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Steuer- und Forstkasse dortselbst bevollmächtigt. Cassel, den 30. Mai 1893.

Königliche Regierung, Abtheilung für direkte Steuern, Domainen und Forsten.

I. V.: B l o b e l.

C. I. 5566.

UichlamMches.

f An die Lauen und Schwankenden.

Es giebt eine Masse gutgesinnter Patrioten, die in der Noth und Gefahr nicht einen Augen­blick zögern würden, Gut und Blut für das'Vater- land hinzugeben. Aber diese Noth und Gefahr ist für sie erst dann vorhanden, wenn der Krieg ausbricht und die Kanonen das letzte Wort haben. Vorher sind sie für die Interessen des Vaterlandes kühl bis ans Herz hinan, sie schützen Berufs­thätigkeit, Familiensorgen, vielleicht auch wie das gegenwärtig geschieht Mangel an Ver­ständniß der in Rede stehenden militärisch-tech­nischen Fragen, und was dergleichen mehr ist, vor, um ihren Mangel an Interesse, ihre Gleich­gültigkeit, ihre Unthätigkeit zu begründen, und schließlich bleiben sie auch am Wahltage von der Wahlurne fern.

Wenn doch diese Lauen und Gleichgültigen bedenken wollten, daß gerade in ihrer Hand die Entscheidung liegt! Wahrlich, die Zeiten sind ernst genug, um es zu rechtfertigen, daß sie ihre Lauheit und Gleichgültigkeit ablegen. Denn mit ihrem Verhalten arbeiten sie den geschworenen Gegnern von Staat und Gesellschaft und den Leuten, denen die Partei über dem Vaterland steht, in die Hände, und wenn diese dann dem Vaterlande die Waffen vorenthalten, die es zu seinem Schutz, zu seiner Vertheidigung, zu einem erfolgreichen Kriege bedarf, dann ist der Friede bedroht, das Vaterland gefährdet. Wollen diese Lauen und Gleichgültigen durch ihr Verhalten erst diejenige Gefahr heraufbeschwören, die sie aus ihrer Unthätigkeit herausbringen würde? Wollen sie erst opferbereit sein, wenn es gilt, die höchsten und letzten Opfer zu bringen? Jetzt haben sie es in der Hand, mit dem Stimmzettel in der Hand, die letzten Gefahren abzuwehren und ihnen vorzubeugen, jetzt sind sie im Stande zu bewirken, daß ihnen jene letzten Opfer erspart werden; sie brauchen nur sammt und sonders sich aufzuraffen und an die Wahlurne zu treten, um von ihrer Vaterlandsliebe Zeugniß abzulegen.

Wer das nicht thut, macht sich der größten Pflichtverletzung schuldig. Das Vaterland rechnet bei den Wahlen nicht nur auf die Leute, die sich für Politik interessiren, es rechnet nicht nur auf gewisse Parteien, sondern auf alle seine Söhne. Wer sich der Pflicht des Wühlens nicht unterzieht, begeht eine Handlung, die in ihrer Wirkung nicht besser ist als eine Abstimmung zu Gunsten der Gegner. Denn nur diese sind es, die von der Lauheit und Unthätigkeit Nutzen ziehen.

Das mußte sie wohl," antwortete Jobst, wenn's ihr auch hart ankam. Wir sind nun­mehr fertig miteinander, denn wenn Du Dein Wort hälft, so brauche ich sie nicht mehr, die hochmüthige Hexe."

Du kennst mich," erwiderte Lorenz im Tone eines Biedermannes,Du weißt, daß meine Ge­nossen auf mein Wort bauen können."

Na," rief Kellermaier dazwischen,und warum bist Du so spät gekommen? Du sprachst von Umwegen "

Hol's der Teufel," erwiderte Jobst, dem vom Wirth gebrachten Glühwein eifrig zusprechend, es war eine mühselige Wanderung. Denkt euch, wie ich den Klosterhof im Rücken hab', seh' ich den Kuhnt mit einem Grenzwächter drüben am Walde stehen und eifrig plaudern. Der Kuhnt deutete in der Richtung nach Gelzhofen, der Zöllner nahm sein Buch heraus und schrieb. Holla, denk' ich bei mir, sollte der Förster etwas von Lorenz seinem Wagenzug gesehen haben? Ich biege also von der Landstraße ab und gehe den Fußweg nach dem Walde zu. Das Paar war inzwischen in dem Gehölz verschwunden. Ich eile ihnen nach und vernehme, bald ihre Stimmen, die der Sturm mir glücklicher Weise entgegen trug."

Nun und?" drängte Lorenz, da Jobst in seiner Rede innehielt und sich mit dem Glühwein beschäftigte.

Staat und Gesellschaft sind bedroht, das Vater­land ist gefährdet, wenn die Lauen und Gleich­gültigen den Leuten, welche zur Unzufriedenheit hetzen und engherzige Parteiziele verfolgen, freies Feld lassen. Sollten da nicht die Lauen und Gleichgültigen ihrem Herzen einen Stoß geben und sich bereit finden lassen, den Ansturm auf die Lebensinterefsen des Vaterlandes, dem sie im Herzen zugethan sind, siegreich abzuschlagen?

Aber es giebt wohl auch Leute, welche noch ' nicht mit sich Eins sind, nach welcher Seite sie sich schlagen sollen. In unverantwortlicher Weise sucht man sie durch Rechenkunststücke zu blenden und ihnen vorzureden, welche Lasten und Steuern ihnen von der Militärresorm erwachsen werden; ja es werden Rechnungen aufgemacht, die Einern haarklein beweisen sollen, daß man schon viel zu viel Steuern bezahlt und daß wir schon viel zu viel Soldaten haben. Möchte nicht Jeder gern billiger und besser leben, wäre es nicht schöner, wenn wir gar keine Kriege mehr hätten und auch keine Soldaten mehr brauchten? Freilich! Aber wer sich dadurch gegen die Militärvorlage einnehmen läßt, übersieht, daß er dadurch an den Nahrungs- und Lebensmittelpreisen nichts ändert, die Steuern nicht geringer macht und daß er dadurch auch nicht den schönen Traum des ewigen Friedens seiner Verwirklichung näher führt. Das Gegentheil ist der Fall! Ist Frank­reich erst überzeugt, daß es der deutschen Nation zu theuer ist, ihre Einheit und das Reich zu erhalten und zu vertheidigen, dann ist uns der Krieg gewiß, alle Geschäfte werden stocken, Handel und Wandel werden unterbrochen, die Befrie­digung der Bedürfnisse des Lebens aber wird immer theurer und in einem unglücklichen Kriege wird der Sieger gewiß nicht söge- wissenhaft sein wie unsere Regierung, zu fragen: was kann das deutsche Volk, was kann der einzelne Steuerzahler tragen? Dann erst wird man Ursache haben über die Leistungsunfähigkeit des Volks und die unerschwinglich hohen Lasten zu klagen. Wer das jetzt thut und auf Grund dessen dem Vater­lande die Vervollständigung der Rüstung, die es fordert und deren es bedarf, verweigert, der befindet sich über das, was er und das Volk tragen können, nicht nur in einem großen Irr­thum, sondern der beschwört auch die Zustände herauf, welche in Wahrheit unerträglich sein werden.

Aber muß man denn Alles nur nach Ziffern und Zahlen bemessen? Fällt denn nicht auch die Ehre, das Bewußtsein, das Glück, Bürger eines einigen großen Vaterlands zu sein, in die Wag- schale, giebt es denn nicht auch eine Ehrenpflicht, für das Vaterland Alles einzusetzen, was zu seiner Erhaltung und Vertheidigung erforderlich ist? Diese Ehrenpflicht gilt es jetzt bei den Wahlen zu erfüllen. Da darf, da kann Niemand schwanken, da darf Niemand lau und gleichgültig bleiben. Die Wähler haben es in der Hand, das Unglück, das über das Vaterland bei einer Ver­werfung der Vorlage von außen hereinbrechen würde, abzuwehren. Der Eine muß den Anderen

Bei der Mühle? hörte ich den Zöllner fragen," I berichtete Jobst weiter.Ihr könnt euch denken, ! daß es mich jetzt erst recht interessirte, was die Beiden mit einander sprachen. Da sie aber eine andere Richtung einschlugen, konnte ich nur wenig von ihrem Gespräch verstehen. Der Wind war ihnen jetzt im Rücken. Gleichwohl folgte ich ihnen. Was ich vermuthete, traf ein, sie begaben sich in die Schenke bei Bühl'secke, wo die Zöllner verkehren. Ich ihnen natürlich nach. Als ich in's Schenkzimmer trat, hörte ich den Zöllner zu einem uniformirten Weißbart sagen:Der Herr Förster hat die Wagen selbst gesehen. Es ist offenbar, die Pascher haben einen neuen Zug vor."

Der Teufel soll den Kuhnt holen!" rief Lorenz wild.

Weiter, weiter!" fügte Kellermaier hinzu. Der Weißbart war unzweifelhaft der Wacht­meister Huber."

Das weiß ich nicht," versetzte Jobst,ich kenne die Zöllner noch zu wenig. Natürlich ver­stummten sie, als ich eintrat. Ich ließ mir ein Glas Korn geben, trank es aus und trollte mich wieder. Vor der Thür aber, die ich wohlweislich nur anlehnte, blieb ich stehen und lauschte. Wirk­lich, der Kuhnt hatte Deinen Zug, Lorenz, ge­sehen, und noch dazu erkundschaftet, daß er nach der Schlucht vorrücken werde."

Der Pascher stieß einen Fluch aus.Jetzt

mit sich ziehen, Niemand darf sich der Wahl ent­ziehen, Niemand zu Hause gelassen werden. Das Vaterland ruft!

Politische Nachrichten.

Berlin, 6. Juni.

Am heutigen Morgen unternahm Se. Majestät der Kaiser mit seiner militairischen. Umgebung zunächst vom Neuen Palais einen Spazierritt nach dem Bornstedter Felde, woselbst Allerhöchst- derselbe sodann dem Exerziren der Kavallerie­regimenter der Potsdamer Garnison beiwohnte. Gegen ^lO Uhr nach dem Neuen Palais zurückgekehrt, arbeitete Se. Majestät mit dem Abtheilungschef im Milirärkabinet Oberst und Flügeladjutanten v. Lippe und hatte darauf eine längere Konferenz mit dem Reichskanzler. Mit­tags nahm Allerhöchstderselbe eine Reihe mili­tärischer Meldungen entgegen. Zur Frühstücks­tafel waren heute keine Einladungen ergangen. Am Nachmittage empfingen die Kaiserlichen Majestäten den Besuch des Grafen von Turin, mit Höchstwelchem Se. Majestät der Kaiser sich sodann nach Sperlingslust begab, um dort dem Rennen des Berlin-Potsdamer Reitervereins bei- zuwohnen.

Großherzog Friedrich von Baden ist erneut mit einer bemerkenswerthen Kund­gebung in Betreff der schwebenden inneren Crisis in Deutschland hervorgetreten. Der Großherzog beehrte den am Sonntag in Offenburg stattge- fundenen Verbandstag der Militairvereine Badens mit seiner Anwesenheit, wobei der hohe Herr eine Ansprache an die nach Tausenden erschienenen ehemaligen Soldaten hielt. Der Großherzog verlas dieselbe, und zwar bemerkte er in der Einleitung ausdrücklich, er habe diesmal seine Worte aufgeschrieben, weil seine jüngste zu Heidel­berg gehaltene Rede vielfach zu Mißdeutungen Anlaß gegeben habe. Die Offenburger Rede des badischen Herrschers charakterisirt sich in ihrem Kernpunkte als eine entschiedene Kundgebung zu Gunsten einer Verständigung über die Militair- vorlage und bezieht sie sich hierbei auf einen Ausspruch des berühmten Feldherrn Erzherzogs Karl von Oesterreich, wonach es für einen Regenten bei einem Kriegsfalle die Hauptsorge, sein müsse, gleich beim Ausbruche des Krieges alle möglichen Kräfte seines Staates aufzubieten. Hieran knüpfte Großherzog Friedrich die Aufforderung an die Anwesenden, nur solche Männer zu wählen, denen die Macht und die Kraft des Reiches höher stünden, als Parteiinteressen. Der Großherzog beantragte sodann die Absendung eines Tele­grammes an Se. Majestät den Kaiser:

Ew. Majestät huldigen in treuer Hingebung die Vertreter aller Gauen des badischen Mili­tärvereins-Verbandes, die zahlreichen Krieger- Vereine und das Verbandspräsidium. Als Protektor derselben bringe ich Ew. Majestät die Versicherung unserer freudigen Bereitschaft, für des Reiches Wohl und Sicherung einzu-

nur rasch fort," rief er, vom Stuhle aufspringend, damit wir unsere Leute noch rechtzeitig warnen können."

So bleib doch und hör' mich erst zu Ende," widersprach Jobst, den Hünen beim Arm packend. Nachdem ich mich überzeugt, daß Vorsicht nöthig sei, entschloß ich mich, den weiteren Umweg nach der Schlucht zu machen."

Du bist ein Goldkerl!" rief Lorenz auf­athmend.

Als ich dort ankam, befanden sich erst zwei Wagen in der Niederung. Sie kehrten natürlich sofort wieder um, und der Wendt, der den Zug führt, läßt Dir sagen, daß er sich nunmehr west­wärts der Grenze nähern wird. Beim Kieferstein sollen wir ihn und seine Leute erwarteu. Das ist der Grund meiner Verspätung," wandte sich Jobst an Kellermaier,Du wirstßwohl jetzt den Faulpelz zurücknehmen."

Na, na," brummte Kellermaier,sei nur nicht gleich so oben hinaus. Aber Schockschwerenoth," fügte er, mit der Hand auf den Tisch schlagend, hinzu,was wird denn dann aus unserem Fang?"

Lorenz lachte höhnisch auf.Deines lumpigen Wildes wegen werden wir uns doch nicht in Ge­fahr stürzen oder gar unser Vorhaben aufgeben?"

(Fortsetzung folgt.)