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Ruth that ein gutes Werk nie halb; sie hatte Roverin versprochen, in der Steinbruch- Höhle ivieder vorzusprecheu und sie hielt Wort, nahm auch zugleich stärkenden Wein für den kranken Zigeuner mit. Nachträglich sprach sie auch mit Dr. Elliot; dieser aber gab ihr wenig Hoffnung, dass der Kranke geheilt werden könne. Angezeigt sei es, meinte jener, daß der Patient aus der feuchtkalteu Höhle weg- gebracht werde, aber sein Zustand erlaube eine Fortschaffung keineswegs — wenigstens jetzt nicht.---
Richard kam einige Tage später in höchster Erregung vom Rentmeister Haskin nach dem Schloß zurück. Der Kassenver- walter Lord Balmores hatte ihm den Einblick in die Bücher versagt. „Wer hat Sie dazu bevollmächtigt ?" fragte Lord Lucifer vor Wut schäumend.
„Seine Herrlichkeit der Lord selbst."
„Hat er mich genannt?"
„Das nicht, aber er hat mir auf das strengste verboten, irgend jemand die Einsicht in die Bücher zu gestatten."
„Es ist gut!"
Jetzt ging er im Zimmer mürrisch und überlegend auf und ab. Sollte Henry Verdacht geschöpft haben? Das weitere Grübeln unterbrach Duncau.
„Sir," sagte er, „im Gange draußen steht ein Mensch, der Sie durchaus sprechen muß; so sagt er wenigstens."
„Laßt ihn ein!"
Richard wendete sich herum, als die Thür geöffnet wurde und vor ihm stand — Bill Jeukins.
„Ihr — Bill?" rief er entsetzt.
Bill that sich keinen Zwang an, er warf sich in den ersten besten Sessel und entgegnete:
„Ja, Sir, habe drüben jenseit des Ozeans Unglück gehabt und komme arm wie eine Kirchenmaus zurück."
„Und da dachtet Ihr —"
„Ich gedachte meiner Freunde!" gab Jeukins scharf zurück.
„Habt Ihr vergessen, daß ich Euch dem Henker übergeben kann?"
„Gewiß, Sir — aber Ihr geht dann mit zum Galgen."
Richard zuckte zusammen. „Und wieviel fordert Ihr jetzt?" fragte er nach einer Weile.
„Gebt mir hundert Pfund, daß ich mich irgendwo einrichten kann."
Richard wendete sich seinem Schranke zu.
„Aber es ist das letzte Mal," sagte er in drohendem Ton.
„Ich komme auch nicht wieder!" lachte der rote Bill.
Richard blickte dem Davon- gehenden zähneknirschend nach und
tagte leise: „Das nächste Mal sollst Du eine Zahlung empfangen, die Dir auf ewig unvergeßlich bleibt."
Indes, die Reihe der Ueberraschungen dieser Art war für Richard Duffon noch keineswegs geschlossen, denn auf einer Wanderung durch den Steinbruch entdeckte er Roverin und erfuhr zugleich, daß „Großvater Urban" krank in der Höhle liege. Die Angst, die Richard zuerst die Kehle zuzuschnüren drohte, verwandelte sich bald in ein zufriedenes Lächeln, als er sah, daß Urban ihn nicht erkannte und
totkrank dalag. Ohne sich gegen Dr. Elliot auffällig zu machen, welcher, wie er jetzt erfuhr, den Kranken behandelte und unter seinen Schutz nahm, konnte er auf seinem ursprünglichen Befehl, die Zigeuner sollten ihren Zu- fluchtsort sogleich verlassen, nicht bestehen. Von Wann und Jackley sah er nichts, wohl aber wanderte er täglich in den Bruch, um zu spionieren, wie e§ um den Alten stehe. Als er aber einst herrisch auftrat, sogar den Alten einen sich verstellenden Tagedieb nannte und die Kinder mit Prügel bedrohte, vergaß sich
Ein Liebesbote.
Ob Regen ober Sonnenschein, Mutersturm ober LenzeSniusekn im All herrschen, der alte Laudbriefträger muß die Straßen seines Bezirks dnrchwandern und die Sendboten u. s. w. ihrer Bestimmung entgegentragen. Was er zu überreichen hat, ist auch zu verschiedenen Inhalts. Hier in dem Hause 54 begrüßt ihn vorläufig nur der lärmschlagende Spitz, doch den Hos überhuscht bereits die blond- zöpsige Anna; gleich wird sie erscheinen und dem alten Liebesboten ein Trinkgeld anschmeicheln, denn der Brief kommt von jemand, dem Hutschachtel und Koffer da draußen und das ganz innere Sei» und Denken des ihn erharrenden Mädchens gehören.
Roverin soweit, einen zottigen Wolfshund auf ihn zu hetzen, welcher ihm fast den Garaus gemacht hätte, wenn Roverin ihn nicht zu sich gerufen. Seitdem wurde Lucifer scheu und vorsichtig.
Schon hielt der November Einzug, da gestattete Dr. Elliot die Ueberführung des Kranken in sein eigenes Haus, wo man dem Patienten und seinen „Großkindern" zwei Gesindezimmer anwies. Hier konnte der böse Geist von Bai- more nicht eindringen, außerdem hätte es der Wolfshund auch nicht gestattet.
Nun war Weihnachten in Sicht und Lord Balmore schrieb an Selima, daß er auch bald heimkehren werde, da das Haus in die Ferien gehe. — — —
Im Abeuddunkel lag Schloß Balmore da, als ein einzelner Wandrer in dichtem Mantel von der Bahnstelle dem Schlösse zuschritt.
In der hellerleuchteten Vorhalle stieß er auf Duncan.
„Pst!" machte er, als der Diener ihn mit einem Ausruf des Erstaunens begrüßen mofite.
„Ist Selima in ihrem Zimmer?" fragte der Mann.
„Ja, Sir, Miß Dean ist bei ihr."
„Well, so führt mich, Mann!" Duncan that es, unterwegs befahl aber jener: „Mein Bruder Richard erfährt nichts."
„Wie Sie wollen, Sir!" gab Duncan zurück.
„Ist er noch so schlimm wie .-„sonst?"
Duncan blickte sich scheu um: „So wissen Sie, Sir?"
„Alles! Selima hat mir oft genug davon geschrieben.
Duncan seufzte.
„Nun?" fragte jener.
„Ach," gestand der Diener hierauf, „Sir, er ist noch weit schlimmer."
Sie hatten die Zimmer erreicht, der hochgewachsene Mann warf den Mantel ab und stand nun in der türkischen GeneralS- Uniform da. „Noch eins," fragte er Duncan leise, „ist mein Bruder Henry auf Balmore-Castle?"
„Se. Herrlichkeit, Lord Balmore, weilen noch in London, werden aber stündlich zurückerwartet!" „Es ist gut!"
Er klopfte und trat rasch ein, zwei Schreie ertönten zugleich.
„Papa, o mein Gott, Papa!" rief Selima und hing an des Generals Halse, indem sie James Duffon immer wieder küßte.
„Excellenz," sagte Ruth, „wie haben Sie uns erschreckt!"
„Hoffentlich schadet es Ihnen nicht!" lachte der Ankömmling, „die Freude macht uns ja gottlob selten krank!"
James hatte sich aufs Sofa geworfen und hielt Selima umschlungen. Schließlich fragteJames auch nach Onkel Richard.
„Ach, laß den nur, Papa!" meinte Selima. „Er ist ein gmorra!"
„Hast Du da? vielleicht einmal gesagt?" fragte .James Duffon.
„Sie war so ungeschickt!" gestand Ruth. „Hoffentlich hat Sir Richard es nicht verstanden!"
„O, glauben Sie das nicht, Miß Dean!" entgegnete James.
„Er besitzt vortreffliche Sprachkenntnisse, und was er nicht weiß, verstehen andre, um es ihm mitzuteilen. Er ist damit Dein unversöhnlicher Feind geworden," wendete er sich an Selima.
Miß Dean erschrak und sagte: „Nun erkläre ich mir den Vorgang im Steinbruch."
„Erzählen Sie!" bat der General.
Selima erzählte.
„Mein Gott," rief da James an5, „er ist wirklich ein Scheusal. Sehen Sie hier, Miß Dean, was er angerichtet hat!" (Schluß folgt.)