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Htlsskl-er Kreisvlatt.
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Ur. 38. Donnerstag den 18. Mai 1893.
Amtliches.
Hersfeld, den 12. Mai 1893.
Bei Erledigung der von auswärtigen Behörden an den Magistrat zu Berlin gerichteten Ersuchen um Ueberweisung von Einkommensteuerpflichtigen, welche von Berlin nach anderen Orten oder von auswärts nach Berlin verziehen, sind wegen der Schwierigkeit, einzelne Persönlichkeiten bei der Größe der Stadt Berlin zu ermitteln und ihre Identität festzustellen, mehrfach Verzögerungen entstanden und dadurch Beschwerden hervorgerufen. Zur Abstellung derselben hat der Herr Finanzminister im Anschluß au die Vorschriften im Artikel 75, 77 II. a, 79 Absatz 3 zu 3 der An- weisung vom 5. August 1891 Folgendes bestimmt:
1. In den vorbezeichneten Ersuchsschreiben und überhaupt im amtlichen Schriftwechsel über in Berlin wohnhafte Einkommensteuerpflichtige ist thunlichst die Nummer der Einkommensteuerliste anzugeben, unter welcher der Pflichtige in Berlin geführt wird.
Ist diese Vorschrift nicht anwendbar oder kann sie nicht befolgt werden, fo ist womöglich d i e W o h n u n g (i n B e r l i n) des betreffenden Steuerpflichtigen — und zwar bei Ueberweisungsanträgen regelmäßig die Wohnung um die Zeit der letzten Personenstandsaufnahme (Oktober) in jedem Falle aber das voll ständige Nationale — Zu- und Vorname, Tag, Jahr und Ort der Geburt — in dem Anschreiben mitzutheilen.
2. Ersuchen um Ueberweisung bezw. Uebernahme von Steuerpflichtigen mit Einkommen von nicht mehr als 30 0 0 Mk. sind unmittelbar an die Steuer - undEin - quartierungs-Deputation des
Dir Klosterbiinerin.
Erzählung von O - k a r H ö ck r r. (Fortsetzung.)
Die junge Frau hatte unter der Gewaltherrschaft von Schwiegermutter und Schwager viel zu dulden gehabt, aber alles ruhig ertragen; die größte Geduld erreicht aber einmal ihr Ende, und so war es auch hier gekommen. Friedas gutes Herz legte jedoch für die Mutter ihres Mannes ein freundliches Wort ein, so daß dieselbe sorglos der Zukunft entgegenblicken konnte. Als der Klosterbauer starb, setzte er testamentarisch sein junges Weib zur alleinigen Erbin ein. Der alles versöhnende Tod milderte das feindliche Verhältniß zwischen der Schwiegermutter und der Bäuerin, und die Alte erschien zum Oeftern auf dem Klosterhof, bis ihre unausstehliche Ränkesucht die häufigen Besuche wieder ein- schränkte. Sie überschüttete die junge Wittwe mit ungerechten Vorwürfen, gab ihr Schuld au dem unglücklichen Schicksal ihres verschollenen jüngeren Sohnes und nannte sie kurzweg eine Erbschleicherin. Jetzt ließ sie sich nur noch sehen, wenn sie von der Schwiegertochter Geld benöthigte, was bei ihrem Hang zur Verschwendung nicht eben selten der Fall war. Bei beut gutmüthigen Charakter der Klosterbäuerin konnte sie stets auf die Erfüllung ihrer Wünsche rechnen. Sie zeigte sich dann immer katzenfreundlich, um bann hinter
Magistrats in Berlin — nicht au die Direktion für Verwaltung der direkten Steuern daselbst — zu richten, was den Herren Ortsvorständen des Kreises zur Nachachtung dient.
Der Vorsitzende der Einkommensteuer-Veranlagungscommission:
Freiherr v o n S ch l e i n i tz.
I. III. Nr. 1359.
Hersfeld, den 17. Mai 1893.
Diejenigen Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher, welche meine Verfügung vom 9. b. M. I. 2905 im Kreisblatt Nr. 55, betreffend Aufstellung der Wählerlisten, noch nicht erledigt haben, werden an deren Erledigung mit Frist bis zum 20. d. Mts. mit der Auflage erinnert, die versäumte Berichterstattung zu rechtfertigen.
I. 3083. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
Nichtamtliches.
Ein deutsches Wort an die alten Soldaten! An die Gewehre!
Das unwürdige Schauspiel, welches die Mehrheit des Reichstages in Sachen der Militär-Vorlage nicht allein dem deutschen Volke, sondern auch dem Auslande bot, ist zu Ende!
Mit rauschendem Beifallsklatschen hat Frankreich denjenigen Reichstagsboten gelohnt, welche die Vorlage ablehnten, und ein Pariser Blatt sprach ihnen seinen Dank für den dem französischen Volke geleisteten „Liebesdienst" aus.
dem Rücken der Schwiegertochter desto giftiger zu sein.
Am heutigen Tage war sie wieder eiiynal auf dem Hofe anwesend, den an den Obstpressen beschäftigten Knechten und Mägden allerlei Neuigkeiten erzählend, deren interessanteste in der Mittheilung bestand, daß an den Dörfern Weiningen und Gelzhofen eine neue Eisenbahn vorübergeführt und in einer der beiden Ortschaften eine Station errichtet werden sollte.
Diese Mittheilung rief eine begreifliche Erregung hervor. Noch wollte man an die Wahrheit nicht recht glauben, aber die alte Martha — wie die Schwiegermutter der Klollerbäuerin allgemein hieß — betheuerte bei ihrem Seelenheil, daß es mit der Anlage der neuen Eisenbahn seine Nichtigkeit habe.
„Der Grüninger ist ja selbst vor die Regierung geladen worden," fügte sie mit ihrer keifenden Stimme hinzu. „Unser Bader, der seinen Sohn in der Residenz besuchte, hat ihn dort gesehen und gesprochen, gerade als er nach der Regierung ging. Die vornehmen Herren haben ihn um sein Gutachten angesprochen —"
Das Gesinde lachte.
„Ach, ihr dummen Leute," keifte Martha, „was versteht Ihr davon? Weil der Grüninger ein Gelzhofener ist, nur deshalb blickt Ihr ge- । ringschätzig auf ihn, aber bei der Regierung ist | er ein angesehener Mann . . . ja, das weiß ich,
Aber das Ausland jubelt zu früh!
Noch ist im deutschen Lande die Vaterlandsliebe nicht erloschen, geschlummert hatte sie nur, doch auf den Ruf:
dem Baterlande droht Gefahr!
ist sie erwacht und mit Entrüstung im Herzen treten Männer jetzt auf den politischen Kampfplatz, die in gewöhnlicher Zeit der Politik fern stehen.
Deutsche Männer, die Ihr im Heiligen Kampfe 1870/71 die deutsche Kaiserkrone aus den französischen Bataillonen herausgeholt habt, wollt Ihr, daß das, was Ihr auf blutiger Wahlstatt erränget — das Deutsche Weich — wieder verloren geht, weil eine kurzsichtige, staatsverderbende Partei- politik die Mittel verweigert, um den Irieden zu sichern und das Vaterland zu schützen?! — Nein! — Was Ihr mit Eurem Schwerte erränget, das werdet Ihr jetzt mit dem Stimmzettel vertheidigen!
Deutsche Männer, die Ihr, wenn der Krieg vor der Thüre steht, Wer? und Kind, Haus und Hof verlassen müßt, um mit Eueren Leibern dem Vaterlande als Wall und Mauer zu dienen — wollt Ihr vielleicht wegen der Schwäche der Zahl unseres Heeres unterliegen? — Auch der Tapferste unterliegt vor feindlicher Uebermacht! — In Euerem Stimmzettel habt Ihr die Macht, Euch durch Vermehrung des Heeres vor feindlicher Ueberzahl zu schützen!
Doch, deutsche Kameraden! es genügt nicht, daß Ihr nur Euer Wahlrecht ausübt, es gilt auch die
Treue gegen Kaiser und Reich zu bethätigen, indem Ihr mit ganzer Seele und mit ganzer Hingebung eintretet für die große und heilige Sache!
Die Aelteren von Euch kennen den Krieg, Ihr habt zum großen Theil aus eigener Anschauung
in drei Teufelsnamen — und unser Bader sagt auch, daß Grüningers Holztransporte schon allein genügen, die Kosten für die neue Eisenbahn auf- zubringen."
Das Gesinde lachte noch stärker, die Alte schlug erbost in die Hände und lief nach der Stube der Klosterbäuerin, um sich über das „despektirliche Volk" zu beschweren.
Kurze Zeit nachher ertönte von der Dorfgasse her wüster Lärm, der rasch näher kam. Gleich einem gehetzten Wilde stürzte plötzlich ein Bauernbursch auf den Hof, dem eine Menge von Landleuten nachstürmte.
„Jesus!" schrieen die Knechte und Mägde, „der Gelzhofener Toni!"
Durch den ungewöhnlichen Lärm aufmerksam geworden, hatte die Klosterbäuerin mit ihrer Schwiegermutter das Wohnzimmer verlassen und trat jetzt aus den Hof. Beim Anblick des ernstlich bedrohten Toni entrang sich ihren Lippen ein Angstruf, in fliegender Hast eilte sie ihm entgegen, sich wie schützend vor ihn stellend.
„Oho," ertönten einzelne Rufe aus der am Thore stehen gebliebenen Menschenmasse, „nimmt sich die Klosterbäuerin des Gelzhofener an?"
„Das thue ich," entgegnete Frieda leuchtenden Auges. „Und wer ihm hier auf meinem Anwesen ein Haar krümmt, der soll mich kennen lernen!" Furchtlos näherte sie sich den schreien