General Iamont nochmals um, winkte mit der Hand mit Nachdruck und rief: „au revoir“, ein Zwischenfall, der unter den Offizieren auf beiden Seiten der Grenze und bei dem Publikum eine gewisse Sensation hervorrief. Im Uebrigen verlief alles ohne Störung.
Ueber das B e f i n d e n des P r ä s i d e n t e n C a r n o t gehen aus Paris noch immer widersprechende Nachrichten ein. Während ein am Nachmittag des 16. Juni ausgegebenes offizielles Bulletin besagt, daß das Fieber vollständig geschwunden sei und daß die Besserung im Zustande des Kranken langsam, aber stetig fortschreite, lauten private Meldungen weit besorgnißerregen- der. Ihnen zufolge leidet Carnot hauptsächlich an einer Entzündung des Blinddarms und soll sein Zustand überaus ernst sein. Allgemein glaubt man in Paris, die offiziellen Bulletins- über Carnot seien nichts als Vertuschung der wahren Thatsache und wird behauptet, die Aerzte hätten jede Hoffnung auf Erhaltung des Patienten aufgegeben. — Sollte dem wirklich so sein, dann wäre für Frankreich die Präsidentschaftscrisis näher als dies bislang zu vermuthen stand.
Aus Provinz und Nachbargebiet. Hersfeld, den 20. Juni 1893.
* Die bewußte Verschweigung der Schwa m m - verdächtigkeit eines Hauses seitens des Verkäufers dem Käufer gegenüber berechtigt nach einem Urtheil des Reichsgerichts, V. Civil- senats, vom 22. April 1893 den Käufer zum Rücktritt vom Kaufverträge wegen Betruges.
* Bei der Zwangsversteigerung eines Grundstückes gehen, nach einem in Uebereinstimmung mit der früheren Judikatur des Reichsgerichts ergangenen Urtheil des Reichsgerichts, V. Civilsenats, vom 18. März 1893, nicht blos das Grundstück allein, sondern auch die auf demselben vorhandenen beweglichen Sachen, sofern sie der Eigenthümer des Grundstücks zum Zubehör desselben bestimmt hat, durch den Zuschlag in das Eigenthum des Erstehers über, auch wenn das Eigenthum an denselben zur Zeit des Zuschlags dem Eigenthümer des Grundstücks nicht zustand.
* Nach einer Bekanntmachung des Reichskanzlers betreffend die Anlegung von Kautionsmassen für den Bereich der Reichs-- Post- und Telegraphenverwaltung! wird zur Ausführung von § 5 des Reichsgesetzes vom 22. März 1893, wegen Ergänzung des Kautionsgesetzes vom 2. Juni 1869 Folgendes bestimmt: Für den Bereich der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung sind Kautionsmasien an- zulegen: a) mit den Schuldverschreibungen der Reichsanleihen, b) mit den Schuldverschreibungen der königlich preußischen konsolidirten Staatsanleihen. Die Verwaltung dieser Kautionsmasien liegt den Ober-Postdirektionen, einer jeden hinsichtlich des in ihrem Besitz befindlichen Theils, ob. i Zu Anträgen auf Eintragungen oder Löschungen in den Schuldbüchern, sowie zum Empfang der Zinfen ist ausschließlich die Ober-Postdirektion in Berlin befugt.
* Den durch die Post beförderten Packet- ■ sendungen nach Rußland dürfen nach ■ dem russischen Postreglement verschlossene Briefe nicht beigepackt sein. Wird bei zollamtlicher Abfertigung in Rußland in einem Packet ein verschlossener Brief vorgefunden, fo kommt, was nicht allgemein bekannt sein dürfte, russischerseits ein Strafgeld von 2 Rbl. für je 1 Solotnik (etwa 4 Gramm) zur Einziehung.
t Hersseld, 20. Juni. Bei der am 15. d. Mts. stattgefundenen Wahl eines Reichstags- Abgeordneten im 6. Wahlkreise des Regierungsbezirks Cassel wurden 11607 Stimmen abgegeben. Davon haben erhalten: Herr Landrath Freiherr vonSchleinitz 3544
„ Oberamtmann Otto . . . . . 1255
„ Dasbach........ 2302
„ Werner........ 3986
„ Rechtsanwalt Martin . . . . 98
Socialdemokrat Markus..... 422.
Die absolute Majorität beträgt 5804 Stimmen. Es ist demnach eine Stichwahl zwischen Herrn Landrath Freiherrn von Schleinitz und Herrn Werner erforderlich.
Hersfeld, 20. Juni. In Anbetracht des herrschenden Futtermangels sind sämmtliche Oberförster von der Regierung angewiesen, Anträgen auf Ueberlassung von Gras und Laub aus Staatswaldungen im laufenden Sommer im weitesten Maße zu entsprechen.
Hersfeld, 20. Juni. Das Reichsgericht hat ein Erkenntniß gefällt, nach welchem wegen groben Unfug derjenige bestraft werden kann, der einem
ihm bekannten Berichterstatter einer Zeitung eine nachweislich falsche Nachricht unterbreitet, von welcher er voraussetzen kann, daß sie zur Kenntniß der Leser gebracht wird. Ist mit solcher Veröffentlichung noch ein Schaden einer oder mehrerer Personen verbunden, so kann der Ausstreuer der Nachricht außerdem noch für den entstandenen Schaden haftbar gemacht werden. Für sogen. „Spaßmacher" dürfte diese Mittheilung von Wichtigkeit sein.
Hersfeld, 20. Juni. Am 30. Juli d. J. 1 wird das Bundesfest der hessischen Jüng- lings-Vereine zu Sooden- Allendorf - a. d. Werra gefeiert werden. Voraussichtlich betheiligen sich an demselben die Vereine zu Allendorf, Eschwege, Großalmerode, Hersfeld, Münden, Oberkaufungen, Sooden, Witzenhausen und die drei Caffeler Vereine, insgesammt 11 Vereine. Die Vorbereitungen für das Fest sind ; in vollem Gange. Es ist die Anregung eines - solchen Festes umsomehr mit Freuden zu be- । grüßen, als man uns in anderen Provinzen, in denen ebenfalls evangelische Jünglingsvereine bestehen, in dieser Beziehung weit voraus ist.
Hersfeld, 19. Juni. Aus hessischen Wahlkreisen sind folgende weitere Ergebnisse zu verzeichnen: Hanau-Gelnhausen-Orb: Stichwahl zwischen Stroh (K) und Hoch (S). — Rinteln-Hofgeismar: Stichwahl zwischen Werner (A) und Mertens (L). — Fritzlar-Homberg-Ziegenhain: Liebermann v. Sonnenberg (A) gewählt. — Eschwege-Schmalkalden: Stichwahl zwischen C h r i st e n (K) und Leuß (A). — Marburg-Frankenberg-Kirchhain: Böckel (A) gewählt. — Fulda-Schlüch- tern-Gersfeld: Müller (C) gewählt.
* Amtlicher Nachweisung zufolge hat die Einnahme an W e ch s e l st e m p e l st e u e r im Deutschen Reiche während der beiden ersten Monate des laufenden Etatsjahres 1 351 628 Mk. oder 36 229,95 Mk. mehr als im gleichen Zeitraume des Vorjahres betragen.
* Wie hat man sich zu verhalten, wenn die Eisenbahnzüge überfüllt sind? Viele Personen kennen die Vorschrift hierüber noch nicht, weshalb wir dieselbe folgen lassen. In § 14 der Verkehrsordnung heißt es: „Die Fahrkarten geben Anspruch auf Plätze der entsprechenden Wagenklasie, soweit solche vorhanden sind. Wenn einem Reisenden ein seiner Fahrkarte entsprechender Platz nicht nachgewiesen werden kann, ihm auch nicht in einer höheren Klasse zeitweilig eingeräumt wird, so steht ihm frei, gegen Erstattung des Preisunterschieds umzuwechseln oder die Fahrt zu unterlassen und das bezahlte Fahrgeld zurückzu- verlangen."
HÜnfeld, 12. Juni Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich am Sonnabend in Roßbach. Eine Dienstmagd des Herrn Oeconomen Helmke kam mit den Händen in die Häckfelmaschine und schnitt sich eine Hand ganz und die andere halb ab.
Cassel, 16. Juni. Vom 9. bis 14. d. M. fand am Kgl. Provinzialschulcollegium hierselbst unter dem Vorsitz des Herrn Provinzialschulraths Kannegießer die Prüfung für Mittel- s ch u l l e h r e r statt. Das Zeugniß der Befähigung erlangten die Herren Dr. Schaumburg- Cafsel, Heßler - Cassel, Breitenstein - Frankfurt, Steinhauer-Fulda, Schreiber-Großenlüder, Rauch- Sondershausen.
Cassel, 17. Juni. Aus der vom 14. bis 16. d. M. dahier abgehaltenen Prüfung für Rec- toten gingen folgende Herren als bestanden hervor: A m t h 0 r - Mechterstadt, Seminarlehrer Bauer- Fulda, Caplan Flügel- Limburg, G r ä f f - Frankfurt a. M., Heil- Fritzlar, Jacobi-Cassel, Klarmann-Frankfurt a. M., K r e i tz - Cassel, Dr. L 0 r e n z - Berlin, Pfarrer L ö w e r - Fritzlar , M a p b a ch - Montebaur , Prob st-Cassel, Rector Ropp-Hanau, Trepte- Cassel, Rector U m b a ch - Hanau.
Oberaula, 15. Juni. Ein schrecklicher Tod ereilte heute den Mühlenbesitzer F l e g i n g aus Wahlshausen. Derselbe fuhr mit einem Wagen Holz einen steilen Weg herunter, als plötzlich der Wagen ins Rollen kam und in einen anderen auch mit Holz beladenen Wagen hineinfuhr, wobei sich das Handpferd ein Stück Holz in die Brust stieß und todt umstürzte. Auch Fleging kam zum Stürzen und der Wagen ging ihm über Brust und Beine hinweg, der Tod trat sofort ein. Der Betreffende hinterläßt eine Frau mit zwei unmündigen Kindern.
Lauterbach, 13. Juni. Verhaftet wurde am Donnerstag auf dem hiesigen Markte der Händler
B. von Storndorf, weil er an einem 7jährigen Mädchen auf der Straße nach Maar ein Sitt- lichkcitSverbrechen zu verüben versucht hatte.
Erfurt, 13. Juni. Wie sehnsüchtig man in unserer Umgegend Regen erwartete, zeigt folgendes Beispiel aus dem Nachbarorte Dachwig. Als gestern Abend dort Regen eintrat, blies der Kirchenchor vom Kirchthurme das Lied: „Nun danket Alle Gott!"
Erfurt, 15. Juni. Auf wahrhaft entsetzliche Weise machte gestern Mittag der seit längerer Zeit kranke Gewehrfabrikarbeiter Albert Neubert in der hiesigen königlichen Gewehrfabrik seinem Leben ein Ende. Er legte sich mit dem Kopfe auf den in der Fallhammerschmiede stehenden Amboß und ließ den etwa 25 Centner schweren Hammer niederfallen. Der Kopf wurde zu Atomen zersplittert, so daß der Tod sofort eintrat. Neubert hinterläßt eine Wittwe mit drei Kindern.
Jmmeuhaufen, 17. Juni. Der Knecht H. (ein Pole) des nahe belegenen Mühlenhofes badete sich gestern Abend gegen 9 Uhr im sogenannten Kammteich. Kaum war der in den vierziger Jahren stehende Mann der Tiefe nahe gekommen, als er vom Krampf ergriffen versank und, ohne daß Hülfe gebracht werden konnte, ertrank. Die Leiche wurde erst heute früh im Teiche gesunden. Der Verunglückte war verheirathet.
Vermischtes.
— Gleiwitz, 13. Juni. Der „Oberschl. Anz." schreibt: Ein hiesiger Zimmermeister hatte in der Görlitzer Ruhmeshallen-Lotterie einen Gewinn von 1000 M. gemacht, für den er laut Lotterieplan 90 pCt. — 900 M. erheben konnte. Kurze Zeit darauf erhielt er von einem Lotterie- Hause als Gewinn zugesandt — ein Ringlein, dessen Werth reell veranschlagt etwa 35—40 M. sein mochte. Es wollte ihm nicht einleuchten, daß dieses Ringlein der ihm zugefallene Gewinngegenstand sei. Inzwischen schrieb er an seinen in Berlin wohnenden Sohn und beauftragte ihn, sich doch den 1000 M.-Gewinn anzusehen. Der Sohn berichtet darauf, der Gegenstand sei ein wunderschönes Armband mit Brillanten, indessen sei es doch bester, die planmäßigen 900 M. zu nehmen. Unser Gewinner sandte darauf schleunigst das „Ringelein" an das Lotteriehaus zurück und ersuchte um alsbaldige Uebersendung von 900 M, die er auch glücklich erhielt.
— M ü nche n. Die hier erscheinende „Aerztl. Rundschau" berichtet über den seltsamen Fall, daß ein Professor G. in L. aus Vorsicht einem Operirten den Namen der vorgenommenen Operation und den Wunsch, dem Operateur nach erfolgtem Tode des Patienten den Sektionsbcricht zu senden, einfach in den Arm tätowirte! Der so seltsam „Gezeichnete" trägt also eine eigenthümliche Einladung für die Arztwelt mit sich herum. Als Milderungsgrund dient indessen der Umstand, daß es sich in diesem Falle um eine äußerst seltene Operation einer gefährlichen Gefäßkrank- keit am Kopfe handelt, und daß es wohl von hohem wissenschaftlichen Interesse ist, zu wissen, wie sich nach einer Reihe von Jahren die neuen Gefäßverbindungen gestaltet haben, was man natürlich nur an dem todten Körper mit der erforderlichen Genauigkeit studiren kann. Im Bewußtsein seiner medizinischen Wichtigkeit soll denn auch der Operirte seinen eigenartigen „Steckbrief" mit Würde tragen und ihn für erheblich menschenwürdiger halten, als die flammenden Herzen und Gewerkszeichen, welche man sonst auf den Armen der Tätowirten findet. Ueberdies ist auch die Tätowirung mit feiner Einwilligung und gegen ein entsprechendes Schmerzensgeld geschehen.
— Stettin, 16. Juni. Ueber ein entsetzliches Unglück meldet die „N. Stett. Ztg.": Forstmeister Genes von Mühlenbeck, Stadtförster Krohn aus Altdamm und Eisenbahn-Inspektor Stahl aus Stettin wurden auf einer Draisine zu einem Waldbrand bei Groß - Christinenberg fahrend, von einem entgegenkommenden Güterzug überrascht und zermalmt.
— K e m p t e n. In Stein (bei Jmmenstadt) brach am 13. Juni früh gegen 3 Uhr in der Aicheles-Sägemühle Feuer aus, das rasend schnell um sich griff und das ganze Anwesen vollständig einäscherte. Leider sind diesem Brande auch vier junge Menschenleben zum Opfer gefallen. Während es nämlich dem Pächter der Mühle Lingenhöl und seiner Ehefrau noch gelang, nur mit dem Notdürftigsten bekleidet — die Frau hatte im ersten Schrecken noch ein Kissen in den Arm