die Aufrechterhaltung der Stellung Deutschlands in Europa gebracht werden müssen; — dann aber auch ernst, wichtig und bedeutungsvoll wegen der Zahl der Gegner, wegen der Größe der Gefahren und Hindernisse, die dem deutschen Volke in seinem eigenen Schoße erwachsen sind und deren wir Herr werden müssen, wenn wir einer abschüssigen Entwicklung unseres Vaterlandes vorbeugen und den Abgrund vermeiden wollen, in den uns die inneren Gegner nicht weniger wie die äußeren Feinde hineinzuziehen drohen.
Wir zweifeln nicht, daß die partriotische Gesinnung im deutschen Volke eine starke ist, wir zweifeln nicht, daß das deutsche Volk mit ganzem Herzen dem Vaterlande zugethan ist und dessen glückliches Gedeihen, die Erhaltung des Reichs, die Erhaltung des Fkiedens oder — sollte uns die Vorsehung kriegerische Verwicklungen beschieden haben — den siegreichen Ausgang eines Krieges wünschte. Aber wenn das Volk dies will und wünscht, muß es auch das einzige zu diesem Ziel führende Mittel wollen,^ nämlich die Verstärkung der Wehrkraft! Nur wenn das Ergebniß der Wahlen die Verstärkung der Wehrkraft sicher stellt, können wir darauf rechnen, daß uns das Reich erhalten bleibt und daß wir in einem etwaigen neuen Kriege siegreich sein werden!
Wird das deutsche Volk jetzt die Probe bestehen, auf die es gestellt ist? Zweifellos, wenn alle Patrioten am Wahltage ihre Schuldigkeit thun! Dies ist aber um so nothwendiger als die gegnerischen Parteien, die die Verstärkung der Wehrkraft ablehnen, außerordentlich rührig und eifrig in der Aufbietung aller ihrer Kräfte sind, um mit hochtrabenden glänzenden Redensarten ihre kleinlichen, elenden Parteiinteressen zu fördern.
Gegenw ärtig sind diese inneren Gegner uns weit gefährlicher als die äußeren Feinde: denn jene machen diesen — ob sie sich nun dessen bewußt sind oder nicht — die Bahn frei! Ohne Einsicht in die Dinge der Wirklichkeit, ohne Kenntniß militärischer Verhältnisse, ohne Urtheil über den Ernst der Lage, unterstützt von der Kurzsichtzgkeit, die nicht über den engen Rahmen der Gegenwart hinausschaut und nur den augenblicklichen Vortheil einer kleinen Ersparniß, nicht aber den Gewinn einer festen und sicheren Kapitalsanlage gelten läßt, wollen sie, die zum Theil sogar Reich und Staat mit bewußter Absicht zu zerstören trachten, dem Vaterlande die Mittel verweigern, deren es zu seinem Schutz und zu seiner Vertheidigung bedarf. Besonders gefährlich aber sind sie augenblicklich dadurch geworden, daß sie mit den unglaublichsten Mitteln, mit allerhandVorspiegelungen,Täusch- ungen, Verdrehungen den klaren Sinn des Volkes zu verwirren und die einzelnen Volksklassen durch Versprechungen von allerhand materiellen Vortheilen auf ihre Seite zu ziehen suchen. So wird in einem Flugblatt zur Empfehlung des freisinnigen Kandidaten gesagt, daß er „die volle Wehrkraft des Reichs erhalten" und „die zur Durchführung der zweijährigen Dienstzeit erforderlichen Mittel ohne Mehrbelastung des Volkes bewilligen" werde. Das ist einfach Unsinn, Täuschung, Vorspiegelung.
Man unterschätze die Wirkungskraft solcher Verdrehungskünste aus die große Masse nicht! Deshalb gilt es, daß wir unsere gesammte Macht aufbieten, um die Gegner und die von ihnen irre geleiteten Wähler zu überwinden! Man berufe sich nicht auf seine gute patriotische Gesinnung! Heute gilt es sie zu beweisen und zu bethätigen! Nicht ein einziger Patriot | darf am Wahltage dem Vaterlande feine Wahlftimme entziehen: um es zu schützen und zu retten, muß ein Jeder seine Stimme zu Gunsten desjenigen Kandidaten abgeben, der für die Erhaltung des Friedens und des Reichs, aber auch für das einzige hierzu dienliche Mittel: für die Verstärkung der Wehrkraft, für die Militärvorlage entschieden eintritt.
Fort mit der Gleichgültigkeit, mit der Lauheit, mit der Trägheit! Nur an diesem einem Tage gilt es, die Vaterlandsliebe, die man im Herzen trägt, durch die kleine kostenlose Mühe einer Abstimmung zu bethätigen!
Auf zur Wahl! Auf zum Siege mit dem Ruf: Mit Gott für Kaiser und Reich, für König und Vaterland!
Politische Nachrichten.
Berlin, 13. Juni.
Nach dem Schluß der gestrigen Rennen in Hoppegarten kehrte der Kaiser mit dem Prinzen Victor von Italien nach Berlin zurück, woselbst im königlichen Schlosse Abends 8 Uhr das Diner eingenommen wurde. Nach Aufhebung der Tafel gab der Kaiser dem Prinzen Victor bei dessen Abreise nach Hannover bis zuin Bahnhof Friedrichstraße das Geleit, woselbst außerdem auch der italienische Botschafter General Lanza und sämmtliche Herren der Botschaft zur Verabschiedung anwesend waren. Von den Mitgliedern der königlichen Familie hatte sich der Graf von Turin schon früher verabschiedet. — Nach der Abreise des Grafen von Turin trat auch Se. Majestät seine Reise mittels Sonderzuges nach Posen an.
Herzog Max Emanuel von Bayern, ein Bruder der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, ist am Montag früh in Feldafing an den Folgen einer Darmverblutung verschieden. Der Verewigte war geboren am 7. Dezember 1849 und mit Prinzessin Amalie von Sachsen-Coburg- Gotha vermählt, aus welcher Ehe drei Söhne, die Herzöge Siegfried, Christoph und Luitpold, entsprossen sind.
Die Hitze des Wahlkampfes hat dieser Tage mehrfach recht bedauerliche Ausschreitungen veranlaßt. Zu solchen ist es z. B. anläßlich von Wahlversammlungen in Colonie Pangritz bei Elbing, in Clausthal und in Berlin gekommen. Bei dem Wahltumulte in Clausthal mußte sogar Militair zur Wiederherstellung der Ordnung einschreiten, da die Ruhestörer einen Angriff auf das Rathhaus versuchten.
Der Bundesrath hielt am Montag eine Plenarsitzung ab. In derselben wurde die Vorlage, betr. den Entwurf eines Gebührentarifs für die Strecke Holtenau-Rendsburg des Nord- Ostsee-Canals, den zuständigen Ausschüssen über- wiesen.!
Die Unruhen anläßlich des Vergmanns- streiks von K l a d n o (Böhmen) und von Fünfkirchen (Ungarn) nehmen einen ernsteren Charakter an. Die Streikenden des Kladnoer Revieres, begingen am Sonntag und Montag zahlreiche Ausschreitungen, welche wiederholte Zusammenstöße zwischen den Tumultuanten und der Gensdarmerie veranlaßten. Von Prag gingen zwei ,Bataillone Infanterie nach Kladno ab. Im Streikgebiet von Fünfkirchen machte sich sogar das Einschreiten des Militairs erforderlich. Gegen die renitenten Arbeiter des Bergwerks von Szabolks mußte eine Truppenabtheilung vorgehen, wobei zwölf Personen Verletzungen erhielten; mehrere Personen wurden verhaftet.
Das Leberleiden des französischen Staatsoberhauptes scheint ernsterer Natur zu sein, als die Pariser officiösen Berichte bislang zugeben wollten. Am Montag wurde Präsident Carnot wiederum von einem Unwohlsein befallen, weshalb Abends im Elpsse eine Berathung von vier Aerzten darüber stattfand, ob Carnot's Gesundheitszustand die Ausführung der geplanten Reise des Präsidenten nach der Bretagne noch gestatte. In Pariser politischen Kreisen nimmt man an, daß Carnot durch sein Leiden genöthigt sein werde, diese Reise bis nach den Wahlen zur Deputirtenkammer zu verschieben.
— Der russische Botschafter in Paris, Baron M o h r e n h e im, hat sich eine Gelenkverstauchung zugezogen, die ihm auf mindestens eine Woche vollkommene Ruhe auferlegt. — Aus dem Süden Frankreichs, aus Montpellier, Nimes, Alais, Cette u. s. w., werden fortgesetzt neue Cholerafälle gemeldet.
Aus Provinz und Nachbargebiet.
(:) Hersfeld, 13. Juni. Seitens des ständigen Bürger ausschusses fand gestern Nachmittag eine Sitzung im Rathhaussaale statt, in welcher folgende Sachen zur Beschlußfassung vorlagen. 1. Grunderwerb von dem Herrn Gerbereibesitzer Ferdinand Nössing hier zum Ausbau des Weges im Vogelgesang. Dem vorliegenden Stadtrathsbeschlusse ertheilte man die Zustimmung.
2. Verkäufliche Ueberlassung einer kleinen städtischen Straßenfläche am Markt an den Privatmann Herrn Georg Wormbs zu dem vom Stadtrathe festgesetzten Preise von 3 Mk. für den Quadratmeter. Auch diesem Beschlusse stimmte man zu. 3. Nöthigung zum Bürgerwerden betreffend. Seither wurden die zum Erwerbe des Bürgerrechts
verpflichteten Einwohner von Zeit zu Zeit aufgefordert und gegen diejenigen, welche sich sträubten dasselbe zu erwerben, zwangsweise vorgegangen. Eine auf dem letzten Städtetag Seitens des Herrn Bürgermeisters eingezogene Auskunft hat ergeben, daß letzteres Verfahren in anderen Städten nicht angewandt wird. Der Stadtrath hat daher beschlossen, auch hier von einer zwangsweisen Nöthigung abzusehen, was man ebenwohl billigte, mit dem Anheimgeben, die zum Bürgerrechtser- werbe Verpflichteten, sobald die Verpflichtung ein- trete, sofort aufzufordern und ihnen die Vortheile des Bürgerwerdens bekannt zu geben. 4. Rechnung der Feuerwehrkasse vom Jahre 1892 betreffend. Dieselbe ließ man sich zur Kenntniß dienen. 5. Uebernahme der Hälfte von Reisekosten, welche im Interesse der Erneuerung der hiesigen Stadtkirche entstanden waren. — Seitens des Stadtrathes war die Uebernahme der vorerwähnten Kosten auf die Stadtkasse bis auf einen Posten, welcher die Kirchenheizung betraf, beschlossen worden, welches man guthieß. 6. Einrichtung eines weiteren Büreaus int Rathhause auf dem Vorplätze zu den beiden Sälen für das Steuer- und Meldeamt betreffend. — Auf diesseitigen Antrag hatte sich der Stadtrath mit dieser Einrichtung einverstanden erklärt und die dadurch entstehenden Kosten bewilligt, welche man ebenwohl bewilligte. 7. Errichtung eines Ortsstatuts über Ausführung von Trottoiranlagen betreffend. — Seitens des Königlichen Ministeriums in Berlin, welchem der Entwurf des vorgenannten Statuts zur Genehmigung vorgelegen hat, waren an demselben einige Abänderungen vorgenommen und die Aufstellung eines neuen Entwurfs angeordnet worden. — Derselbe — von der städtischen Baudeputation aufgestellt — war vom Stadtrathe angenommen und lag zur diesseitigen Zustimmungs- ertheilung vor, welche gegeben wurde. Somit war die Tagesordnung für die öffentliche Sitzung erledigt. Letztern schloß sich eine vertrauliche Sitzung an.
J (§) Hersfeld, 14. Juni. Die gestern Abend von dem Antisemiten Herrn Werner abgehaltene Versammlung im Bohlender'schen Saale verlief ohne nennenswerthes Ereigniß. Ein großer Theil der fortwährend mit „Meine Herren" angeredeten Zuhörenden bestand aus politisch unreifen, noch nicht im wahlberechtigten Alter stehenden jungen Leuten, die — bedauerlicherweise — unbefriedigt geblieben sind, weil es an dem sonst üblichen Radau fehlte. Auf die Frage, wie sich Herr Werner zur Militairvorlage stellt, antwortete derselbe, daß er für die Militairvorlage sei, soweit er sie für erforderlich halte . . . . Was derselbe unter dem, soweit er sie für erforderlich h a l t e — meint, hat er nicht verrathen. Möglicherweise hält er einen oder 10 Mann mehr für ausreichend; kurz, diese Hinterthür, die sich Herr Werner offen hält, läßt sein Zuge- ständniß, daß er für die Militairvorlage sei, in ein Nichts zerfallen. Beim Verlassen des Saales wurde seitens einer Anzahl Wähler ein Hoch auf Herrn Landrath Freiherrn von Schleinitz ausgebracht.
< Meteorologische Station Gershansen, 12 Juni. Seit dem 20. März waren die WitterungSverbältnisse eignet Art. Es begann mit diesem Tag eine so lange Trocken- periode, wie seit einer ziemlich langen Reihe von Jahren keine dagewcsen. Nennenswerthe Regengüsse gingen in der Zeit vom 14. bis incl. den 19. März nieder. Die herrschende Windrichtung war seit dem 20. März bis anfangs Mai fast ausschließlich die östliche und hatte dieselbe häufig empfindliche Nachtfröste im Gefolge. Der periodisch sehr starke Ostwind neben der hohen Temperatur im April, trocknete das Erdreich so aus, daß eine eigentliche Regenwolkenbildung nicht möglich und in Folge dessen während des ganzen 4. Monats ein wolkenloser Himmel zu beobachten war. Weil im April in Folge der anhaltenden Osilusr und hohen Temp ratur die Luftfeuchtigkeit so erheblich gesunken, deshalb hielt es auch in den ersten Maitagen, bei Westtuit und bewölktem Himmel, so schwer, daß es zum Regnen kam In Folge der geringen Luftfeuchtigke t int April trocknete auch die vom Winter her- rührende Feuchtigkeit im Erdreich bis zu einer so bedeutenden Tiefe aus, daß namentlich in Folge diese« Umstände« das Wachsthum der Futterkräuter und das des HeugraseS so erheblich zmückging, sodaß bei diesen Pflanzengattungen dadurch die in Aussicht stehende Mißernte bedingt wurde. Auch ist der großen AuStrocknung der den Pflanzenwuchs beherrschenden Erdschicht die ungünstige bezw. ungleiche Keimung der Sommerfrüchte zuzuschreiben. Die Aussichten sind nicht günstig, denn es steht ziemlich fest, daß während deS ganzen Sommers die WitterungSverbältnisse in Hinsicht auf die atmosphärischen Niederschläge keine normalen sein werden. Eigentliche Regen- perioden werden nicht eintreten, sondern in längeren Perioden starke Regengüsse, welche in Folge Bildung starker Gewitter niedergehen werden Dem sehr zurückgegangenen Wachsthum der Sommerpflanzen kann aber bei der grossen Trockenheit des Erdreichs nur durch eine längere Regenperiode wieder ausgeholfen werden, und sind dazu starke überbinfließende Gewitterregen nicht geeignet. Die Gewitter werden während des Sommer« gerade nicht zahlreich sein, aber die, welche in