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Helsstl-er freisblatt.
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Jllustrirtes Sonntagsblatt".
Ur. 71.
Dienstag den 30. Juni
1893.
Amtliches.
Hersfeld, den 17. Juni 1893.
Das diesjährige Ober-Ersatz-Geschäft ist infolge nachträglich getroffener Bestimmung verlegt worden, sodaß dasselbe nunmehr am Mittwoch den 21. d. Mts. und
Montag den 26. d. Mts.,
jedesmal von Morgens präcis 7 Ilhr an im hiesigen städtischen Mathhause stattfindet und zwar gelangen zur Vorstellung
a. am Mittwoch den 21. Juni d. J.
die unter Mr. 1 bis 9 meiner Verfügung vom 30. Mai d. A. J. II. Wr. 1852 (Kreisblatt Ar. 66) bezeichneten Militairpstichtigen.
b. am Montag den 26. d. Mts. sämmtliche beim diesjährigen Krsatz-Heschäft für tauglich befundenen Militairpstichtigen, soweit ste nicht schon am ersten Gage zur Vorstellung gelangen.
Die durch meine Verfügung vom 30. Mai d. J. J. II. Nr. 1852 (Kreisblatt Nr. 66) bezüglich der Abhaltung des Hber-Hrsatz-Geschäftes getroffenen Bestimmungen bleiben in Kraft.
I. II. Nr. 2005. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
Nichtamtliches.
f Die Verathung der französischen Wehrvorlage
war von der Deputirtenkammer in Paris, deren Kommission noch weit über den Regierungsentwurf hinausgegangen war, absichtlich verzögert worden, um dem deutschen Reichstag kein Beispiel von opferfreudiger Vaterlandsliebe zu geben. Kaum ist jedoch der deutsche Wahltag erschienen, so kommt schon die Meldung aus Paris, daß jetzt das französische Wehrgesetz schleunigst wo möglich in einer einzigen Sitzung erledigt werden solle. Es sind dringliche Schritte gethan worden, um alle Deputirten, welche Anträge zu dem Gesetz eingebracht haben, zum Verzicht auf sie zu bewegen. In dem Bericht der Armeekommission über das Gesetz heißt es: „Unser einziges Ziel ist, dem Kriegsminister zu ermöglichen, unverzüglich unsere Reserve zu enkadriren (in feste Rahmen zu bringen, Friedensstämme für sie aufzustellen). Der Mannschaftsstand unserer Linientruppen ist verdoppelt, aber wir würden die schwerste Verantwortung auf uns laden, wenn wir die neuen Formationen noch ein Jahr länger ohne Kadres (Friedensstämme von Offizieren und Unteroffizieren) ließen." Der Bericht beklagt alsdann die Langsamkeit, mit welcher die Kammer bisher vorgegangen sei und schließt mit den Worten: „Ein weiterer Verzug würde die uns anvertrauten Interessen auf's Spiel setzen; die Sorge um die nationale Wehrkraft verlangt es, wir haben keinen Tag zu verlieren." — Dieses Kadres- gesetz bezweckt bekanntlich, für die Reserveformation, welche bei der Mobilmachung erfolgen, schon im Frieden die Offiziere in größter Anzahl
bereit zu halten; u. A. soll künftig jedes Infanterie- | regiment von 12 Kompagnien schon im Frieden 24 Hauptleute haben, so daß für die Verdoppelung der Friedensarmee bei der Mobilmachung Berufsoffiziere in Fülle vorhanden sind. Wir haben für denselben Zweck nur einen einzigen Hauptmann auf das Regiment (den sog. 13. Hauptmann). Bei uns haben große Parteien die „s ch w e r st e Verantwortung" leichtherzig auf sich geladen und das gesunde Gefühl des Volkes durch allerlei Vorspiegelungen zu verwirren gesucht. Den Franzosen kann das Heer nicht gut und theuer genug sein, dasselbe Heer, das bestimmt ist, an Deutschland Rache zu nehmen; bei uns erschallt der Ruf keine neuen Soldaten, keine Steuern und soll das Heer so billig als möglich sein.
Politische Nachrichten.
S e. M a j e st ä t der Kaiser empfing am Sonnabend Mittag im Neuen Palais bei Potsdam, im Beisein des Chefs des Civilkabinets, Wirklichen Geheimen Rathes Dr. v. Lucanus, zu einer Konferenz über Luftschifffahrt den Professor Aßmann und den Premier-Lieutenant Groß und arbeitete darauf noch einige Zeit allein. — Am Sonntag Vormittag hatten sich Ihre Majestäten der Kaiser und die Kai s er in vom Neuen Palais zur Beiwohnung des Gotlesdienstes nach der Garnisonkirche in Potsdam begeben.
Von Wahlergebnissen sind bis jetzt bekannt 376, es fehlt noch die sichere Nachricht aus 21 Wahlkreisen. Definitiv entschieden sind 205 Wahlen, welche sich in folgender Weise vertheilen:
46 Konservative,
11 Reichspartei,
18 Nationalliberale,
3 freisinnige Vereinigung,
0 freis. Volkspartei Richterscher Observanz,
4 süddeutsche Volkspartei,
71 Centrum,
3 Centrum, bestimmt für die Militärvorlage,
12 Polen,
0 Welse,
1 Däne,
7 Elsaß-Lothringer,
2 fraktionslose Elsässer für die Militair- vorlage,
2 Antisemiten,
24 Sozialdemokraten,
1 bayerische Bauernpartei.
Bis jetzt sind 171 Stichwahlen nothwendig.
Die Stichwahlen finden im ganzen Reiche, abgesehen von Bayern, am 24. d. M. statt, in Bayern werden sie am 26. Juni vollzogen.
Zahlreiche Pariser Blätter geben, wie „Wolff's Tel. Bur." berichtet, die W a h l r e s u l t a t e in Elsaß-Lot bringen falsch wieder und feiern, indem sie von den glänzenden Erfolgen der Protestler sprechen, die Haltung der Elsaß- Lothringer. „I u st i c e" sagt in dieser Beziehung: „Bei jeder Gelegenheit betonen unsere Brüder da drüben, unser Herz bleibt dasselbe, unsere Wunde ist immer offen und unsere Familienbande bleiben uns heilig." In Wahrheit lagen bis
zum Sonnabend Mittag bereits fünf deutschfreundliche Wahlergebnisse aus Elsaß-Lothringen vor. Die nothwendig vorzunehmenden Stichwahlen lassen ein günstiges Ergebniß nicht ausgeschlossen erscheinen.
Vom Eisenbahnregiment befindet sich bereits ein Major mit mehreren Offizieren in Chicago zum Studium der Ausstellung. In diesen Tagen begibt der Oberst des Regiments sich nach Hamburg, um dort die Abreise eines Kommandos von zehn Offizieren desselben Truppentheils nach Amerika vorzubereiten. Dieses Kommando ist zum Studium des gesummten Eisenbahnwesens nach Amerika beordert. Sämmtliche Offiziere reisen auf Kosten der Regierung und ist jedem seine spezielle Reiseroute vorgeschrieben, die er nach einigen Tagen Aufenthalts in Chicago ein- zuschlagen hat. Spezielle Berichte über die einzelnen Reisen werden fortlaufend von den Offizieren eingefordert. Diese Berichte sollen sich vornehmlich auf Brücken, Uebergänge, Unterführungen u. f. w. der Bahnen und die entsprechend damit zusammenhängenden Bauten beziehen.
Gegenüber der Meldung des „D ep. Bur. Herold", Kaiser Wilhelm beabsichtige, schon gegen Ende dieses Monats nach Schweden zur Elennthierjagd zu kommen, kann die „Köln. Ztg." wiederholt versichern, daß diese Reise erst nach Beendigung der Kaisermanöver in Ungarn und Süddeutschland in Aussicht genommen ist und also erst in der zweiten Hälfte des September stattfinden wird.
In Straßburg i. E fand beim Bekanntwerden des Wahlresultats, Stichwahl zwischen Dr. Petri und Bebel eine häßliche Demonstration der Sozialisten und Protestler statt, welche Hochrufe aus Bebel und Frankreich ausbrachten. Die Polizei verhaftete mehrere Demonstranten.
Die feierliche Neberführung der Gebeine deutscher Krieger von St. A il nach dem neuen Begräb- »ißplatz auf deutschem Gebiet wird dem „Berl. Tgbl." von seinem Eorrespondenten wie folgt geschildert: Die Ueber- führung der Reste der in Saint Ail begrabenen Tapfern, die an dem blutigen Schlachttage vor Gravelotte dort gestorben waren, fand unter ungeheurem Zusammenftrömen der Bevölkerung von beiden Seiten der Grenze statt. Die Zuschauer enthielten sich jeder Demonstration. Der auf dem Grabe gesetzte einfache Stein, der noch die fragmentarische Inschrift: „18. August 1870 . . . Gefreite und . . . Franzosen" erkennen ließ, wurde am Freitag Nachmittag in Gegenwart der französischen Behenden und'der abgeordneten deutschen Offiziere gehoben und dann die Exhumation vorgenommen. Die Skelette waren vollständig erhalten und wurden in bereit gehaltene Särge gelegt. Aus einem Schädel, an dem noch ein vollständig erhaltener blonder Bollbart hing, rollte eine Ebassipotkugel herau«, die einer der französischen Offiziere an sich nahm. Sonnabend Morgen fand die Ueber« führung statt. Bi« zur Grenze gaben die Franzosen mit vollen militärischen Ehren, tuchbedeckten Trommel,, und florumhängte» Trompeten da« Geleite; dort standen sich nun auf dem einstigen blutigen Schlachtfelde die Soldaten beider Armeen im Frieden, sich gegenseitig Ehren bezeugend, gegenüber. Nachdem der französische G e n e r a l I a m o n t mit seiner glänzenden Suite die deutschen Truppen entlang geritten war, setzte sich der Zug nunmehr unter dem Geleite deutscher Truppen nach A in a n w e i i e r in Bewegung und die Beisetzung erfolgte. General v. H a c s e l e r sprach dem General Jamont und den anderen sranzösischen Offizieren den Dank für ihre Theilnahme an der Trauerfeier au«, worauf der General Jamont eiwiederte: ,E« ist immer angenehm, Feinden, die tapfer gestorben sind, Ehren zu erweisen." General v. Hacsei er ließ dann die deutschen Truppen vor General v. Jamont vorbeideflüren und begleitete mit seiner Suite die Franzosen b?« an die Grenze, wo sich die Offiziere verabschiedeten. Auf der Grenze drehte sich der