30
dann nicht etwa einen Vorwurf von Ihren Lippen hören."
Sie stand auf und reckte ihre hohe Gestalt stolz empor.
Was würde Fürst Urussoff in diesem Augenblick nicht alles versprochen haben.
Dieses stolze, schöne Weib war ihm nie begehrlicher erschienen als jetzt, wo er wußte, daß er um Maud kämpfeu, streiten und ringen mußte.
Oh, der Preis war des Kampfes wert, und Fürst Urussoff der Mann dazu, ihn zu wagen!
Mit einem bezaubernden Lächeln reichte ihm Maud beide Hände.
„Wohl, ich bin von der Aufrichtigkeit Ihrer Liebe überzeugt," sagte sie; „gönnen Sie mir nur Zeit, mich in alles hincinzufinden — hoffen wir das beste von der Zukunft."
Sie machte eine verabschiedende Bewegung, doch der Fürst blieb zögernd stehen.
„Sie schicken mich ohne bestimmte Weisung fort," klagte er, „werden Sie mir nicht bald ein ungestörtes Wiedersehen gönnen?"
Maud dachte nach. „Wir sehen uns morgen in der Oper," gab sie dann mit einem freundlichen Blick zur Antwort, „dort sollen Sie das weitere erfahren."
Der Fürst verließ den Pavillon, trunken vor Glück und Liebe; er war in der That Thor genug zu glauben, daß Maud seine Em- pfindung erwidere — und wie weit entfernt war doch die schöne Amerikanerin, dies zu thun.
Sie blieb noch zurück, bis der Fürst den Garten verlassen hatte.
Ein kaltes, stolzes Lächeln auf den Lippen gab sie sich ihren Gedanken hin.
Jetzt handelte es sich, von Erosion loszukommen, halb und halb halte sie ihren Plan schon fertig.
Als Maud sich eben erhob, um nun ihrerseits den Pavillon zu verlassen, öffnete sich plötzlich dessen Thür und ein Mann trat über die Schwelle.
Die schöne Frau konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken — denn Rolf Crofton, ihr Gatte, stand vor ihr. Mit hoch emporgezogenen Brauen, ein finsteres Lächeln um den bärtigen Mund, trat der Kohlenkönig näher.
Als sie ihn so sah, richtete sich Maud trotzig empor. Hatte Crofton den Fürsten noch gesehen, wußte er etwas von dieser Zusammenkunft?
„Ich zeige Dir an, Maud," sagte Crofton mit ruhiger Stimme, durch die es doch wie verhaltenes Donnerrollen klang, „daß wir Paris noch zu dieser Stunde verlassen werden."
„Warum? weshalb?" entschlüpfte es unwillkürlich ihren erbleichenden Lippen.
Crofton sah sie finster an.
„Weil die Luft von Paris meiner Gattin schädlich ist," gab er in entschiedenem Ton znr -Antwort.
„Wie soll ich das verstehen? Bin ich schon zur Sklavin herabgesunkeu!" rief das stolze Weib außer sich.
„Wenn jemand seine Freiheit mißbraucht, dann hat man ihm keinen eigenen Willen mehr zu gestatten," sagte Crofton mit einem Nachdruck, der Maud, trotz ihrer Selbstbeherrschung, erbleichen und erschauern machte — „keinen Widerspruch mehr, Maud, ich bin unwiderruflich entschlossen."
Sie biß die Zähne fest über einander und sah ihn herausfordernd an.
„Feigling," kam es dann von ihren Lippen, „gegen eine wehrlose Frau willst Du Deine Macht gebrauchen!"
So kühn und selbstbewußt Maud auch war, sie bereute es fast, diese Worte gesprochen zu haben, denn die Wirkung derselben war eine schreckliche.
Croftons Antlitz färbte sich dunkelrot, seine Augen traten weit aus ihren Höhlen heraus, der Mann aus dem Volke fühlte eine entsetzliche Wut in sich — er wollte sprechen, aber der Zorn preßte den Atem in seine Kehle zurück, nur ein unbestimmbarer Laut kam aus seinem Munde, er stürzte auf Maud zu und schüttelte sie heftig bei den Schultern.
„Du, Du wagst es, mich einen Feigling zu nennen?" brach es sich endlich von seinen Lippen, „Du Du, die Du mich betrügst — hintergehst und Dich doch dabei stets auf die Unnahbare Hinausspielst — Du — oh" — er ließ sie jäh los, so daß sie zurücktaumelte und sich nur mit Mühe aufrecht hielt.
Alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen, nur das heftige Wogen ihrer Brust verriet, daß noch Leben in ihr sei.
Oh, wie hatte sie sich doch in diesem Mann getäuscht — sie, die über alle Männerherzen eine unbesiegbare Macht zu besitzen glaubte — wie klein, wie gedrückt, wie gedemütigt fühlte sie sich jetzt!
Eine Pause war eingetreten, dumpf und unheilverkündend. Schwer atmend lehnte sich Crofton an die Wand, sein finsterer Blick hing festgebannt an Mauds bleichen Zügen.
Er hatte diese Frau geliebt, wie nur ein Mann lieben kann, der sich trotz aller Lebens- stürme ein reines, einfaches Herz bewahrt. Er wäre zufrieden gewesen mit ein wenig Zuneigung, mit ein wenig Rücksicht; aber Mand hatte von allem Anbeginn in ihm nur die ergiebige Geldquelle gesehen, aus der sie mit vollen Händen schöpfen konnte. Unverhohlen, ohne Scham hatte sie ihm dies gezeigt, das war es, was ihn verbitterte, empörte, verletzte.
Der Kohlenkönig war nicht ohne einen gewissen Stolz; es demütigte ihn, daß Mand in gesellschaftlicher Beziehung über ihm stand, daß sie ihm dies rückhaltslos zeigte und ihre Überlegenheit bei jedem Anlaß fühlen ließ.
Verletzte Eitelkeit ist eine Wunde, die oft tiefer geht als verletzte Liebe.
Nach und nach schwand seine Neigung für Maud, um einem nachhaltigen Groll Platz zu machen, langsam keimte ein Gefühl des Hasses empor, das sich in diesem ehrlichen aber ungebildeten Herzen festsetzte, und jetzt stand er ihr als Feind, als Rächer der erlittenen Beleidigungen gegenüber.
Maud hatte sich gesammelt.
Sie zog die Schleppe ihres eleganten Hauskleides an sich und schritt mit hoch erhobenem Kopf der Thür zu.
Als sie an Crofton vorbeikam, packte sie dieser rücksichtslos beim Arm.
„Du gehst mit mir," sagte er gebieterisch, „ich will, daß mein Wille erfüllt werde."
Einen Augenblick dachte die schöne Fran an Widerstand, aber ein Blick in Rolfs flammende Augen belehrte sie, daß es besser sei zu schweigen. Stumm schritt sie an seiner Seite durch den Garten, der noch im schönsten Blumenschmuck prangte.
Crofton geleitete Maud bis in ihre Gemächer. Dort gab er selbst der Kammerfrau den Befehl, alles zur Abreise herzurichten.
Mauds zornigen Blick beachtete er nicht, auch verriet er mit keiner Silbe das Ziel der schleimigen Reise.
Die stolze Frau ließ betäubt, ohne Widerspruch alles geschehen. Sie fühlte, sie hatte keinen Willen mehr und mußte sich — o unerhörtes Wort — den Anordnungen ihres Gatten fügen.
Giebt es einen Zufall, oder ist eine ge- Heime Macht, die uns an feinen Fäden gleich Marionetten lenkt? Wer kann das feststellen, wer es zweifellos beweisen!
Rolf Crofton halte seinen Geschäftsfreund nicht getroffen, dagegen Nachrichten erhalten,
die ihn eilig nach Wien beriefen. Er besaß nicht die Absicht Mand mitzünehmen, da er in acht Tagen wieder zurück sein konnte.
Als er in sein Hotel kam und seine Gattin sprechen wollte, hieß es, Maud befinde sich im Garten.
Er ging sie aufzusuchen, aber er fand sie nicht in den Gängen.
Ein unbestimmter Verdacht bemächtigte sich seiner; er dachte daran, daß sie ihn aufgesor- dert, pünktlich zurückzukehren, was sie sonst nie gethan. War sie heimlich ausgegangen? Wo konnte sie sein?
Da fiel ihm der Pavillon ein.
Statt in seiner gewohnten Weise geräuschvoll auszutreten, schlich er sich leise heran — ein Fenster stand offen — und er kam gerade recht, um zu hören, daß Maud sich von ihm scheiden, Fürstin Urussoff werden wollte.
In der ersten Sekunde wollte er vorstürzen, zwischen beide treten, aber er bedachte sich.
Was ging ihn Fürst Urussoff an? Mit diesem Mann hatte er nichts zu schaffen, die einzig Schuldige war Maud.
Sie sollte büßen, das schwor er sich zu — und Crofton war der Mann dazu, ein solches Wort zu halten.
Mit Argnsangen wachte er darüber, daß Maud an den Fürsten keine Botschaft senden konnte, die schöne Frau wurde gleich einer Gefangenen behandelt und Maud in der ersten Ueberraschnng dachte auch gar nicht daran, den Fürsten von ihrer übereilten Abreise in Kenntnis zu setzen. Sie kam erst recht zu sich, als sie schon im Eisenbahnwagen saß, noch immer im unklaren darüber, wohin eigentlich die Fahrt ging.
In eisigen Trotz gehüllt, saß sie schweigend da an der Seite des Gatten, der sie keinen Augenblick verließ. Sie reisten die ganze Nacht hindnrch und erst am Morgen erfuhr Maud, daß es ohne Aufenthalt nach Wien ging. —
Bei dem Gedanken an die schöne, lebenslustige Stadt und die Triumphe, die sie dort erlebt, kehrte Maud auch die Erinnerung an Girgenti, an Ulrich von Hartenstein zurück.
Ein spöttisches Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. Ob noch beide au sie dachten — sie liebten?
Mand besaß großes Selbstverlranen in ihre Macht; trotz der Niederlage, die sie soeben erlitten, verzweifelte sie noch immer nicht.
Sie haßte jetzt Crofton und mehr als je stand es bei ihr fest, von ihm sich zu trennen. Wenn sie sich auch scheinbar fügte, so gab sie den Gedanken nicht auf, sich mit dem Fürsten in Verbindung zu setzen.
Crofton und Maud- stiegen in einem der ersten Hotels ab, doch dachte der Kohlenkönig daran, eine Wohnung zu mieten, da er mehrere Monate in Wien zu verweilen beabsichtigte.
Die ersten Tage ging Maud nur in Begleitung ihres Gatten aus, später gewährte ihr dieser jede Freiheit, die sie früher besessen.
Aber Mand ließ sich nicht blenden. Sie hatte Ursache zn glauben, daß sie von Spionen umgeben war und daß die gesamte Dienerschaft im Solde ihres Galten stand.
Ein Bekanntenkreis hatte sich rasch um sie gebildet; man frischte die Erinnerung an die schöne Amerikanerin wieder auf und unter denen, die Fener fingen und Mand gleich Schmetterlingen nmgallkelten, befand sich auch, wie sie vorausgesehen — Marquis Girgenti.
Maud wußte, daß sie auf ihrer Hut sein mußte, auch lag es ihr daran, sich die Liebe des Fürsten Urussoff zu erhalten, dennoch konnte sie es sich nicht versagen, ihr kokettes Spiel mit dem Marquis zu erneuern.
Aber sie war vorsichtig, gab sich keine Blöße; Crofton durfte keinen Grund haben, sie neuerdings seine tyrannische Macht fühlen zu lassen.