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Herchldtl Mreishlutt
Mit wöchentlicher Kratis-Aeilage „Illustrirtes Nnterhaltungsölatt".__________
Nr. 79. Sonnabend den 4. Juli 1891.
Erstes Blatt.
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Von -er Kaiserreise.
Zur Reise des Kaiserpaares von Helgoland nach Wilhelmshaven werden noch folgende Details mitgetheilt: Dienstag Nachmittag um ö1^ Uhr traf der „Fürst Bismarck" mit den Kaiserlichen Majestäten und den übrigen hohen Gästen nach prachtvoll verlaufener Fahrt bis Norderney vor Wilhelmshaven ein, gefolgt von der „Prinzeß Wilhelm". Nach freundlichem Abschied von Capitain Albers und den in Front aufgestellten Officieren und Ingenieuren, bestiegen die Allerhöchsten und Hohen Herrschaften einen seitlängs gekommenen Marinedampfer und fuhren mit den zur Begleitung befohlenen Herren der Packetfahrt unter donnerndem Salut der über Topp geflaggten Kriegsschiffe und Batterieen an Land, während die Kaiserstandarte vom Hauptmast niedergeholt wurde. Herru Director Ballin ließ der Kaiser kurz vor dem Scheiden statt des
ihm verliehenen Kronenordens den Rothen Adlerorden mit freundlichen Worten überreichen und verlieh Herrn Capitän Albers den Kroneuorden. Nach Beendigung des Stapellaufs des „Kurfürst Friedrich Wilhelm" entließ das Kaiserpaar bte Herren der Packetfahrt in der huldvollsten Weise. Wiederholt drückte Se. Majestät dem Vorsitzenden des Verwaltungsraths und jedem einzelnen Herrn, wie den Directoren Seine Befriedigung über die Reise und das Schiff mit allen seinen Einrichtungen aus. Kurz nach 5 Uhr setzte sich unter erneuten Salutschüssen die „Hohenzollern" in Bewegung, „Prinzeß Wilhelm" folgte, und dann schloß sich, nachdem die Herren der Packetfahrt an Bord zurückgekehrt waren, der „Fürst Bismarck" an. Von derJahde nahm gegen?'/, Uhr die „Hohenzollern" westlichen Kurs nach Holland und der „Fürst Bismarck" wandte sich nach Osten der Elbe zu, seine volle Fahrt wieder ausnehmend. Eine halbe Stunde später waren die kaiserlichen Fahrzeuge schon außer Sicht.
— A m st e r d a m, 1. Juli. Sobald die kaiserliche Jacht „Hohenzollern" in Sicht kam, gab die Festungsartillerie den Koiierralut von 33 Schuß ab. Die zahlreiche, etwa 50000 Köpfe zählende Menschenmenge am Haien hieß Ihre Majestäten den Kaiser und die Kaiserin mit ununterbrochenen Hochrufen willkommen. Se. Majestät der Kaiser, in Admiralsuniform mit dem Großkreuz des Wilhelms-Ordens, und Ihre Majestät die Kaiserin in schwarzer Robe wurden bet der Landung von Jonkheer de Casembroot und anderen hohen Würdenträgern begrüßt, Ihre Majestät die Kaiserin unterhielt sich auf's leutseligste und nahm zwei prachtvolle Bouq «18 entgegen, welche von den elfjährigen Fräuleins Van Fuyl van Serooskerkeu und Boreel van Hogelanden überreicht wurden, deren Erstere auch eine kleine Ansprache an Ihre Majestät die Kaiserin richtete. Sodann begaben sich Ihre Majestäten durch eine gedeckte, mit den deutschen und niederländischen
Farben geschmückte Allee nach dem außerhalb der Schleuse liegenden Aviso „Jagd", wo ein Marine-Musikcorps die deutsche Nationalhymne austimmte. Unter tausendstimmigem Jubel der Zuschauerschaaren setzten hierauf Ihre Majestäten die Fahrt nach Amsterdam hinein fort.
Als der Aviso „Jagd" mit den kaiserlichen Majestäten an Bord das Weichbild der Hauptstadt erreichte, ertönten Artilleriesalven. Der Fluß bot einen außerordentlich malerischen Anblick j dar: eine unabsehbare Reihe von festlich ae- schmückten Fahrzeugen mehrerer Schifffahrtsgesell- schalten und von kleineren und größeren Kriegsschiffen rahmte die Wasserstraße ein. Als der Aviso „Jagd" vor der Landungsbrücke anlangte, wurde die deutsche Reichsflagge neben der niederländischen Flagge gehißt. Se. Majestät der Kaiser und Ihre Majestät die Kaiserin begaben sich sogleich ans Land, wo Allerhöchst- deuselben die Königin-Regentin in Begleitung der Königin entgeaeneilte. Se. Majestät der Kaiser reichte der Königin-Regentin die Hand und begrüßte die jan« Königin durch einen Handkuß, während Ihre Majestät die Kaiserin die erlauchten Frauen mehrmals auf das Herzlichste umarmte. Der Begrüßung wohnten die Minister, die Mitglieder des diplomatischen Corps und die Spitzen der Civil- und Militärbehörden bei. Nachdem Se. Majestät der Kaiser die Ehrenwache abge- schritten, nahmen die Majestäten unter den Klängen der von der Militairkapelle gespielten Hymne „Heil Dir im Siegerkranz" und des „Wilhelmsliedes" in den bereit stehenden Wagen Platz. Den ersten Wagen bestiegen Se. Majestät der Kaiser und die Königin-Regentin, den zweiten Wagen Ihre Majestät die Kaiserin und die junge Königin. Beide Wagen wurden von Kavallerie escortirt. Auf dem ganzen Wege bis zum Palais hatte eine dichtgedrängte Volksmenge Aufstellung genommen. Außerdem waren sämmtliche Fenster der Häuser und selbst die Dächer mit Zuschauern
Aus hohem Pferde.
Roman von Georg Horn.
(Fortsetzung.)
Die Affaire Vera—Conrivg wurde natürlich mit ihm besprochen und Günther stellte sich auf die Seite der Schwester. Es gab erregte Auseinandersetzungen — es gab Scenen zwischen dem Obeim, dem Neffen und der Nichte — so heftig, daß in seinem Unmuthe Sewisch seinem Neffen sagte, daß es unter diesen Umständen ihm lieber gewesen, wenn er „ba obe vor dem großen Refractor eingfrore und ihm gar nit in die Menag gekomme wär'."
„Oukelchen," sagte Günther, „bu begehst den gleichen Fehler, wie viele Menschen, die das Leben durch falschen Ehrgeiz sich verbittern — Du willst einen Kirschbaum zum Orangenbaum machen — Wir die Sewische sind eben nichts mehr als ein deutscher gesunder Kirschbaum. Da war, lieber Dito, mal ein Gffelle des biedern Nagelschmiedegewerkes, der von seinem armen Spessartdorfe in die alte Reichsstadt Frankfurt eingewandert war und in einer kleinen Schmiede vom frühen Morgen an loshämmerte und allerlei Waaren mit großen und kleinen Köpfen machte, um die Schuhe zu besohlen, zu denen der Lederhändler das Leder geliefert hatte.
WaS der Mann heute geschafft hatte, das trug Wie Frau morgen auf den Markt. Durch Fleiß,
Klugheit und Sparsamkeit kamen sie zu Vermögen | erkenne, wie's bei mir da obe — er deutete auf und diese Herrschaften Onkelchen waren deine Vorfahren — unser Urgroßvater und Urgroß- mutier — Willtgis — sagte jener Bischof drüben in Mainz, dessen Vater Stellmacher gewesen war — W'lligis nie vergiß, wer dein Vater gewesen 18. Wir sind selber von unten nach oben gehoben worden. In dem Zustand müssen wir verbleiben mit der Verpflichtung, ander» wieder
zu uns empor zu heben. So geht die gesellschaft- liche Bewegung unter den Menschen nach dem Gesetze der Anziehung wie die Himmelskörper, hinauf und geht hinunter. Und so viel Lächerlichkeit und Verkehrtheit in diesem Drängen nach oben sich auch oft bemerkbar machen wM — so ist es doch nur die Sehnsucht des Menschen zu höherer Vervollkommnung — ein Fortschritt des Einzelnen wie in der Menschheit, das unten — das tiefer Stehende zu sich empor zu heben — zum Schönen — Edlen — Guten!*
„Und will ich denn was Anderes," versetzte der Bankprästdent, „als das? Hab' ich je etwa gezeigt, daß ich was auf Rang und Stand halte thu', daß ich so kleinlich — so engherzig sein könnt? Das thu' ich mir verbitte, lieber Günther! Sind solche hochherzige Gestnnunae, wie du sie da explicirst, mir etwa fremd? Sag mal? Bin ich ntt ein humaner Mann — ohne jede Vor- urtheil'l Mit dem Herrn Conring da hat so seine extra Bewandtntß — aber damit du sollst
den Kopf — und unter der dritten Ripp' — da
wo das Herz sitzt, ausschaue thut —*
Mitten im Satze brach er ab. Er liebte die Posen und so erhob er sich denn auch nach dieser Auslastung von seinem Fauteui! — warf die Cigarre in den Aschbecher und verließ daS Zimmer, den Neffen in Ungewißheit lastend, waS diese letzten Worte zu bedeuten haben möchten!
Zwischen Oheim und Nichte machte sich der häusliche Verkehr w'eder leichter, ungezwungener durch die Anwesenheit Günthers. Es war am dritten Tage nach dieser gegenseitigen Aussprache, als Günther in den Speisesaal tretend anstatt drei Couverts fünf aufgelegt fand — Gläser zu Extrawetn und schöneren und reicheren Blumenschmuck als sonst auf der Tafel — Die Frage an die Diener, ob Gäste da seien, beantworteten diese mit dem Bemerken, sie wüßten nichts, der
Herr Präsident habe es so befohleu. — Auch dieser selbst antwortete auf die Frage Günthers und Veras mit einer geheimMßvollen Miene, bis ihm gemeldet ward, daß die Herrschaften unten in das Haus etngelrelen seien. Die Thüre des Empfangszimmers öffnete sich und herein traten — Herr Lettner mtt der Vevi, diese noch frischer und anmuthiger als sie in Amsteg weggegangen war, „mit ihrem blossen G'sichterl und verweinten Aeugerln". Der Präsident überließ „das Münchener Mädche" an Vera, ertheilte auch