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Herssel-tl Kreisblatt.
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Nr. 155.
Donnerstag den 31. Dezember
1891.
Dmmmk-LMW.
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Hersfelder Kreisblatt
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Die Expedition.
Amtliches.
Gefunden: eine kurze Tabakspfeife. Meldung des Eigenthümers bei dem Ortsvorstand zu Kalkobes.
(Unbefugter Nachdruck verboten.)
Grlöst.
Novelle von E. Rudorff.
Verfasserin des preisgekrönten Romans! „Durchreib zum Licht,
(Fortsetzung statt Schluß.)
»Mit Trödlern habe ich nie etwas zu thun gehabt, sondern fortgegeben, was ich nicht mehr tragen wollte. Die Sache kann aber gleich zum Austrag kommen! Lorensen ersuchte zwei Com- mis, sich zu uns zu bemühen, trug den Fall ihnen vor und bat sie, das Kleidungsstück zu taxiren. Für einen überaus billigen Preis wurde mir ein Ueberzieher von so gutem Stoff zu Theil, wie ich ihn mir damals nie hätte anschaffeu können. Am Nachmittag ging ich zum Chef, erzählte von dem Diebstahl und bat, ob er vielleicht das mir ausgesetzte Vergütungsgeld für den Monat Dezember schon jetzt mir geben wolle? Er hatte seinen guten Tag, fragte in theilnehmender Weise, was ich außer dem Ueberzieher noch eingebüßt hätte und sagte dann: »Sie sind ein fleißiger pflichtgetreuer Mensch, Norbert, ich hatte mir vorgenommen, Ihnen zu Weihnachten eine Remuneration von fünfzig Thalern zu geben, nehmen Sie die Summe jr^t, wenn Ihnen damit ganz geholfen ist!“ • ,
Trotz meiner siebenzehn Jahre war ich nahe daran, iu Thränen auszubrechen, ach, der Segen meiner Mutter umgab mich, ich fühlte seine Kraft.
Zum neuen Jahre.
Beim Jahreswechsel wendet sich der Blick rückwärts und vorwärts. Da ein Schleier uns das kommende Jahr verhüllt, macht sich oft leicht Mißtrauen und Besorgniß geltend, während der Blick in die Vergangenheit am Schlüsse des Jahres immer wieder bestätigt, daß man beim Beginne des Jahres in den Berechnungen der Zukunft, in dem Mißtrauen und in der Besorgniß fehlgegangen ist. Diese oft bestätigte Erfahrung sollte alle besonnenen Leute in dem Urtheile dessen, was das neue Jahr uns bringen wird, vorsichtig machen. Es ist nicht zu leugnen, daß bei dem gegenwär- tigen Jahreswechsel ein Gefühl der Unruhe in der Luft liegt, und daß manche Kreise mehr, als vor einem Jahre, besorgt in die Zukunft schauen. Aber es ist kein Grund hierfür vorhanden. Was wir in dem vergangenen Jahre auf dem Gebiete der auswärtigen Politik erlebt haben, rechtfertigt in keiner Weise das MtNrliuen, das dem neuen Jahre entgegengebracht wird. Freilich fühlte sich die öffentliche Meinung einige Wochen lang durch die sogenannten »Kronstädter Ereignisse" und ihre publicistische Ausbeutung beunruhigt, und hieraus wird denn auch hier und da die Besorgniß wegen des Eintretens der nun schon solange befürchteten ernsten Verwickelungen hergeleitet. Trotzdem waren jene Ereignisse in keiner Weise dazu angethan, eine begründete und berechtigte Beunruhigung zu verbreiten. Wiezuerst der deutsche Reichskanzler GrafEaprivi in seiner Osnabrücker Friedensrede und später im Reichstage den Krön- städter Ereignissen die Bedeutung, die man ihnen vielfach beilegte, abgesprochen und sie nur als den deutlicheren Ausdruck längst bestehender Verhältnisse bezeichnet hatte, so sind auch die leitenden Staatsmänner von Oesterreich-Ungarn, Italien und England der Auffassung, daß sie die Friedens- ausstchten irgendwie beeinträchtigten, entschieden
Zu Weihnachten erhielt ich acht Tage Urlaub und brächte sie bei meiner Mutter zu. Es schien mir, als hätte ich nie genugsam ihr gezeigt, wie ich sie liebte, und ehrte, es waren unvergeßliche Stunden, welche wir zusammen verlebten. Während meiner Anwesenheit in M. wurde die Frau des Commerzieuraths von einem erneuten Schlaganfall getroffen und zu Grabe geleitet. Die Mutter und ich waren auf dem Kirchhofe und keinen Augenblick verließ mich der Gedanke, daß ich der theuern Frau ein ähnliches Ende hätte bereiten können, falls die Banknote bet mir entdeckt worden wäre. —
Oft hatte ich mit Bitterkeit empfunden, daß ich den Menschen in der großen Stadt so durchaus gleichgültig sei, allein, war ich bemüht gewesen, deren Sorgen und Noth zu erkennen und zu lindern? Da waren die beiden Lehrlinge, welche schon über zwei Jahre dasselbe Zimmer mit mir theilten, und welche ich, da sie mir weniger gebildet, auch leichtsinnig erschienen, nur der nöthigsten Worten gewürdigt hatten. Ist geistige und sittliche Noth nicht noch härter als leibliche, und sollte sie nicht um so mehr das Verlangen erwecken, ihr nach Kräften abzuhelfen? Hier beschloß ich nach meiner Rückkehr den ersten Hebel anzusetzen und näherte mich den Gefährten. Dieses Vorgehen fiel ihnen auf und hatte anfänglich keinen Erfolg. Doch ich ward nicht müde in meinem Beginnen und wußte endlich ihr Ver- trauen zu erwerben. Ich kaufte nun eine bessere
entgegengetreten. Wer dies in Betracht zieht, darf die „Kronstädter Ereignisse" nicht mehr als einen ungünstigen Faktor in die Rechnung des laufenden Jahres einstellen. Sie haben die Beziehungen Frankreichs und Rußlands nicht geändert, sondern der Welt nur mehr zum Bewußtsein gebracht. Auf der anderen Seite aber hat das scheidende Jahr auch den Werth des Friedens- bundes erhöht: nicht nur daß er auf eine Reihe von Jahren verlängert worden ist; er hat durch die wirthschaftliche Annäherung seiner Glieder, durch den Abschluß der Handelsverträge eine hochbedeutsame festere Grundlage erhalten. Fügt man hierzu die an mehreren entscheidenden Stellen geäußerten Kundgebungen, die von der Ueber- zeugung eines allenthalben verbreiteten Friedens- Bedürfnisses und von der Möglichkeit Zeugniß ablegen, daß der Wettkampf der Nationen sich mehr und mehr dem wirtschaftlichen Gebiete zuwenden und auf den Austrag durch kriegerische Mittel verzichten werde, so darf mau sagen, daß auch im Jahr- 1894 Friedensidee von Neuem große Fortschritte gemacht hat. Je stärker diese Idee wird und je weiter sie sich verbreitet, desto mehr müssen die kriegerischen Gedanken und Ziele verblassen, und desto weniger ist man berechtigt, sich für das kommende Jahr von Mißtrauen und Besorgniß leiten zu lassen.
Unser Kaiser hat auch in dem verflossenen Jahre durch persönliche Berührung mit befreundeten Monarchen das Werk des Friedens zu fördern gewußt. Die glänzende Aufnahme, die er bei seinem Besuche in England gefunden, legte Zeugniß ab von dem Verständniß, das seine Politik in dem Juselreich findet, und bei der Anwesenheit des Kaisers in Oesterreich erhielt die Waffenbrüderschaft beider Armeen den unzweideutigsten Ausdruck.
Auch die Entwicklung der inneren Politik während des Jahres 1891 berechtigt zu guten
Lampe — die fünfzig Thaler hatten mich ja in Wohlhabenheit versetzt, besorgte gute Bücher aus der Volksbibliothek, wir lasen zusammen, wir gewannen uns lieb. Und es gelang mir später, einen der Beiden aus einem bösen Handel zu erretten; das war ein herrlicher Augenblick! Noch vor Beendigung meiner Lehrzeit ging die treue Mutter heim, deren Andenken mir unvergeßlich und heilig für alle Zeit meines Lebens bleiben wird. Den Erlös aus dem geringen Nachlaß beschloß ich gar nicht zu berühren, sondern ihn später zu einer Stiftung zu verwenden, deren Plan mir lange vorgeschwebt.
Als ich Commis geworden, in Ihr Geschäft, Herr Consul, eingetreten und die ersten hundert Thaler erspart hatte, ließ ich meine Stiftung ins Leben treten. Nicht unter meinem Namen, dazu war ich noch zu jung, und fühlte mich auch nicht würdig genug, sondern zwei ehrenwerthe Männer, welche ich dafür zu interessiren wußte, stellten sich au die Spitze. So wurde die Heimathstätte für Lehrlinge gegründet. Wir besorgten ein Lokal, in welches Lehrlinge, welche keine Angehörigen am Ort besaßen, jeden Abend hinkommen und für den Kostenpreis einen kleinen Imbiß erhalten konnten. Auch stand ihnen die Benutzung einer sorgsam ausgewählten Bibliothek frei. An den Sonntagen fanden Leseabende statt, und ich trat mit dem Direktor des Theaters in Verbindung, welcher mir zu geeigneten guten Stücken Billette zu ermäßigten Preisen überließ. Auch die Fälle