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und Frankreich ist und daß einige französische Armeecorps an den Seealpen festgehalten werden. Das österreichisch-ungarische Heer wird gegen Rußland ziehen, aber allein kann es nichts Entscheidendes ausrichten. Deutschland bietet dem Feinde im Osten weites, großentheils ganz offenes Land; zum Schutze feiner östlichen Grenz­marken hilft nur eine entschlossene Offensive. Die Offensive läßt sich erfolgreich nur ergreifen mit überlegener Truppenzahl; also muß ein großer Theil des deutschen Heeres nach Osten marschiren und mit den Oesterreichern und Ungarn operiren. Auf die Mißlichkeiten einer alliirten Kriegsfüh­rung gehen wir nicht weiter ein, die Geschichte lehrt sie. Rußland und Frankreich haben unter ihnen keinesfalls zu leiden, denn sie führen räum­lich getrennt von einander auf verschiedenen Schauplätzen Krieg, jedes im Wesentlichen nur nach einer Front. Deutschland, eingekeilt zwischen zwei Gegnern, muß seine Heeresmacht theilen. Das Reich ist der stärkste unter den Dreibund­staaten; wo die deutschen Fahnen wehen, wird die Hauptentscheidung fallen.

Aber ein Erfolg gegen Rußland entscheidet noch nichts gegen Frankreich; so lange Frankreichs Heer nicht niedergeworfen ist, wird Rußland hoffen und aushalten und umgekehrt. Was nach der Theilung des deutschen Heeres für die Westgrenze übrig bleibt, reicht nicht aus, um wieder wie 1870/71 eine schneidige Offensive ergreifen zu können. Wir müssen uns auf unsere Festungen im Reichsland und die Stärke der VertheidigungS- linie am Rhein verlaffen. Was heißt das? Das bedeutet das Schrecklichste eines Kriegs im eigenen Lande. Man kann ihn ehrenvoll führen, aber kaum mit der Hoffnung, dem Feinde den Frieden zu dictiren. Wir sind nicht arm genug, um nicht die schwersten Verluste in den vom Kriege heimgesuchten Landestheilen zu er­leiden, und wir sind nicht reich genug, um die Kosten und Opfer einer solchen Kriegführung lange durchzuhalten.

Politische Nachrichten.

Die feierlicheVermählung des Prinzen Friedrich Karl von Hessen und der Prin- zeffin Margarethe von Preußen fand am Mittwoch Nachmittag 4>/2 Uhr in der Capelle des Berliner Residenzschlosses nach vorangegangener standesamtlicher Trauung statt. General-Superin­tendent Dr. Dryander vollzog die Vermählungs­ceremonie. Der Trauung folgten Cour im Weißen Saale, Ceremonientafel im Rittersaale und Fackel­tanz der Minister im Weißen Saale.

Se. Majestät der K a i s e r hatte sich am Mittwoch Abend gegen 11 Uhr nach Schluß der Vermäh­lungsfeierlichkeiten nach dem Potsdamer Bahn­höfe begeben, um sich dort von den hohen Neu­vermählten zu verabschieden. — Vom Bahnhöfe kehrte Se. Majestät direct nach dem königlichen Schlosse zurück. — Am Donnerstag Vormittag kon- ferirte Se. Majestät der Kaiser von 10 Uhr ab mit dem Kriegsminister, unter Zuziehung der Generale von Goßler und Paulus, sowie des Majors Geifeler und nahm einige Vorträge ent­gegen. Gegen 12 Uhr begab sich der erlauchte Monarch nach der Kaserne des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1, um daselbst mit Sr. kaiserlichen Hoheit dem Großfürsten- Thronfolger von Rußland an einer von dem Offiziercorps genannten Regiments veranstalteten Frühstückstafel theilzunehmen. — Nach Aufhebung der Tafel begab sich Se. Majestät nach dem An- Halter Bahnhöfe und begrüßte daselbst Ihre Ma­jestät die Königin von Sachsen bei deren Ankunft von Dresden und geleitete Allerhöchstdieselbe ins königliche Schloß. — Am späteren Nachmittage beabsichtigte Se. Majestät mit anderen hohen Herrschaften und Fürstlichkeiten einer Wieder­holung des Reiterfestes beim 1. Garde-Dragoner- Regiment in der Bellealliance-Straße beizuwohnen.

König Albert von Sachsen hat auch während seines jüngsten Aufenthaltes am Berliner Hofe den Reichskanzler Grafen Caprivi wiederum in längerer Audienz empfangen.

Se. Majestät der Kaifer hat Sr. kaiser- lichenHoheit dem Großfürsten-Thronfolger von Rußland die Kette zum Schwarzen Adlerorden verliehen.

Zu „Kaisers Geburtstag" schreibt das „Militär-Wochenblatt": „Seine Majestät der Kaiser — Hurrah! So schallt es am 27. Januar in den Fürstenschlössern, aus den Fronten der Regimenter, in den Häusern und Hütten der königstreuen Bürger. Das vergangene Jahr

ist für unser Herrscherhaus ein besonders geseg­netes gewesen. Der Schaar von Söhnen hat sich eine liebliche Tochter zugesellt, und eben in diesen Tagen vollzieht sich erneut die Verbindung des Hohenzollernstammes mit einem anderen edlen deutschen Fürstengeschlecht. An diesem Glück nimmt nicht nur die engere Herrscherfamilie Theil, mit ihr empfindet es auch die weitere Familie unserer Soldatenkönige, die Armee. Dieselbe sieht auf des Kriegsherrn Geheiß einer Umformung und Erweiterung von einer Trag­weite entgegen, wie sie seit langer Zeit nicht an sie herangetreten ist. Die Militärvorlage soll das Heer so stark und tüchtig machen, daß wir die herrschende Stellung behaupten können, die der alte Heldenkaiser mit seinem Kanzler und seinem Schlachtendenker dem Deutschen Reiche zugewiesen hat. Für das Heil des Vaterlandes und für das Wohl des Heeres hat unser Kaiser darin scharfen Blickes und festen Willens gesorgt; an uns ist es, seine Weisungen auszuführen und den Gedanken vom Volke in Waffen weiter zu entwickeln. Das Offizierkorps, immerdar eine Hauptstütze des Hohenzollernthrones, hat seine Kraft daranzufetzen, daß mit feiner Erweiterung die innere Erstarkung Hand in Hand geht; feine Tüchtigkeit bleibt für den Werth des Heeres entscheidend. Echt und recht zu bleiben wie zur Zeit Wilhelms des Siegreichen, sei unser Gelöb- niß zu Kaisers Geburtstag.

In der Sitzung der Militärkom­mission vom 24. d. M. erklärte der Reichs­kanzler, der Vorschlag einer erhöhten Rekruten­einstellung innerhalb der gegenwärtigen Präsenz­stärke enthalte überhaupt kein Angebot gegenüber der Regierungsvorlage; seine Annahme würde die Ausbildung gefährden, die Mobilmachung in gewissen Zeiten des Jahres unmöglich machen, also die Armee schwächen. Dieser Vorschlag sei, weil er die Landesvertheidigung gefährde, unan­nehmbar. Wenn zur Bekämpfung der Vorlage auf den Dreibund hingewiefen werde, so habe er selbst die hohe Bedeutung desselben stets aner­kannt und seinerseits Alles gethan, um ihn zu erhalten und zu stärken. Das Verlangen der Heeresverstärkung beruhe weder auf Gering- fchätzung des Dreibundes und feiner militärischen Macht, noch auf einem Zweifel an seiner Fort­dauer, sondern aus der Erkenntniß, daß auch mit dem Dreibund Deutschland in einem Kriege mit überlegenen Kräften zu rechnen haben werde.

Der Reichstag hielt am Mittwoch wieder den üblichen „Schwerinstag" ab. Zunächst er­örterte das Haus den Antrag des Centrumsabge­ordneten Rintelen, die Strafprozeßordnung so abzuändern, daß die Immunität (parlamentarische Unverletzlichkeit) der Abgeordneten nicht die Folge habe, daß dieselben für etwaige Vergehen voll­ständig unverfolgt blieben. Der Antragsteller er­klärte, daß sein Antrag mit dem bekannten Falle Ahlwardt nichts zu thun habe, jener stamme viel­mehr schon aus dem vorigen Winter. Social- demokratischerseits bekämpfte Abg. Stadthagen den Antrag, da derselbe seinen Zweck nicht erfüllen würde. Abg. Hartmann (cons.) trat unter Be­kämpfung der Darlegungen des socialistischen Redners energisch für den Antrag Rintelen ein, ebenso die Abgeordneten v. Marquardsen (nat.- lib.) und v. Bar (freis.). Der Vorschlag des Präsidenten, gleich in die zweite Lesung des An­trages einzutreten, da die Commissionsberathung nicht beliebt wurde, scheiterte an dem genügend unterstützten Widersprüche des Abg. Stadthagen, welcher für die zweite Lesung Abänderungsanträge stellen will. Die übrige Sitzung wurde durch die Berathung des Antrages Ackermann, den Consum- vereinen den Verkauf ihrer Waaren an Nichtmit- glieder bei Strafe zu verbieten, sowie des eine gleiche Tendenz verfolgenden Antrages der Cen­trumsabgeordneten Hitze, Gröber u.f. w. ausgefüllt.

Das preußischeAbgeordnetenhaus wird zur Zeit durch die Spezialberathung des Etats in Anspruch genommen.

Die Choleraepidemie in Niet leben hat nun doch auch Trotha, einen Vorort von Halle a. S., ergriffen; es sind in Trotha bereits mehrere Cholerafälle amtlich sestgestellt worden. Vielleicht, daß nun auch die in Halle selbst vorgekommenen Fälle von angeblichem Brechdurchfall sich als Cho­lera herausstellen. In Nietleben betrug die Ge- sammtzahl der Choleraerkrankungen bis zum 26. d- M. 109, diejenige der Todesfälle 38.

Zwischen Brasilien undItalien spielt eine neue Affaire. Der italienische Gesandte in Rio de Janeiro hat Namens seiner Regierung von der brasilianischen Regierung rasche und

völlige Genugthuung wegen der im Staate Rio Grando vorgekommenen Mißhandlung und Er­mordung von Italienern unter Androhung even­tueller Maßnahmen seitens Italiens verlangt. Eine Antwort der brasilianischen Regierung liegt noch nicht vor.

Aus Provinz und Nachbargebiet.

Hersfeld, den 27. Januar 1893.

* Zur Einschränkung des Güter­verkehrs an Sonn- und Festtagen werden von der Staatseisenbahnverwaltung noch verschiedene Maßnahmen geplant. Das schon seit längerer Zeit bethätigte Bestreben, den Bahnbeamten in möglichst weitem Umfange eine Sonntagsruhe zu Theil werden zu lassen, findet ein Hinderniß unter anderem in dem Umstände, daß ein großer Theil der bedeutenden Viehmärkte regelmäßig an den Montagen stattfindet, und in Folge deffen an die Eisenbahnbediensteten gerade an den Sonntagen besonders hohe Anforderungen gestellt werden. Es ist daher höheren Orts die Ver­legung der Montagsviehmärkte auf andere Wochentage angeordnet worden. Eine Verlegung der Montag-Krammärkte ist ebenfalls in Aus­sicht genommen.

* Nach den Versicherungen der Obstbauver- k ständigen ist aus den Ansätzen der Fruchtknospen ein erfreulicher Obstertrag im gegenwärtigen Jahre zu erwarten. Namentlich sind es die Pflaumen, die einen reichen Ansatz zeigen.

*(Perfonalveränderungen.) Er­nannt: Die außerordentlichen Pfarrer Schultheiß, £ seither Pfarrgehilfe in Orpherode, zum Hilfs- pfarrer in Niederaula, Otto, seither Pfarrgehilfe in Großenenglis, zum Gehilfen des Pfarrers Wende in Orpherode und Israel zum Gehilfen des Pfarrers Hildebrand in Breitenbach a/F.; der Medizinal-Assessor Professor Dr. med. Tuczek in Marburg zum Medizinal-Rathe und Mitglieds des Medizinal-Collegiums der Provinz Hessen- Nassau und der Kreiswundarzt des Stadtkreises Cassel Dr. med. Schotten zum Medizinal-Assessor bei dem gedachten Medizinal-Collegium; der Ge- ? richts-Referendar von Lucius zum Referendar bei der Königlichen Regierung in Cassel; der Rechts- candidat Blackert zum Referendar; der Techniker Woller zum Königlichen Bauschreiber bei der Wasserbau-Jnspection in Cassel; der Stellen- anwärter Hampel zum Gerichtsdiener bei dem Amtsgericht in Steinbach-Hallenberg. — Ver - setzt: der Amtsrichter von Linsingen in Melsungen als Landrichter an das Landgericht in Marburg. — Entlassen: der Gerichts-Assessor Otto Spohr aus dem Justizdienst in Folge seiner Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgericht in Melsungen. — Pensionirt: der Gerichtsvoll­zieher Nickel bei dem Amtsgericht in Cassel.

* Die „Münch. Allg. Z." schreibt: In weiten Kreisen ist bekannt, daß eine hiesige Apothekers­wittwe ein sicher wirkendes Geheimmittel gegen Diphtherie besitzt, und demgemäß wird diese Frau in zahllosen Fällen um Hülfe gegen ein mäßiges Honorar angegangen Im Laufe der Zeit begannen sich auch Personen der höchsten Stände und Inhaber hoher Aemter für das Mittel zu interefsiren, so daß bereits der Frage näher getreten worden ist, der Frau zum Wohl der leidenden Menschheit das Geheimniß zur öffentlichen Bekanntgabe von Staatswegen abzukaufen. In der letzten Zeit gedieh die Sache soweit, daß bereits die Summe von 100000 M. fixirt worden ist. Um so überraschender wirkt nun mitten in den Unterhandlungen die angebliche Entdeckung der Stoffe des Geheimmittels durch einen hiesigen Arzt. Zufällig hat Dr. A. Krüche, der leitende Arzt der hiesigen physikalischen Heil­anstalt, einen Rest des Geheimmittels erhalten, in welchem sich ein kleines Stückchen einer vege­tabilischen Substanz befand, dessen mikroskopische | Untersuchung zugleich mit der chemischen Prüfung sofort die Herkunft des Geheimmittels enthüllte. Der genannte Arzt (früherer Apotheker) veröffent- i licht jetzt in der „Aerztlichen Rundschau" die Be- reitungsweise desselben, so daß die Staatskasse nicht in Anspruch genommen zu werden braucht. Das Mittel ist ein zur Familie der Hundsgift- i gewächse gehöriges Kräutlein, genannt Wicke oder Sinngrün. Schon in früheren Jahrhunderten galt es als gutes Mittel gegen „schlimmen Hals". Das Kräutlein enthält ein sogenanntes „Herz- tonikum", welches auch lösend und abstoßend auf ! die diphtheritischen Häute zu wirken scheint, sei ' aber machtlos bei den leider so oft zum Tode , führenden Blutvergiftungen, welche sich bei bös­artigen Epidemieen rasch als Folge der Diphtherie