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Herssel-er frdsblntt.
Mit wöchentlicher Gratis-VeLlage „Jttnstrirtes Sonntagsblatt".
Ur. 65.
Dienstag den 6. Juni
1893.
Zweites Blatt.
f Beschämend.
„Unsere militärischen Einrichtungen sind so vollständig und so vollkommen, als sie nur sein können. Unser Parlament hat niemals mit der Regierung um die Mittel und Hilfsquellen gemarktet und gefeilscht, welche diese als für die Landesvertheidigung nothwendig erachtet hat. Und bei uns würbe kein Ultra mo n = taner Abgeordneter es wagen, die Existenz seiner Partei über die Existenz Frankreichs als große Nation zu st e l l e n." Also wörtlich zu lesen in der Pariser ..Estafette" vom 8. Mai! Das mag sich Herr Lieber hinter den Spiegel stecken, der in Aschaffenburg den Fortbestand des Centrums für wichtiger erklärt hatte als eine wohlbegründete Militärvorlage. Und in einem von den französischen Bauern massenhaft gelesenen Blatte, der „Gaz. du Village" (Dorfzeitung), sagt der französische Unterstaatssekretär Delcasss: „Unsere Hilfsquellen erlauben uns, jede Ausgabe für das Kriegswesen zu leisten, wie es noch kein Volk zu keiner Zeit gethan hat. Und der französische Patriotismus wird kein Opfer verweigern, wird niemals gegen die Forderungen der Regierung der Republik für die Verstärkungen unserer Heeresmacht stimmen, namentlich wenn es sich darum handelt, Deutschland die Spitze zu bieten." Und damit der beschämende Gegensatz noch empfindlicher werde, muß daran erinnert werden, daß die Franzosen sich so verhalten, obgleich sie von uns nichts zu befürchten haben, wenn sie ruhig bleiben, während wir von ihnen alles zu befürchten haben, sogar den Untergang. Das sagen, so bemerkt hierzu ein süddeutsches Blatt, der Schwab. Merkur, die Franzosen bei einem Budget von 3 314 Mill., einem Defizit, das für 1894 auf 300 Millionen geschätzt wird, bei einer Schuldenlast von 33 Milliarden, trotz der auch von dem großen Volkswirth Lerop-Beaulieu vorhergesagten Nothwendigkeit, demnächst eine Milliarde neuer Schulden zu machen, trotz des von eben demselben festgestellten fühlbaren Rückgangs der Steuereinnahmen, trotz- bem in Frankreich gegenwärtig Verhältnisse herrschen, welche z. B. den Univers vom 15. Mai zur Anstellung einer Untersuchung über die „Verarmung Frankreichs" veranlaßt haben. Und wir, denen es im nächstem Krieg an den Kragen gehen soll, wir markten wie die Filze!"
Aus England geht der „Nordd. Allg. Ztg." folgendes Gedicht mit der Bemerkung „Nachdruck erwünscht" zu, welches zeigt, wie unsere Lands- lente im Auslande Stellung zu der entscheidenden Frage des Wahlkampfes nehmen:
Dem deutsche,» Wähler.
Der Wahlzettel ist, in des Volkes Hand, Die bedeutsamste Waffe für's Vaterland, Dessen Größe, Ehre und Frieden.
Es gilt heut' nicht der Parteien Streit, Dem Erkennen gilt's der Nothwendigkeit, Das Eisen, weuu's warm ist, zu schmieden.
Frei ist nur der Bürger im freien Land, Dem das Schwert nicht rostet in nerviger Hand,
Wenn ringsum die Feiude noch rüsten. Nach Außen einig in Noth und in Tod, Bleibt in der Gefahr das höchste Gebot, Ein Bollwerk den feindlichen Lüsten.
Hinweg mit parteilicher List und Kunst, Hinweg mit dem Menschenverbrüderungsdunst, Und dem Feinde die trutzige Lehre: Ein Volk, dessen Größe besiegelt im Blut, Hängt nicht seine Ehre an irdisches Gut, Sein Wachtruf heißt: An die Gewehre!
Die Klosterbänerin.
Erzählung von Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
„Da ist der Toni," äußerte die Klosterbäuerin zur alten Lise. „Kannst ihm jetzt Deinen geheimen Auftrag ausrichten. Komm herein, Toni," rief sie fast befehlend aus dem Fenster. „Es ist von Deines Vaters Hof Jemand da, der Dich sprechen will."
Diese Mittheilung genügte, Toni zur höchsten Eile anzusporneu. Nachricht aus des Vaters Haus! So war also des lieben Alten Zorn verraucht und er verzieh dem Sohne sein heimliches Entweichen. Ob wohl der Vater auch der Liebe des Sohnes zu einer Weiningerin sich jetzt willfähriger zeigen würde?
All' diese Empfindungen und Gedanken stürmten durch Tonis Brust, als er dem Hause zueilte und gleich nachher in's Zimmer trat.
„Die Life," rief er freudestrahlend, „unsere gute, alte Life! Einen bessern Boten hätte der Vater nicht schicken können."
„Es ist nichts freudiges, was ich Dir auszu- richten hab'," antwortete kopfschüttelnd die Alte, und fügte, auf 'die Bäuerin blickend, hinzu: „Ich kaun Dir's aber nur unter vier Augen sagen."
Frieda öffnete ein kleines Seitenzimmer, das an die Wohnstube stieß und bedeutete dem Paare hineinzugehen.
Der freudige Ausdruck in Tonis Mienen war ängstlicher Spannung gewichen.
Nachdem er mit Life in den kleinen Nebenraum getreten, kehrte Frieda zu ihrem Platz am Fenster zurück.
Wohl regte sich die Neugierde in ihr, welcher Art die geheime Botschaft der alten Life sein möge; aber sie war zu ehrlich und zu stolz, um die Lauscherin zu spielen. Sie summte sogar ein Liedchen vor sich hin, um ja kein Wort zu vernehmen.
Aber das Gespräch da drinnen im Nebenraum ward immer lauter und lauter, und jetzt vernahm die Klosterbäuerin ganz deutlich die Worte der alten Lise:
„Aber Toni, wie kannst'S denn leugnen? Hab' Dich ja selbst in der Nacht gesehen, wie Du vor bem Bureau des Alten standest, — und aus der Truhe dort ist ja das Geld und das Papier verschwunden!"
Die Klosterbäuerin erbebte. Ihre Hände faßten krampfhaft nach der wogenden Brust. In den Ohren rauschte es ihr, daß sie kein noch so laut gesprochenes Wort vernahm.
Als bald nachher Lise mit verweinten Augen aus dem Stübcken trat und Toni ihr zornig
folgte, hatte die Klosterbäuerin ihre Stellung nicht verändert.
Die Alte entfernte sich nach einem flüchtigen Gruß. Toni ging ihr nach, rief aber von der Thüre her Frieda zu:
„Ich muß beim Abladen der Maschine zugegen sein. Ich komme heute übrigens nicht zum Abendbrod, — ich bin müde und der Kopf schmerzt mich, — ich will mich dann gleich zur Ruhe legen!" Damit schloß er die Thüre hinter sich.
Die Klosterbäuerin blickte ihm nicht nach, aber sie nahm den Stickrahmen und schleuderte ihn weit von sich. Dann sank sie aus den Stuhl zurück, legte Hände und Kopf auf das Fensterbrett und begann krampfhaft zu schluchzen.
VI.
Stürmisch war der Abend, und ein Schneegestöber dazu, daß man die Augen kaum offen zu halten vermochte. Die Baumwipfel des Grenz- gehölzes, das sich von der Höhe zum Weißbachthal niederzog, wurden derart von dem Orkan gepeitscht, daß es in ihrem Geäst fast ohne Unterbrechung knisterte und krachte.
An den Ecken eines einsam stehenden Hauses fing sich der Wind, um dann zum Dach empor zu fahren und die eingerostete Wetterfahne wie toll herumzudrehen.
In dem Erdgeschoß des Gebäudes, dessen Aeußeres an zahlreichen Stellen den Versall zeigte, bräunte eine von der Decke herabhängende Oel- lampe. Das ärmliche Licht schimmerte durch die Fugen der Fensterläden, an denen gleichfalls der Sturm rüttelte.
Das einsame Haus war die „Waldscheuke," die, hart an der Landesgrenze stehend, sich nicht eben eines guten Rufes erfreute. Die Forstleute und Grenzwächter hielten dort zuweilen Razzias ab, wenn es galt, sich gefürchteter Wilderer und Pascher zu bemächtigen, denn diese bildeten die überwiegende Mehrzahl von den Gästen der Waldschenke.
Am heutigen Abend war in der unsauberen Wirthsstube nur einer der Tische besetzt. Der Wirth unterhielt sich angelegentlich mit den beiden Gästen, von denen der eine eine wahre Hünengestalt war. Das dichte wollige Haupthaar bedeckte fast die halbe Stirne. Unter buschigen Brauen blitzten zwei verschmitzte kleine Augen, die Stumpfnase schaute frech in die Welt, und um den breiten Mund spielte beständig ein hämisches Lächeln. Die Stimme des Mannes war kräftig, aber heiser. Er sprach viel, trank dagegen nur mäßig, während sich dies von seinem i Nachbar nicht sagen ließ. Dieser schlürfte mit ; großem Wohlbehagen ein Glas Glühwein nach dem andern, was dem Hünen zu der Bemerkung Veranlassung gab:
„Wenn Du so weiter pichelst, Kellermaier, so unterscheidest Du einen Rehbock von einem Jäger nicht."
„Halt's Maul," gab der Bauer grob zurück. „Die Nacht wirb bitter kalt, ich muß meinen innern Menschen auswärmen. „Bring' mir nur noch ein Glas," rief er dem Wirth zu, dann i schloß er lachend: „Der Loren; freilich Zfbraucht nicht vorzusorgen, der hat den Teufel im Leib und die Hölle dazu."
Loren; gehörte zu den gefürchtetsten Paschern.