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Kersfeliitr Kreisdilltt.
__________Mit wöchentlicher Hratis-Meilage ,^llugrirtes Muterhaltungsölatt".
Nr. 103. Sonnabend den 29. August 1891.
Erstes Blatt.
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Amtliches.
Hersfeld, den 27. August 1891.
Für den am 30. Dezember 1872 zu Solz geborenen Kaufmann Jacob L ö w e n st ei n bafoter ist um Entlassung aus dem preußischen Staats- verbande behufs Auswanderung nach Amerika nachgesucht worden.
8740. Der Königliche Landrath
Freiherr von Schleinitz.
Wolitische Nachrichten.
Se. Majestät der Kaiser unternahm am Mittwoch Nachmittag gegen 4 Uhr eine Pürsch- fahrt nach dem Wildpark, welche sich bis zum Abend ausdehnte. Nach Beendigung derselben begab sich Se. Majestät nach dem sogenannten großen Entenfänger-Berge, woselbst um 7 Uhr das Souper stattfand, zu welchem auch Ihre Majestät die Kaiserin zu Wagen vom Neuen PalaiS aus mit ihrer Umgebung eingetroffen war. Nach Aufhebung der Abendtafel kehrten die Majestäten gemeinsam zu Wagen nach dem
Einfache Kente.
Novelle von August Scholz.
(Fortsetzung.)
Die Tante nahm mit freudig erstaunter Miene den Blumenstrauß, brächte ihn mit ihrer Nase in Berührung und sog den würzigen Duft mit vollen Zügen ein.
»Reizend, wirklich reizend,* bemerkte sie, immer wieder an den Blumen riechend. »In Jmkeuau hatten wir gleichfalls Veilchen — ganze Hügel waren damit besäet. Nicht nur blaue, auch weiße gab es. Ach, wenn ich an Jmkenau denke!*
Das Bild ihres seligen Oskars tauchte in ihrem Geiste auf, und sie wurde für einen Moment traurig gestimmt. Bald aber war sie, wie immer, wenn der gute Königs kam, im besten Plaudern begriffen, erzählte dem Maler von Lilas verstorbenen Eltern, von einer Kur in Warmbrunn, die sie vor zwanzig Jahren durchgemacht hatte, und von ihren Reisen nach BreSlau, das sie weit gemüthlicher fand, als das große, einförmige Berlin. Auch Königs wurde mitthetlsam, sprach von seinen Studien und Wanderfahrten, von seiner Mutter, endlich auch von deck Bilde des kleinen Mehlstein, das er kurz vorher den Damen in seinem Atelier gezeigt hatte. ES war rührend und zugleich belustigend, zu sehen, wie diese beiden Menschen, die sonst so wortkarg und schüchtern waren und dem Anschein nach so wenig
Neuen Palais zurück. — Am Donnerstag arbeitete Se. Majestät der Kaiser während der Morgenstunden zunächst bis nach 9 Uhr allein und kon- ferirte darauf bis um ll1^ Uhr mit dem Minister des königlichen Hauses von Wedell. Hieran anschließend hatte der Chef des Militär- kabtnets General v. Hahuke zum Vortrage die Ehre des Empfanges. Zu Nachmittag um P/4 Uhr hatten die Majestäten u. A. auch den Ober- Stabsarzt Dr. Zuncker mit einer Einladung zur Frühstückstafel beehrt. — So weit bis jetzt bekannt, gedenkt Se. Majestät der Kaiser bis etwa zum 2. September im Neuen Palais zu verbleiben und alsdann seine Manöverreisen anzutreten.
Dem St. Petersburger Grenadierregiment, welches am 18. d. M. sein Regi- mentsfest feierte, ist, wie die „St. Petersburger Ztg." meldet, von Sr. Maj. dem Deutschen Kaiser, dem Chef des Regiments, nachstehende Depesche aus Kiel zugegangen:
„Ich danke dem Regiment herzlich für die theure Erinnerung, beglückwünsche es zum Feste und spreche meine volle Ueberzeugung aus, daß im Regiment sowohl die Vorgesetzten, wie die Untergebenen jederzeit die ruhmvollen Traditionen bewahren werden. Wilhelm R.
Wie die „Nationall. Korr." mittheilt, hat Se. Maj. der Kaiser durch Kabinetsordre verfügt, daß nicht nur, wie bereits gemeldet, an Bildhauer Hilgers, sondern auch den übrigen drei in die engere Bewerbung um das Nationaldenk- mal für Kaiser Wilhelm I. eingetretenen Künstlern Schilling, SLmitz und Begas außer der festgesetzten Entschädigung von je 4000 Mk. noch je 12000 Mk. aus dem Preisfonds für das Denkmal gezahlt werden. — Eine Entscheidung über die Wahl des auszuführenden DenkmalSent- wurfS ist dagegen, wie die „National-Zeitung" von kompetenter Seite erfährt, noch nicht erfolgt.
Von den Münchener Vertragsverhand- lungen berichtet die „Allgem. Ztg.*: Die
gemeinsame Interessen hatten, sich doch ganz vortrefflich verstanden und unterhielten.
Auch auf Doktor Werner, wie Brandt im Hause der Frau Langner immer noch hieß, kamen sie zu sprechen. Die Tante lobte seine treue Anhänglichkeit an ihren verstorbenen Schwager, mit dem Brandt in der That sehr befreundet gewesen sein mußte. Jedesmal, wenn auf Lilas Eltern die Rede käme, versagte ihm vor innerer Bewegung fast die Stimme.
»Und wissen Sie auch,* fuhr sie gesprächig fort, »welchem Umstand wir seine Bekanntschaft verdanken?*
Königs horchte auf — er hatte sich diese Frage selber schon oftmals vorgelegt, ohne eine befriedigende Antwort zu finden.
»Ich will'S Ihnen verrathen,* sagte Frau Langner mit geheimnißvollem Schmunzeln, als Königs seine Unwissenheit bekannt hatte: „Lilas Aehnlichkeit mit ihrer Mutter war ihm aufgefallen.*
Es war Königs, als ob plötzlich in der Ferne, wett ab dem Ort und der Zeit nach, ein Licht vor ihm auiflammte. Das Gefühl der Neugikr, dessen er sich sonst geschämt hätte, ergriff ihn und regte ihn fieberhaft auf.
„Frau Horn muß eine schöne Frau gewesen sein,* bemerkte er, indem er die Tante unsicher ansab und zugleich fühlte, wie das Blut ihm in die Schläfe stieg.
Handelsvertrags-Konferenzen befinden sich noch im Stadium der ersten Lesung der Vertragsentwürfe und nehmen ihren ruhigen, durch keinerlei Zwischeufall gestörten Fortgang. Dienstag Nachmittag fand eine Berathung der deutschen mit den italienischen Bevollmächtigten statt. Mittwoch Nachmittag traten die österreichisch-nngartscheu und die italienischen Delegirten zu einer Konferenz zusammen.
Im Eisenbahnbetriebsdienst in Uuterbeamtenstellen beschäftigte HülfSangestellte und zur Hülfeleistung im Telegraphendieuste be- schäftigte Frauen sollen, auf Anordnung deS Ministers der öffentlichen Arbeiten, zukünftig nur noch nach vorangegangener vierwöchiger Kündigung entlassen werden, während die bisher hierfür übliche Kündigungsfrist eine vierzehn- tägige war. Für Entlassungen, welche wegen grober Verschuldungen (Trunkenheit im Dienst, Diebstahl, Unterschlagung 2C. 20.) erfolgen, bleiben jedoch die bisherigen Bestimmungen in Kraft.
Dem Pariser »Journal des Dsbats* wird auS Kopenhagen vor. angeblich gnt iuformirter Seite bestätigt, die Reise der Kaiserin von Rußland nach Frankreich, welche wahrscheinlich vor Ende des Monats Oktober erfolge, wäre beschloffene Sache. Die Zarin werde vermuthlich auf ihrer Aacht in Cherbourg eintreffen.
Die chilenische Gesandtschaft in Pari? hat am Mittwoch ein aus BuenoS Ayres von Dienstag Abend 8 Uhr datirtes Telegramm erhalten, laut welchem die Kongressisten bei QuinteroS schwere Verluste erlitten haben, von der Küste zurückge- drängt und von ihrer Flotte abgeschnitten wurden. Dieselben seien auf zwei Seiten von Balmaceda'S Truppen umzingelt und es stehe ein harter Kampf bevor.
Die „France* bespricht die Seitens Englands an Frankreich gerichteten Sympatbiebezeugunaen in sehr gehässiger Weise. Enalauds Freundschaft sei verdächtig, es schmeichle Frankreich, weil es
„Sie war die schönste Frau, die ich jemals ^tzte Frau Langner mit Wärme. „Meine Nichte Lila tft ganz ihr Ebenbild, nur war Schwester Marie größer und voller.*
Königs brächte das Gespräch wieder auf Werner. .-Sie wissen wohl,* sagte er in möglichst gleich, gültigem Tone, „daß der eigentliche Name bei Doktors nicht Werner ist? Ulrich Werner nennt er sich nur als Schriftsteller, und man kennt ihn in der Gesellschaft allerdings fast nur unter diesem Pseudonym.*
»Welches ist sein wirklicher Name?» fragte sie dann. "
„Er beißt Brandt,* erwiderte KönigS.
Die Tante war wie vom Blitze gerührt. Sie fuhr jählings auf ihrem Sitze zurück und blickte starr auf den Maler.
„Brandt?* stieß sie fast touloS hervor. „Um des Himmels willen, dann ist er ... . wissen Sie es genau, Herr Königs?* Ö C
„Ich kann -8 Ihnen ganz bestimmt versichern. In dem Sckrfftstellerkalender, den ick in diesen Tagen nachschlug, steht neben seinem Pseudonym der Name Heinrich Brandt.*
Frau Langner vermochte kein Wort über ihre Lippen zu bringen. Ihre Züge waren einen Augenblick wie von einem alw^ltsam zurückge baltenen Krampfe verzerrt. Sie schien eine heftige Erregung Niederkämpfen zu wollen, doch versagte ihr die Selbstbeherrschung. Der starre Ausdruck