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Nen Hilfsquellen angewiesen sind, wird sie sicherlich versuchen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wir haben oftmals darüber gesprochen, was wir in einem derartigen Fall thun würden."
„Nun — und?" fragte Ranger, höchst gespannt. „Was beabsichtigt Deine Schwester in diesem Fall?"
„Sie will Musikstunden geben, in Privat- Concerten singen oder Landschaften malen und verkarsten."
„Das ginge allenfalls — das Malen meine ich — wenn es zum äußersten kommt," ent- gegnete Jack. „Und nun höre, Walter: solltest Du keinen Liebhaber für ihre Malereien finden, dann kaufe sie für mich, so viele es auch sein mögen. Vergiß das nicht! Und veranlasse Elly, falls es dahin kommt, bei dem Malversnch zu bleiben. Nur um Himmelswillen keine Musikstunden und vor allen Dingen nichts von Concertgesang! SldeS weitere will ich Dir überlassen."
Er drückte Walter, welcher seit Beginn der Unterredung sich beträchtlich gewachsen fühlte, herzhaft die Hand; dann kehrten die beiden freundlichen Verschwörer zu Elly zurück.
Ohne Ahnung des Komplotts, lehnte diese an der Brüstung des Zeltes und schaute sinnend auf die vom Licht der sinkenden Sonne magisch beleuchtete Küste, welche nur allzu schnell näher und näher rückte. Der Gedanke, daß ein ganzes langes Jahr, ein Jahr voll harter Kämpfe vielleicht, vergehen müsse, ehe sie den Geliebten wiedersah, trieb ihr heiße Thränen in die Augen.
Jack ahnte, was sie empfand und Walter, welcher ganz richtig erriet, daß seine Gegen- wart hier überflüssig sei, schlenderte zu seinen Freunden, den Bootsleuten, um dort weitere Belehrungen über das Seemannsleben einzu- ziehen.
Für Jack Ranger bedurfte es eines standhaften Entschlusses, sich jetzt von Elly zu trennen, wo es ihm doch ein Leichtes gewesen wäre, sie als sein eigen mit sich zu nehmen. Aber gewisse Erfahrungen, welche nicht ohne Bitterkeit waren, obgleich sein Herz nicht sonderlich davon berührt geworden, hatten seinen Glauben an die Beständigkeit der Frauen vernichtet. Jetzt war er sich bewußt, zum erstenmal in seinem Leben mit vollster Kraft der Seele zu lieben und wollte daher prüfen, ob Elly die Feuerprobe der Trennung und Ver- suchung bestehen würde.
Die Thränen von ihren Wangen küssend und sie in liebevollster Weise tröstend, blieb er, so schwer es ihn: wurde, dennoch fest in seinem Entschluß.
Nachdem sie auf der Jacht den letzten Kuß getauscht, ruderte Jack die Geschwister mit seinem Boot aus Land, wo sie zum Abschied nur noch einen flüchtigen Händedruck wechseln konnten.
„Und vergiß es nicht, Walter: solltet Ihr, ehe das Jahr um ist, je in Rot sein oder irgend welchen Rat oder Beistand brauchen, so sende mir eine Drahtnachricht nach dem Klub der Reisenden in London. Auch verlasse ich mich darauf, daß Du mich stets von Euerm Aufenthaltsort benachrichtigst, damit ich Euch jederzeit schnell zu finden weiß."
„Gut," meinte Walter, „so lange wir in Onkels Hause weilen, weißt Du ja, wo wir zu finden sind und verlassen wir es, sollst Du Nachricht haben. Jedenfalls sei versichert, daß ich Elly aufs beste behüten werde. Es soll ihr an nichts fehlen, und sollte ich mit ihren Bildern hausieren gehen."
Beruhigt kehrte Ranger zu seinem Boote zurück. Heut forderte er Ben und Gefährten nicht auf, mit ihm zu trinken, aber er warf dem ältesten der durstigen Bande einen So-
vcreign zu. Dann ruderte er mit einem Kraftaufwand, als gälte es, einem Feind den Vor- sprung abzugewinnen, der Jacht zu.
Keiner seiner Leute redete ihn an, nachdem er an Bord gestiegen war. Sie kannten ihn, sowie seine Gewohnheiten und Stimmungen, und in seiner jetzigen bedurfte er der Ruhe und ungestörten Einsamkeit.
Ihrer gedenkend, deren Anwesenheit diese Stätte heute verschönt hatte, warf er sich auf den Teppich, der den Boden des Zeltes bedeckte.
In der nächsten Stunde hatte er seine Befehle erteilt und der „Perseus" war auf dem Wege nach Süd-Amerika.--
Fast zur selben Zeit langten die beiden Geschwister, nicht ohne leises Schuldbewußtsein, zu Hause an, wo sie Mr. Mobray und Arthur Clayton vorfanden, welche bereits zum Essen angekommen waren. Obgleich Mr. Mobray Elly gesagt hatte, es wäre unnötig, mit dem Essen auf ihn zu warten, war er bei seiner Ankunft dennoch unangenehm überrascht, daß gar keine Anstalten und Vorbereitungen dazu getroffen waren.
„Das nenne ich aber einen kalten Empfang!" rief er den Ankömmlingen entgegen. „Aber wenn Ihr Euch amüsiert habt, werden wir ihn schon verschmerzen. Die Köchin hat übrigens unter den obwaltenden Umständen ihr Möglichstes geleistet, ohne uns allzu lange schmachten zu lassen. Aber daß ich derartigen AushilfSmahlzeiten sonderlich hold bin, kann ich gerade nicht behaupten."
„O bitte," warf Arthur Clayton liebenswürdig ein, „es war ein wahrhaft lukullisches Mahl: Suppe, Zunge, Koteletten und junge Hühner, von dem köstlich zubereiteten Spargel ganz zu schweigen. Was werdet Ihr junges Volk nun aber anfangen, nachdem wir Euch alles aufgegessen haben? Ihr müßt tüchtig hungrig sein."
„Wir haben bereits auf der Jacht gegessen," entgegnete Walter. „Na, und ein Essen war's — fein-fein, sage ich Euch. . Ich wünschte nur, Onkel, Du wärest dabei gewesen. Jack ißt weder mit dem Messer, noch trinkt er Sherry aus Biergläsern, er ist nach jeder Richtung hin von besten Lebensformen. Wir hatten auch Spargel und Trüffeln, in Champagner gedämpft, glaube ich, und Trauben, wie Ihr noch in Euerm Sehen keine gesehen habt, halb so lang wie mein Daumen — und Aprikosen und Ananas — fast so groß wie ein Kinderkopf."
„Dann muß Dein Freund wohl einen sehr freien und ausgedehnten Gebrauch von den Vorräten oder dem Gelde seines Herrn machen," versetzte Mr. Mobray trocken. „Trauben kosten jetzt sechzehn Schillinge das Pfund, Aprikosen das Stück sechs bis sieben Pence und Ananas sind kaum für Gold zu haben. Euer Freund, der Maat, scheint beinahe ein halber Monte- Christo zu sein."
„So ähnlich kommt er mir thatsächlich vor," meinte Walter kühl. „Jedenfalls ist er ein prächtiger Mensch. Jetzt geht er nach Süd- Amerika, um dort Aufstände anzufachen oder daran teilzunehmen. Ich wünschte, ich könnte mitgehen."
„Dieser Umgang scheint Dir leider nicht sonderlich gut gethan zu haben," bemerkte der Onkel stirnrunzelnd.
„Im Gegenteil, Onkel," versetzte Walter, seinen Arm um Ellys Schulter legend, „hätten wir ihn nicht auf unserm Lebensweg getroffen, wäre Elly sicherlich heute nicht mehr bei uns."
Mr. Mobray erwiderte nichts. Der kecke Unabhängigkeitsdrang, welcher Walter von jeher eigen war, hatte seit seiner Freundschaft mit dem Maat des „Perseus" unzweifelhaft
außerordentliche Fortschritte gemacht und trat heule mehr als je zu Tage. Infolgedessen war er entschlossen, den Maat so zart als möglich, doch um jeden Preis fallen zu lassen.
Arthur Clayton war ein schlanker, ruhiger, feiner und bleicher Mensch, mit dem tiefen, gedankenvollen Blick und Wesen desjenigen, der das Leben und seine Pflichten sehr ernst nimmt. Hätte Elly ihn in ihrer Kindheit weniger gesehen, sicherlich hätte sie dann jetzt ungleich wärmer für ihn gefühlt: das mußte sie sich selbst gestehen und es that ihr in der Seele weh, ihn durch das Bekenntnis, daß sie seine Liebe nicht zu erwidern vermöge, enttäuschen zu müssen.
Obgleich nichts in Arthurs Wesen darauf hindeutete, wußte Elly dennoch sehr wohl, daß ihr Oheim ihn heute eigens mitgebracht habe, damit er mit seiner Werbung hervortrete.
Arthur begegnete ihr auch heute in gewohnter, zarter, unaufdringlicher Weise und bat sie dann, ein wenig zu musizieren.
„Morgen mußt Du mich mit Deinem Freunde bekannt machen," sagte er zu Walter. „Von mir als Ellys ältestem Freunde und künftigen Gemahl muß er sich einen Dank schon gefallen lassen. — Ja, siehst Du, Walter, das kommt Dir jedenfalls überraschend, doch war es seit Jahren mein sehnlichster Wunsch. Der Onkel hat freudig eingewilligt und daß Elly mich sehr lieb hat, weiß ich und nicht wahr, auch Du wirst damit einverstanden sein?"
„Nicht, wenn Sie Elly dadurch unglücklich machen," versetzte Walter ziemlich kurz. „Ja, sie hat Sie sehr lieb — ebenso wie ich, weder mehr noch weniger. Wenn Onkel Ihnen etwas andres vorgeredet hat, so ist das sehr unrecht von ihm. Ich kenne Elly besser als irgend ein andrer und ich sage Ihnen, sie denkt ebenso wenig daran, Sie zu heiraten, wie etwa den Mann im Monde."
Das klang allerdings wenig ermutigend. Doch Walter gütig auf die Schulter klopfend, meinte Arthur:
„Junge Damen pflegen ihre Brüder nicht in alles einzuweihen und vielleicht kann ich Dich morgen bereits durch eine vollendete Thatsache eines bessern belehren. Nun mußt Du mich vor allen Dingen mit Deinem Freunde bekannt machen."
„Das wird kaum noch angehen, da er morgen wohl schon fort sein wird. Er hat uns bereits Lebewohl gesagt und wer weiß, wann wir ihn wiedersehen!"
Nach diesen Worten verließ er das Zimmer. Der Gedanke an Jack und die köstlichen Tage, welche sie mit einander verlebt hatten, erfüllte sein Herz mit tiefer Wehmut und Sehnsucht nach dem Geschiedenen.
Bevor er ging, stahl er sich hinter den Stuhl seiner Schwester, die noch am Klavier saß und drückte einen herzlichen, vielsagenden Kuß auf ihre Wange. Elly verstand die Sprache desselben. Auch ihr war es, als solle sie in heiße Thränen ausbrechen, doch sich gewaltsam beherrschend, spielte sie weiter. Sie spielte, was ihr Herz ihr gerade eingab — etwas Leises, Süßes und Trauriges unb durch alles zitterte, gleich einer Thräne, die Melodie der „Muscheln des Ozeans".
„Dieser Maat muß in der That ein äußerst anziehender Mensch sein," bemerkte indessen Arthur Clayton zu Mr. Mobray. „Es wurde mir ungemein leid sein, wenn er schon fort wäre."
„Und mir wäre es, aufrichtig gesagt, lieber," versetzte Mr. Mobray. „Man kann nie wissen, welche Sorte von Abenteurern ein Mensch wie Clonrane in der Welt aufliest. — Ich muß jetzt notwendig einen Bries schreiben. Sie können die Gelegenheit wahrnehmen, mit Elly zu reden."