Beilage zur Nr. 45 des Kreisblatts.
Hersseld, den 18. April 1893.
Die Tochter des Meeres.
Roman von A. Nicolo.
(Fortsetzung.)
„Rupert, mein Sohn," fügte er mit einem halb traurigen, doch innigliebevollen Blick zn dem jungen Mann gewendet fort, „kannst Du das Deiner Mutter und Dir selbst angethane Unrecht mir verzeihen?"
Der junge Mann war durch den schnellen Wechsel seiner Verhältnisse auf's Höchste verwirrt. Allerdings eröffnete sich ihm als den Sohn und anerkannten Erben des reichen Grafen Treville eine glänzende Zukunft, aber doch hatte er das bittere Gefühl, daß er in der Verurteilung seiner einstigen Liebe grausam gefehlt und dadurch den schönsten Edelstein seiner Adelskrone verloren hatte. Frau Falkners Geständniß hatte ihn über Vieles, das er für einen verrätherischen Undank von Seiten Cora's gehalten hatte, aufgeklärt. Jetzt war es klar, daß Cora und er die unschuldigen Opfer einer schändlichen Intrigue gewesen waren.
„Mylord," erwiderte er mit ehrerbietiger, aber vielleicht ein wenig erzwungener Zärtlichkeit, „es steht mir nicht zu, Ihre Handlungsweise ohne genauere Kunde der Beweggründe zu beurtheilen, aber wenigstens möchte ich Sie bitten, das geschehene Unrecht an dieser jungen Dame wieder gut zu machen, die, glaube ich, von uns Allen am schwersten gekränkt worden ist. Miß Cora sollte doch wohl sofort ihre Freiheit wiedererhalten, sich nach eigenem Wunsch ihren Wohnort wählen dürfen, und ihr dazu genügende Mittel zur Verfügung gestellt werden."
Da fing Netta leise an zu schluchzen.
„Es ist doch zu sonderbar, daß mich Jeder dieses Mädchens wegen vernachlässigt. Ich sollte
doch meinen, daß Du, Rupert, erst an mich denken solltest, statt Dir gerade jetzt Sorge um sie zu machen.
Unwillkürlich zuckte ps spöttisch um Treville's Lippen, aber sein besseres Gefühl sagte ihm, daß die Klage seiner Nichte zum ersten Mal vielleicht nicht ganz ungerecht sei, und ernst sagte er:
„Netta hat vollständig Recht. Rupert, sie nahm Dich aus Liebe, und es ist nicht Recht von Dir, sie zu vernachlässigen, nun es sich herausgestellt hat, daß Ihr Euch gleichgestellt seid."
Der junge Mann wandte sich freundlich zu der schönen schmollenden Braut:
„Netta, sannst Du mir nicht verzeihen, daß mich für den Augenblick andere Dinge beschäftigen? Kannst Du nicht begreifen, daß ein so seltsamer Schicksalswechsel mich für den Augenblick von Dir abzieht? Jetzt kann ich Dir doch wenigstens Rang und Reichthum bieten, wovon wir Beide uns nichts träumen ließen, als Du mir Deine Hand reichtest."
„Ich bin froh, sehr froh, daß wir gleichgestellt sind, Rupert," sprach Netta sanft, „aber nicht wahr, Du vergißt nicht, daß ich, lange bevor ich eine Ahnung davon hatte, Dich wählte? Und ich verlange nichts, als daß Du gut und liebevoll gegen mich bist, und Dich nicht durch das listige Mädchen von mir abziehen läßt, die an allem, was mich in den letzten zwei Jahren so unglücklich gemacht hat, schuld ist," fuhr sie fort, und ihre Lippen zitterten mehr vor Erregung als Betrübniß.
Cora trat stolz näher, als sie diese Worte vernahm.
„Beruhigen Sie sich," sprach sie mit vornehmer Miene, „ich werde Ihren Pfad nicht kreuzen, noch Sie irgendwie belästigen, es sei denn, daß ein widerwärtiges Geschick mich gegen meinen
Willen dazu zwänge. Ich für meinen Theil bin jedenfalls zufrieden, daß ich und Ihr Gemahl getrennt wurden, bevor unsere Wege so weit auseinandergingen. Ich hätte mich als Eindringling nie glücklich fühlen können in einer Stellung, in die ich nicht durch meine(Geburt paßte."
Und ruhig wandte sie sich zum Gehen, als Graf Treville sie zurückhielt.
„Halt, junge Dame!" sagte er gebieterisch! „Ich habe wenigstens einiges Recht, Sie als den Schützling und das adoptirte Mündel sowohl meines Sohnes wie meines verstorbenen Bruders zu beschützen. Sie dürfen nicht wieder schutzlos und allein hinausgehen in die weite Welt."
Cora wich vor der Berührung mit des Grafen ausgestreckter Hand zurück.
„Verzeihen Sie mir, Mylord ... ich bin überzeugt, daß Sie es gütig mit mir meinen, aber es giebt Wunden, welche nur durch Einsamkeit und Freiheit geheilt werden können. Wenn Sie mir Unrecht gethan haben, so gewähren Sie mir meine Bitte als beste Entschädigung dafür."
„Aber wohin, zu wem wollen Sie gehen?" fragte der Graf besorgt.
„Ich weiß es nicht, es ist mir auch gleich, wenn ich nur Ruhe finde," erwiderte sie ungeduldig. „Jeder, der mir Freund zu sein schien, ist für mich zur Ursache großen Kummers geworden. Bester offene Feinde, als falsche Freunde."
„Wenigstens müssen Sie die Mittel von mir annehmen, Ihre eigenen Pläne und Absichten durchführeu zu können,tzMiß Cora," bat der Graf, „Nach all' dem Kummer und Schmerz, den Sie erlitten haben, bin ich Ihnen das schuldig."
„Ich nehme nichts an. Ich brauche nichts, als die Anerkennung Ihrer Ungerechtigkeit und