der Ausgaben für Verzinsungen um 1 Million eintreten.

Eine Nachricht, nach welcher der Finanzminister Dr. M i q u e l mit einer Reform des preußischen Agrarrechts sich beschäftigen sollte, wird seitens der „Berl. Pol. Nachr.", an der Hand eingezogener Erkundigungen, als jeder Begründung entbehrend bezeichnet.

Der Schluß der Reichstagssession wird nach der jetzigen Sachlage am Dienstag, 18. Juli, erwartet. Die zweite und dritte Berathung des Militärgesetzes wird voraussichtlich in den letzten drei Tagen dieser Woche erledigt werden. Montag und Dienstag nächster Woche wird alsdann die Berathung des Nachtragsetats zur Durchführung des Gesetzes für die Zeit vom 1. Oktober dieses bis 31. März nächsten Jahres in Anspruch nehmen.

Für die Nachwahl in N e u st e t t i n ist der „Staatsb. Ztg." zufolge der Hofprediger a. D. S t ö ck e r als Kandidat aufgestellt worden.

Der Direktor im Reichsamt des Innern Nieber- d i n g ist zum Staatssekretär des Reichsjustizamts unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rath mit dem Prädikat Excellenz er­nannt worden.

Von dem Abg. Werner ist beim Reichstage ein Antrag auf Einstellung der gegen Ahlwarbt schwebenden Strafverfahren für die Dauer der Session eingegangen. Bemerkenswerth ist an dem Anträge,- daß die Antisemiten, um die dazu er­forderlichen 15 Unterschriften zusammen zu be­kommen, doch wieder eine beträchtliche Anleihe bei den Sozialdemokraten haben machen müssen. Neben dem fraktionslosen Abg. v. Dallwitz haben auch die Socialdemokraten Bebel, Auer, Schön- lank und Singer unterzeichnet.

Die Sozialdemokratie Thüringens veranstaltet am 30. Juli einen Parteitag in Erfurt. Als Gegenstände der Tagesordnung

„mein Diener Daniel, der draußen wartet, hat die Staatspapiere."

Berlitz verschwand in der Thüre, welche nach den übrigen Contorräumen des Banquiers führte und kehrte bald darauf mit einem treuherzigen i Burschen vom Lande, seinem Diener Daniel, den ; er aus Gundersdorf mitgebracht hatte, in das Privatcontor des Herrn Zacharus zurück.

„Gieb her!" sagte Berlitz zu Daniel und nahm diesem eine mächtige Reisetasche aus der Hand. Mit einem kleinen Schlüssel öffnete der ehemalige Besitzer von Gundersdorf die Tasche und zog einen ganzen Arm voll Staatspapiere aus der­selben.

„Bitte, zählen Sie gleich nach, Herr Zacharus," sagte er dann zu diesem, „es sind Stücke zu tausend, drei tausend, fünf tausend und zehn tausend Mark."

Berlitz legte die Werthpapiere auf den Tisch und Zacharus zählte.

„So, jetzt sind es bereits 100,000 Mark," rief nach einigen Minuten Zacharus. Da nahm Berlitz die übrigen, welche noch auf dem Tische lagen, und schob sie wieder in die Reisetasche, dieselbe alsbald verschließend.

(Fortsetzung folgt.)

— (Seine Beute.) „Na, ich hab' mir's gedacht, daß Du leer von der Jagd kommst! Hast natürlich wieder nichts getroffen?" — „O, ja doch, ein famoses Bier."