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Hersseldel Kreisbliltt.
Mit wöchentlicher Gratis-Beilage „Jllustrirtes Sonntagsblatt".
Nr. 18.Konnabend den 1L Februar 1893.
Erstes Blatt.
Amtliches.
Hersfeld, den 7. Februar 1893.
Die Herren Ortsvorstände haben mir bis zum 16. d. Mts. zu berichten,
1. ob und evtl. welche Trinkwasser- sowie Nahrungsmittelproben in den Jahren 1889, 1890 und 1891 zur chemischen Untersuchung an die Versuchsstation zu Marburg eingesandt worden sind und welches Ergebniß die Untersuchungen hatten,
2. in wieviel Fällen Fleisch von Schlachtvieh ganz oder theilweise für ungenießbar erklärt und vom öffentlichen Verkehr ausgeschlossen wurde.
Für das Jahr 1892 sowie alljährlich für die Folge ist dieser Bericht bis zum 15. Februar zu erstatten. Im Terminkalender ist hiernach das Nöthige zu wahren.
I. I. Nr. 834. Der Königliche Landrath Freiherr von Schleinitz.
Hersfeld, den 8. Februar 1893.
Diejenigen Herren Bürgermeister, denen auf Nachsuchen die gemäß meiner' Verfpgung vom 15. November v. Js. I. 7875, im Kreisblatt Nr. 137, anher eingereichten Verhandlungen, Protokolle u. s. w. zurückgegeben worden sind, werden hierdurch veranlaßt, die betreffenden Verhandlungen bis spätestens zum 16. d. Mts. wieder hierher zu senden, da au diesem Tage die angekündigte Stempel-Revision stattfinden wird.
I. I. Nr. 854. Der Königlich^ Landrath
Freiherr von Schleinitz.
Nichtamtliches.
Die Socialistendebalte.
Die socialdemokratische Partei hat in den letzten Tagen im Reichstage eine Niederlage erlitten, so gründlich wie ihr wenige widerfahren sind. Wunderlich genug entspann sich die Debatte über den socialdemokratischen Zukunftsstaat bei dem Etat des Reichsamtes des Innern. Der Abg. Vebel wollte die Gelegenheit benutzen, um abermals den Nothstand unter den Arbeitern der Großstädte aufzubauschen, verlor sich dabei nach gewohnter Art ins Allgemeine dieser schlechten Gesellschaftsordnung und rief so eine Generalabrechnung der anderen Parteien mit dem socialdemokratischen Treiben hervor.
Die Bedeutung dieser Debatten sehen wir vor Allem darin, daß die Redner sämmtlicher Parteien ihre politischen Meinungsverschiedenheiten fast ganz zurücktreten ließen und vereint den kommunistischen Wahngebilden zu Leibe gingen. Ferner aber hat sich die Verlegenheit der Socialdemokraten, auf die Frage, wie sie sich die Verwirklichung ihrer Lehren denken, eine halbwegs befriedigende Antwort zu geben, wohl noch niemals so armselig enthüllt.
Nach den Aeußerungen der Socialdemokraten
soll ihr Zukunftsstaat vor der Thüre stehen. Nach Bebel soll sich der Zeitpunkt mit fast mathematischer Genauigkeit vorherbestimmen lassen, wann die Sozialdemokratie die Macht an sich reißen werde. Noch vor dem Ausgange des Jahrhunderts soll es geschehen, nach einem der Propheten im Jahre 1898. Bebel hat früher behauptet, daß der Plan des Zukunftsstaates noch vor feiner Verwirklichung in allen Theilen klar ausgearbeitet und fertig sein müsse. Es ist also höchste Zeit, daß man erfährt, wie es gemacht werden soll. „Heraus mit Eurem Federwisch!" Wie soll die kommunistische Riesenmaschinerie, wenn die ge- sammte Produktion Gemeinbesitz geworden ist, verwaltet werden? Wie werden die verschiedenen Posten der Werkleiter, Techniker rc. besetzt und wer besetzt sie, wenn jede Art von Autorität, der Obrigkeit, des Alters, des Meisters, ja selbst auch der Eltern abgeschafft ist? Wer bestimmt darüber wie das Arbeitsangebot hier durch die Arbeitsnachfrage dort ausgeglichen wird, wenn Jeder nur zu thun braucht, was ihm am besten paßt? Wer sorgt dafür, daß das vielgerühmte Gleichgewicht zwischen Gütermenge und Güterverbrauch aufrecht erhalten wird, wenn große Naturereignisse alle Berechnungen über den Haufen werfen? Wo ist der Plan für die Vertheilung der verschiedenen Thätigkeiten, insbesondere auch der niedrigen und widrigen?
Die Antwort, die heute darauf erfolgt, ist das reine Nichts. Heute sagt Bebel mit Liebknecht, daß es thöricht und beschränkt sei, so zu fragen; denn das Alles sei ja Sache der „Entwickelung". Die „Entwickelung" ist dasselbe Fabelwesen, wie die „Gesellschaft", die an Stelle des Staates treten soll, die Alles macht und Alles kann, die namentlich auch die sündigen, von mancherlei widerstreitenden Interessen und Begierden beherrschten Erdenkinder in lauter engelsgute Wesen zu verwandeln vermag. Sehr treffend sagte der Abg. Richter: „Wenn die „Jungen" sagen, bei dem ewigen Parlamentiren kommt nichts heraus, dann suchen Sie sie zu beschwichtigen, indem Sie, wie Bebel 1891, in Versammlungen sagen: „Die Katastrophe steht vor der Thür, der große Kladderadatsch wird rascher eintreten, als irgend einer denkt." Wenn Sie aber aufgefordert werden, Ihre Pläne der wissenschaftlichen oder parlamentarischen Kritik zu unterbreiten, wo sie keine Rücksicht zu nehmen brauchen auf die „Jungen", dann verstecken Sie sich." Ebenso berechtigt war die Frage des Abg. Stöcker, warum denn Bebel seine Schrift „Die Frau", in der der Zukunftsstaat in den blühendsten Farben als ein Himmel auf Erden geschildert ist, immer wieder drucken lasse, wenn es jetzt thöricht sein soll, nach dem Zukunfts- staat zu fragen, und wenn die Socialdemokraten bekennen, nichts darüber zu wissen. „Wissenschaftlich" verleugnet man das Ding, agitatorisch wirb es als Trug für die Massen ausgebeutet.
Einzelne wenige socialdemokratische Köpfe außerhalb der parlamentarischen Fraction haben das Doppelspiel, das diese mit dem Zukunftsstaate treibt, erkannt und vergeblich bekämpft. So schrieb Oswald Köhler in seinem „socialdemokratischen Staat", wenn irgendwo in der Welt, so sei bei dem Gebäude der zukünftigen Gesellschaft die Planlosigkeit auszuschließen: „Was unsere späten
Nachkommen anstreben und festsetzen werden, das können wir allerdings nicht wissen, aber was wir selbst wollen, das müssen wir wissen, sonst sind wir arme Gecken und können uns heimgeigen lassen." Das Heimgeigen im Reichstage ist gut besorgt worden, möge es auch so im Lande geschehen!
Politische Nachrichten.
Berlin, 9. Februar.
Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin unternahmen am Mittwoch Nachmittag von 3 Uhr ab eine etwa einstündige Spazierfahrt nach bem Thiergarten. Nach dem Schlosse zurückgekehrt, empfing Se. Majestät der Kaiser den Marinemaler Saltzmann, welcher darauf auch die Ehre hatte, von den Majestäten mit einer Einladung zur Abendtafel beehrt zu werben. — Nach Aufhebung derselben begaben sich die Majestäten nadi dem königlichen Opern- Hause zum Besuch des Subskriptionsballes und verweilten auf demselben mit den hier und in Potsdam anwesenden Mitgliedern der königlichen Familie und den landsässigen Fürstlichkeiten längere Zeit. — Am Donnerstag Vormittag hatten sich die Kaiserlichen und Königlichen Majestäten gemeinsam nach dem hiesigen Rathhause begehen, um daselbst die Entwürfe zu einem Denkmal für weiland die hochselige Kaiserin Augusta in Augenschein zu nehmen. Nach dem Schlosse zurückgekehrt, arbeitete Se. Majestät der Kaiser mit dem Kriegsminister nebst dem Major v. Gersdorff vom Kriegsministerium und später mit dem Chef des Militairkabinets.
fRekrutenvakanz und Ernteurlaubj. Gegenwärtig werden die Rekruten im November eingestellt. Zwischen der Entlassung der Reserven und der Rekruteneinstellung ergiebt sich also ein Zeitraum von ungefähr l1^ Monat. Dies ist die sogenannte Rekrutenvakanz. Wird mit der neuen Militärvorlage die zweijährige Dienstzeit der Fußtruppen durchgeführt, so kann die Rekrutenvakanz in dieser Ausdehnung nicht bestehen bleiben. In der Militärkommission war die Frage aufgestellt worden: Ist beabsichtigt, am nächsten Tage nach der allgemeinen Neserve-Ent- lassnng sofort die Rekruten einzustellen und auch die Beurlaubungen zur Hülfeleistung bei der Ernte einzuschränken? Die Antwort lautet nach verschiedenen Blütterberichten: Es wird eine Rekrutenvakanz von etwa 14 Tagen bestehen bleiben müssen. Die hieraus entstehende Ersparniß wird aber zur Deckung derjenigen Kosten verwendet werden, welche durch die mit der Rekruten-Ein- stellung gleichzeitig erfolgende Einstellung von etwa 6 pCt. Nachersatz entstehen. Eine Veränderung in Bezug auf den Ernteurlaub ist nicht in Aussicht genommen.
Ueber das neu einzuführende System der B a - rackenkasernements wurde in der Subkom- misfion folgende Auskunft von der Heeresverwaltung gegeben: Die Baracken werden im Allgemeinen massiv und nur als Erdgeschoß gebaut. Die Wohnräume sollen 10 bis 15 köpfig angelegt werden. Die ganze äußere und innere Anordnung soll den Erfordernissen an Behaglichkeit, Wohnlichkeit und Gesundheitspflege viel mehr entsprechen, als dies bei den bisher ver-