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Hersfel-tl Kreisdiiltt.
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Nr. 107. Sonnabend den 10. September 1892.
Erstes Blatt.
Amtliches.
Hersfeld, den 5. September 1892, Der Ackermann Martin Strüberzu Friedlos ist als OrtSschätzer für diese Gemeinde widerruflich bestellt und heute eidlich verpflichtet worden.
J. I. 6228. Der Königliche Landrath ___________ Freiherr von Schle tuitz.
Cassel, den 5. September 1892.
Der dem diesseitigen BezirkSverbande auf Grund des Preuß. Gesetzes vom ADA^A zur Zwangserziehung überwiesene und von mir in der Handwerkerschule zu Urft i. d. Eitel in Lehre untergebrachte Eckhardt Piaff von Willings- haiu geboren am 19. Januar 1876, daselbst, ist am 29. August d. Js. aus der Anstalt durch- gebrannt.
Königliches LaudrathSamt ersuche ich aauz er« aebenst, nach dem Zögling umgehend Nachfor- schungen gefälligst anstellen, im Betretungsfalle ihn festnehmen und durch eine geeignete Civil- per sou, welcher ich neben den baaren Auslagen für Eisenbahufahrt ein Tagegeld von 3 Mk. und bet nöthig werdender Uebervachtung ein sol- cheS von 4 Mk. gewähren werde, in die Handwerkerschule zurückführen lassen zu wollen.
Vom Geschehenen bezw. dem Ergebniß der Nachforschungen bitte ich mich hternächst gefälligst zu k benachrichtigen.
DerLandes-Direktor. J. A.: v.Dehu-Rotfelser. Au Kgl. LaudrathSamt zu Hersfeld. J. II. 4550.
* *
Hersfeld, den 7. September 1892.
Wird den OrtSpolizeiverwaltungen und der Königlichen Gendarmerie des Kreises zur Recherchi- rung nach dem rc. Pfaff mitgetheilt.
Im Betretungsfalle ist derselbe festzunehmen und in die Handwerkerschule zurückführen zu lassen. Vom Geschehenen ist mir hierunter Anzeige zu erstatten.
I. 6261. Der Königliche Landrath
Freiherr von S ch l e i n i tz.
Iolitische Yachricht-n.
Se. Majestät der Kaiser empfing am Mittwoch Mittag im Marmorpalais den Minister- prästdeuten. Minister des Innern Grafen zu Eulenburg, und beehrte denselben darauf auch mit einer Einladung zur Mittagstafel. — Nach Aufhebung derselben erledigte Se. Majestät sodann im Laufe des Nachmittags Regierungs- augelegeuheiteu. — Am Abend hatten die Kaiser- lichen Majestäten den Chef des Mariuekabinets, Kapitaiu zur See und Flügeladjutanten Freiherr« von Senden-Bibran, sowie den Generalarzt Ge- heimrath Professor Dr. von Bergmann und den Hofprediger D. Fromme! rit Einladungen zur Abendtafel beehrt. — Im Laufe des Donnerstag Vormittags arbeitete Se. Majestät der Kaiser zunächst einige Zeit allein. Um 10 Uhr hatte Allerhöchstderselbe eine Konferenz mit dem Reichskanzler Grafen v. Caprivi und nahm dann später die Vorträge des Kriegsministers Generals der Infanterie v. Kaltenborn-Stachau und um ll3/4 Uhr den des Chefs des Milttairkabinets Generals der Infanterie und Generaladjutauten v. Hahnke entgegen. — Das Befinden Sr. Majestät des Kaisers ist das allervorzüglichste. Auch Ihre Majestät die Kaiserin erfreut sich des allerbesten Wohlseins.
Die amtliche »Straßburger Korrespondenz* veröffentlicht den Erlaß Sr. Majestät des Kaisers an den Statthalter Fürsten zu Hohenlohe über den Ausfall der Kaisermanöver des 8. und 16. Armeekorps- Der Erlaß lautet, wie folgt:
»Nachdem die Cholera von dem Auslande her
auch in Unserem Vaterlaude Eingang gefunden hat, und da die Ansammlung großer Menschen- Massen besonders geeignet ist, die Epidemie zu verbreiten, so habe Ich in landeSväterlicher Fürsorge angeordnet, daß die diesjährigen großen Manöver des 8. und 16. Armeekorps im Hinblick auf die damit für die Truppen und die Bevölkerung verbundene Gefahr nicht stattfinden. So lebhaft Ich Mich gefreut haben würde, bet diesem Anlaß wiederum daS Reichsland zu besuchen und mit einem Theile seiner treuen Einwohnerschaft in nähere Berührung zu kommen, so muß Ich Mir diese Freude für jetzt versagen. Ich thue es aber in der zuversichtlichen Hoffnung, daß Meine Entschließung mit Gottes Hülfe dazu beitragen wird, ein weiteres Umsichgreifen der verheerenden Seuche zu verhindern. Sie wollen diesen Erlaß alSbald zur öffentlichen Kenntniß bringen.
Marmor-PalaiS, den 5. September 1892.
(gez.) Wilhelm I. R."
Das Armee Verordnungsblatt Der« öffentlicht die kaiserliche Kadinetsordre über die Aufhebung der Manöver deS 8. und 16. Armeekorps. Daran schließt sich eine Bestimmung deS KriegSministeriumS bezüglich der Entlassung der Reservisten und Disposttionsurlauber. Bei cholerafreien Truvpeutheileu, soweit sie nicht in cholerainficirten Orten gelegen haben, kann die Entlassung planmäßig erfolgen. Die Generalkommandos werden ermächtigt, wo dies erforderlich erscheint, die Entlaffung der Mannschaften direct auS dem Manövergelände zu veranlassen. Solchen Mannschaften, w lche nach von der Seache ergriffenen Orten entlassen werden müßten, ist es jedoch fretzustelleu, vorläufig bet der Truppe zu verbleiben. Eine Anrechnung dieses Verbleibens als Uebung findet jedoch nicht statt.
Se. Majestät der Kaiser haben Abhaltung der Kaisermanöver auch beim 13. und 14. Armeekorps aufgegeben.
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Eine Teltamentsktausel.
Novelle von
E. Rudorff.
(Fortsetzung.)
AlS sie auf der Brücke von Schwatz in die schäumende Jun blickte, vor sich das Gebirge und das Schloß, über sich den Himmel in seiner Glorie, rief sie deS Grafen Hand erfassend: »Hier laß uns alle bösen Menschen hinführen und sie werden aufhören eS zu fein."
»Laß uns vor Allem die Guten Herdringen,* sagte er, sanft ihre Hand drückend, »damit sie sich erfreuen."
»Ich sehe jetzt die Natur mit ganz anderem Blick,* fuhr Anna fort, „benn in mir war früher eine Leere, die ich nicht auszufüllen verstand. Und wie ich gestern, von der Höhe deS Gebirges in die Thäler blickend, die wir bereits durchwandert hatten, auch da, wo mein Auge nichts mehr sah, Bild an Bild reihen konnte, so belebt sich in mir Alles und fügt sich zu einem harmonischen Ganzen.*
VI.
Die Badekur war beendet, alle nöthigen Abschiedsbesuche gemacht, und die Abreise auf den folgenden Morgen festgesetzt. Der Graf ging am Abend nochmals zu seinem Arzt, den er am Nachmittage verfehlt hatte, und versprach Anna
zur Theestunde im Salon zu erscheinen. Sie harrte wohl eine Stunde vergebens, da trat endlich der Graf in Reisekleidern ein. Er unterdrückte sichtlich eine große innere Bewegung und theilte Anna mit, daß ein soeben eingetroffeurr Brief ihn nöthige, sofort nach der Residenz zu fahren, und daß es ihm lieb wäre, wenn sie die getroffenen Reisedtspositionen einhalten, und mit dem alten Conrad sich nach Nordenthal begeb-n würde. Ja wenigen Tagen hoffe er sie dort wiederznsehen. Anna die Hand zum Abschied reichend, begab er sich in sein Zimmer, um, wie er sagte, noch dringende Angelegenheiten zu ordnen. Wie gern hätte Anna eine Frage gethan! wie gern die herzliche Bitte an ihn gerichtet, er möge sich auf der Reise schonen, er möge den alten Conrad zur Dienstleistung für sich mitnehmen, allein sie merkte deutlich die Eile und Erregtheit ihm an, und verschloß daher ihr Verlangen in stiller Brust.
Schon waren die Reiseeffekten in der Frühe des nächsten Morgens in dem Wagen geordnet worden, als daS Mädchen der Gräfin ein einfach gebundenes Buch überreichte, daS sich noch aus dem Schreibtische des Grafen befunden hatte. Anna sah nach dem Titelblatt, um es dem Eigenthümer zustellen zu lassen, denn sie vermuthete, daß es ein entliehenes Werk sei. Auf der ersten Seite fand sie jedoch die folgenden Worte des Mirza-Schaffy in des Grafen Handschrift, und darunter daS Datum deS TageS, an welchem sie
in Kreuth eingetioffen waren. Es schien also eine Art Tage- oder Gedenkbuch zu sein, und nachdem Anna daS Gedicht gelesen hatte, schloß sie das Heft — ohne weiter hineinzublicken — in ihren Reisekoffer ein.
Mirza-Schaffy sprach:
»Das Leben ist ein Darlehn, keine Gabe — Du weißt nicht, wieviel Schritt Du gehst zum
Grabe,
Drum nütze klug die Zeit: auf jeden Schritt Nimm das Bewußtsein Deiner Pflichten mit. Gewöhne Dich — da stets der Tod Dir dräut — Dankbar zu nehmen, was daS Leben beut;
Die Wünsche nicht nach Aeußerm zu gestalten, Sondern den Kern im Innern zu entfalten; Nicht fremder Meinung Unterthan zu sein, Die Dinge nicht zu schätzen nach dem Schein; Nicht zu verlangen, daß sie sollen gehn Wie wir es wünschen — sondern sie verstehn: Daß wir uns bet Erfüllung unserer Pflichten (Da sie's nach uns nicht thau) nach ihnen richten.*
Ja einer späten Nachmittagsstunde langte Anna in Nordenthal an und fuhr sogleich nach dem alten Jagdschlösse, welches am AuSgange des herrlichen Waldes liegt, der Nordenthal mit Lindeuruh verbindet. Der Graf wünschte die schönen Herbsttage zu einigen baulichen Veränderungen in dem großen Schlöffe zu benutzen, und hatte Anna gebeten, sich mit dem zwar engen, aber doch bequemen Gemächern des Jagdschlosses für kurze Zeit zu begnügen. Sie fand sorgsam