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Htlsstl-el IrnsbUtt.

Mit wöchentlicher Hratis-Weilage .Mustrirtes Mnterhaltuvgsblatt".__________

Rr. 94. Sonnabend den 8. August 1891.

Erstes Blatt.

Amtliches.

Hersseld, bot 81. Juli 1891.

Diejeuigen Herren Ortsvorstände des Kreises, welchen in den nächsten Tagen

1) Ausfertigungen über Klasseusteuer-Ermäßi- gangen pro 1891/92,

2) zurückweisende Bescheide au die betreffenden Reklamanten

zugefertigt werden, haben die unter Ztff. 1 er­wähnten Ausfertigungen demnächst als Beläge der Klaffensteuer-Abgangsliste vom laufenden Semester, in welcher die Abgänge zu wahren sind, beizufügen, den betreffenden Reklamanten aber alsbald über die erfolgte Ermäßigung Mit- theilung zu machen, dagegen die unter Ziff. 2 gedachten Bescheide den Adreffaten sofort auSzuhändiaen.

Bis spätestens zum 12. d. Mt». ist mir berichtlich anznzetgeu, daß und au welchem Tage von den Ermäßigungen den Reklamanten Kenntniß gegeben ist, resp, die zurückweisenden Bescheide an die Adreffaten ausgehändigt worden sind.

7644. Der Königliche Laudrath

Freiherr von Schleinttz.

Caffel, den 28. Juli 1891.

Der dem diesseitigen Bezirksverbande auf Grund des Preuß. Gesetzes vom Zz^M^^M zur Zwangserziehung überwiesene und von mir in der Rettungs-Anstalt zu Sannerz in Pflege untergebrachte Christian Christoph Waldmanu aus Aue, geboren am 14. Februar 1878 zu Bernterode ist am 26. d. Mts. auS seiner Pflege' stelle durchgebrannt.

Einfache Leute.

Novelle von August Scholz.

(Fortsetzung.)

Die Tante verbeugte sich vor dem Doctor. Lila hatte sich an ihren Arm gehängt und schwankte mit niedergeschlagenen Augen davon. Königs grüßte den Ruhestörer so kurz wie mög­lich und führte die Damen auf einem Umwege zur Garderobe. Er wollte nicht, daß Ravdolf oder ein anderer Bekannter sein Verschwinden bemerkte.

., Aligen füllten sich mit Thränen, wenn dieses klägliche Ende ihres ersten Balles mit seinen albernen Scenen vor ihrer Seele auf- tauchte. Die Tante tröstete sie, so gut sie konnte es verlohne sich nicht,um eine soche Kleinig­keit" zu weinen.

»Aber LUa weinte auch nicht bloßum diese «Utntöreit*. Gar sonderbare Empfindungen «alten sie in den letzten Tagen bestürmt. Warum Honigs nicht ein einziges Mal herüber, um nach ihrem Befinden zu fragen? Nur einmal er diealten Schnitten", seine Aufwärterin, gejwtckt das war am zweiten Tage nach dem .fraate, wie e8 dem Fräulein ginge, fabelte wieder davon. Einmal hatte Lila hinter dem Vorhang stehend, sah t er an der Spree entlang daherkam und die Straße überschritt. Er hatte den graubraunen

Königliches Landrathsamt ersuche ich ganz er- gebenst, nach dem Zögling umgehend Nachfor­schungen gefälligst anstelle», im Betretungsfalle ihn festnehmen und durch eine geeignete Civil - Person, welcher ich neben den baaren Aus­lagen für Eisenbahnfahrt ein Tagegeld von 3 Mark und bei nöthig werdender Uebernachtung ein solches von 4 Mark gewähren werde, in die obengenannte Rettungsaustalt. Wieder zurückführen lassen zu wollen.

Vom Geschehenen bezw. dem Ergebniß der Nachforschungen bitte ich mich hiernächst gefälligst zu benachrichtigen.

Der Landes-Director.

An das Königliche Landrathsamt zu Hersfeld. Jr. II. Nr. 3691.

* * *

Hersfeld, den 4. August 1891.

Wird den OrtSpolizeibebörden und der König­lichen Gendarmerie des Kreises zur Kenntniß- nahme und Fahndung nach dem :c. Waldmanu mitgetheilt. >

Im Betretungsfalle ist derselbe festzunehmen, in seine Pflegestelle zurückbringen zu lassen und mir hiervon Anzeige zu erstatten.

7746. Der Königliche Landrath Freiherr von S ch l e i n t tz.

# Das neue Einkommensteuergesetz.

II. Steuerermäßigungen und Steuererklärung.

Die Absicht des Gesetzes, für die gegenwärtig Ueberlasteten eine Erleichterung eintreten zu lassen, beschränkt sich durchaus nicht darauf, daß wie wir gesehen haben der Steuertarif die unteren und mittleren Einkommen einer im Vergleich zu den bisherigen Bestimmungen niedrigeren, die höheren und ganz hohen Einkommen einer stärkeren Besteuerung unterwirft. Das Gesetz nimmt viel- mehr und zwar in wett höherem Maße alS

großen Filzhut tief ins Gesicht gedrückt und | schaute verdrossen drein. Sie horchte mit ver­haltenem Athem er kam die Treppe herauf, ein Schlüssel drehte sich im Thürschloß der Nach- barwohnung, zwei Thüren wurden geöffnet und geschlossen. Er kam nicht zu ihnen.

Sie ließ sich auf das kalte Ledersofa nieder- sinken und bedeckte ihr blasse? Gesicht mit den Händen. Es war ihr so eng, so traurig ums Herz. Es war ihr zu Muthe, als ob ihr etwas entrissen werden sollte, woran sie mit ganzer Seele bina, aber waS war es, was war'?, dieses Etwas? Oder besaß sie überhaupt nichts und suchte sie nur etwas zu erringen, das sich immer weiter, immer weiter von ihr entfernte und durch seine Entfernung in ihr daS Gefühl der Ver­einsamung hervorrief?

Hätte sie sich wenigstens durch die Musik er­leichtern können. Aber die Tante litt nicht, daß sie spielte die Wirkung des Kamillenthees wäre ohne Zweifel beeinträchtigt worden.

Herr Ulrich Werner unter diesem Namen nur kannte Lila und die Tante den Doctor Brandt war seit dem Balle bereits dreimal dagewesen, doch hatte ihn Lila nur einmal ge­sehen. Sein Benehmen gegen sie war von einer auffallenden Weichheit, die sie verwirrte und ihr doch wieder wohlthat. Er hatte der Tante er­zählt, daß er in Brieg, dem Geburtsorte Lilas, kurze Zeit gelebt und LilaS Vater, den Fabrik-

bisher auch Rücksicht auf besondere persönliche und wirtschaftliche Verhältnisse, welche die steoer- liche Leistungsfähigkeit oft wesentlich beeinträch- tigen. ES ist klar, daß eS einen großen Unter- schied macht, ob ein Haushaltungsvorstand mit einem Einkommen von 3000 Mark Kinder hat oder nicht, und daß derjenige, welcher keine Kinder hat, sehr viel leichter die im Steuertarif vorge­schriebenen Sätze zahlen kann, als einer der mit Kindern gesegnet ist. Deshalb schreibt das Ge­setz vor, daß für jedes Familienglied unter 14 Jahren es müßte denn eigenes Vermögen haben von dem steuerpflichtigen Einkommen deS HaushaltnngsvorstandeS, sofern dieses den Betrag von 3000 Mark nicht übersteigt, der Be­trag von 50 Mark in Abzug gebracht wird. Beispielsweise würde demgemäß ein kinderloser Hausvater mit 1520 Mark Einkommen 21 Mark Steuern bezahlen muffen; hat er aber ein Kind unter 14 Jahren, so braucht er nur 16 Mark zu zahlen. Indeß würde diese Vorschrift ohne fühlbare Wirkung bleiben bei Einem, der 1650 Mark Einkommen hat: denn ob diesem jene 50 Mark abgezogen werden oder nicht, so würde er trotzdem zur 5. Stufe, welche die Einkommen von 1500 bis einschließlich 1650 Mark umfaßt, veranlagt werden. Und erst recht würde bet einem Einkommen von 3000 Mark jene Wohlthat des Gesetzes nicht eintreten: denn er würde selbst nach Abzug der 50 Mark zur zehnten Stufe einae- schätzt werden, da diese die Einkommen von 2700 bis 3000 Mark umfaßt. Ja selbst bei 3 Kindern würde er nach Abzug von 3x50 Mark immer noch zu derselben Stufe veranlagt werden, d. h. keine Ermäßigung erhalten. Im Rücksicht hierauf schreibt das Gesetz vor, daß bei Vorhandensein von drei oder mehr Familiengliedern unter 14 Jahren auf jeden Falle eine Ermäßigung um eine Stufe ftattfiadet. Beispielsweise also wird ein Familienvater mit drei Kindern und mit einem Einkommen von 3000 Mark nicht etwa zu 2850

director Horn, persönlich gekannt hatte. Dieser Umstand stellte den Gast sogleich in ein neues, vortheilhafteS Licht. Lila erinnerte sich ihres Vater? nicht er war gestorben, als sie kaum zwei Jahre nit war. Es war ihr, als ob in Werner ein Theil von ihm vor ihr auferstanden wäre. Der Doctor hatte ihr Blumen geschickt Hyacinthen in bunten Näpfen, die so herrlich dufteten, daß die Tante einen Mißerfolg ihrer Kur zu befürchten begann und sie ins Neben­zimmer schaffen wollte. Aber Lila bat so ein­dringlich, sie hätte den Kamillenthee schon so viel geopfert, sagte sie schmollend daß die Hyacinthen auf dem Blumentisch in der Wohnstube blieben, ßila freute sich herzlich über die Aufmerksamkeit des Doctor?; im Stillen aber dachte sie: »Ach, wenn sie doch von Königs wären 1*

Der Wind trieb die harten, runden Schnee- körner gegen die großen Fensterscheiben. Er hatte hier freies Spiel, hinter ihm lag der große häuserlose Königsplatz, und unter ihm rauschten die kalten, mit einer Eiskruste bedeckte Flutben der Spree an den steilen künstlich ausgemauerten Ufern.

»Die Wohnung ist doch recht kalt," sagte die Tante, die auf dem Sofa saß und über einen hölzernen Pilz mit der Abbildung der schlesischen Burgruine Kynast die Ferse eine? braunen Strumpfes stopfte. Sie hatte eine große Brille mit bicH Stahleinfassung aufgesetzt, die den