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Itrsftlitr Kreisblatt.
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Nr. 16. Dienstag den 7. Februar
1893.
Amtliches.
Ministtrium des Innern.
Berlin, den 14. Januar 1893.
Am 28. Mai v. Js. ist in Kunzendorf im Kreise Bolkenhain ein Blödsinn und Stummheit vor- spiegelnder unbekannter Mann wegen zwecklosen Umhertreibens aufgegriffen und dem Königlichen Amtsgerichte in Bolkenhain zugeführt, von letzterem aber der Polizeiverwaltung in Bolkenhain zur vorläufigen Fürsorge überwiesen worden.
Die in den Regierungsbezirken Liegnitz, Breslau und Oppeln angestellten Ermittelungen nach der Herkunft dieses Mannes sind bisher im Wesentlichen erfolglos geblieben. Es hat nur ermittelt werden können, daß derselbe mit dem von dem Königlichen Amtsgerichte zu Grünberg unter dem 19. September 1891 wegen Landstreichens und Bettelns zu zwei Monaten Haft verurtheilten angeblichen Arbeiter Holtz identisch ist, welcher zwar nicht Stummheit vorspiegelte, aber jede Auskunft über seine Persönlichkeit ausdrücklich verweigerte.
Indem ich eine Beschreibung des Unbekannten beifüge, ersuche ich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst, gefälligst nach Namen, Stand und Heimath desselben sorgfältige Nachforschungen anstellen zu lassen, und, falls dieselben von Erfolg sein sollten, sofort mir und der Polizeiverwaltung in Bolkenhain Mittheilung zu machen.
Der Minister des Innern.
J. A.: gez. Braunbehrens.
An den Königlichen RegierungS-Präsidenten Herrn Rothe Hochwohlgeboren zu Cassel. II. 16535.
* * *
Cassel, den 25. Januar 1893.
Abschrift nebst bem Signalement erhalten Ew.
Die Tochter des Meeres.
Roman von U. Ricolo.
(Fortsetzung.)
„Es war ein schreckliches Verhängniß, an welchem Sie, gnädiger Herr, wohl nicht Schuld waren," entgegnete der Diener, „denn Gott weiß es, wie schwer es Ihnen wurde, sich von der armen Bianca zu trennen."
„Aber mein Kind, niein Kind will ich wieder haben," schrie der Gras fast überlaut vor Schmerz, „denn an diesem habe ich ein großes Unrecht gut zu machen."
„Was in meiner Macht steht, das soll geschehen, um das Kind ausfindig zu machen," sagte der Diener, „aber ich werde sehr vorsichtig U Werke gehen, denn diese Frau Falkner könnte ja damals, es sind wohl fast zwanzigJahre her, kin anderes Kind angenommen haben, um die Stone Erziehungssumme zu erhalten, und dar »nrkliche Kind des gnädigen Herrn ist vielleicht Ichon mit der armen Bianca gestorben."
XXXIV.
«Mich Lara, Sie sind wohl so gut und unter a> !jm«n tritt den jungen Mädchen einen Spazier aang im Park," sagte Miß Mincht« eines läget M Cora.
^i* Dame hatte bald erkannt, von welchem
Hoch-oh^dE E. d-m -rg-b-nk-n erf*, alsbald eingehende Nachforschungen zu veranlassen und im Falle des Erfolges sofort der Polizeioer- waltung zu Bolkenhain direkt und mir Nachricht z «kommen zu lassen.
Der RegierungS-Präsident. J. V.: v. Pawel. An die Herren Landräthe des Bezirks und den Herrn Polizei-Präsidenten hier. A. II. 865.
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Signalement.
1. Familienname: ? 2. Vorname: ? 3. Geburtsort: ? 4. Aufenthaltsort: ? 5. Religion: ? 6. Alter: ? 7. Größe: 1,54 m. 8. Haare: dunkelblond. 9. Stirn: hoch. 10. Augenbraunen: blond. 11. Augen: blau. 12. Nase: spitz. 13. Mund: starke Oberlippe. 14. Bart: rasirt (rothblond). 15. Zähne: unvollständig. 16. Kinn: runö. 17. Gesichtsbildung: oval. 18. Gesichtsfarbe: gesund (sonnverbrannt). 19. Gestalt: Mittel (schwächlich). 20. Sprache: ? 21. Besondere Kennzeichen: krumme Beine (0 Beine). Bekleidung: Hauskleider gezeichnet K. G. G. Gr. und zwar: Ein weißer Strohhut, ein alte graubraune Jacke K. G. G. Gr., ein graues Jacket, 'Drillichweste, braune Hosen, blaugestreiftes Hemd K. G. G. Gr. 1/6 90, ein blaues Halstuch K. G. G. Gr., ein Paar alte Lederschuhe.
* *
Hersfeld, den 3. Februar 1893.
Wird den Ortspolizeiverwaltungen und der Königlichen Gendarmerie des Kreises zur Nachforschung und eventl. Berichterstattung mitgetheilt. I. 785. Der Königliche Landrath.
Hersfeld, den 3. Februar 1893.
Die Schulstelle zu Kemmerode, mit welcher
Nutzen die Dienste der neuen Lehrerin ihr waren. Es war ein großer Vortheil für sie, daß sie den Eltern ihrer Zöglinge sagen konnte, sie habe „eine junge Deutsche" für Sprachen und Musik engagirl.
„Ich thue es ungern," erwiderte Cora fest. „Kann Miß Evans heute nicht mit Ihnen gehen?"
„Wie kommen Sie auf eine solche Idee?" versetzte die Schulvorsteherin heftig. Glauben Sie, ich hätte Sie ohne Empfehlungen und unter für Sie so günstigen Bedingungen engagirt, damit Sie mir jetzt in dieser Weise entgegentreten sollen? Miß Evans Aeußeres ist durchaus nicht dazu angethan, meiner Schule Ehre zu machen, und ich wünsche, daß Sie sich sofort bereit halten und mit den jungen Damen ausgehen, bis die Erholungsstunde vorüber ist. Sie verstehen mich? . . . Und noch mehr! ... Ich wünsche, daß Sie dazu Toilette nach besten Kräften machen, wenngleich ich gestehen muß, daß Sie wenig passende Kleider besitzen, trotzdem ich Ihnen Ihren ersten Vierteljahrsgehalt vorausbezahlte."
Miß Minchin schwieg und Cora neigte mit ihrer gewöhnlichen stolzen Anmuth den Kopf und verließ das Zimmer.
Die Schulvorsteherin fühlte sich ihrer neuen, I jungen Lehrerin gegenüber entschieden nicht sicher. Das Mädchen hatte trotz ihrer abhängigen Stellung etwas io Stolzes und Vornehme« i« ihrem Wesen, daß Miß Minchin sich »ergeb«««
neben freier Wohnung einschließlich der Feuerungs- vergütung ein Einkommen von 926 Mk. verbunden, ist in Folge Versetzung des seitherigen Inhabers oom 1. d. Mts. ab zur Erledigung gekommen.
Bewerber um dieselbe wollen ihre Meldungs- gesuche nebst den erforderlichen Zeugnissen bei dem Königlichen Lokalschulinspektor Herrn Pfarrer G e r l a ch zu Niederaula oder dem unterzeichneten Landrath einreichen.
Der Königliche Schulvorstand von Kemmerode. von Schleinitz, ! I. I. Nr. 784. Landrath.
Zugelaufen: ein Hund. Meldung des Eigen- thümers bei dem Ortsvorstand zu Wehrshausen.
Politischc Nachrichten.
2e. Majestät der Kaiser wohnte am Freitag Vormittag dem feierlichen Leichenbegängnisse ves H e r z o a s von R a t i b o r in Raubten in Oberschlesien bei. In der Nacht zum Sonnabend traf der Monarch wieder in Berlin ein.
Die Abkürzung der Dien st zeit der Fußtruppen ist früher mit dem Einwand bekämpft worden, daß sie eine Ungerechtigkeit gegen die berittenen Mannschaften in sich schließe und die Aushebung zur Kavallerie zu einer Art Strafe machen werde. Als Ungerechtigkeit muß es aber vor Allem empfunden werden, daß jetzt bei derselben Waffe der Eine drei Jahre, der Andere zwei Jahre, der Dritte und Vierte eine Anzahl Monate und Wochen dient und daß diese Unterschiede nur zu einem ganz kleinen Theile aus verschiedener Befähigung zum Dienste herrühren. . Diesem Zustande gegenüber ist es ein entschiedener Fortschritt, daß künftig im Wesentlichen nur
bemühte, den unfreiwilligen Zauber, der Cora umgab, zu brechen.
Cora ging in ihr bescheidenes Stäbchen, das kaum so groß war wie ihre Garderobe in Villa Faro und begann ihre einfache Toilette.
Der kleine Zug der von Cora geführten Schülerinnen setzte sich in Bewegung und kam bald in die Gärten von Regent« Park.
Hier herrschte ein munteres Treiben. Eine große eisbedeckte Fläche zog die Aufmerksamkeit Aller auf sich. Herren und Knaben, Damen und junge Mäochen flogen auf ihren Schlittschuhen schnell an den bunten Gruppen der Zuschauer vorüber und am reizendsten nahmen sich die hübschen jungen Damen aus, die sich in phan tastischen Figuren auf dem Eis« umherdrehten, hin und wieder einen leisen koketten Schreckensruf ausstießen oder auch der Hälfe bedurften, um nicht auf der glatten Eisfläche zu fallen. Dieses ganze Schauspiel war Cora völlig neu, und für den Moment war sie von dem Anblick wie geblendet.
„O, sehe« Sie, Miß," machte eine ihrer Schülerinnen sie aufmerksam, „sehen Sie dort die junge Dame mit dem schönen Hut und dem Sammmcostäm . . . läuft sie nicht wundervoll? Und der |u»ge Herr neben ihr . . . wie hübsch er ist! Ich bin überzeugt, daß e* sehr vor nehme Leute sind. Glauben Sie nicht auch?"
Cora nickte stumm mit dem Kopf«, und he