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Aus dem Reichstag.

Berlin, 14. Dezember. Zu der heutigen (140.)Plenar­sitzung der Reichstage«, wurde in die zweite Berathung der Handelsverträge eine,dreien. Beim Art. I. des Vertrages mit Oesterreich erhielt zunächst Abg. v. Massow da« Wert, um Namens des ablehnenden Theiles der konservativen Partei die für dieselben bestimmenden wirtschaftlichen und politischen Gründe etwas näher darzulegen. Nachdem dann Art. 1 angenommen, auch Art. 2 ohne Debatte genehmigt war, wies beim Art. 3 den Bedenken gegenüber, welche der Abg. Leuschner bezüglich der Schädigung unserer Eisenindustrie inzwischen geäußert hatte, StaatSsekrctair deS Innern, StaatSminister v. Boetticher zunächst nach, daß dieselben un­begründet seien, um dann aus diejenigen Einwendungen im Einzeln widerlegend einzugehen, welche in der Generaldebatte vom Abg. v. Kardorff geäußert waren. Abg. v. Schalscha legt bei diesem Sirtitel III., bei welchem zugleich der Tarif mit zur Diskussion steht, in lebhafter Weise dar, daß die ganze wirthschaftliche Lage, uud nicht etwa eine persönliche Berück­sichtigung der Grundbesitzer den Schutz der Landwirthschaft unbedingt nöthig mache. Dazu komme aber, daß die gegen- wärttge Vorlage die Industrie im Gegensatz zu der Land­wirthschaft besonders fördere und deshalb noch mehr zur Ent­völkerung der ländlichen Distrikte beitrage. Abg. Prinz Carolath betont, daß er für die Verträge hauptsächlich deshalb stimme, weil sie eine Verbilligung der Lebensmittel bedeuten. Bei der gegenwärtigen Ermäßigung der Zölle werde eS auch nicht bleiben können, wenn auch der Herr Reichskanzler in dieser Beziehung und zwar mit Recht jede bindende Erklärung abgelehnt habe. Der Schutz der Landwirthschaft dürfe in keinem Falle auf Kosten der kleinen Leute, der arbei­tenden Bevölkerung erfolgen. Die Vertheuerung der LebenS- mirtel schüre einen unsäglichen Haß. Eine Ermäßigung der Getreidezölle im Sommer hätte auch er für richtig gehalten. Die Regierung sei jedenfalls mit der Vorlage auf dem rich­tigen Wege, um die Zahl der Unzufriedenen zu verringern. Abg. von Kleist - Retzow weist dem gegenüber nach, daß die Noth, wie sie der Vorredner geschildert, nicht vom Getreidezoll, sondern von ganz anderen Umständen abhänge. Im Interesse des Ganzen sei die Aufrechterhaltung der landwirthschaftlichen Zölle nothwendig. Staatssekretair des Auswärtigen Amts, Frhr. v. Marschall erwiderte dem Vorredner besonders, daß doch die Sicherung der deutschen AuSfuhr auch eine nationale Aufgabe sei. Die Nichtannahme der Handelsverträge würde für die Landwirchschaft selbst sehr verhängnißvoll werden; ohne die Annahme derselben würde unsere ganze Industrie dem Niedergänge zusteuern; damit würde auch nothwendig die Landwirthschaft in Mitleidenschaft gerathen. Die politische Einigkeit der Staaten würde auch wesentlich durch die wirth- schaftliche Verständigung gefördert. Abg. Frhr. von Pfetten hebt die Schäden hervor, welche die bayerische Landwirthschaft und Mühlenindustrie durch.die Vorlage werde erleiden müssen, und wünscht, daß denselben durch entsprechende ASq-uibalente abgeholfen werden möchte. Abg. Lutz kann sich namentlich mit der Herabsetzung deS Roggen- und deS GerstenzslleS, des Zolle« für Gerberlohe und des Viehzolles nicht einverstanden erklären, da dieselbe den ländlichen Bauernstand nur schädigen könne, und erklärt deshalb, dem Vertrage nicht zustimmen zu können. Nachdem noch Abg. Menzer seinen Bedenken wegen deS WeinzolleS Ausdruck gegeben, vertagte sich das HauS bis morgen um 11 Uhr Vormittags.

Wolitische Nachrichten.

Se. Majestät der Kaiser ist am Montag Abend ll1/* Uhr auS Stettin wohlbehalten auf der Wildparkstation wieder eingetroffm. Im Laufe deS Dienstag Vormittag arbeitete der Kaiser im Neuen PalaiS zunächst mit dem Militär» Kabinet und erledigte hierauf RegierungSange- legenheiten.

Wie dieN. A. 3«* zuverlässig auS Stutt­gart hört, werden der König und die Königin von Württemberg im nächsten Monat zum Besuche der Kaiserlichen Majestäten sich nach

Berlin begeben und hier zum Geburtstag deS Kaisers eintreffen.

Zu der Rede deS Reichskanzlers am 10. d. M. bemerkt die Wiener presse* am Schlüsse eines längeren leitenden Artikels: »Herr von Caprivi bat mit dieser Rede gezeigt, wie er die internationale, die Weltstellung deS Deutschen Reiches begreift, und überall im Deutschen Reich, wo mehr alS Kirchthurmpolitik gemacht wird, ist diese Rede freudig und dankbar begrüßt worden. Kein Edelmann braucht als solcher dem deutschen Reichskanzler ob seiner Rede gram zu sein, daS arbeitende und schaffende Bürgerthum aber wird in Deutschland diese Rede jubelnd vernehmen, deun sie bringt der Arbeit alle Impulse, die von Staatswegen gebracht werden können. BiSmarck bat Deutschlands nationale Bestimmung erkannt, Caprivi hat gestern die internationale Sicherung für das Gedeihen deS Deutschen Reiches verkün­det; er ist seit gestern der ebenbürtige Nachfolger des eisernen Kanzlers."

Wie derPester Lloyd" erfährt, steht eine Er- Mäßigung der Frachtsätze für MaiStrauS» Porte von Ungarn nach Norddeutschland bevor und sollen die ermäßigten Frachtsätze am 1. Januar in Kraft treten.

Der Kompagnieführer der ostafrikanischen Schutz- truppe, R a m s e y, zuletzt zum Auswärtigen Amt kommaudirt, ist zum Nachfolger des gefallenen Herrn v. Graveureuth in der Leitung der Expe­dition im Hinterlande von Kamerun als Reichs- kommissar betraut worden und bereits auf seinen Posten abgereist.

Angesichts der schwebenden Haudelsvertrags- Verhandlungen dürfte eine Aufzählung derjenigen Länder, mit denen wir gegenwärtig im M e i st- begünstigungsverhältniß stehen, von Interesse sein. ES sind die Argentinische Kon­föderation, Belgien, Chile, Costariea, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Hawaische Inseln, Italien, Korea, Liberia, Mexiko, Niederlande, Oesterreich-Ungarn, Persien, Portugal, Rumänien, Schweden und Norwegen, Schweiz, Serbien, Spanien, Türkei, Per. Staaten von Amerika.

Der Bundesrath hat dem Handels- und Zollveitrage mit der Schweiz, sowie den Berichten der Ausschüsse über daS Abkommen mit Oesterreich- Ungarn betr. den gegenseitigen Patent-, Muster- und Markenschutz zugestimmt.

Im künftigen Jahre soll in Dar eS Salaam eine deutsche Schule inS Leben geruf en werden. Für dieselbe ist der Lebrer CH7 Barth auS Frie» drichShafen, also wie seine Kollegen Christaller und Bctz in Kamerun und Koebele in Togo ein Württemberger, in AuSsicht genommen; derselbe besucht gegenwärtig daS orientalische Seminar zum Studium des Ktsuabeli.

Der zwischen dem Reiche und der Schweiz ab­geschlossene Handelsvertrag ist gestern dem Reichstage zugegangen. Durch denselben sind Deutschland (ebensowohl wie Oesterreich Ungarn) Zollermäßiguuaeu und Bindungen bet 293 unter insgesammt 476 Positionen zugestanden. Die Zollermäßigungen, die uns die Schweiz gewährt, betragen durchschnittlich 35 °/0 des neuen allge­meinen Tarifs, der allerdings nahezu prohibitiv ist. Sie beziehen sich in der Hauptsache auf

Leinen-, Seiden- und Wollwaaren sowie Cou- fectionsartikel. Die zollermäßigten Artikel stellen, gegenüber einem Gesammtwerth unserer Waaren- ausfuhr nach der Schweiz von 180 bis 200 Mill. Mark, einen Werth von 86 Mill. dar, während für einen Exportwerth von weiteren 66 Mill. die schweizerischen Zollsätze in dem Vertrage gebunden sind. Die deutscherseits der Schweiz eingeräumten Zollermäßigungen, soweit dieselben nicht schon Oesterreich-Ungarn, Italien und Belgien zuge­standen sind, betreffen Baumwollengarne und Baumwollenwaaren, gewalztes Aluminium und Gold, Golddraht, Telegraphenkabel, Taschen­uhren, lederne Treibriemen, Hartkäse sowie Seiden- abfälle, Seidenzwirn und Setdenwaaren. Ueber Patent-, Muster- und Markenschutz soll wie mit anderen Ländern ein besonderer Vertrag abge­schlossen werden.

Aus Macedonien kommen wieder über Belgrad Meldungen von großen Raubzügen der Arnauteu. Bier Arnauteubanden zu je 300 bis 350 Mann sollen aus der wilden Dibra, wo Hungersnoth herrscht, inS östliche Macedonien eingefallen sein und namentlich die Bezirke Telowo und Kitschew, wo die Bevölkerung meist christlich ist, arg ge- brandschatzt haben. Sie sollen acht Dörfer ver­brannt, 70 Personen getödtet, das Vieh und alle bewegliche Habe geraubt und sechs Dorfschulzen als Geiseln mitgeschleppt haben.

Auch in Montenegro herrscht in einem Theil des Landes HungerSnoth, namentlich bei den Kuct. Der Fürst ließ 100000 Kilogramm Weizen vertheilen. Um die geringe Ausfuhr Montenegros (Oel, Kleinvieh, Setdencocons, Wein) von Triest nach Marseille zu leiten, wurde der Franzose Monteil (Monteil u. Co.) alS Handelsagent des Fürsten bestellt.

Vermischtes.

- Ein weiblicherGeizhals ist kürzlich in dem bei Lübeck belegenen Moisling verstorben; die 83jährige Susanne Morgenroth. Die Dame hat bis vor zwei Jahren ihr Holz an der Straße gesammelt und gelebt wie jemand, dem das trockene Brot zu kostspielig wird. In ihrer Wohnung sah es ganz traurig aus, daS Mobiliar war uralt und zerfallen. Die Alte war meuscheu- scheu; sie bezog von der Lübecker LebenSver- stcherungsgesellschaft eine jährliche Rente von 480 Mk. Man nahm au, daß sie sich mit diesem Gelde durchschlagen müsse. Nach ihrem Tode hat sich nun herausgestellt, daß sie ein Vermögen von 30000 Mk. hinterläßt; in ihrer Wohnung wurden außerdem noch viele Beutel vorgefunden, dieselben enthielten u. a. 450 M. baares Geld, viele preußische Zweithalerstücke, Hamburger und Lübecker Schillinge, die insgesammt noch einen hohen Werth repräsentieren. Gemeindelasten hat die Morgenroth in den 20 Jahren, in denen sie hier wohnhaft war, nicht bezahlt. Der Moislinger Gemeinderath hat bereits Schritte unternommen, das der Gemeinde Entzogene wieder einzutreiben. Nahe Verwandte hat die Verstorbene nicht; ob nun weitläufige Verwandte hier noch erben werden, muß die Zeit lehren.

die unter anderen Umständen als eine glückver­heißende betrachtet werden müßte: ein Ehrenmann hat sich um Deine Hand beworben, unser braver Paul

Vater," fiel Mara schnell ein, während eine leise Nöthe ihre Wangen überhauchte, »wie könnte ich wohl die geliebte Mutter verlassen!"

»Davon ist augenblicklich auch nicht die Rede. Mein alter Freund Thorwählen in Kopenhagen schreibt, daß Paul die zwei Jahre, welche er in meinem Geschäft als Volontatr gearbeitet hat, für die glücklichsten seines Lebens hält, daß er sich für eine Niederlassung nicht entscheiden möchte, bevor er weiß, wohin die, welche er von ganzer Seele liebt, ihm folgen würde. Und dieses Mädchen bist Du, meine Tochter! Alles wäre bet diesem Bunde vorhanden was Glück versprechen kann: eine ehrenwerthe Familie, in welche jedes Mädchen mit Freuden treten könnte, ein Bewerber gesund an Leib uud Seele und erfüllt von inniger Herzensneigung. Paul könnte, falls Du ihm geneigt bist, Theilhaber meines Geschäftes werden, es später allein übernehmen, wozu ihn sein großes Vermögen berechtigt, Du brauchtest Dich nicht von uns zu trennen. Wie schwer gäbe ich auch mein einziges Kmd fort, und doch müßte eS sein, Wenn Dein Glück eS von mir forderte."

Köstliu machte eine Pause.

Du antwortest mir nicht, liebe Tochter?*

»Vater, laßt mich bei Euch bleiben, so wie eS jetzt ist, ich will nur Dir und der theuren Mutter leben,* sagte Mara mit lieblich bittender Stimme. Ihre Stimme war stets sauft, zärtlich und mild;

ein köstlich Ding an Frau'n," wie es von Cordelia heißt.

Hast Du etwas gegen Paul?*

Bewahre Vater, ich achte ihn hoch, aber nie ist mir der Gedanke gekommen, daß ich anders zu ihm, als zu einem lieben Jugendfreunde auf­blicken sollte.* -

Mara, es wird mir schwer fallen, einem alten Freunde eine solche Botschaft zu senden, Deine Gefühle können sich vielleicht ändern. Du bist augenblicklich noch unter dem Einfluß des Leidens der lieben Mutter und magst keinem Gedanken an ein persönliches Glück Raum geben. Wir wollen in einigen Tagen nochmals die Angelegen­heit erwägen."

Geliebter Vater, wie gern thäte ich, was Dir am Herzen zu liegen scheint, aber" die ganze Festigkeit ihrer Mutter sprach auS den folgenden Worten:ich kann nicht Paul angehören.*

Der Consul sah eine Weile tu das nun bleiche edle Antlitz feiner Tochter, dann sagte er weich: Laß mich eine Frage thun, mein Kind, welche vielleicht besser von Deiner Mutter gestellt würde, allein wir dürfen die theuere Frau nicht aufregen, und antworte mir so wahrheitsgetreu, wie ich Dich stets erkannt habe: weisest Du Paul zurück, weil ein anderer Mann Dir besser gefällt«*

Vater weshalb willst Du das wiss u?"

Ich würde einen Beweis Deines Vertrauens darin sehen, der mich in diesem Falle doppelt erfreuen müßte.*

So sage ich: ja, Vater!* entgegnen Mara, während ihre Wangen sich nun mit sanfter Röthe bedeckten.

Und willst Da mir den Namen dieses Mannes sagen? Es ist eine fernere Bitte, die ich an Dich richte, und ich habe kein Recht zu zürnen, falls Du sie nicht erfüllen kannst oder magst."

Mara blickte zu ihrem Vater auf, der voll der innigsten Liebe auf sie schaute. Dann senkte sie die Augen und sagte leise:Norbert, Vater."

Norbert?* wiederholte der Consul sinnend, indem er einer Gedankenreihe zu folgen schien, die bet diesem Namen in ihm aufgestiegen war. Mein theures Kind, was ich noch fragen möchte, geschieht nur, um Dein Glück zu fördern, wenn dies mir vergönnt sein sollte. Glaubst Du, daß Norbert eine Neigung für Dich hegt? und wie war eS möglich, daß Du dies erkanntest, da Du ihn, soweit mein Wissen reicht, nie allein ge­sprochen hast."

Die Farbe kam und ging in dem Antlitz von Mara, dann sagte sie:Vater, ich glaube be­stimmt, daß Norbert mich liebt, allein er wird es wohl niemals gegen Dich aussprechen."

Ein unmerklicheS Lächeln über die naive An­schauungsweise seiner Tochter erhellte die Züge des ConsulS. Daß fein Kassirer Norbert, der Sohn eines verstorbenen, mittellosen Subaltern- Beamten, nicht daS Selbstvertrauen haben würde, die Hand der einzigen Tochter von Friedrich Theodor Köstlin zu erbitten, war ja ganz natür­lich. Doch ein Freudenstrahl durchzuckte des ConsulS Herz. Norbert Swar ein junger Mann von scharfem Ueberblick, vielseitigen Kenntnissen, nicht zu bezwetfeluder Ehrenhaftigkeit.

(Fortsetzung folgt.)